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IRRTÜMER ÜBER DIE VERNUNFT

Vor allen Dingen wird die Vernunft bei denen am allergrößten eingesetzt, die die Bestimmung im Gegensätzlichsten ablehnen. – Begriffen? Insofern ist die Vernunft immer eine subjektive Wahrnehmung, die nicht übertragbar ist. Sie ist vergleichbar, aber nicht übertragbar. Vernunft ist immer die Vernunft jedes einzelnen Lebewesens […]

aus: Die apokalyptischen Reiter, Band 22, Wolfgang Döbereiner


Der II. Quadrant – die Vernunft?

 


„Sei doch vernünftig!“ hat man mir oft gesagt. Ja, gut. Ich war dann vernünftig, und habe auf etwas verzichtet, das ich andererseits doch (es ging nicht immer nur um „gerne“) doch getan hätte – das aber in den Augen meiner Mahner eben unvernünftig gewesen wäre.

Ehrlich – könnten Sie aus dem Stegreif erklären, was denn nun diese „Vernunft“ ist, die so viel beschrieen wird (und bisweilen auch noch mit dem Wort „Moral“ in Verbindung gebracht wird)? Und wenn schon erklären, dann eventuell auch gleich noch im Vergleich zur „Unvernunft“? 

Lassen wir bekannte Menschen in Zitaten zu Wort kommen:

Kein Vormarsch ist so schwer wie der zurück zur Vernunft. (Bertolt Brecht)

Es gibt Fälle, in denen vernünftig sein, feig sein heißt. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Durch Vernunft, nicht durch Gewalt soll man Menschen zur Wahrheit führen. (Denis Diderot)

Es gibt Leute, die glauben, alles wäre vernünftig, was man mit einem ernsthaften Gesicht tut.  (Georg Christoph Lichtenberg)

Es gibt zwei gefährliche Abwege: die Vernunft schlechthin abzulegen und außer der Vernunft nichts anzuerkennen. (Blaise Pascal)

Aller Zustand ist gut, der natürlich ist und vernünftig. (Johann W. Goethe)

Der Widerspruch ist das Erheben der Vernunft über die Beschränkungen des Verstandes. (G. W. Hegel)

Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig. (G.W.Hegel)


Das Zeichen Jungfrau ist es, das uns in diesem Vernunft-Zusammenhang beschäftigen wird. Doch nähern wir uns der Sache zunächst von der sprachlichen Seite.

Das altgriechische Wort nous  (ein Begriff der antiken griechischen Philosophie) ist mir heute zugefallen, gerade als ich mir Gedanken über die Vernunft machte. Deshalb sei mit dem alten Wort angefangen, dessen Erklärung sich folgendermaßen liest:

Nous oder Nus (νοῦς – nús) bezeichnet die menschliche Fähigkeit, etwas geistig zu erfassen, und ist jene Instanz im Menschen, die für das Erkennen und Denken zuständig ist.

Nous kann auch im Sinne von Gesinnung, Gemüt, Herz auftauchen oder im Sinne von Gedanke, Absicht. Im Deutschen ist Nous oft mit „Geist“, „Intellekt“, „Verstand“ oder „Vernunft“ wiedergegeben.

Die lateinische Entsprechung ist intellectus oder auch mens, ratio, ingenium.

In metaphysischen und kosmologischen Lehren, die von einer göttlichen Lenkung der Welt ausgehen, wird als Nous auch ein im Kosmos wirkendes Prinzip – die göttliche Weltvernunft – bezeichnet.

In einem nächsten Zusammenhang/Gespräch fielen drei weitere – nichtdeutsche Wörter: nafsfahm und aql. Ich gehe kurz ins Arabische hinüber. Nafs ist die Seele. Fahm – im Persischen gibt es ein Verb fahmidan = verstehen – ist mithin der Verstand. Aql wird sowohl unter Verstand als auch unter Vernunft geführt. Als Verstand gilt in der angegebenen Quelle das „Vermögen des Bewusstseins zu denken“, also Wahrnehmungen (Moment! … meine Anmerkung …wieder eine Vermischung!), Vorstellungen (gehört ebenfalls woandershin – meine Anm.) und Intuitionen in Worten und Sätzen auszusprechen, und damit sich Vorstellungen über Ursachen, Folgen und Ziele zu machen. 

Der Verstand des Menschen gehört zur Natur des Menschen (i.w.S. nafs? – meine Anm.). In der logischen Anwendung seines Verstandes ist der Mensch fähig zur Erkenntnis. Diese führt ihn zu dem Schluss, dass er als Geschöpf in seinem Schöpfer seinen Ursprung und sein Ziel finden kann. (Der Verstand findet auch im islamischen Recht [scharia] seine Anwendung im Vernunftschluss [aql]).*

„Es ist die Pflicht eines jeden Menschen, seinen Verstand und seine Ansicht mit dem der weisen Menschen zu vergleichen.“ (Ghurur al Hikm, 4920)

Die Crux mit Definitionen – aus verschiedenen Schulen und vor unterschiedlichen Hintergründen zusammengeschrieben – ist, dass jede Definition auch Interpretation ist und der Interpretierende sie durch jeweils seine Augen betrachtet und mit seinen Erfahrungen abgleicht. Die Entsprechungen, die sich nun für das Wort Nous finden lassen, und die alle eine Teilwahrheit enthalten, nie aber den gesamten Begriff abbilden, widersprechen einander sogar – wenn man sie unabhängig vom Ursprungswort betrachtet – nicht selten.

Intellekt ist, wie ich in einem anderen Text gezeigt habe, eine Fähigkeit/eine Anlage, die einer Bewegung in den Umraum hinein dient. Mit dieser Bewegung erkundet, ja, vermisst sie diese Umgebung und verbindet Vorgefundenes z.B. zu einer Karte. Der Intellekt ist ein Kartograph, der Dinge bezeichnet und Begriffe schafft. Mens/Geist ist nicht Intellekt. Verstand ist nicht Intellekt. und auch Vernunft ist nicht Intellekt.

Das deutsche Wort Vernunft  (mhd. vernunft, ahd. vernumft) leitet sich aus dem Verb vernehmen (mhd. vernemen, ahd. firneman) ab. Vernunft – kann man schlussfolgern – hat etwas mit dem Vernommenen zu tun. Stellen wir uns vor, wir seien in einem Wald, den wir zwar kennen, der aber dennoch kein ungefährlicher Ort ist. Es könnten Wildschweine auftauchen, es könnte ein verschrecktes Reh völlig unerwartet unseren Weg kreuzen … also, wir müssen unsere Sinne schärfen und hier im Wald auf Gefahren achten. Die Sinne – in diesem Fall der Hörsinn – vernehmen jedes Geräusch, das uns Verdächtiges verrät. Ein verdächtiges Geräusch  – ein Geräusch, das darauf hinweist, dass wir in unserer Sicherheit gefährdet sind – lässt uns innehalten. Wir wittern – woher kommt die Gefahr? Können wir ausweichen? Ihr entgehen? Wie können wir unser Leben vor der Bedrohung schützen?

Johann Wolfgang v. Goethe, 28.8.1749, 12:30 Uhr, Frankfurt a, Main, 8°41 ö, 50°07 n, Horoskop v. Astroschmid - Uhrzeit fraglich!

Johann Wolfgang v. Goethe, 28.8.1749, 12:30 Uhr, Frankfurt a, Main, 8°41 ö, 50°07 n, Horoskop v. Astroschmid – Uhrzeit fraglich!


Und tatsächlich ist dies das Wesen der Vernunft: sie ist ein Schutzmechanismus, oder weniger mechanistisch ausgedrückt: das Subjekt, das wir als Geschehen des Lebens sind, wird gegenüber dem Begegnenden ausgesteuert, dazu werden eingegangene Vernehmungen ausgewertet, verwertet (verdaut) und eine Diagnose wird gestellt. –> Die „Arbeit“ der Jungfrau.

Der II. Quadrant eines Horoskops wird auch der „Seelische“ genannt. Zu ihm gehören die Zeichen Krebs, Löwe und Jungfrau. analog sind Krebs und Haus 4, Löwe und Haus 5, Jungfrau und Haus 6.

Das Leben ist eine Reise. Jedes Lebewesen durchläuft Entwicklungsphasen, die die Ontogenese für es bereithält. In den ersten 21 Jahren ist ein Menschenkind mit seinem Körper beschäftigt, und damit, sich mit diesem in die weitere Welt hinauszubewegen. Ab dem 21. Lebensjahr tritt eine nächste Entwicklungsphase auf den Plan. Sie beginnt mit dem Krebs, ihm folgt das Zeichen Löwe, danach die Jungfrau. Es geht um die Bildung einer Identität (i.S. eines „Mir-gleich-Werdens“) – eines Selbstbewusstseins einschließlich dem Finden des Platzes im eigenen Leben.

Wir alle sind – abgesehen davon, dass wir zu einem Kollektiv gehören – Einzelne (Individuen – nicht weiter unterteilbar). Als diese Einzelwesen erfahren wir uns immer wieder, was nicht nur Anlass zur Freude ist. Das Empfinden des Eigenen versuchen wir mit dem Konzept Seele zu fassen.  Es ist, als würde eine Stimmgabel den Ton unseres Lebens auffangen. Die Gestimmtheit, die das Eigene widerspiegelt, ist das Gemüt. Jemand hat ein hitziges Gemüt, ein ruhiges Gemüt, ein … – In diesem Zusammenhang sprechen wir auch vom Wesen.

Unser Wesen drückt sich in Gesten, in der Stimme, im Spielen, im Erschaffen, im Ausdruck aus. Nachdem unser Körper die Welt erkundet hat, tut es im Krebs das Gemüt. Krebs-Geborene gehen vorsichtig in die Welt; sie sind verletzbar, verwundbar, was ihr Empfinden angeht.  Sie sind fürsorglich mit allem, was Leben ausmacht. Wenn sie verletzt wurden, ziehen sie sich zurück und schützen, was sie wertvoll erachten. Jede Verquertheit, jedes Verstellen, jede Vorstellung ist für sie ein Widerspruch zum Natürlichen.

Im Zeichen Löwe geborene Menschen sind Individualisten, die sich ihrer Besonderheit bewusst sind und diese verteidigen werden. Anders als der Krebs gehen sie offensiv in die Welt, stellen sich heraus und beanspruchen ihre Souveränität, beherrschen den Raum und die Führung.

Eine Verteidigung des Lebens mithilfe von Beobachtung, Wahrnehmung und Abwägung des Gesehenen ist nötig. Das Zeichen Jungfrau ist – wie oben bereits geschrieben – die Warnerin. Sie beobachtet, patrouilliert an den Grenzen zur Außenwelt, wittert jede Veränderung, die für das unmittelbare Leben bedrohlich werden könnte. Wo immer Leben gefährdet ist, ist es an der Jungfrau, vernünftig zu handeln, um dieses Leben zu schützen. Die Vernunft gehört zum Subjekt (aus: Spaziergang im Tierkreis, 2013). 

Jedes Einzelwesen hat seine eigene „Vernunft“, die nur bedingt verallgemeinerbar ist, denn wie sich jeder Einzelne aussteuert – ist von Leben zu Leben unterschiedlich. Es gibt kein „Richtig“ und kein „Falsch“. Das unterscheidet auch im Wesentlichen den Zwillinge-Merkur vom Jungfrau-Merkur. 

Caspar-David Friedrich, 5.9.1774, 2:30 wahre OZ, Greifswald, 13°23 O, 54°5, Uhrzeit übernommen, nicht  überprüft

Zusammengefasst: Der Krebs ist das erste Zeichen in der Reihenfolge, die Jungfrau bringt zum Abschluss, was er „begonnen“ hat. Es geht ums Leben als Geschehen – in der Gegenwart und um das Selbstverständnis eines Menschen, sein Subjektives, sein Empfinden (was er in sich findet), seinen Selbstausdruck und das Erleben, das Erschaffen von Erlebniswelten auf der Grundlage dieses Empfindens – und um die Vernunft.

Das Aussteuern und diese Vernunft ist die Aufgabe der Jungfrau. Sie ist immer in Bedrohungserwartung. Deshalb sieht, ja späht, sie in die Umgebung hinein, bemerkt Veränderungen und Abweichungen vom Normalzustand – und beginnt zu warnen.

Mit der Sonne knapp im 2. Haus ist diese Warnung z.B. bei Casper David Friedrich auf das konkrete Revier bezogen, in dem jedoch die Auflösung bereits inbegriffen  (Neptun in 2) und der Sinn für die Realität klar und tief ist. Johann W. von Goethe hatte die Jungfrau am MC und die Sonne im 9. Haus, in dem sie sich mit Anschauungen und Gefügen bzw. der Vereinheitlichung von Anschauungsbildern beschäftigt.

Während bei C.D. Friedrich im Zeichen Krebs der Mars steht (Kürzel: der Feind im eigenen Haus – vgl. MRL), ist es bei Goethe der Neptun. In der Ausgangssituation des Einen liegt eine Lebensempfindens-Aggression vor, in der des anderen eine Situation von Lebensempfindens-Immunität (bzw. das Empfinden des Verbundensseins mit „Allem“ ohne Ich-Grenzen). Der Herrscher des Endzeichens – der Merkur – steht bei C.D. Friedrich am AC im Löwen und wird an seiner Person sichtbar. Merkur im Löwen: drückt sich gestalterisch, spielerisch, farbig und unmittelbar aus.

Bei Goethe steht dieser Merkur im 9. Haus und fügt aus dem „Vorzeitlichen“ an seiner Anschauung bzw. – da es Merkur ist – an der Vermittlung dieses Nicht-In-der-Zeit-Seienden. Merkur im Löwen auch hier: er fügt Anschauungs-Erlebniswelten, in denen sich Betrachter bzw. Leser wiederfinden können.

In C.D. Friedrichs Fall steht Neptun konkret im 2. Haus – er zeigt Formationen realer Untergänge und Auflösungen. Goethes Jungfrau-Zeichen beherbergt eine Venus im 10. Haus. Das sind (Waage-Venus) die Gegenwarten bzw. ein Bewusstsein im IV. Quadranten, die noch auf ihre Zeit warten, und es sind (Stier-Venus) wiederum noch verborgenes Bewusstsein, das sich auf Kollektive und Figurationen bezieht. Goethe beschreibt Bewusstseinszustände, die noch nicht eingetroffen sind – als Vorstellung. (Immerhin ist er Skorpion-AC mit dem Pluto in eins). An Goethe wird die irrtümliche Vermischung von Vernunft und Verstand deutlich: als Jungfrau warnt er vor potentiellen Gefahren, die eintreten können, als Verstandesmensch läuft er Gefahr, seine subjektiven Wahrnehmungen und Aussteuerungsversuche als allgemeingültig zu postulieren – und hat damit ein Bedürfnis seiner Zeit bedient.

 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 27.8.1770, Stuttgart, 9°11 ö, 48°47 n

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 27.8.1770, Stuttgart, 9°11 ö, 48°47 n, Daten aus: http://www.astrosesam.ch/datenbank


Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist knapp 21 Jahre jünger als Goethe, sein Geburtstag liegt 1 Grad vor Goethes Sonne (am Gruppenschicksalspunkt Venus-Merkur). – Wer ist Hegel? Im deutschen Idealismus entstanden recht kühne Denkgebäude der Philosophiegeschichte. Der Leitgedanke dabei war, der Geist erkenne nicht nur die Welt, sondern bringe sie in gewisser Weise auch selbst hervor (Hegel mit einem Löwe-AC wird das gefallen haben!) Bei Kant und Fichte tut dies der Geist des Menschen; bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist es der absolute Geist, der die Welt, wie wir sie kennen, erschafft. Woher kommt dieser „absolute Geist“? Ich vermute ihn im Pluto im Steinbock im 5. Haus Hegels. (Pluto steht derzeit ebenfalls im Zeichen Steinbock und zeichnet in unsere Zeit die Vorstellung unumstößlicher Wahrheiten, die dann in Ideologien und Fundamentalismus münden können). Auch Hegel, mit einer Sonne in Haus 1 wie C.D. Friedrich, und Neptun in der Jungfrau wie Goethe, steht im der Einschätzung der Vernunft über andere Geistesfähigkeiten klar auf der Seite der Vernunft.

Sein Verbundanführer Mond steht im Skorpion im 4. Haus – sein Vertrauen ins Leben als Empfinden (und dann als Erleben in 5) ist von Vorstellungen bestimmt. Interpretation meinerseits bzw. aus der Terminologie der MRL: die Vorstellungswelt der Mutter wird nicht verlassen, Die Empfindung ist von einer ererbten Verneinung der Erfahrung der Fortpflanzung überlagert, und das „Gebären“ ist durch den Verband (aus dem man kommt) unterbunden. Wenn es der Erfahrung gelingt hochzusteigen, vermag sie aus der chronischen Verneinung zu lösen. Das Fühlen ist außerordentlich „leidenschaftlich“. Goethe hatte übrigens den Mond ebenfalls in 4, allerdings in den Fischen.

Frage an Sie: Sind besagte drei Jungfrauen nun Warner?


Der III. Quadrant – der Verstand?

 

Der III. Quadrant besteht aus dem Zeichenverbund Waage-Skorpion-Schütze. Mit dem Eintritt in das Zeichen der Waage verlassen wir die untere Hälfte des Tierkreises, und damit das Viertel des Egos und das des Subjekts. Die Jungfrau ist damit beschäftigt, die Welt zu beobachten, um sich selbst im Falle von Gefahr auszusteuern; sie blickt aus der Bewusstheit ins Bewusstsein. Die Waage steht außerhalb des Subjekts, tritt aus der Betroffenheit und Bewusstheit ins Bewusstsein – steht im Gegenüber, wird sich selbst Objekt.

Die Waage denkt (vor und nach), handelt indes nicht: jeder Impuls wäre ein Eingriff in die Gegenwart – ihr Aufenthaltsort – und muss wohlüberlegt sein. Um in ihrer Umgebung Einverständnis zu erreichen, gleicht sie Unterschiede aus. Harmonie ist ihr Anliegen, ihr Ziel, Störungen zu vermeiden und zu beseitigen – es geht Waage-Menschen  um Gemeinschaft im Sinne von „Das Einzelwesen tritt zurück“, und sie sind darin Hirten, die ihre Herden behüten.

Auch dem Skorpion geht es nicht um sich selbst als Individuum. Er versteht sich zwar als solches, aber nicht, weil damit sein Leben einen Wert an sich bekäme, sondern weil er sich als Ausdruck eines Prinzips versteht. Der Skorpion ist den Wurzeln des Seins auf der Spur. Er ist verständig und kann damit sogar bisweilen seinen Eigeninteressen zuwider handeln. Ihre Sinne sind für jenes geschärft, was jenseits der Gegenwart, außerhalb, liegt. Und von dort bringen sie Wissen und Erfahrungen mit, die sie der Welt zur Verfügung stellen.

Für den Schützen ist die Welt vor allem eins: ein weiter Raum, den es zu erforschen gilt; und so geht er den Einzelteilen der Welt nach, um ein komplettes Bild zusammenzufügen. Der Schütze geht nicht in die Tiefe, wie der Skorpion, er geht wie der Zwilling in die Weite. Anders als der Zwilling tut er es jedoch nicht für sich, sondern für das „große Ganze“. 

Alle drei Zeichen mit ihren jeweiligen Schwerpunkten sind Bestandteile dessen, was wir umgangssprachlich „Verstand“ nennen. Aufsuchen, Aneinanderfügen, Einsicht – damit eine Landschaft der Anschauung bilden, in der alles „gleichgültig“ ist (dem Jupiter/Schütze als Zeichen der Toleranz würde ich den Hauptplatz einräumen), im nächsten Abschnitt die Rückfrage an die Erfahrung und der Abgleich mit der „Art“ – Abweichungen? Erkenntnis? – Es entsteht die Vorstellung, die Idee des Seins. Gemessen wird an einem Ideal (Skorpion), dem das Gestalthafte folgt. Die Waage ist das Denken als Pendant zum Empfinden des II. Quadranten.**

Zum Schluss eine Überlegung von mir, die von Wolfgang Döbereiner angeregt wurde, denn auch in mir – ich gebe es zu – mischen sich bisweilen Vernunft und Verstand (Jungfrau mit Skorpion-AC): Vernunft und Verstand gehen selten Hand in Hand. Dort, wo die Vernunft sagt: „Vermeide dies und das, denn es ist für dein Leben nicht gut“, sagt der Verstand: „Was ist schon dein kleines Leben! Es geht ums große Ganze, und dem ist die Vernunft eines Einzelnen egal. Wenn es dem Verstand nach sinnvoll ist, es zu tun … musst du halt unvernünftig sein.“ Was also für die Vernunft richtig ist, ist es im Sinne des Verstehens der großen Zusammenhänge noch lange nicht.

 

 

* Anekdote aus meinem Leben: in einem Gespräch mit dem Imam der Hamburger Imam-Ali-Moschee (etwa 1986) konnte ich eine mir wichtige Frage stellen. Die Antwort (sinngemäß) war ebenso freimütig wie erkenntnisreich: „Im Islam ist erlaubt, was die Vernunft gebietet.“ (aus: Briefe an den Heiligen Vater, 2008)

 

** In der Biographie über Margaret Thatcher („Die eiserne Lady“ mit Meryl Streep), gibt es eine Szene, in der die bereits an Alzheimer erkrankte und von ihrer Tochter zum Arzt geschickte Thatcher auf dem Behandlungsbett sitzt. „Wie fühlen Sie sich?“, fragt der Arzt. „Gefühle?“ erwidert seine Patientin. „Ich habe es immer mit Gedanken gehalten, die mich zum Handeln antrieben. Heutzutage wollen alle irgendjemand sein, statt etwas zu tun, statt zu handeln.“  Thatcher ist am 13. Oktober (1925) geboren. Als Waage scheinbar uninteressiert am Schicksal einzelner, ist sie auf das Wohl der Gemeinde bedacht und darin unerbittlich.  Saturn am AC und im Skorpion – die „Eiserne“. Margret Thatcher war ehrgeizig, zielbewusst und leistungsorientiert: Jupiter/Pluto-Opposition im Quadrat zur Sonne/Merkur-Konjunktion in jeweils kardinalen Zeichen. Die Ausdauer, die für das Erreichen der gesteckten Ziele erforderlich ist, ermöglichte ihr Saturn auf dem Skorpion-Aszendenten. Mit dieser Kombination war sie eine Premierministerin, an der sich die Geister schieden.