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IN WÄNDEN SITZEN MENSCHEN

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In Wänden sitzen Menschen, flüsterte der kleine Junge auf dem Stuhl mir gegenüber und nickte ernst. Er streckte, um die Wand berühren zu können, den Arm aus.

Sie wollen heraus, aber sie können nicht. Deshalb klopfen sie.
Sind denn gerade hier in dieser Wand auch welche? Sind es viele? fragte ich. Er legte den Kopf zur Seite und lauschte.

Im Moment sind es drei, immer noch flüsternd nahm er seine Hand von der Wand und versteckte sie in seiner Hosentasche. – Es ist besser, sie merken nicht, dass wir über sie sprechen. Wenn sie das merken, fangen sie an laut zu rufen und zu weinen.
Hörst du die Menschen auch anderswo? Wann hörst du sie? Nachts? Hörst du sie tagsüber?
Ich höre sie am lautesten, wenn ich warten muss. – Das sagte er laut.
Musst du oft warten?
Er sah mich nicht an und hob die Schultern.
Ich weiß nicht, was oft ist. 
Rufen sie irgendetwas, oder sprechen sie mit dir? Kennen sie deinen Namen? 
Die hier kennen mich natürlich nicht. Nur die zuhause, die kennen mich. Die rufen meinen Namen.

Ich blickte auf seine Mutter, während er zu Boden sah. Sie saß etwa zwei Meter von uns entfernt auf einem Stuhl neben der Tür. Ihre Tasche hielt sie auf dem Schoß, fest unter die Brust gepresst.

Es ist nicht so schlimm mit den Menschen in den Wänden, beeilte ich mich zu sagen.

Sie haben gelernt zu warten. Und sie erkennen dich, weil du auch wartest. Deshalb sprechen sie dich an, denn sie glauben, dass du sie verstehst.

Sie sprechen aber in einer Sprache, die ich nicht verstehe, sagte er und wandte mir jetzt zum ersten Mal sein Gesicht zu. Er hatte große braune Augen mit dichten Wimpern. Und einen sehr traurigen Blick.

Seine Mutter hinten an der Tür nestelte in der Tasche herum und seufzte laut. Ich ignorierte sie.

Du bist das vierte Kind, das mir erzählt, dass es Menschen in Wänden hört.

In seinen Augen begann es zu leuchten. Wirklich? Sagte er und stand von seinem Stuhl auf. Auf einem Regal unter dem Fenster hatte ich Spielzeugkitsch aufgestellt. Gerade in Höhe von Kinderaugen, und in Reichweite ihrer Hände. Er ging zu dem Regal und blieb vor ihm stehen. In großer Ruhe betrachtete er die Gegenstände, ohne sie zu berühren.

Ich nutzte die Gelegenheit, zur Mutter hinüberzugehen und sie zu beruhigen. Ich sagte ihr, sie könne einen Kaffee trinken gehen und in einer halben Stunde wiederkommen. Sie suchte den Blick ihres Sohnes und verließ den Raum fast fluchtartig.

Sie hört die Menschen in den Wänden nicht, sagte der Junge, als sie gegangen war. Die machen ihr Angst.

Du hast aber keine Angst? Stellte ich mehr fest als dass ich fragte.

Nein, erst habe ich keine Angst. Aber wenn sie anfangen zu heulen, weil ich nicht helfe, dann bekomme ich schon Angst. Wer sind diese Menschen?

Ich blickte noch einmal in den Bericht, den mir die Kinderärztin mitgeschickt hatte. Da standen Daten über die Geburt, über die frühkindliche Entwicklung, über Auffälligkeiten. Jannis hatte früh Stereotypien entwickelt: als Baby den Kopf aufs Kopfkissen geschlagen – medizinisch: jacatatio capitis. Elefanten fangen in Gefangenschaft an, den Kopf hin und her zu werfen. Wedeln nennen es die Fachleute. Eine Art von Hospitalismus. Jannis sah nicht vernachlässigt aus. Er war ordentlich angezogen, für sein Alter gut proportioniert entwickelt, mit guten Manieren, wenn man davon absah, dass er einen nicht anblickte.

Ich weiß nicht, wer das in deinem Fall da in den Wänden sein könnte… Da fällt mir gerade ein: als ich ungefähr zehn Jahre älter war als du, habe ich eine Geschichte gelesen. Sie handelte von einem Mann, der durch Wände gehen konnte. Das fand ich damals ganz spannend; ich hätte das auch gerne gekonnt: durch Wände gehen. Dann muss man nie mehr Türen benutzen. Was für ein Spaß. Wann immer man irgendwo eintreten möchte, kann man durch die Wand gehen…

Er kam vom Fenster zurück und setzte sich auf die Stuhlkante. Sein aufgeworfener halbrunder Mund bebte vor Aufregung und er legte seine Hände in den Schoß.

Durch Wände gehen würde ich auch manchmal gerne. Die Geschichte ist nicht gut ausgegangen, oder?

Du hast richtig vermutet: ist sie nicht. Irgendwann ist dieser Mann in der Wand steckengeblieben und kam nicht mehr heraus.

Das ist aber schrecklich! Rief er und erschrak über seinen Ausruf. Leiser fügte er hinzu: Sind dann vielleicht alle diese Menschen, die in den Wänden sitzen, auch solche, die mal hindurchgehen konnten und dann steckenblieben?

Das könnte eine Erklärung sein. Du hast gesagt, du hörst sie besonders laut dann, wenn du warten musst. Was machst du, wenn du wartest?

Meistens höre ich Musik. Ich höre Musik und sehe dabei Bilder.

Im Arztbrief stand ebenfalls etwas von stereotypem Verhalten beim Hören von Musik. Er zeige es nur, wenn er sich unbeobachtet glaubte.

Hast du in deinem Kopf so etwas wie ein Kino? Fragte ich so beiläufig wie möglich.

Er stand jetzt wieder vom Stuhl auf und ging durch den Raum. Überall, wo kleine Dinge standen, ging er mit dem Gesicht nah an sie heran, betrachtete sie und traute sich jetzt sogar, sie mit dem Zeigefinger anzutippen.

Ja, und wenn ich Musik höre, bin ich mitten in meinem Film und ich bin Ponda Baba oder Anakin oder Darth Vader…

Oh, erstaunte ich mich, dass du diese Filme kennst…

Tu ich ja gar nicht. Ich hab nur davon gehört, und spiele Spiele auf meinem Computer.

Er schlenderte weiter durch den Raum und hatte jetzt einen Stapel Kinderbücher entdeckt, die auf einem niedrigen Tisch lagen.

Deine Mutter hat dich hergebracht, weil sie sich Sorgen macht. Er hielt ein Buch in der Hand, blätterte von hinten nach vorne und legte es wieder weg.

Ich hätte ihr das mit den Menschen in den Wänden nicht sagen sollen, seufzte der Junge und sah aus, als mache er sich Vorwürfe. Sie hat so viel zu tun mit meiner Schwester. Das ist auch der Grund, warum ich warte. Im Hort – manchmal holt sie mich später ab. Alle anderen Kinder sind dann schon weg. Fast alle. Oder nach dem Fußball. Sie kommt meistens zu spät, weil meine Schwester anstrengend ist. Sie ist anstrengend, weil sie noch so klein ist.

Deine Mutter ist aber groß und große Leute können so einiges vertragen. Sie glaubt, es geht dir nicht gut. Sie will dir helfen, damit ihr zuhause  mit den Menschen in den Wänden zurecht kommt.

Er hatte seine Runde beendet und nahm wieder auf der Stuhlkante Platz. Seine Arme legte er auf den Tisch, spielte mit seinen Händen und sah an mir vorbei.

Sag mal, wenn du zuhause wartest, wo wartest du denn dann?

In meinem Zimmer natürlich, gab er zurück, als wolle er mich tadeln, weil ich eine so dümmliche Frage gestellt hatte.

Und ist deine Tür dann offen oder geschlossen?

Für Kinder wie Jannis ist unsere Welt kein Ort, der sie mit offenen Armen aufnimmt. Sie funktionieren nicht, deshalb meint die Welt, sie dazu bringen zu müssen. Habe einmal gelesen, dass man sie die „Indigo-Kinder“ nennt. Diese Kinder lassen einen entweder an kleine weise bewusste Menschen, an superkluge hochbegabte Kinder oder an eigenwillige, widerborstige Wesen, die auf nichts hören, was ein Erwachsener sagt, denken. Oft habe ich Kinder hier sitzen, auf die dies zutrifft – aber natürlich kann ich in den Bericht, den ich zu verfassen habe, nicht eintragen, dass es sich um ein Indigo-Kind handelt.

Indigo-Kinder haben – so lese ich –  außergewöhnliche Fähigkeiten. Sie sind fähig, Heilenergie zu erzeugen, die ihnen naturgegeben ist, und von der sie nicht wissen, dass sie sie einsetzen. Sie sind in der Lage, sich untereinander telepathisch zu verständigen und so viel Energie zu erzeugen, dass das, was sie fühlen und denken, passiert. Ihre sensorischen Fähigkeiten sind sehr ausgeprägt, so dass sie z.B. im Dunkeln sehen können, ohne mit den Augen zu sehen. Ihr Ego ist sehr ausgeprägt, und es mangelt manchen von ihnen an Demut. Anlügen kann man sie nicht, denn sie durchschauen einen sofort. Sie sprechen Dinge aus, die man selber zuvor gedacht hat und vielleicht nicht hat sagen mögen. Indigo-Kinder schauen einen offen und wissend an, während “normale” Kinder in derselben Situation wegschauen würden. Umgekehrt schauen sie weg, wenn sie merken, dass man nicht ehrlich ist.

Ich halte nicht viel von den esoterischen Weisheiten, die seit Ende des letzten Jahrhunderts herumgeistern. Ich halte allerdings auch nichts davon, den Kindern Medikamente zu verabreichen. Es muss einen Grund haben, dass sie sich verhalten, wie sie sich verhalten. Es ist übrigens „nur“ ihr Verhalten und nicht das, was sie sind!

Jannis besah sich die kleinen, sehr echt nachgebildeten Tierfiguren.

Hier! Rief er aus und kam mit dem Löwen zu mir. Hier, sehen Sie – das ist ein falsches Detail. Das gehört hier nicht her. Wenn es ein asiatischer Löwe ist – und danach sieht die Mähne aus – dann muss er auch am Bauch Haare haben. Der afrikanische Löwe hat das nicht. Dieser hier ist ein asiatischer Löwe – er muss die Haare am Bauch haben!

Er stand nah neben mir, und fast wie aus Versehen, krabbelte seine kleine Hand meinen Ärmel hoch, sehr leicht und fragil, fragend, jeder Zeit bereit, sich zurückzuziehen.

Ich musste mich sehr zurückhalten, um ihn nicht einfach in den Arm zu nehmen, sein Haar zu streicheln und seine Wange, und die traurigen Augen zu küssen.

Erstaunlich. Einerseits kann er nicht länger als 2 Minuten bei einer Sache bleiben, andererseits ist er extrem konzentriert, wenn er sich für etwas interessiert. Nein, ich will ihm keine Medikamente verschreiben, kein Ritalin, kein Methylphenidat, nichts dergleichen. Aber wie sollen die im Kindergarten oder in der Vorschule mit diesem klassisch-homöopathischen Phosphor-Kind („Zappelphilipp“) umgehen?

Ich weiß es nicht – Phosphor könnte ich ihm geben, dem kleinen Jungen… aber eigentlich sprechen die „Menschen in den Wänden“ eher für …