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HUNGER NACH DEM EIGENEN DASEIN

Der undurchsichtige Geliebte

Ich leiste mir ein Kapitel Spekulation bzw. Schnitzeljagd auf astrologisch. Doch zunächst stelle ich eine nächste Tragödie vor: Anna Karenina[1] hatte einen Geliebten – den Grafen Alexej Wronskij – und die Geschichte endete tragisch mit ihrem Selbstmord. Die außereheliche Beziehung zwischen Anna und Wronskij ruinierte Annas Ehe mit Karenin endgültig und stieß in der Gesellschaft des damaligen Zarenrussland auf Missbilligung. Die Kinder (ein Sohn und eine Tochter) kamen hierbei zwar nicht zu Tode … aber mich interessiert in diesem Zusammenhang auch mehr  „der Geliebte“ als die Kinder. Dass Anna Karenina im Dilemma zwischen der Liebe zu ihrem Sohn (mit Karenin) und zum Liebhaber immer weiter in den Wahn abrutschte, sei nebenbei erwähnt.

Anna Arkadjewna Karenina wird als widersprüchlich, am Anfang überhaupt nicht als hübsch beschrieben. Sie erscheint unnahbar, unzufrieden, verwöhnt, als Mutter zwar liebevoll, aber oberflächlich. Erst als sie den Sex entdeckt, ihren Hunger stillt, wird sie unwiderstehlich und zu einem „Vamp“. Mit den Frauen in ihrer Umgebung versteht sie sich nicht, ihre einzige Freundin ist Dolly, die Schwägerin. Ein Mond-Neptun liest sich hier heraus, die Geschlechtsunterlegenheit unter Gleichgeschlechtliche – und eine Undine, die in Empfindungsrollen schlüpft, um eine Identität zu haben.

Der schöne Graf liest sich von Anfang an als „Gockel“ und Windhund (ich muss dabei an einen realen Adligen denken: Hermann Fürst Pückler von Murnau, seines Zeichens Skorpion mit Schütze-AC, genau besehen fallen mir sogar noch zwei weitere – echte Hallodris – ein). Sohn einer Mutter, und was für einer! Was man da liest, klingt nach einem Mond-Uranus. Wronskijs schöne Zähne werden immer wieder erwähnt – am Schluss des Buches hat er Zahnweh. Wir erinnern uns an Fritz Perls und die Aggression und die Zähne. Ein stark gestellter Mars, vermutlich ein Jupiter-Mars, denn der Mann ist Kavallerie-Offizier – Ross und Reiter. Das Zahnweh könnte der Hinweis auf einen akuten Mars-Neptun sein. Neptun-Transit über den Mars.

Wronskij weiß sich in Szene zu setzen, um Anna zu gefallen, will Eindruck schinden. Bei ihm ist alles mehr Schein als Sein, und es ist nicht ganz sicher, ob er Anna richtig liebt oder doch nur die Vorstellung von Liebe…

Soweit der Versuch einer Überleitung zum Drama des Hauses Weimar. Der Geliebte in dieser Geschichte heißt Kevin Pratt, er ist US-Soldat im Rang etwa eines Obergefreiten. Man könnte ihm in der Geschichte um die erkaltete Ehe die Rolle eines Katalysators zuteilen, wissen jedenfalls tun wir von ihm nicht viel. – Im August 1986 ist er 22-23 Jahre alt, im April desselben Jahres soll er in Bad Hersfeld Monika Weimar kennengelernt haben. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Kevin Pratt, aus: Cichos, S. 17

Scheiden lassen kann er sich von seiner Frau als Soldat in Übersee nicht, von Monika aber, die angibt, geglaubt zu haben, er sei bereits geschieden, verlangt er, dass sie klare Verhältnisse schafft und die Scheidung einreicht. Wir gewinnen das Bild eines recht „moralischen“ jungen Mannes, der großen Wert auf Ehrlichkeit und Transparenz legt. Dabei steht hier eine Forderung einer anderen gegenüber: Reiche du die Scheidung ein, dann reiche ich den Antrag auf Aufenthaltsverlängerung ein. Weder das eine noch das andere geschieht. Seine Darstellungen in den Vernehmungen sind sprachlich unbeholfen und sein Verhalten von einer kindlichen Logik: er denkt, dass eine Scheidung von einer Woche auf die andere eingereicht geschweige denn ausgesprochen werden kann, und wechselt, wenn Monika dem nicht nachkommt und Gegenargumente hat, im Handumdrehen zur nächsten Frau, die er fragt, ob sie mit ihm in die USA gehen wolle. Es kommt zu Eifersuchtsszenen, Versöhnungen und neuem Streit. Der junge Mann ist verletzt, weil ihn die erste Frau betrogen hat, und nun sucht er Halt und Orientierung. Vermeintlich. Er verkehrt in den Bad Hersfelder Diskotheken und versucht sich in Ablenkung und Rehabilitation.

Als Monika Weimar am 29. August schließlich die „Nachtversion“ auf den Tisch bringt, bricht der Geliebte mit ihr. Er kann nicht verstehen, dass sie nach ihrer Rückkehr nach Hause und nach dem Auffinden der toten Kinder seelenruhig ins Bett gegangen sein und dann auch noch neben Reinhard Weimar geschlafen haben will. Er kann auch nicht verstehen, warum sie behauptet, er habe sie am 4. August 1986 morgens nicht angerufen, um zu fragen, ob sie – betrunken wie sie war – auch heil mit dem Wagen nach Hause gekommen sei.

Die Beziehung zu Monika Weimar bekommt einen nächsten Sprung, auch wenn beide bis zu ihrer Verhaftung und seiner Abreise in die USA Ende Oktober noch mehrmals telefonieren. Eine weitere Facette tritt zum Bild hinzu: da ist ein junger Mann, der sich als emotional recht unentwickelt erweist. Sein Blick auf die Geschehnisse ist der eines Pubertierenden, der sich selbst und seinen Einfluss überschätzt. Leider haben wir kein Geburtsdatum von ihm, aus den Büchern und überhaupt den Berichten ist wenig über ihn zu erfahren (was nicht verwundert, ist er doch Angehöriger der Militäreinrichtung eines einflussreichen Landes).

Außer dass er 1997, als er zum Revisionsprozess in Gießen anreist, krank[2], unter Morphium stehend und an den Rollstuhl gefesselt ist (als Folge einer missglückten Operation) und von einer Krankenschwester begleitet wird, dringt nicht viel mehr an die Öffentlichkeit. Ein Jahr zuvor hat er gegen 10.000 Dollar ein einstündiges Interview gegeben. Was man an Ausschnitten davon liest, klingt nach einem einfachen Menschen, der nicht sehr reflektiert ist.

Schaut man sich die Fotos, besonders die Physiognomien, von Reinhard Weimar mit 34 Jahren und Kevin Pratt mit 34 Jahren an, kann eine Ähnlichkeit nicht abgestritten werden. Außer der Art und Weise, wie sie ihre Brillen und den Schnauzer tragen, verbindet eine weitere, zunächst nicht als solche erkennbare, Gemeinsamkeit die Männer: der eine ist in seiner stumpfen, nichts als Fürsorge und Betreuung erwartenden inneren Armut zu einer Partnerschaft nicht fähig, der andere kann zwar mit Frauen umgehen und schnell Kontakt aufnehmen, sucht jedoch keine Partnerin – entgegen seinen Behauptungen -, sondern ein Alibi für das Scheitern seiner Ehe. Er ist nicht damit zurechtgekommen, dass seine Frau aus der Ehe ausgebrochen ist, und will sich selbst beweisen, dass es nicht an ihm lag. Bereit für eine richtige Partnerschaft ist er nicht.

Reinhard Weimar, 1986

Kevin Pratt, 1997

Noch eine dritte Gemeinsamkeit teilen die Männer. In einer Vernehmung vom 19. September 1986[3] sagt Pratt aus, er habe eine feste Bindung zu einer Frau haben wollen, um seine Kinder in Amerika nicht allein zu lassen. Reinhard Weimar seinerseits hatte im Juli 1986 bereits Kontaktanzeigen aufgegeben, weil er eine Frau suchte, damit die Kinder und er versorgt wären. In einer Vernehmung vom 17.10. gibt er zu, jemanden zu brauchen, der ihn versorgt. Er habe spät geheiratet, sei froh gewesen, eine Frau gefunden zu haben. „Ich bin nunmal unselbständig.“[4] Beiden Männern schien es letztlich um ihre eigene Bequemlichkeit zu gehen.

Kevin Pratt – wie für den schneidigen Graf Wronskij angenommen – verfügt mit einiger Sicherheit über einen Mars-Jupiter – die Frage der Ehre, welcher auch immer – wird im Militärischen gefunden. Ein Schütze-AC vielleicht? – Mit dem kommunikativen und Kontakt knüpfenden Zwilling am DC?

Ultimatum stellend, leicht erregbar, impulsive Entscheidungen (Trennung von jetzt auf gleich) treffend, beleidigter Zurückzug, sobald er einen Spiegel vorgehalten bekommt (Monika Weimar könnte ihn an seine Frau erinnern!), bei gleichzeitiger Unsicherheit. Monika Weimar wird nach einigem Hinschauen, aber eben nicht sofort, den Scheinstarken erkannt haben – sie ist ihrem Männerbild „treu“ geblieben: Mars-Uranus.

Es darf mitspekuliert werden. Die Verhaltenseigenschaften lassen an einen Skorpion denken: der Mann hat seine Prinzipien, er ist leitbildorientiert, mit intensiven „Gefühlen“, die immer dann entstehen, wenn die Psyche nicht in der Lage ist, das Verhalten zu tragen.

Somit erfolgt die Mobilisierung des Verhaltens aus der Vorstellung: man hat einen Erfüllungszwang – und der lässt kaum Platz für die Anliegen der Anderen, sondern man überträgt die eigene Vorstellung auf die anderen. Den 26.10.[5] habe ich deshalb ausgewählt, weil damit die Sonne auf die Jupiter-Neptun-Konjunktion von Monika Weimar zu stehen kommt – die Faszination für die Fata Morgana. Die Erscheinungsseite ist Mond-Mars, den sie wiederum im Wassermann aufweist.

Auf 3° Skorpion liegt der Jupiter-Sonne-GSP, den ich ebenfalls im Verhalten und in der Durchführung relevant vermute. Als Jahr habe ich das Jahr 1963 angenommen, als Geburtsort eine Stadt in Oklahoma. Die Uhrzeit habe ich natürlich auch nicht zufällig auf 11:50 Uhr gelegt – bei diesem Menschen könnte es sich um sehr viel Pluto-Uranus handeln. Private Enttäuschungen und das schicksalhafte Steckenbleiben bei 14-15 Jahren – das entnehme ich den unausgereiften Antworten und Aussagen in Vernehmungen, soweit sie mir zugänglich sind. Das Gefangensein zwischen Bindung/Gebundenheit und Freiheit.

Als AC käme auch ein Wassermann in Frage: das Hochgewachsene, das Schlaksige. Dann wäre der MC auf 2° Schütze mit dem Mars darauf und am AC stünde Mond-Saturn in Konjunktion.

Doch lasse ich vorerst den Schütze-AC stehen. Schauen wir den Verbund an. Schütze-Skorpion-Waage.

In der Exposition steht ganz knapp Mars auf 00°41‘ im Schützen, der Mann als Jäger. Mars hat ein Spiegelquadrat zur Sonne und zu Merkur. Beide stehen in der Durchführung und auch noch in Konjunktion – wie bei R. Weimar und auch bei Monika Weimar! Jupiter selbst steht im Widder – erneuter Hinweis auf den Mars-Jupiter: da sagen wir u.a. „doppelte Eroberungsenergie“ oder auch „das Großmaul“ – Mars trägt hier die Anschauung des Jupiter auf der Fahne vorneweg, ist der Anführer einer Koalition der Willigen. Und der Übergriff auf andere.

Angenommene Geburtszeit Pratt (innen)
+ M. Weimar (außen)

Monika Weimar (innen) + Pratt (außen)

Im Oktober 1963 war der Jupiter rückläufig. Wie beschrieben, ist ein rückläufiger Jupiter nicht unproblematisch, treibt er doch sein „Fügungsprinzip“ ins Extrem hin zur Ablehnung oder Überhöhung des eigenen kulturellen Hintergrundes.

„Das Schauen in Extremen mit dogmatischen Elementen kann sich in Überheblichkeit äußern. Die nicht realistische Einschätzung anderer Menschen und ihrer jeweiligen Aktionen ist in gewisser Weise ein Empathiemangel aus Hybris heraus. Menschen mit rückläufigem Jupiter können hoch steigen und tief fallen. Die Rückläufigkeit eines Planetenprinzips geht damit weit hinter sein ungelöstes Prinzip in der Direktläufigkeit zurück, der Betreffende hat sozusagen doppelte und dreifache „Aufklärung“ vor sich und geht aus der Krise mit einem bedingungslosen Einsatz für andere Menschen hervor.“[6]

Bevor die Sonne im Skorpion dies jedoch durchführt, wird zunächst Neptun in Begleitung von Venus „aktiviert“. Die Auflösung von Formen unter der Regie von Pluto – das ist eine ererbte Erfahrung von Unbegrenztheit. Das Fremde kann ins eigene Revier eindringen und dieses kann sich nicht wehren. Das ist also eine Abwehrschwäche, die man da mit sich trägt. Zusammengeschaut mit der doppelten Erobererenergie ergibt sich jetzt das Bild eines „Eroberers mit Handicap“. Ausgestattet mit dem Drang zur Ergreifung der Räume wird Revierunsicherheit übertragen. Eine Virenschleuder?

Neptun-Venus spricht von der Suche nach Bewusstseinserweiterung, das ist in diesem Fall die Auflösung der Gegenwart als Flucht aus ihr. Zuviel Gegenwart wird wie zu intensive Nähe des Partners nicht ertragen. Gleichzeitig die Suche nach der wahren Liebe. Monika Weimar ist die Trägerin einer Venus in den Fischen – und damit eine ideale Projektionsfläche. – Neptun-Venus enthält die rückwärtige Diagonale des Engramms: Mars-Uranus  – die Fremdbestimmung und die Suche nach dem stabilisierenden Partner im Außen. Auch hier ist ein Trauma die Ausgangssituation – Uranus-Neptun – eine versunkene Wahrheit ist ins Bewusstsein zuzulassen.

Uranus-Neptun ist in diesem (spekulativen) Horoskop zwar nicht gegeben (dafür aber in den Horoskopen der Weimars), wohl aber ein Pluto-Uranus. Die beiden Prinzipien stehen im Orbis von 4°37‘ in Konjunktion in der Jungfrau. Kinder mit Pluto-Uranus erfahren die Mutter als vom Vater gedemütigt. Das später erwachsen gewordene Kind geht Partnerschaften nicht voll ein, der Partner wird allenfalls zum Bewegungsgeber, für den man sich einem Kollektiv anschließt, womit man ihn (vor sich selbst) rechtfertigt und die Täuschung verteidigt. Die Enttäuschung ist bereits vorprogrammiert, Schuldgefühle mit dem tatsächlichen Schuldigwerden am eigenen Ursprung ebenfalls.

Ein Sohn mit Pluto-Uranus wächst in einem Klima heran, in dem sein Leben be-droht ist. Er ist von Beginn an nicht angenommen, weswegen er nun im Auf-wachsen versucht, von der Mutter akzeptiert zu werden. Er traut sich nicht, Mann zu werden (das würde ihn dem Hass der Mutter aussetzen), und lebt mit Schuldgefühlen, sobald sich seine Geschlechtlichkeit entwickelt. Folglich ergibt sich Angst vor Müttern und Frauen. Der Sohn setzt seinerseits die Verhaltensmaske des Weiblichen auf und glaubt sich damit vor den Frauen in Sicherheit. Sein inoffizielles Ich (verdrängt und in ständiger Enge) wird vom offiziellen Ich in einer Vorstellung des Männlichen bevormundet und kann sich auch nur im Inoffiziellen leben. Nach außen verbindet sich der Mann mit einer Frau in der Verhaltensmaske des Männlichen (die „strafende Mutter“), während er bei inoffiziellen Partnerinnen die liebende, ihn akzeptierende Mutter sucht, bei der er sein als Mann Gedemütigt-Sein dahingehend vergelten kann, dass er sie zwingt, ihm Geborgenheit zu geben, d.h. indem er sie unterwirft. Schuldgefühle und Angst eskalieren.[7]

Nun würde es uns nützen, etwas über die Hintergründe der Familie Pratt zu wissen. Wir müssen uns aber leider mit dem Wenigen begnügen, das wir haben: der junge Mann hat ein Problem mit Frauen. Wolfgang Döbereiner fragte an solchen Stellen gerne: „Würden Sie ihn als Schwiegersohn haben wollen?“ – Gewiss ist, dass er mit dieser Konstellation den „wunden Punkt“ der Weimars berührt, was er nicht weiß.

Neptun und Venus haben außerdem ein Quadrat zu Mond und Saturn im Wassermann – hier nehmen also Skorpion und Wassermann das Reinhard-Weimar-Thema unter fast gleichen Vorzeichen auf. Reinhard Weimar mit Mond-Mars im Skorpion und Sonne-Merkur in Wassermann, und Pratt Sonne-Merkur in Skorpion und Mond-Saturn in Wassermann. Es geht natürlich um eine Konkurrenzsituation – es ist ein Unterwerfungsgeschehen, in das die beiden Männer geraten sind.

Die Sonne auf dem Jupiter-Sonne-GSP des „Herausforderers“ muss als unfrei gelten. Bei Sonne-Merkur ist die gesamte Erlebniswelt des Kollektivs, und damit das Dasein, in der Weise geregelt, dass die „Herrschaft des gemeinen Volkes“ im Sinne der Erfüllung niedrigster Bedürfnisse angestrebt wird. Er begibt sich also in ein Kollektiv (das ihn auch wohlwollend aufnimmt), in dem er fortan ein Vorgang ist. Der Konkurrent hat ebensolches.

Schauen wir auf das Ergebnis bzw. den Nachgang des Verbundes – die Waage. Merkur steht in der Waage, mit der Konjunktion zur Sonne, Reprise des Themas „Vorgang im Sozialen“ – Venus-Merkur: ohne eigene Gegenwart und ohne Dasein.

Monika Weimars rückläufiger Jupiter in der Waage steht in 1°-Orbis zum Merkur von Pratt – man versteht sich und versteht sich doch nicht. Das ist die „gegensätzliche Ähnlichkeit“ (WD). Es trifft die eine Ausübung auf die andere, doch ohne zugrundeliegende Bestimmung bleibt dies eine ruhelose, geschwätzige Begegnung, potenziert noch dadurch, dass sich sein und ihr Merkur in Opposition gegenüberstehen. Man redet aneinander vorbei.

Die Venus als Herrscherin des Waagezeichens verweist zurück in die Durchführung und die Auflösung des Bewusstseins. Sie hat ein Quadrat zu Saturn und zu Mond. Männer mit Mond-Saturn fürchten die Verdrängung von der Seite der Mutter-Partnerin, erleben Entfremdungsgefühle (z.B. wenn die Frau schwanger wird), suchen die unberührte Frau, werden „eifersüchtig“ auf den Nachwuchs, während gleichzeitig Venus-Mond das Leben und Empfinden in der Mutterwelt bedeutet, Kulissengefühle inbegriffen, und Saturn-Venus der Verrat an der Eigenart bedeutet. Infolgedessen hält Venus-Saturn an der Integration (dorthinein, wo er nicht hingehört) fest, da er Angst („das Blut gefriert ihm in den Adern“) vor dem Schritt ins eigene Leben hat.

Was immer mit Kevin Pratt passiert ist – dass er nur 10 Jahre nach den Vorfällen in Bad Hersfeld im Alter von 34 Jahren (das Alter seines Kontrahenten Weimar 1986) im Rollstuhl sitzt und an einer Form des Morbus Sudeck in einem späten Stadium leidet, zeigt, dass er diesen Schritt nicht gegangen ist.

Reinhard Weimars Pluto steht übrigens in Quadrat zur Venus von Pratt, während Monika Weimars Pluto zu Pratts Mars im Quadrat steht. In diesem Fall ist der Geliebte (Anima-Animus) am Verdrängten der Weimars „zugrunde“ gegangen.

Er habe die Mädchen Melanie und Karola geliebt, heißt es an verschiedenen Stellen sowohl in den Vernehmungen als auch in den Berichten von Monika Weimar. Was ist schon Liebe? – Es ist der Hunger, in unserem Kontext von unschuldigen Kindern gesehen und akzeptiert zu werden, der diese Vorstellung entstehen lässt: und der Traum von einer heilen Familie.

Sowohl im Fall des Ehemannes wie auch des Geliebten kommt der „Fall“ in die Krankheit, nachdem sie von der Frau (der sie Energie abgezogen haben) verlassen wurden – einem kalten Entzug gleich, den sie durchmachen. Im Fall des Einen wie des anderen hat der Liebesentzug nach einem symbiotischen Verhältnis (das eine Täuschung war) zu einem körperlichen Kollaps geführt.

Es gibt jedoch noch zwei weitere Aspekte.

  1. Nicht nur eine Frau wird als Geliebte das Absprungbrett eines Mannes aus einer unbefriedigenden Partnerschaft – auch der männliche Geliebte kann dies für eine Frau bedeuten. In diesem Fall wird sie ihn benutzen, um aus der Ehe auszusteigen, sich den nötigen „Kampfgeist“ zu holen, und den Liebhaber, sobald die Scheidung geschafft ist, fallenlassen.
  2. Nicht jeder Liebhaber will unbedingt, dass sich die verheiratete Frau seinetwegen scheiden lässt. Er genießt die Unverbindlichkeit der Beziehung bzw. die Gefährlichkeit der Entdeckung, was ihm – und auch ihr – „Kick“ ist, besonders, wenn Mond-Pluto gegeben ist, ist die Lust im Illegitimen viel größer.

Fatalerweise – und dies auf unterschiedlichen Stufen der Reflektionsfähigkeit – werden beide Hintergründe von den Beteiligten (hier wie allgemein) weder erkannt noch benannt. Stattdessen ist von Liebe und ernsthaften Zukunftsplänen die Rede (Neptun-Venus).

Im Fall von Monika Weimar haben wir es mit drei Erwachsenen zu tun, die großen Täuschungen erliegen, und damit Enttäuschungen heraufbeschwören. Die Frau in diesem Trio ist diejenige, die noch am ehesten aufgewacht ist und einen Zugang zur Wirklichkeit der Lage gewonnen hat, auch wenn sie es nicht artikulieren konnte.

Der jüngere Liebhaber hat qua seiner emotionalen Entwicklung und seiner Vorstellungsgebundenheit die Argumentation der Frau, sie könne wegen  der bevorstehenden Einschulung der Tochter nicht sofort die Scheidung einreichen, nicht verstehen können (mit Mond-Neptun war er zwar der „Einfühlsamere“[8] der beiden Männer, gleichzeitig aber auch dem Mann, der nichts zu verlieren hatte, unterlegen). Er musste sich – auf der Basis seines Frauen- und Mutterbildes – verraten fühlen. Gleichzeitig war er auch der „Gebundene“, und alles andere als in der Lage, die Frau seiner Vorstellung mit in die USA zu nehmen. Ein leeres Versprechen, eine Illusion, das an seiner Funktion als US-Soldat lag. […]

Aber wie gesagt: hier ist viel Phantasie im Spiel, nageln Sie mich nicht fest. Ist aus der Werkstatt. Für weitere Hinweise bezüglich der Hintergründe wäre ich außerordentlich dankbar.

aus: Hunger nach dem eigenen Dasein, Teil II – Astrologische Spurensuche anhand eines Falles von Kindstötung, fertig voraussichtlich im Februar 2020

 

 

[1] Protagonistin in Leo Tolstois Trilogie „Anna Karenina”.

[2] Reflexsympathetic Dystrophie, auch CPRS ist ein Schmerzsyndrom, zu dem es nach äußerer Einwirkung (z. B. Traumen, Operationen und Entzündungen) kommt und das über verschiedene Stadien schließlich zu einer Dystrophie und Atrophie von Gliedmaßenabschnitten führt. In der TCM finden sich folgende Zuschreibungen: Leber-Qi-Stagnation, Yin-Mangel und Leere – Hitze, Mangel an Jing, Milz-Mangel mit Feuchtigkeit, Schleim-Feuer im Inneren, Herz -und Milz-Mangel, Disharmonie von Herz und Niere, Herz- und Gallenblasen-Qi Mangel. Astrologisch würde ich einschätzen: Nerval – Uranus, Wasser + Gewebe = Ödeme = Venus-Neptun, Entzündlichkeit – Mars; in Stadium II kommt es zu Dystrophien und im III. Stadium zu Atrophien – Jupiter-Mond und schließlich Saturn… Auf jeden Fall Bezug zu Leber, Nieren und Herz unter Beteiligung der Knochen. Äußerst schmerzhaft.

[3] Cichos, S. 151

[4] Cichos, S. 174

[5] Erst später neu gelesen: der Scheidungstermin der Weimars im Jahr 1987.

[6] Afshar, Hunger nach dem eigenen Dasein, Teil 1, S. 69f.

[7] Afshar, Konstellationen, S. 386 f

[8] Über das Wort „einfühlsam“ müssen wir noch einmal gesondert nachdenken.  Ein Mond-Neptun ist nicht unbedingt jemand, der die anderen versteht, sondern kann bei Unerlöstheit im Anderen den Eindruck erwecken, ihn zu verstehen, sucht aber tatsächlich nach einer Empfindungsidentität, als Rolle. Den Anderen wirft er weg, sobald der ihm nichts mehr gibt.