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MEINE DERZEITIGE LEKTÜRE IV

WAHRNEHMUNG – REALITÄT – DAS ICH – DAS GEHIRN

Gesunde, normale Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine IDENTITÄT. Mit Heidegger, Fichte und noch einigen anderen: Identität ist, wenn man sich gestern, heute und morgen „der Selbe“ ist. Das wiederum setzt voraus, dass man die Realität in drei Stadien und die Zeitlichkeit als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begreift.

In der Identität entsteht Historizität und damit ein kontinuierliches (Da-)Sein mit der Bewusstheit der eigenen Geschichte, d.h. Werdens – genannt „Ich“.  Das Ich steht im Zentrum des Subjekts, das jeder einzelne an und für sich ist. Es wird gespeist aus inneren Bildern, aus seinem Empfinden – und steuert sich andererseits an der Außenwelt aus. Die „Instrumente“ des Aussteuerns sind die Sinne, mit ihnen die Sinneswahrnehmungen. Es gibt einen Unterschied zwischen wahr und real.

Die Reize, die von außen auf das ICH auftreffen, werden von den Sinnen aufgenommen und gedeutet – und zwar in Hinblick darauf, ob sie dem eigenen Leben, dem Subjektiven gefährlich werden können. Gewöhnlich beruht die sogenannte „Normalität“ auf einer Fähigkeit der Verleugnung. Bisweilen ist es nötig (nach Winnicott und Standler), die Realität zu verleugnen. Was eigentlich nur heißt: wir nehmen nur das für uns Bestimmte wahr.

Abwehrmechanismen gegen zuviel Realität (von etwas, das nicht zu uns gehört) gewährleisten den Seelenfrieden. Wahrnehmung ist mithin gefiltert und zum Sicherheitssystem ausgebaut. In realer Weise (der Ausführung von Erscheinung, einer Gemeinschaft) wird schließlich das, was wahrgenommen werden darf, sogar von Menschengruppe zu Menschengruppe unterschiedlich normiert.  Als Automatismus ist der Prozess dahin aus dem Bewusstsein ins Unbewusste abgesunken. Es ist dieses Unbewusste, das im Hintergrund mitläuft, und das Kollektiv zusammenhält.

Und dann sind da Menschen, die aus der „sicheren“ Realität fallen, weil sie über die Mechanismen ihrer Wahrnehmung in Irritation geraten sind. Ihr Filter lässt Reize durch, die mit ihnen nur wenig zu tun haben; sie können sie nicht mit ihrem Ich in Verbindung bringen. Ihr Ich gerät in Gefahr.

Die Herausfallenden verlieren die „Selbstverständlichkeit der Bilder“ und nehmen am kollektiven Unbewussten nicht mehr teil. Sie stehen verwirrt vor den Verdrängungen der Gesunden. D.h. sie erkennen die Illusionen, von und auf denen die normale Welt lebt, haben dem nichts entgegenzusetzen. Sie können sich damit im Alltäglichen (der Realität) nur noch bedingt bewegen. Dies muss nicht zum Krankheitsbild werden, wird es aber in nicht wenigen Fällen. Es bedarf „nur“ eines traumatischen Erlebnisses, eines Schocks, vielleicht auch zweier  – und die „Abspaltung“ nimmt ihren Lauf.

Wenn in der Folge die inneren Bilder vereinzelt, immer weiter aus der Übereinstimmung mit der kollektiven Mythologie herausgefallen sind, beginnt das „Zerbrechen der Sonne“. Wahrnehmungen lösen sich aus der Übereinkunft, gehen eigene Wege. Das Ich, dem sie eigentlich zu dessen Erhalt der Identität dienen sollen, beginnt sich zurückzuziehen.

Das Ich (die Sonne unseres Subjektiven) – so Christopher Bollas – ist der Erzähler von sich selbst. Wenn es sich nicht mehr vertrauen kann, von wem erzählt es dann? – Das entstehende Krankheitsbild ist die Auslöschung der eigenen Geschichte mit dem Entstehen einer ganz persönlichen Mythologie und die Bindung an die Dinghaftigkeit der Welt.

In diesem beginnenden Krankheitsbild knüpft der Mensch, der nicht mehr in verschiedenen einander überlappenden kollektiven Sphären lebt, Beziehungen nicht zu Menschen, sondern zu Dingen und wird darüber selbst zum Ding.

Weil sie einen Sinn dafür behalten, dass sie existieren, haben betroffene Personen nun enorme Angst, verrückt zu werden, den Verstand zu verlieren. Um das schwindende Ich, den Erzähler vom Selbst, zu schützen, wird im nächsten Schritt die Objektwelt beseelt. Zuerst scheinen die hörbar werdenden Stimmen von außen zu kommen, aus einem Objekt, einem Ding. Schließlich aber werden die Stimmen vom Objekt entkoppelt und beginnen, im Inneren des Selbst zu sprechen. Das können ganz unterschiedliche, voneinander unabhängige „Charaktere“ sein.

In der Angst vor der Zerstörung des So-Seins (vielleicht das Selbst?), vor dessen Vernichtung, wird das Ich geopfert, um wenigstens etwas zu erhalten. Das Ich wird ausgelagert und spricht nun in einer Stimme von außen zu sich selbst.

Es ist dies eine Rückkehr in ein Stadium der kindlichen Wahrnehmung, in der das Dinghafte lebendig ist. Die Stimmen beruhen – natürlich? – auf der früheren Mentalität der Person. Es ist eine ferne Erinnerung an in der Kindheit Prägendes: Erfahrung von Strenge schlägt sich in strengem Gewissen nieder, Zurückweisung und Isolation… die Stimmen sind in der Mehrheit drohend, beängstigend, schmerzhaft. Doch es gibt auch freundliche Stimmen, die zurückkehren dürfen und auf bejahende Ereignisse zurückgehen. Auch gibt es laute und leise, nahe und etwas weiter entfernte Stimmen, welche aus der Kindheit, der Jugendzeit, der Adoleszenz. Es kommt zu einer Kakophonie von Stimmen.

Sie, die aus Objekten draußen in der Welt zu ihm sprechen, geben ihm Anweisungen… Die belebten Objekte geben Zeichen, und dieses Zeichensystem ersetzt die Bedeutung. Die direkten Beziehungen zum Realen (dunkle Wolken bringen Regen, Regen macht nass, die Wolken sagen: Nimm den Regenschirm mit!) verdrängen allmählich die Funktion des Verstandes, Bedeutungen zu finden.

Zunehmend glaubt das Selbst an die Verbindung zwischen seinem Zeichensystem und dem System seiner Sinneswahrnehmungen, während es die Fähigkeit zum Absehen von der eigens hergestellten Verbindung verliert. Ein Bleistift ist nicht mehr Bleistift an sich, sondern jeder Bleistift ist Zeichen einer Ablehnung der je eigenen Person, weil mit ihm ein negativer Vermerk geschrieben wurde.

Darüberhinaus können die Stimmen auf sinnlose Reisen, wenn auch in majestätischer Versicherung, schicken. Göttliche Missionen können es sogar sein, im Bestreben einer Kompromissbildung zwischen den durch den Kopf gehendernGedanken und den in Töne umgesetzten Vorstellungen ohne Bedeutung. Der Stimme in diesem Fall zu gehorchen, heißt, ihre Anweisungen in eine „heilige“ Tat umzusetzen. Die Person wird Aktionsfigur – und ist – im Bestreben, mit ihrer geahnten Verrücktheit nicht aufzufallen – exzentrisch, und unter Kontrolle. Unsere gemeinschaftlich (vereinbarte) Normalität gibt Personen mit scheinbar konventionell exzentrischem Verhalten einen Platz in der Gesellschaft. Unter diesem „Label“ kann sich eine sich anbahnende Krankheit lange verstecken.

Ist der „Sturz“ aber da, und damit das Herausfallen aus jeglicher Realität, geht es hinein in eine unbekannte Wirklichkeit, die keine Wahl mehr lässt, und in einer Welt halluzinatorischer Visionen und Stimmen gefangen hält. Es ergibt sich eine Parallelexistenz, in der man darum kämpft, für alles, was einen dort trifft, einen Sinn zu schaffen.

 

Gelesen: Wenn die Sonne zerbricht, Christopher Bollas, 2019, natürlich mit einem ganz bestimmten Auge.