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WAS LERNEN MIT FREIHEIT ZU TUN HAT


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Aufgenommen 1984 in Nartum, auf einem Seminar bei Walter Kempowski. Hinter seinem Haus gab es eine Streuobstwiese mit Apfelbäumen.

Wissen ist keine Glaubenssache! Wissen ist allerdings ebenso wenig, wie es Glaube ist, ein ein für allemal erreichter Zustand. Wissen ist ein andauernder Prozess (auf das Prozesshafte verweist das Verb wissen, und ein Verb beschreibt eine Tätigkeit) auf die Gewissheit hin.

Wissen ist immer vorläufig, denn es kann und werden sich neue Einsichten ergeben, die den Blick auf das bereits Gewusste ändern und erweitern. Die Entscheidung, sich auf den Weg zum Wissen zu machen, hat natürlich etwas mit Lernen zu tun. Dass sich am heutigen Verständnis von Bildung dramatisch viel verändert hat, und dem Wissen wie dem Lernen wenig Raum eingeräumt ist – obwohl das natürlich offiziell anders dargestellt wird -, ist das Ende von Freiheit. Ich erlebe es leider jeden Tag, und werde Zeuge dessen, was hilflose Lehrer hilflosen Schülern an Prüfungsaufgaben vorlegen.

Die gelehrten, lernenden und lehrenden Geistes- wie Naturwissenschaftler, darunter Biologen wie Evolutionsbiologen, Paläontologen oder Archäologen – um nur einige zu nennen, verstehen sich als nicht mehr und nicht weniger: Aus dem Vorgefundenen schließen sie auf etwas Drittes. Anderes als das, was ihnen vorliegt, haben sie nicht. Von da an verfolgen sie eine Entwicklung zurück, indem sie von ihrem Fund ausgehend auf Vorheriges schließen. Sie stellen Hypothesen darüber an, wie es gewesen sein könnte und revidieren diese, wenn sich neue Aspekte einfinden, die die Hypothesen widerlegen. DAS tut auch jeder Einzelne, indem er lernt: Er stellt eine Annahme auf, sucht nach Bestätigungen. Findet er sie nicht, muss er seine Annahme verwerfen. Findet er sie… kann er die Annahme in sein Reservoir aufnehmen. Unbekanntes wird nur dann zu Wissen, wenn es sich an bereits Bekanntes anbinden lässt. Jedes zu Fremde – geht an uns vorbei. Jedes zu Abstrakte erreicht uns nicht, wenn es zu weit von uns entfernt ist.

Es gab immer Menschen und es gibt sie immer noch, die einen Blick auf das, was wir Ursprung nennen, werfen wollen – ja man könnte sagen – sie müssen. Sie tun dies in der Physik ebenso wie in der Metaphysik oder auf noch anderem Gebiet. Jede bewusste, aber auch jede unbewusste, Absicht, ein zunächst unerreichbares Ziel erreichen zu wollen, ist Lernen. Lernen, lesen wir bei Konfuzius, ist „eine Schulung des Willens zum Streben nach Weisheit und Menschlichkeit“.

Im Westen spricht man vor allen Dingen vom freien Willen, der besagt, dass man sich zu allem entscheiden kann, was man wollen kann. Falsch ausgelegt liest sich dies bisweilen so: Du kannst alles werden und bekommen, wenn du es denn willst – auch das, was gar nicht in deiner Reichweite liegt. Dieses Wollen bringt dann allerdings viel Leid mit sich. – Ob der Mensch lernt, wenn er unbegrenzt ist, ist die Frage, die man sich stellen muss.

Ein Mensch lernt dort, wo er sich konfrontieren kann und Provokation erfährt. Widerspruch ist im Lernprozess sehr wichtig. Wo er nicht möglich ist, und eigene und fremde Erkenntnisse weder im Hinterfragen freigelegt werden können, noch auf Grenzen treffen, die ihn orientieren, versiegt das Lernen – und ein Glaube, eine Religion muss her.

Das ist der Punkt, an dem wir momentan stehen: Glauben ist im Begriff das Lernen zu ersetzen. Offensichtlich ist den Menschen dabei jedweder Glaube recht, Hauptsache er liefert nur ausreichend Sicherheit vor dem eigenen Denken.

Lernen ist solange möglich, wie wir widersprechen dürfen, ohne Angst haben zu müssen, dass uns dadurch Nachteile entstehen. Überall dort, wo wir uns Vorgesetztes nurmehr als Vorgang reproduzieren müssen, damit man uns das Existenzrecht gibt, wird nicht mehr gelernt. 

Wir hatten ein kleines Fenster, in dem es möglich war, uns für die Freiheit zu entscheiden. Freiheit im Sinne von: Ich übernehme die Verantwortung für mein Leben, lasse mich nicht von Institutionen instrumentalisieren und fremdbestimmen. Um dies tun zu können, ist Wissen – Wissen wohlgemerkt und nicht Informationen – nötig. Bildung wäre natürlich noch besser! Das Fenster in der Zeit ist wieder geschlossen und die Errungenschaften der Menschwerdung versinken vorwärts strebend im ewigen Kreislauf in einen neuen – vermutlich niederen – Zustand.

Einer von Konfuzius wesentlichen Gedanken war der der zweifachen Menschlichkeit. Diese besteht im Bewusstsein der persönlichen Mitte und der Fähigkeit, andere gerecht und unparteiisch zu behandeln. Nur ein Mensch, der mehr als halbwegs mit sch selbst im Reinen ist, kann das Wesen anderer Menschen verstehen. Dann wird er im Umgang mit anderen keine Konflikte brauchen, keine Verwicklungen (weil er sie für etwas benutzt, das er unerkanntermaßen aus sich heraus ins Außen übertragen muss). Kämpfe zwischen Menschen entstehen aus falschen Gewohnheiten heraus; Menschen sind durch Konventionen, deren Bedeutungen sie nicht verstehen, voneinander getrennt, schlimmer noch durch Konventionen, die möglicherweise bar jeder Bedeutung sind.

Westliche Kommunikationsforscher sind bis jetzt noch immer auf diesen Punkt gestoßen und die meisten Kommunikationsmodelle fangen mit der Selbsterkenntnis an und enden nicht etwa bei der Selbstachtung, sondern haben diese als Basis gelungener Kommunikation. 

Als ich mit meinem Auftrag zur Vorlesung „Interkulturelle Kommunikation“ vor den chinesischen Studenten in Jinan stand, fielen mir einige Dinge siedendheiß ein: Dass ausgerechnet die Westler hingehen und „praktische Modelle zur gelungenen Kommunikation“ aufstellen – und diese nun auch noch dem Osten bringen – hat eine besondere Ironie. Aber nun gut: es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen der östlichen und der westlichen Weise der Kommunikation – und da ist es eben angetan, sich zu treffen, auf halbem Weg vielleicht?

Eine Frage anderer Reichweite ist, weshalb es den Menschen in der großen Masse – und das ist sicher zu Zeiten von Konfuzius nicht anders gewesen als es heute im Westen ist – nicht gelingt, das Bewusstsein ihres Wesenskerns[i] zu erreichen.

Zur Erreichung der höchsten Reifestufe des Menschen setzt Konfuzius 5 Schritte an. Auf der ersten Stufe stehen die Gemeinen, die nurmehr für ihre (physiologischen) Bedürfnisse leben. Auf der nächsten finden sich die Würdigen, die versuchen, diese ihre Bedürfnisse zu meistern und ihrer Gier Herr zu werden; sie arbeiten für das Wohl ihrer Mitmenschen. Die Edlen wissen, dass der Mensch ein geistiges Schicksal hat und dass der Sinn des menschlichen Lebens darin besteht, dieses Schicksal zu verstehen und zu leben.

Auf der vierten Stufe stehen die Berufenen, die nicht nur ihr persönliches Schicksal erfüllen, sondern gleichsam anderen Menschen auch deren Schicksal erklären können. Sie legen das Wissen um Sinn und Zweck menschlicher Existenz ihren Mitmenschen dar und werden zu menschlichen Führern.

Die höchste menschliche Reife hat der Heilige Weise erreicht. Er lebt, indem er da ist. Er ist der voll ausgereifte Mensch, hat alle Möglichkeiten seiner Bestimmung ausgeschöpft und kann deshalb ruhig und gelassen sein. Er ist weder Asket noch Märtyrer.

Auch zu Konfuzius Zeit war es wohl den wenigsten Menschen möglich, zu den oberen Stufen durchzudringen. Aber erst dann, wenn es allen möglich wird, zumindest die 3. Stufe zu erreichen – dann ist eine Gesellschaft in Freiheit möglich. Diese Freiheit ist allerdings nicht durch Kämpfe erreichbar, sondern im Auflösen der Zweigliederung in jedwedem Phänomen (das Entweder-Oder) durch Lachen und Freude zu einem Sowohl-als-auch. Dann wird gemeinsames geistiges Streben verstanden.

Nah, ganz nah, waren wir in unserem Zeitfenster an dieser Auflösung. Doch die Teilung der Welt in Ost und West wurde abgelöst durch neue Zweiteilungen, und wieder ist ein Zustand der Harmonie in weiter Ferne. Soll es vielleicht so sein?

Aufgang und Untergang – im chinesischen Buch der Wandlungen (I Ging) gibt es dazu zwei Verständnisse von Zeit. Das eine Verständnis spricht vom Zeitkreis: es gibt keinen Anfang und kein Ende, die Jahreszeiten wechseln sich in regelmäßigen Zyklen ab. Und doch gibt es einen Zeitpfeil, eine Richtung – denn nicht zweimal steigen wir in denselben Fluss. Die Umwandlung, und auch damit schließt sich der Kreis, ist nicht umkehrbar, ebenso wie Evolution nicht umkehrbar ist. Was einmal da war, verschwindet nie wieder völlig.

So gesehen brauchen wir uns weder über das Auftreten der Glaubensrichtung der Kreationisten (10 Jahre nach 2007 haben sich noch ganz andere Ausprägungen ergeben!! – Anmerkung der Verfasserin) zu wundern, noch über den sich abzeichnenden Untergang unseres westlichen Selbstverständnisses. Wir sind Zeugen eines ewig währenden Prozesses, den wir uns ansehen können – absichtsvoll, frei entschieden – um zu lernen auf ein unerreichbares Ziel hin: die Freiheit. Die schwerste Aufgabe, die es gibt.

[i] Damit das alte Griechenland gleichfalls rehabilitiert werde, bevor es diskreditiert wird: das Orakel zu Delphi trug über dem Eingang den Spruch „Erkenne dich selbst“, und auch im Mittelalter hatte man das „Sapere aude“ nicht vergessen.

 

aus: Konfuzius‘ Edle und die neuen Kreationisten, Aufsatz, 2007