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HOMÖOPATHISCHES UNTERRICHTEN

Hat Pädagogik etwas mit Homöopathie zu tun?


1. Über die Grenzen der herkömmlichen Praxis hinaus

Dass man Pädagogik mit Psychologie vergesellschaftet hat, ist inzwischen nicht mehr neu. Die Lernpsychologie gehört inzwischen ebenso zum Lehrfach Didaktik wie die Kognitive Psychologie und die Psycholinguistik. Dass psycho- und lerntherapeutische Erkenntnisse und Methoden durchaus auch in einem Unterricht Eingang finden könnten, ist weniger geläufig. Dass man von der Psychologie, d.h. im weitesten Sinne der „Lehre vom Wesen des Menschen und seines Ausdrucks“, zur Astrologie gelangt, ist jenen, die das Instrumentarium kennen, klar.

Denn Astrologie kann den Menschen in seinem Verhältnis zur Zeit und zu seinem Schicksal deuten. Ein Horoskop zeigt die Potentiale eines Menschen, wenn zwar nicht das Maß dieser Potentiale, so doch die Anlage an sich. Diese sind dem Menschen zur Entwicklung aufgegeben. Er kann diese Aufgabe annehmen oder verweigern. Dem Menschen mitgegeben ist Spannung, wenn Anlagen füreinander nicht geeignet sind oder sich widersprechen. Spannung empfindet ein Mensch allerdings selten als angenehm. Also versucht er Spannung abzubauen oder zu vermeiden.

Auch eine misslungene Spannungsauflösung – in zu wenig Spannkraft oder zu viel Verspannung – ist Ergebnis der dauernden Arbeit am Gleichgewicht. Die weitaus meiste Zeit lebt ein Mensch nicht im Gleichgewicht. Das bedeutet: er ist unheil.

An dieser Stelle treten die Therapeuten auf den Plan. Eine Behandlung des Kranken wird angefragt, wenn das fehlende Gleichgewicht droht, den Menschen zu vernichten. Das Ungleichgewicht kann sich seelisch, körperlich und geistig auswirken. In unserer heutigen Zeit der Arbeitsteilung (die allerdings sich selbst überholt hat!) ist der Psychologe für die Seele, der Mediziner für den Körper und der Priester für den Geist zuständig (wobei das Priesteramt an seiner traditionellen Bedeutung eingebüßt hat). 

Unsere Ärzte sind weitgehend spezialisiert. Selten noch findet man einen „Hausarzt“, der den ganzen Menschen, der mit Beschwerden zu ihm kommt, kennt und behandelt. Die Realität ist, dass wir zu einem Arzt des Vertrauens gehen, der uns sodann zu einem Spezialisten für Innere Medizin, Hals-Nasen-Ohren-Beschwerden, zu einem Orthopäden u.v.m. „überweist“. Damit sei ausgedrückt, dass unsere landläufige Medizin die Krankheit behandelt, nicht aber den Menschen.

Ganz anders die Homöopathie. Während die Allopathie (unser momentan praktiziertes Arzttum) gegen die Symptome anarbeitet und sie „bekämpft“, geht die Homöopathie einen Weg der „Mitsinnigkeit“:  sie behandelt „Ähnliches mit Ähnlichem“ (Simile-Gesetz). Hinter dieser Methode steckt die Idee, dass Symptome des Körpers (oder der Seele und des Geistes) nicht vordergründig Zeichen von Krankheit sind, sondern vielmehr Signale der Bemühung des Körpers, ein verloren gegangenes Gleichgewicht wiederherzustellen. Allerdings schafft es die innere Kraft nicht vollständig, den Menschen wieder ins Lot zu bringen, und so verhärten sich die Zeichen. Das mitsinnige Mittel unterstützt nun den inneren Arzt in seiner Richtung und bringt den Heilungsprozess in dieselbe Richtung zu Ende. Darauf wird weiter unten noch eingegangen werden.

Astrologie wie Homöopathie arbeiten mit Bildern, sind nicht logisch-kausal orientiert, sondern bewegen sich in analogen Welten, in denen wir es mit Gestalten zu tun haben. In unserer auf Funktionalität angelegten Welt, in der es um Informationsverarbeitung und -vermittlung und um Konsum und Eindrucksverarbeitung geht, haben sie es schwer. Dieses Denken zwingt uns, in Dimensionen von Ursachen und Wirkungen zu leben. In diesen Dimensionen werden wir zu Vorgängen ohne Dasein.

Vor diesem Hintergrund wird im Titel die Frage bestellt: „Unterricht“, als Ort der angewandten Pädagogik und Didaktik, ist heutzutage ein Vollzug, auf die Vermehrung von Wissen im Allgemeinen und auf Anwendung der Informationen als Instrumente im Besonderen, so dass für die ganz eigene Persönlichkeit eines jeden Lernenden wenig Platz bleibt. Und selbst der Einzug der Psychologie in den Unterricht gilt nicht eigentlich dem lernenden Menschen, sondern seinem Verstand und seinem Intellekt. Ein ganz anderes Lehren und Lernen tut jedoch not.

Die Frage im Titel ist insoweit falsch gestellt, als sie suggeriert, dass etwas Unmögliches versucht werden soll. Die Frage hat eigentlich zu lauten: „Wie kann ich in meinem Unterricht homöopathisch vorgehen?“ 


2.  Das Wesen von Unterricht

Unter „Unterricht“ verstehe ich eine Zeitspanne, in der ein Mensch bei einem anderen Menschen etwas lernt bzw. lernen kann – das muss also nicht zwangsläufig ein institutioneller Unterricht sein. Üblicherweise leitet jemand, der dafür ausgebildet wurde, diesen Unterricht nach bestimmten Methoden und übt – wiederum nach bestimmten Methoden – das gerade Gelehrte mit den Schülern ein. Ziel von Unterricht ist, dass die Schüler etwas mit nach Hause nehmen, das sie zuvor noch nicht „besaßen“ und das sie in die Lage versetzt, dieses Etwas selbständig auf neue Situationen zu übertragen und anzuwenden. 

Pädagogen allerdings sind wir nun alle in dem einen oder anderen Ausmaße, sei es als Erzieher unserer Kinder, sei es als Übungsleiter im Sportverein, als Mannschaftsführer oder Trainer, als Arbeitgeber und Vorgesetzter. Wo immer es ein Gefälle (an Alter oder Erfahrung) gibt, ist einer der „Lehrer“ des anderen, des Mitmenschen. Deshalb richtet sich der Aufsatz hier beileibe nicht nur an Lehrer, sondern an jeden, der Mitmenschen in irgendeiner Form „anleitet“.

Pädagogik ist die Disziplin, die sich mit der Bildung von Menschen beschäftigt, Inhalt ist: dem bereits „Vorhandenen“ in jedem Menschen auf den ihm innewohnenden Entwicklungsgang zu helfen.  Erziehung ist mithin „Herausziehen“ dessen, das schon da ist. Es ist nicht etwa das Erziehen zu etwas, das ein Kind, ein Schüler nicht ist, sondern die Hinführung zu dem, was sie bereits in sich tragen. 

Im Moment unseres Eintretens in diese Welt bringen wir bereits viel mit – davon geht nicht nur die Astrologie aus, sondern verschiedene pädagogische Richtungen. Genetiker suchen dieses Wissen als materialisierte Informationen auf den Chromosomen im körperlichen Sinne. Es geht jedoch um immaterielles Wissen und Erfahrungen, die an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten gespeichert sind und in Menschenwesen ihre Inkarnation erfahren. Nicht jeder bringt alles in großer Fülle mit, aber jeder doch etwas von dem, was bereits in der Welt anwesend war. 


3.  Pädagogik als Hebamme

Wie Astrologie und Homöopathie ist Pädagogik dann richtig angewandt, wenn sie die einzelnen Menschenwesen, die ihr anvertraut sind, auf ihren eigenen Weg entlässt. Pädagogik ist dann richtig verstanden, wenn sie sich nicht in den Menschen einmischt und ihm Fremdes, wenn auch gut Gemeintes, aufpfropft, sondern ihn zur Selbstwerdung anleitet. Dazu bedarf es jener Kräfte, die in dieselbe Richtung weisen wie bereits seine Eigenentwicklung angedeutet hat. Das allerdings ist mit bloßer Technik, wie sie die Didaktik letztlich bereitstellt, nicht zu leisten.

Überhaupt ist unser heutiges Bildungssystem mehr mit dem Anhäufen von Informationen und deren zielgerichtetem, zweckmäßigen Einsatz beschäftigt. Da wird Wissen übertragen, wobei es nicht in einem Gefüge, sondern in einer kausalen Anordnung, einer Gefertigtheit, Künstlichkeit, vermittelt wird. Daraus resultiert die Einteilung in die „Schulfächer“, die eine Trennung der Welt in unterschiedliche Sparten vornimmt. Viel zu früh wird der Spezialisierung das Wort geredet, und der Überblick über das Ganze sowie die Erziehung zu einem ganzen Menschen verbleiben.

Ungleich verheerender wird sich die neuerdings geplante Art der Wissenvermittlung über das Internet auswirken: körperlose Informationen, die auf Knopfdruck abrufbar sind, alsdann per weiteren Knopfdruck ausgedruckt werden und nunmehr zur Weiterübertragung zur Verfügung stehen, entfernen die Lernenden zunehmend vom Verständnis des Ganzen. Der Blick wird tunnelförmig eng und beschränkt, nicht etwa weit und verständig. Der Mensch wird dabei zum Kalkül im Netz der Informationen. Neuestes Symptom sind die Smartphones, das jene infiziert hat, die sich zwanghaft vergewissern müssen, dass sie noch als sie selbst existieren – als Abbild, vor Kulissen, die Zeugnis ihrer Existenz ablegen. Der Ausbruch der Selfie-Seuche weckt den Verdacht, dass die Auflösungserscheinungen schon weit fortgeschritten sind.

Der „allopathische“ Schulunterricht weiß natürlich um den Faktor „Motivation“ – in anderen Worten um „den Willen zum Wissen“, in weitestem Sinne die Lust am Begreifen und die Suche nach dem Sinn. Also setzt er dort, an der Motivation, an und versucht den Verstand der Schüler durch Sinngebung zu beschleunigen. Allein der ganze Schulstoff findet keinen fruchtbaren Grund, wenn der Schüler sich als Einzelwesen nicht geordnet und orientiert sieht, und die Wissensverteilung in einer Art und Weise geschieht, die ihn persönlich nicht aufschließt.

So manches Kind durchläuft die Schule und hat nie die Chance bekommen, in seinem So-Sein den Weltenstoff in der richtigen Art und Weise vermittelt zu bekommen. Dies ist auch in der Tat ein schwieriges Unterfangen – bei traditionellen Klassenstärken zwischen 20-30 Schülern?!

Das Potential jeder einzelnen Disziplin: 

Pädagogik leitet den Menschen an, seine Möglichkeiten zu entfalten, zu nähren und zu nutzen, um er selbst zu werden.

Psychologie klärt die Fesseln verkümmerter Möglichkeiten vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Regeln und Normen

 

Homöopathie unterstützt den Organismus des Menschen bei seinen Versuchen der Klärung, der Gleichgewichtsfindung.

Astrologie vermag die Anlagen eines Menschen in seinen jeweils ganz eigenen zeitlichen Entwicklungszusammenhang zu stellen. Anlagenbilder sind nicht veränderbar, aber Menschen können ihre mitgebrachten Konstellationen auf eine geeignete oder eine ungeeignete Weise leben. Dies aufzudecken ist die Kunst der Astrologie. Sie stellt den Menschen in das Maß dessen, was er sein kann.


4.  Die Psychologie

Was die Psychologie zu einem menschenorientierten Unterricht beitragen kann, liegt insbesondere in den Bereichen der Lern- oder Kognitiven Psychologie auf der einen Seite und der Psychopathologie auf der anderen Seite.

Die kognitive Psychologie beschäftigt sich mit den Aufnahme-, Verarbeitungs- und Assimilationsstrategien des Gedächtnisses, seiner Kapazität und seiner Geartetheit. Kinderspracherwerb und Zweitspracherwerb sind eines der Gebiete, bei denen die Analyse gesprochener Sprache etwas über die Organisation des menschlichen Gehirns und gleichzeitig über die Weltordnung der Sprecher jedweder Sprache Ergebnisse beisteuert.

Verschiedene Sprachen ordnen ihre Inhalte auf unterschiedliche Weise; Richtungsangaben und Ortsangaben werden im Deutschen beispielsweise durch die Verwendung von Präpositionen versprachlicht (ich gehe in das Haus, ich komme aus dem Haus), im Finnischen jedoch durch agglutinierte „Kasus“ – Suffixe als Wortbildungselement (menen taloon, tulen talosta). 

In vielen Sprachen fehlen Artikelwörter (der, die, das) und das grammatische Geschlecht völlig. Sie stellen für Sprecher dieser Sprachen beim Deutschlernen eine große Herausforderung dar, an der mancher Lerner verzweifelt. Sprachen haben wie Menschen individuelle Züge und einen bestimmten Charakter; ihre Erlernbarkeit ist prinzipiell nicht begrenzt; der Einzelfall jedoch zeigt, dass Menschen hier schnell an ihre Grenzen gelangen können. Der Bezug der Strukturen einer Sprache auf die Struktur und damit die Prägung des Denkens kann u.a. zu Lernschwierigkeiten führen, besonders wenn der Lerner bereits in fortgeschrittenem Alter und nicht als Kind die neue Sprache erlernt.

Die Analyse der Sprachen, ihre Beschreibbarkeit und das In-Verhältnis-Zueinandersetzen ist eine Bereicherung für Sprachunterricht, aber nicht nur Sprachunterricht, sondern auch jeden Fach- und Sachunterrichts. Der zu vermittelnde Stoff sollte in mannigfacher Form dargeboten, erklärt und geübt werden.

Die Lernpsychologie stellt noch weitere Einsichten zur Verfügung, wenn es darum geht, Lehrmaterialien und Übungsblätter zu gestalten. Nicht zuletzt ist sie diejenige, die die Begriffe der Lerntypen prägte. Sie (ich wähle hier die Kategorisierung nach Vester) hat vier Haupttypen aufgestellt:

  1. den haptischen
  2. den auditiven
  3. den visuellen
  4. den kognitiven Lerntyp

Sie bedingen in Kombination oder Reinform eine bestimmte Herangehensweise eines Schülers an Lehrstoff, bzw. könnten dem Lehrer die Richtung zu seinen Einsatzmaterialien weisen.

Die Psychopathologie scheint auf den ersten Blick nichts mit einem Unterricht oder der Didaktik zu tun zu haben. Es sollen doch Schüler unterrichtet, nicht aber behandelt werden. Doch wie wir bereits gesehen haben, sind nicht wenige Lernblockaden und Lernstörungen auf Störungen der Persönlichkeit zurückzuführen. Diese müssen erkannt und einer Klärung zugeführt werden. Ich denke, ein Lehrer oder Pädagoge sollte in der Lage sein, einen pathologischen seelischen Zustand von einem gesunden unterscheiden zu können. Die Psychopathologie teilt ebenfalls in vier Gruppen ein:

  1. den schizoiden Typ (mit dem Näheproblem),
  2. den depressiven Typ (Abgrenzungsproblem),
  3. den zwanghaften Typ (Probleme mit dem Loslassen) und
  4. den hysterischen Typ (Probleme mit der Beständigkeit).

Die Erkenntnis, dass es verschiedene Typen krankhafter emotionaler Zustände gibt, führt ganz zwangsläufig und natürlich zu unterschiedlichen Therapieformen. Doch weder Psychoanalyse noch Verhaltenstherapie, Gestalttherapie oder irgendeine andere Form haben ihren Platz unmittelbar im Unterricht. Sie dennoch heranzuziehen, wird zwar keine Wunder bewirken, kann aber falschen Druck und ungeeignete Sozialformen vom Schüler wenden. Einem „schizoiden“ Schülertypus ist mit Übungsformen dialogischer Art, die eine nahe Zusammenarbeit erfordern, nicht gedient. Er „will“ doch den Abstand und schreckt vor allzuviel Nähe zurück. Die Verbindlichkeit einer Zweiergruppe, vielleicht noch mit einem Unbekannten, kann für ihn belastend sein. Der depressive Typ dagegen fühlt sich möglicherweise bei zuviel Einzelarbeit alleingelassen. Er wird unglücklich sein und sich im Unterricht nicht genug einbringen. In seinem Zustand ist er bereits ziemlich isoliert und hat den Kontakt zu seinen Mitmenschen, den er krampfhaft sucht, verloren. Es ist Fingerspitzengefühl geboten und man darf ihn nicht zu schnell zu viel Gruppenaktivität aussetzen. Der Schüler kann auch jenen Typs sein, der sich zu sehr an einen ausgewählten Partner klammert und ohne ihn im Unterricht nicht mehr besteht. Hier sollte der Lehrer die Bindung vorsichtig lockern und neue Partnerschaften ermöglichen. Als Lehrer ist man immer Bindungsperson – Menschen lernen dort, wo sie eingebunden sind – das Maß und die Qualität machen den Unterschied.


5.  Die Astrologie

Die Psychologie hat ihre Grenzen, weil sie lediglich die Psyche des Menschen (und was ist diese? wo sitzt sie?), nicht aber seine ganze Person betrachtet. Wo bleibt das Schicksal des Menschen? Wo bleibt seine Bestimmung, die sich zu allererst in der Frage nach dem Sinn und dem „Wozu?“ äußert.

Wo die Psychologie an ihre Grenzen stößt, wenn es um die Überwindung der Analyse und an die Synthese von Seele, Verstand und von Fähigkeiten und Bestimmung geht, kann die Astrologie weiterhelfen.

Die Astrologie wird bereits „tätig“, bevor ein Mensch verhaltensauffällig geworden ist, denn sie kümmert sich nicht nur um die pathologischen Zustände. Vielmehr zeigt ein Horoskop die Art und Weise, wie ein Mensch in seine Zeit, die Realität und die Wirklichkeit gestellt ist. Was er letztlich damit macht, liegt immer noch in seiner Willensfreiheit: er kann verweigern und die Annahme verneinen oder er kann seine Bestimmung annehmen. Die Bestimmung – das Schicksal – ist es, was ein Horoskop herauszubringen vermag.

Der Mensch tritt an mit einem Satz Anlagen, die einer ganz bestimmten Weise geordnet sind. Diese Ordnung muss er – einen anderen Weg gibt es gar nicht – leben. Sein Leben ist „gelungen“ und heil, je mehr er an die gemeinte Form herankommt. Das, als was er gemeint ist, hat er in der Zeitlichkeit bis hin zu seinem Ende zu leben. Indem wir unsere Potentiale Gegenwart werden lassen, werden sie in Geschehen und Erlebnissen sichtbar. Im Idealfall entfaltet jeder Mensch im Laufe seines Lebens seinen speziellen Lebensplan, der seinem Potential entspricht.

Durch unsere Umstände und die Figurationen, in denen wir leben, die wir immer auch mitformen, werden wiederum wir geprägt. Nicht alle angelegten Anlagen und Fähigkeiten sind dort auch erwünscht, wo wir uns aufhalten. Sie werden dann gefährlich für das Subjekt, das wir sind, scheinen Verneinung des Lebens auf ganzer Linie zu bedeuten, und werden schließlich zur Sicherung der Existenz und des Überlebens verdrängt. Doch die Verdrängung eines Teils unseres Selbst führt zur Versehrtheit. Es ist die Tragik des Menschen, dass er durch äußeres Schicksal „vernichtet“ wird, wenn er seine „gute“ (von anderen akzeptierte) Hälfte zum Ganzen erhebt.

Das Wissen um das Sonnenzeichen eines Menschen in einem Unterricht – oder einer Arbeitsgruppe – kann mich als Lehrer oder Menschenführer, ohne dass ich weitere Einzelheiten weiß, darüber orientieren, welche Möglichkeiten des Selbstausdrucks meine Schüler haben. Mich bewahrt dieses Wissen vor falschen Erwartungen und Illusionen über sie und lässt mich gezielter auf ihre Fähigkeiten eingehen. (Ganz abgesehen davon kann ich das, was ich kenne, nicht mehr ignorieren  oder gar ablehnen – und das ist für ein Vertrauensverhältnis zwischen Schüler und Lehrer wichtig.)

Auf ihrem Wege gelangt die Astrologie ebenfalls zu Klassifikationen und „Typen“ in den Tierkreiszeichen:

  1. die Wasserzeichen (Krebs, Skorpion, Fisch) werden mit dem Seelischen/dem Unbewussten oder Unterbewussten im weitesten Sinne zusammengesehen: sie repräsentieren innere Fülle, das Prinzip des Lebens, die Erhaltung des Lebens, die Erfahrungen des Lebens;
  2. die Luftzeichen (Zwilling, Waage, Wassermann) stehen für Intellekt und Geist; inhaltlich und sachlich kommen ihre Vertreter in Kontakt mit anderen, sind zuständig für Darstellung und Aufhebung der Unterschiede;
  3. die Feuerzeichen (Widder, Löwe, Schütze) stehen für Durchsetzung und Ausdruck: ihr Wille bezieht sich auf das Verkünden, das Erleben und Geschehen und die Be-Sinnung;
  4. die Erdzeichen (Stier, Jungfrau, Steinbock) schließlich symbolisieren Struktur und Ordnung; ihr Hauptanliegen ist, Ordnung zu erkennen, zu sichern und einzuhalten.

Über das individuelle Horoskop hinaus ist außerdem von Bedeutung, mit welchen Zeichen unsere „Durchführung“ (Sonnenzeichen = Verhalten) noch verbunden ist. Die Tierkreiszeichen bilden nämlich „Verbünde“ (Döbereiner 1998), innerhalb derer sich die Richtung unseres Verhaltens  zeigt:

  1. Widder-Stier-Zwilling bilden den ersten Verbund: der Widder ist der Ausgangspunkt, der Zwilling das Ziel. Es geht um eine Selbstdurchsetzung, einen ungerichteten Trieb, der sich in einem Umfeld manifestieren will.
  2. Krebs-Löwe-Jungfrau gehören dem seelischen Bereich an, in dem das Leben im Krebs entsteht und sich in der Jungfrau an die vorgefundenen Bedingungen aussteuert (die Vernunft als Sicherung des Subjektiven).
  3. Schütze-Skorpion-Waage gehören dem geistigen Bereich an: wer im Zeichen des Schütze geboren ist, zielt auf die Waage hin, was für die Gattungserfahrung des Bewusstseins steht.
  4. Fisch-Wassermann-Steinbock bilden den vierten Verbund, in dem es für das Individuum darum geht, aus der Ungeteiltheit über die Erfahrung der Dualität zu einer Bestimmung zu gelangen – das alles bei Überwindung des Subjektiven; hier wird der allgemeine Maßstab verbindlich.

Die Astrologie ist ein System zur Analyse vom Menschen, von Geschehen oder Vorgängen, und natürlich auch zur Analyse im Falle einer Kompensation, weiterhin ist sie ein System der Synthese sämtlicher Eigenschaften und Anlagen, die einem Menschen mitgegeben sind. Analyse und Synthese helfen dort, wo sich entscheidet, für welchen Berufsweg man sich eignet, so dass der Beruf nicht nur Job bleibt, sondern zur Berufung werden kann, und die Menschen nicht bloß Funktionäre und Vorgänge bleiben.

Mit Menschen, die in einem Unterricht sitzen, der mit ihnen und ihrem Lebensanliegen zu tun hat, lässt sich ein völlig anderer Ton anschlagen als mit solchen, die sich zwingen müssen oder die „gezwungen“ werden. Astrologie kann ein Geburtshelfer, eine Hilfe zur Evolution sein und wird ergänzt, nicht ersetzt, durch den äußeren Pädagogen, der seinen Schützling in diesem Prozess unterstützt und anleitet. 


6. Die Homöopathie

Sehen wir uns jetzt an, was die Homöopathie zu einem Unterricht besteuern kann und wie sie sich einfügt in die Anschauung der Erziehung zum ganzen Menschen.

Wie bei den vorhergehenden Abbildungen [hier nicht dargestellt] habe ich auch hier versucht, das Wesentliche, das jede Disziplin für einen interdisziplinären Unterricht interessant macht, herauszuziehen. Wie die Psychologie den seelischen Bereich des Menschen abzudecken geeignet scheint, die Astrologie helfen kann, sämtliche Potentiale eines Menschen und seine Hauptaufgabe freizulegen (schicksalsgebunden), ist die Homöopathie (im Sinne von Paracelsus) mit ihrer Differentialbetrachtung von Körper, Seele und Geist geeignet, Verständnis über die geistige Verfassung von Menschen herzustellen.

Arzneimittel der klassischen Homoöpathie nach S. Hahnemann helfen bei Symptomen auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene, wie sie sie andererseits hervorrufen, wenn ein symptomfreier Mensch einnimmt. Lernstörungen und Blockaden sind nicht immer „nur“ seelischen Ursprungs, sondern können auch Ausdruck einer tiefergehenden geistigen Verunsicherung, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisschwäche sein, wie sie in der Kognitiven Psychologie und Lernpsychologie thematisiert werden, und gehen einher mit bestimmten seelischen Zeichen, ohne von ihnen verursacht zu sein oder solche zu verursachen. Es gilt hier das Gesetz der Gleichzeitigkeit, nicht der Ursächlichkeit. Die geistige Verfassung eines Schülers sticht mir in einem Unterricht natürlich zuerst ins Auge. Sie interessiert mich deshalb, weil sie ihn im Lernen unmittelbar beeinflusst. Bereits mit Kenntnis einiger wichtiger und weitverbreiteter homöopathischer Mittelbilder kann ich schnell eine Einschätzung der Verfassung meines Schülers vornehmen. Damit stellen die Arzneimittelbilder eine ebenso direkte Aufschließung des Schülers und seines Zustandes dar wie die Astrologie oder gar die Psychologie.

Wer gelernt hat, einzelne Mittel an bestimmten Äußerungen, Verhaltensmodalitäten, Tics oder Marotten zu erkennen, verfügt über ein weiteres Raster. Auch in der Homöopathie läuft im Wesentlichen das „Schema“ auf vier Grundtypen hinaus, deren Bezeichnungen sich nach einer ganzen Gruppe von Krankheitsbildern ergeben. Homöopathen sprechen von sykotischen, syphilitischen, psorischen oder – erst neuerdings – tuberkulinen Mitteln. Diesen Grundmitteln werden Arzneien und Krankheiten zugeordnet, wobei in der Homöopathie die Bezeichnung der Krankheit sekundär ist.

  1. Der Phosphor-Typ ist eine introvertierte Persönlichkeit, die der Schwere des Seins entfliehen will und „das Licht des Himmels“ sucht. Er neigt zu gedanklichen Höhenflügen und ideeller Intoleranz, hält sich gerne weit von Zentren entfernt auf, ist im schlechtesten Fall geistesabwesend, im besten Fall immer elektrifiziert für Neues.
  2. Einer der beiden Sulfur-Typen ist schwer greifbar, unstet und heiß. Es lebt das Feuer der Triebe, das ihn geistig lodern lässt und andere mitreißen will. Er kann Begeisterung entfachen und ist ein extrovertierter Führertyp. Im Unterricht übernimmt er die Rolle des Klassensprechers.
  3. Die Natrium-Persönlichkeit ist intellektuell und introvertiert, menschenscheu neigt sie zur Isolation. Es handelt sich um sensible, verfeinerte Menschen, die geduldig auf Anleitung zu warten scheinen. Im Extremfall sind sie für nichts zu begeistern und sehr passiv oder aber die fleißige Maus im Hintergrund. (Silicea zeigt in eine ähnliche Richtung.)
  4. Die Cuprum-Persönlichkeit ist schwer und wenig beweglich. Gedanklich eher langsam, dafür aber beständig, sich Veränderungen entgegensetzend bewahrt sie lieber. Diese Menschen sind undifferenziert, erscheinen grob und spasmisch.

Natürlich gibt es noch viel mehr Zwischentöne, die hier der Übersichtlichkeit halber und um den Leser nicht allzu sehr zu verunsichern, keine weitere Erwähnung finden. Die Arzneimittellehre der Homöopathie vermag vielmehr als das hier Dargestellte.

Wie die Psychologie und in ihrem Zuge die Therapien, die sich auf das seelische Wohlbefinden und die aus dem Gleichgewicht geratene Seele kümmern, behandelt auch die Homoöpathie. Beide beschäftigen sich mit Fakten, wobei diese a) die Spuren der Zerstörung vorausgegangener Ganzheiten und b) eine Menge von in der Vergangenheit unumkehrbar eingetretener Ereignisse sind. Es geht in beiden Therapieformen um etwas, das aus der Menge des noch Ungeschehenen, des potentiell Möglichen, herausgetreten und in der Zeitlichkeit Zeichen und Symptom geworden ist. Es wird als Störung sichtbar und offensichtlich.

Damit stehen sie in Polarität zur Astrologie und Pädagogik, die nicht unbedingt von „kranken“, sich im Ungleichgewicht befindlichen Menschen ausgehen.

Auf den Verdacht, ihre Heilwirkungen könnten etwas mit der Psyche zu tun haben, reagieren Homöopathen äußerst empfindlich. Zwar wird den Gemütszuständen hohe Aufmerksamkeit beigemessen, wenn es um die Arzneimittelwahl bzw. –bestimmung geht, doch der therapeutische Akt selbst soll von psychischer Einflussnahme freigehalten bleiben: man möchte nicht in die Nähe suggestiver Effekte gelangen.

Primär will der Homöopath nicht die Seele heilen, sondern den aus dem Gleichgewicht geratenen Menschen, indem er seine zu schwache Lebenskraft anstößt. Dieser Lebenskraft gilt das Hauptaugenmerk des Homöopathen, und in ihrer pharmako-dynamischen Therapieform praktiziert er die mitsinnige Einflussnahme. Die homöopathischen Mittel reizen und unterstützen das, was aus dem Gleichgewicht geraten ist. Dabei ist natürlich auch Vergangenheitsbewältigung zu leisten, die emotional angereichert ist. Es gilt „Schicht um Schicht“ dessen abzutragen, was in Jahren der Verdrängung und Bemäntelung die Grundstruktur verdeckt hat, so dass der Mensch wieder Luft zum Atmen bekommt.

Für Hahnemann, dem Wiederentdecker des Simile-Prinzips und dem Entdecker der Homöopathie, bedeutete Krankheit eine „geistartige Verstimmung der Lebenskraft“: die Homöopathie geht tatsächlich über die bloße Seele hinaus und betrachtet den Menschen als von einer „geistartigen“ Kraft durchwaltet. Diese gilt es zu behandeln. Dass sie dabei in neuester Zeit immer phänomenistischer (d.h. an bloßen Erscheinungen  und Vorgängen orientiert) wird, liegt an der neuen Nähe zur Naturwissenschaft, mit der sich die Homöopathen der Schulmedizin an den Hals werfen.  


7.  Zusammenschau

Grafik 8Die Psychologie bedarf des Menschen und wird instrumentalisiert, ihn in den Normen-Rahmen der sozialen Gesellschaft zu stellen. Das Kollektiv der Gesellschaft indes ist ein Kollektiv der Schuld (durchaus auch im Sinne der Bring-Schuld). Psychologie allein ist also keine Lösung, denn: nicht jeder Mensch bringt automatisch die Anlagen mit, sich in ein Kollektiv fügen zu können und zu sollen. Die Astrologie braucht zum Verständnis der Welt den Menschen nicht, wird ihn mithin auch nicht verbrauchen. 

Die Homöopathie existiert zwar nicht ohne den Menschen (und andere Lebewesen) – immerhin ist sie entstanden, damit geheilt werde. Doch die Homöopathie heilt nicht den Menschen zugunsten des Kollektivs, in dem er lebt, sondern zu seinen Gunsten und der seiner Lebenskraft. Sie dient dem Menschen, indem sie sein aus dem Gleichgewicht geratenes Abwehr- und Lebenskraftsystem wieder ins Lot bringt oder die Selbstheilungskräfte anschiebt.

Im Unterricht wird ein Lehrer natürlich seine Schüler nicht medikamentös behandeln. Wohl aber kann der Lehrer seine Selbstausbildung fördern, in der er sich selbst erkennt – und dazu sowohl auf die Astrologie und die Homöopathie zugreifen kann. Ein Lehrer, der ein guter Lehrer ist, muss mit sich selbst immer wieder sein Gleichgewicht suchen. Um „gut“ sein zu können, kann er sich immer wieder dieser Punkte bei sich selbst vergewissern:

  • Habe ich ein gutes Fachwissen („beherrsche“ ich meinen Stoff)?
  • Wie ist es um meine Menschenkenntnis und mein Einfühlungsvermögen bestellt?
  • Wie ist meine Lebensführung und in welchen (geordneten oder ungeordneten) Verhältnissen lebe ich?
  • Habe ich klare Vorstellungen davon, was möglich und was unmöglich ist?
  • Wie trete ich auf und wie treu bin ich mir selbst?
  • Übernehme ich Verantwortung für Mitmenschen (aber ohne mich ungefragt in etwas einzumischen) und wie ist es mit meinem Helferwunsch?
  • Ist meine  Lebenseinstellung positiv oder eher negativ?
  • Bin ich bescheiden, d.h. demütig genug, keine Profilneurose zu entwickeln und von der Akzeptanz der Schüler abhängig zu werden?
  • Erkenne ich immer noch meine eigenen Grenzen?
  • Kann ich ertragen, wenn man mich kritisiert?
  • Bin ich frei genug, auch gegen den Strom zu schwimmen?
  • Habe ich Zeit für die Menschen, für die ich zuständig bin?
  • Bin ich ein guter Zuhörer?
  • Bin ich offen für Neues? Neugierig? Kann ich mich noch wundern?
  • Sorge ich für mich selbst?

Jeder angehende Lehrer, jeder Menschenführer oder Heiler, mag sich diesen Katalog ansehen und entscheiden, ob er sich darin wiederfindet. Es ist nicht erlaubt, in irgendeiner Form mit Menschen zu experimentieren. Und diese Prämisse führt mich nun dazu, zu folgern, dass nur jene Menschen, die reif dafür sind, andere Menschen führen dürfen. Allerdings verbietet kein Gesetz unserer Staaten, die sonst so schnell im Erlassen von Gesetzen sind, die pädagogischen Experimente, weshalb in Schulen und freien, gemeinnützigen Institutionen ausprobiert wird. Jeder, der meint, etwas zu können, bekommt heutzutage die Erlaubnis und die Zulassung. Die Selbsteinschätzung klafft hier oft meilenweit mit der tatsächlichen Situation auseinander, und so unterrichten nicht selten unfähige Menschen.

Ein Beispiel aus der Praxis: Vor Jahren hospitierte in meinem (Sprach-)Unterricht ein stiller, nicht mehr ganz junger Mann, der den Schülern – erwachsenen Menschen – nicht ins Gesicht sehen konnte. Ein Gespräch nach dem Unterricht ergab, dass er sich eine Existenz aufbauen wollte, also eine Anstellung suchte, die ihm ermöglichte, in der Sicherheit der festen Arbeit eine Familie zu gründen. Er kam gerade von der Universität, hatte sich noch nicht eingelebt, orientierte sich hierhin und dorthin, aber wusste nicht recht, in welche Richtung er tendieren sollte. 

In der zweiten Stunde übernahm er einen zwanzigminütigen Teil des Unterrichts. Seine Aufgabe bestand darin, eine neue Grammatik einzuführen. Er tat dies auf metalinguistische, abstrakte, kurz-prägnante Art. Die Schüler, auf der Grundstufe Deutsch mit wenigen Vorkenntnissen, verstanden ihn nicht. Seine eigene Unsicherheit verbalisierte sich in Übersprungssätzen, in Selbst-Kommentaren, die die Schüler verwirrten. Sie glaubten, ihn verstehen zu müssen und waren frustriert, als sie ihn nicht verstehen konnten. Die Unicherheiten auf beiden Seiten schaukelten sich hoch. Er beherrschte den Stoff, den er vorzustellen hatte, nicht, er war schlecht vorbereitet oder mit dem Lehrbuch nicht vertraut; er beherrschte den Kassettenrekorder nicht – nichts klappte. Er hatte keinen Blick für die Schüler, hatte sie nicht im Auge, zog es vor, hinter seinem Tisch verschanzt zu dozieren. Die zwanzig Minuten waren dabei in ein Fiasko zu laufen, so dass ich eingreifen musste, um ihn, die Schüler und die Zukunft zu retten.

Wir führten weitere Gespräche und machten weitere Lehrproben, die immer wieder neue Lücken zutage förderten. Die Gespräche ergaben ergänzend folgendes Bild: der junge Mann befand sich in der Tat in einer Phase des persönlichen Umbruchs; in diesem Jahr 35 Jahre geworden, war ein Punkt erreicht, an der er sich nach seiner Rolle im Kollektiv fragte und versuchte, sein persönliches Leben und seine Aufgabe auszusteuern. Mundan gesehen ist man in einem Alter zwischen 28 und 35 damit beschäftigt, sich selbst zu leben, man ist in hohem Maße subjektiv und legt – für die Umwelt sehr wohl bemerkbar – vielleicht zum ersten Mal im Leben eine Art „Egoismus“ an den Tag. In dieser Phase erkennt man seinen eigenen Wert und seinen eigenen Ausdruck. Man erkennt zum ersten Mal vielleicht wirklich, was man kann. Es kristallisiert sich heraus, ob das, was man tut, das Wahre ist, oder nur das Richtige. Das herausgefundene Ergebnis, das in der Individuation gipfelt – der Eigenständigkeit – wird in der Phase zwischen 35 und 42 einer harten Prüfung unterworfen. Jetzt stellt sich heraus, ob man sich in sich selbst getäuscht oder ob man sich richtig eingeschätzt hat. Die Widerstände, die einem jetzt begegnen, orientieren darüber, ob man richtig liegt oder nicht. Je mehr Widerstände sich in den Weg zu werfen scheinen, je mehr Kämpfe man auszutragen hat, sich zu behaupten, desto dringender wird die Frage, ob man seine Grenzen nicht zu weit oder gar in der ungeeigneten Richtung gesteckt hat. Er befand sich in dieser Phase. Der Wunsch, ein bestimmtes Fach zu lehren, war zwar gereift, aber offensichtlich hatte er sich in seinen Fähigkeiten überschätzt.

Was aus dem jungen Mann geworden ist, weiß ich nicht. Ich habe ihm damals abgeraten, es in dieser Phase mit dem Unterricht zu versuchen. Wir sind auch nicht dazu gekommen, herauszufinden, was für ihn das Mögliche und möglichst Beste wäre. Tatsache ist: wenn Menschen sich einem Lehrer anvertrauen, muss der sie auch sehen können und nicht im Meer seiner eigenen Bedürfnisse schwimmen.

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