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ICH INTEGRATIONSKURS

ss56 copy_kleinWenn man eine alte Deutsch-als-Fremdsprache-Häsin ist, wird der x-te Durchlauf eines Deutschkurses fast Routine. Fast – weil immer andere Schüler im Kurs sitzen, und andere Bedürfnisse mitbringen, eine andere Atmosphäre schaffen, auf die sich ein Lehrer immer neu und unterschiedlich einstellt. Für die Teilnehmer ist so ein Deutschkurs fast jeden Tag neu, sie machen ihn zum ersten, vielleicht zum zweiten Mal. Sie lernen neue Kulturtechniken, eine ihnen fremde Unterrichtsform, lernen eine fremde Sprache mit seltsamen Lauten und einer Schrift, die nicht die gesprochenen Laute wiedergibt. Sie lernen die Organisation der neuen Sprache, den verwalterischen Überbau kennen. – Sie kommen nicht selten an die Grenzen eines Kulturschocks.

Die Schüler solcher Kurse sind aus vielen verschiedenen Ländern nach Deutschland gekommen und haben in den letzten Monaten 600 lange Stunden Deutsch gelernt. Einer kommt aus Irakestan, seine Sprache hat Laute, die es im Deutschen nicht gibt, und eine Schrift, die man in Deutschland nicht kennt. Ein anderer kommt aus Türkalien. In seiner Sprache steht das Verb immer am Ende vom Hauptsatz und die Nomen haben keinen Artikel.

Eine Schülerin kommt aus Chipan, in ihrer Sprache spricht man /w/ wie /b/ und /b/ wie /w/ oder so ähnlich. Die Iranesier im Kurs können den Unterschied zwischen /ü/ und /u/ nicht hören und in ihrer Sprache steht das Adjektiv nie vor dem Nomen, sondern immer dahinter. Eine Frau kommt aus Marokknien, in ihrer Sprache benutzt man die Präpositionen anders als im Deutschen, aber mit den Konjunktionen hat sie keine Schwierigkeiten. Einige im Kurs haben Angst zu sprechen, andere sprechen viel, und fließend falsch  Einige kommen, weil sie Interesse an Deutschland, seiner Geschichte und Sprache haben (ein klein wenig auch an den Menschen), viele sitzen hier, weil sie müssen und obwohl sie eigentlich auch gut ohne Deutsch zurechtkommen. Einige wiederholen die Kursstufe und sind schon längst an ihren Grenzen angelangt. Sie lernen nichts mehr dazu, viele sind traumatisiert, haben ihre Heimat verlassen und sind emotional doch nie in Deutschland angekommen. Sie verstehen das Land nicht, haben Probleme mit dem Wetter – die Sonne scheint so selten! – und ihre Kinder gehen in Schulen, die ihnen Sachen beibringen, die den Eltern weltfremd erscheinen, aber die sie schlucken und dabei Minderwertigkeitsgefühle mit allen erdenklichen Folgen entwickeln.

Die 600 Stunden neigen sich dem Ende zu, und alle Schüler sollen eine Prüfung machen. Da wird die Aufregung groß.

„Ich kann doch nicht lesen!“ schreit die Türkalienerin, „wie soll ich denn das Leseverstehen schaffen!“

 „Ach, das ist gar nichts“, sagt der Kroasnier, „ich kann doch keine Sätze schreiben! Was mache ich bloß? Mein Brief wird eine Katastrophe.“

 „Ich helfe dir“, tröstet der Russländer, „wenn du mir sagst, wie ich das Perfekt vom Präteritum unterscheiden kann.“

„Halt, halt. Was sagst du da? – Perfekt, was ist Perfekt? Das habe ich ja noch nie gehört?!“  Die Frau aus Indolumbien ist völlig fertig mit den Nerven. Nun hat sie so viel gearbeitet, damit sie „trotzdem“, „obwohl“, „weil“ und „deshalb“ versteht, und nun kann sie kein Perfekt.

„Wisst ihr, was wirklich schrecklich ist?“ fragt der Portuzose. Er hat schon einmal die Prüfung gemacht und ist durchgefallen. Seitdem hat er keine Angst mehr.  „Wirklich schwer ist das Hörverstehen. Da sprechen die Leute so schnell, da versteht ihr gar nichts.“

Sie beschließen, zu ihrem Lehrer zu gehen und ihn zu fragen, ob man diese Prüfung überhaupt bestehen kann. Der Lehrer wiegt bedächtig den Kopf, sieht von einem zum anderen, einmal von links nach rechts, dann von rechts nach links.

“Oh ja, man kann diese Prüfung schaffen“, sagt er dann. Und er belehrt sie darüber, dass sie 60% der schriftlichen Prüfung und 60% der mündlichen schaffen müssen, um als „bestanden“ durchzugehen. Dann gibt er ihnen ein paar Tricks mit wie: „Markiert unbedingt in jeder Aufgabe eine Lösung, auch wenn ihr nicht sicher seid, ob sie richtig ist.“ oder „Wenn ihr etwas nicht wisst, löst erst die nächste Aufgabe und wenn ihr einmal durch seid, geht zu den ausgelassenen zurück.“ oder „Achtet auf die Zeit, legt eure Uhr neben euch.“

Das hilft für einen Moment, aber dann wogt die Aufregung erneut hoch. „Was passiert, wenn wir die Prüfung nicht bestehen?“

Sie könnten sie wiederholen, wird ihnen gesagt. Und wenn sie nur einen Prüfungsteil nicht bestanden hätten, bräuchten sie nur diesen unbestandenen zu wiederholen. Von Integration – diesem politischen Konstrukt – ist jetzt keine Rede mehr.

„Ich muss diese Prüfung bestehen“, sagt die Türkalierin, natürlich nicht in diesem perfekt niedergeschriebenen Deutsch, „für meinen deutschen Pass.“

Das erinnert mich daran, wie vor Jahren einmal ein Patriarch mit seinem Enkel, dem ersten im ersten Gespräch, vor mir saß und seinen Heimatpass auf den Tisch legte wie Kartenspieler einen Royal Flash. Ich war zuständig für die Einstufungstests und die Verteilung der Anmeldungen auf die unterschiedlichen Kursstufen. Dafür gibt es ausgetüftelte Tests – derer es nicht bedarf, wenn man große Unterrichtserfahrung hat.

„Deutsch Pass!“, hatte er gesagt. Sein Enkel übersetzte: „Mein Großvater möchte gerne einen deutschen Pass haben.“ Ich hatte den Großvater begrüßt und ihn gefragt, wie es ihm gehe und ob er Deutsch spreche. Woraufhin der Großvater sich vorgebeugt, seinen Enkel angestoßen und noch einmal wiederholt hatte „Deutsch Pass. Ich.“

Gottseidank habe ich damals nicht entscheiden müssen – und ich muss es auch heute nicht -, wer einen deutschen Pass bekommt, und wer nicht. Ich hatte also die beiden zu einer Kollegin geschickt, die für diese Angelegenheiten zuständiger war – das macht man so, um das Gesicht auf beiden Seiten wahren zu helfen – und mich dem nächsten in der Reihe zugewandt

Drei Wochen später war er zurückgekommen, hatte seinen zweiten Enkel mitgebracht. Ich erinnerte mich und sprach ihn folglich mit seinem Namen an. „Möchten Sie sich jetzt für einen Deutschkurs anmelden? Gibt es Probleme?“ „Mein Großvater kann nicht schreiben, er kann auch kein Deutsch. Er braucht nur einen deutschen Pass. Bitte schreiben Sie ihm eine Bescheinigung.“

Ich habe mich dann bei beiden sehr unbeliebt gemacht.

Unser zuvor beschriebener Kurs beherbergt nun ebenfalls drei Teilnehmer, die einen deutschen Pass erwerben möchten. Ich freue mich immer, wenn jemand Deutscher werden möchte. Mir ist viel daran gelegen, meine Sprache weiterzugeben und ihre Denkwelt zu vermitteln. Es ist eine wunderbare Denkwelt, die natürlich im Handeln und im Umgang der Menschen miteinander einen Spiegel hat. Das sieht man in den heutigen Zeiten allerdings nur, wenn man den Spiegel ordentlich putzt und sich nicht ablenken lässt von allerhand Glitter, der drumherumhängt.

Anfang des Jahres 2007 – folgen Sie mir bitte unauffällig – bin ich in China gewesen. Zum Deutschunterrichten. Abgesehen davon, dass ich einen Zustand vorfand, den ich hier nicht weiter beschreiben möchte, ging ich gleich in einer Art und Weise vor, die mir schon nach zwei Wochen den Satz einbrachte, „die Deutsche“ sei da und räume jetzt mal auf. Dabei hatte ich nichts anderes getan, als mit dem mir eigenen Temperament die Situation zu analysieren, einen Soll-Ist-Vergleich vorzunehmen und die nötigen Maßnahmen einzuleiten. Andere mögen „Strukturieren“ dazu sagen.

Die deutsche Sprache hat indes eine bemerkenswerte Struktur. Was sie so bemerkenswert macht, ist nicht, dass es so viele Regeln mit Ausnahmen gibt (immer wieder angeführtes Argument, warum Deutsch so schwer zu lernen sei!) Das ist ein weit verbreitetes Vorurteil von Leuten, die mit falschen Vorstellungen und infolgedessen mit den ungeeigneten Regeln eine Bauchlandung machen.

Die Besonderheit der deutschen Struktur rückt sich auch gleich zurecht, wenn man sie von der Sprache her betrachtet, aus der der Schüler kommt. Dies herauszufinden war jahrelang mein Steckenpferd und mein großer Spaß, ich bin auch richtig gut darin. Gut bin ich auch darin, die Struktur des Deutschen aus dem Deutschen heraus zu erklären – wie ich das tue bedarf allerdings eines eigenen Textes. Dass ich es tue und auch im Unterricht dafür verschiedene Methoden einsetze, Übungen vorbereite und das Tempo vorgebe, ist meine Aufgabe als Lehrer. Ich nehme also die erwachsenen Schüler an die Hand und führe sie in die deutsche Sprache hinein. Themen brauchen Wörter, Grammatik braucht Wörter, damit sie angewendet werden kann. Wörter müssen gelernt werden, denn wenn sie nicht im Kopf sind, liegen sie auch nicht auf der Zunge. Da taucht das erste Problem auf: meine Klientel hat Schwierigkeiten mit dem Gedächtnis. Sie behält die Wörter nicht.

Sie behält auch nicht die Wortfolge in einem deutschen Satz: Nominativ – Verb/Prädikat – Ergänzungen. So macht man das in einem Hauptsatz. Im Nebensatz mit einer unterordnenden Konjunktion steht das Verb allerdings am Satzende. Überhaupt, es fällt ihnen schwer, zu behalten, wann man von einem Verb spricht. Der deutsche Satz, und damit plaudere ich kein Geheimnis aus, baut sich rund um das Verb auf. Für weiterführende Information können Sie eine Veranstaltung bei mir besuchen…

Nun müssen die Schüler die Arbeitsterminologie nicht aus dem Effeff können – Gott bewahre! sie ist zweitrangig – und doch wichtig. Es erleichtert einem erwachsenen Lerner – bei dem eine gewisse Kognition vorausgesetzt werden kann – das Lernen. Er lernt eben nicht wie ein Kind, sondern kann anhand von Systematik effizient lernen und Regeln erkennen. Das sollte man ihm auch nicht vorenthalten.

Uneingedenk der Geduld, die ein Lehrer ohnehin aufbringt, wird ein Integrations-Lehrer viel wiederholen, sehr viel wiederholen, und es geht trotzdem nicht weiter. Was fehlt? Es fehlt an mindestens zwei Dingen: einer inneren Ruhe, derer es bedarf, um etwas lernen zu können (man muss sich einlassen können!) – und an Geordnetheit – nicht beim Lehrer, sondern bei den Schülern. Ich höre auch gleich mit dieser Analyse-Arie auf, nur noch ein Hinweis: die fehlende innere Geordnetheit, die Unstruktiertheit des Eigenen wird von außen eingefordert. …..  Aber: sie darf auch nicht zu unbequem sein. Wenn die äußeren Anforderungen zu weh tun, und aus dem unfreiwillig über sie gekommenen Schlaf reißt, zu Selbstdisziplin und Ordnung (z.B. in Form von Pünktlichkeit oder Heftordnung) und Anwendung der im Unterricht gelernten Deutschdinge aufruft, dann – setzt die Verweigerung ein.

„Ich Deutschpass“ ist ein Ziel, denn ohne deutschen Pass keine Bleibeberechtigung, ohne eine geschaffte Prüfung keine Aussicht auf Weitererhalt von Geld, auf dessen Bezug sie angewiesen, nachdem viele jetzt so lange hier sind. Zwischen diesem Ziel und ihnen steht der Lehrer. Es macht wütend, die Gesetze nicht oder nur halb zu verstehen, wobei die halbverstandenen Gesetze noch gefährlicher als richtig verstandene sind, und es macht hilflos. In ihrer Hilflosigkeit beschimpfen sie den, der sie orientiert und begleitet: „Hitler‘s Tochter“, trug man mir zu, habe mich jemand im Kurs genannt, offensichtlich aufgrund des von mir mit der mir eigenen Energie und Geordnetheit geführten Unterrichts. Das hat mich auf dem linken Fuß stehend getroffen, volle Breite, voll unter die Gürtellinie (oder sagt man das nur bei Männern?). Nein, es tat  in der Gebärmutter weh, dort, wo das Leben heranwächst und genährt wird. Das, was ich seit Jahren in den Kursen tue. Leben und Sprache geben, vermitteln, verständigen.

Was noch mehr schmerzt, liegt an anderem Ort. Die vielen DaF-Lehrer und ich stehen an einer Front und kämpfen auf verlorenem Posten. Es war ein langer Weg und es bedurfte mehrerer Trosse von Politikern bis hierhin, und er kann und wird nicht revidiert werden. Derzeit spiele ich mit dem Gedanken ein Inserat aufzugeben: „Deutschpass abgeben. Ich.“

Karin Afshar, Oktober 2007