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HERR UND FRAU DOKTOR SUCHEN DEN STRAND

Kleines Klavierstück für zwei Tasten

Wir sind gut ausgebildet, hoch motiviert, die Welt zu verstehen und bereit, das, was wir da so zusammengetragen haben, weiterzugeben. Das Abholen dieses Zusammengetragenen, eines Teils des Wissens um Zusammenhänge zwischen Menschen, Tieren, Steinen, Pflanzen, Sternen und noch mehr, geschieht meistens institutionell in dafür vorgesehenen Einrichtungen – z.B. an einer Schule oder an einer Universität. Aber nicht nur da. Wir sind Wissenschaftler, und auch Lehrer, vielleicht sogar Gelehrte, und immer noch lernen wir!

Wir sind keine Leute, die sich in Gespräche anderer einmischen und sie ungefragt belehren.

Neulich standen wir im Zoo vor der Anlage der Leoparden. Herr Doktor fotografierte, richtig altmodisch mit einer Kamera, dem Tier zugewandt, indirekt, ohne Selfiestange. Gesetz der Anziehung: kaum hatte er (nach minutenlanger Beobachtung) auf den Auslöser gedrückt, lockte das kaum hörbare Klick den am Nachbargehege Stehenden an. „Ej“, rief der auch gleich, indem er um die Ecke kam, „kommt mal her. Hier der Tiger ist geil.“ Seine Gevolkschaft leistete ihm Gehorsam und drängte sich am Glas. Herr Doktor hatte noch nicht drei Fotos „geschossen“ als schon 5 Kindernasen an der Scheibe klebten und die Frauen ihre Smartphones und sich in Stellung brachten. „Tiger sind vom Aussterben bedroht“, erzählte der Zuerstgekommene (womit er recht hat), „und in Afrika gibt es sie schon gar nicht mehr.“ Das war der Moment, in dem Herr Doktor den Rückzug antrat und den Beobachtungsposten aufgab.

Frau Doktor – also ich in Personaleinheit mit meiner umfangreichen (und längst noch nicht abgeschlossenen, lebenslänglich währenden) Ausbildung – wiederum schlenderte nunmehr einige Querwege weiter ins Lemurenhaus. Es war ein heißer Tag, die Tierchen hingen entsprechend im wahrsten Sinne des Wortes in den Seilen oder – in diesem Falle – lagen mit den Bäuchen nach unten platt auf dem kühlenden Steinboden. Sie dösten vor sich hin. Während ich noch die Schautafel in Augenschein nahm und mich über Besonderheiten der Tiere schlau machen wollte, fielen zwei Vierergruppen Rentner, vielleicht eine Volkshochschul-Gruppe oder eine von der Universität des 3. Lebensabschnitts, ein. Sie versammelten sich vor den kleinen „Faultierchen“, warteten, dass etwas passierte – aber nichts passierte. Was denken Sie, was jetzt geschah? – Des Wartens müde begann einer aus der Gruppe (vermutlich noch nicht einmal das Alphamännchen) an die Scheibe zu klopfen. „Aufstehen, ihr Schlafmützen! Bewegt euch.“ Seine Empörung nahm zu, da sie sich nicht um ihn scherten. „Bewegt euch, immerhin haben wir Eintritt bezahlt. Und jetzt schlaft ihr Faulpelze.“ Sie klopften nun zu zweit an die Scheibe.

Ein Zoobesuch kann so einiges enthüllen; wenn man sich vor den Tiergehegen Zeit lässt, lernt man viel über die Spezies Mensch.

Flora und Fauna sind nun mehr das Fachgebiet von Herr Doktor und nicht von mir. Meines ist das der Sprache, das Lernen von Sprachen insbesondere – des Deutschen am Allerbesondersten. Ich sollte – das kann man annehmen – mit Sprache umgehen können. Und auch mit Schrift respektive Schreiben. Nun. Letzte Woche wurde ich eines anderen belehrt. Was hatte Frau Doktor verbrochen? Sie hatte einen Aufsatz geschrieben und ihn auf ihre – diese – Hausseite (Homepage) hochgeladen. Worum es darum ging, sei dahingestellt. In diesem Aufsatz hatte sie aus verschiedenen Literaturquellen Definitionen und Wissenswertes zusammengetragen. Das macht man so, wenn man auch andere Stimmen als die eigene heranziehen möchte. Bei Verwendung der üblichen Verweisverfahren (es gibt da so bestimmte Zeigewörter) hatte sie geglaubt, die Leser verstünden den Unterschied zwischen Zitat (wird gekennzeichnet, weil man es im Original wiedergibt) und Paraphrase (inhaltliche Wiedergabe mit eigenen Worten). Desweiteren hatte Frau Doktor gedacht, die Leser verstünden auch Anspielungen und Ironie. Taten auch die meisten Leser. Nur ein paar nicht, und die schrien dann auch am lautesten. Das wurde schnell persönlich und unsachlich. Experten kennen sich halt aus und erkennen die Unfähigen (also die Doktores) sofort.

Auslöschung. Ein Hoch aufs Nie-Gewusst-Haben und aufs Vergessen. Dazu gibt es demnächst etwas zum Hyperventilieren.

Unterscheidbarkeit ist nicht mehr angefragt. Wir sind alle gleich. Alle Bäume sind auch gleich – und dürfen nicht diskriminiert werden. Warum sollte eine Birke nicht dort wachsen dürfen, wo man sie gerne haben möchte? Warum kann man die Eiche nicht danebenstellen, wo es doch so harmonisch aussieht? – Weil Birken und Eichen nun mal verschiedene Böden brauchen und unterschiedliche Wurzeln ausbilden, mit denen sie sich ihren Wasserbedarf sichern. Behandle ich sie gleich, wird einer von beiden draufgehen. – Und warum ist es moralisch nicht verwerflich, wenn eine Löwin eine Viertelstunde lang höchst aufgeregt an einer Tür scharrt, hinter der sie Hyänen wittert? Weil eine Löwin einen angeborenen Jagdtrieb hat, den man ihr nicht wegerziehen kann. Ein Löwe wäre kein Löwe mehr, wenn das Löwenhafte verneint würde. Aber manchmal kann man den Verdacht nicht abschütteln, dass genau diese Zerstörung der Gestalt, des Gestalthaften der Plan ist. Frau Doktor soll auch im Deutschunterricht alle gleich gerecht behandeln. Tut sie auch – sie behandelt jeden Schüler so, wie es ihm entspricht, wie er es braucht. Auch jedem Menschen haftet seine je eigene Gestalt an – das, als was er gedacht ist.

Das und noch viel mehr hat mit Wahrnehmung zu tun. Beobachten, wahrnehmen, das Wahrgenommene in Zusammenhänge bringen und Verbindungen erkennen. Unterschiede natürlich auch. Schlüsse daraus ziehen und Handlungsanweisungen geben, gehört schon nicht mehr zum Wahrnehmen, wohl aber zum Erkennen der Welt.

Ihr dürft nicht mehr sehen, auf dass ihr nicht mehr erkennt.

Struktur ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne Struktur. Innerhalb eines Gefüges ist klar gewichtet, was wichtig und was weniger wichtig ist. Beim Hausbau muss der Bauherr ja auch darauf achten, dass es ausreichend tragende Wände gibt, denn sonst stürzt das Haus zusammen. Die tragenden, Struktur gebenden Wände unserer Zivilisation werden von wissenden, erkennenden Menschen (und das sind mitnichten zwangsläufig die Jahrgangsbesten einer Universität!) immer wieder von Neuem entworfen, gewartet, gepflegt, verworfen, verbessert.

Wissen ist die Ansammlung von Informationen, diese werden nach zuvor festgelegten Kriterien (und die Kriterien und Kategorien entwickeln sich miteinander und gegenseitig entlang der Informationen) zusammengebracht und ergeben eine logische, im besten Falle lineare Gesamtinformation. Das ist, was „Wissenschaft“ im rudimentärsten Sinne macht. Wer hier stehen bleiben mag, sieht dennoch nur eine Hälfte des Ganzen, eher sogar nur ein Viertel! Das Wissen über die Phänomene in der Welt, über die Erscheinungen in Symptomen oder Funktionen wird erst dann zur Erkenntnis, wenn es das Unsichtbare mit einbezieht. Erkenntnis entsteht durch die Anbindung an das Gewordene wie auch an das Nicht-Mehr-Seiende. Schließen wir das Vergangene (das Entwordene) aus, ist die Sicht auf die Welt jeden Tag neu. Schön, werden einige jubeln. Wir fangen jeden Tag frisch an. – Unsinnig aber, denn ohne Gedächtnis, ohne das Zurückgreifen auf kollektiv gemachte Erfahrungen und ohne das Erkennen der Identität im Wandel, gibt es kein Leben. Leben ist Entwicklung.

Evolution? Charles Darwin? – Der ist doch überholt. Schafft die Evolution aus dem Schulunterricht!

Die domestizierten Löwen in Zoos und Zirkussen haben sich an ihre neuen Daseinsumstände ebenso angepasst wie Raubvögel, die nachts im Schein der Stadtbeleuchtung ein neues Jagdverhalten ausgebildet haben, an das Stadtleben und wie Mauersegler an Autobahnbrücken; deren Anpassung geht sogar soweit, dass die „neuen Umstände“ eine Änderung ihrer Funktionsglieder (= Flügel) bewirkte. Die Flügel sind in kürzester Weltenzeit spitzer und kürzer geworden, was die Segler wendiger macht und sie schneller manövrieren und den Brücken, an denen sie zuvor zerschellten, ausweichen lässt. Mit Herrn Doktor unterhalte ich mich über dergleichen, auch z.B. über das Verschwinden der Insekten und den Folgen. In diesem laufenden Jahr wurde für alle sichtbar, dass die Biomasse der hiesigen Insekten so sehr abgenommen hat, dass weder Obstbäume ausreichend bestäubt wurden noch eine ganze Reihe einheimischer Vögel genügend Nahrung fanden. Die entsprechende Anekdote dazu ist mir im Moment nicht erinnerlich. Da ist eine Lücke. Auch Frau Doktor kann nicht alles behalten – und sie (die Anekdote) wird wohl nicht so prickelnd gewesen sein.

Löschung. Das Löschprogramm ist gestartet.

Aus dem, was noch vor einigen Jahren „Fachgebiet“ von darin ausgebildeten Menschen war, die mit Verstand und dem gelernten Handwerk dazu, die Umwelt, die Menschen und Tiere, die Pflanzen darin – ja, den ganzen Planeten als Lebewesen – in ihre Erkenntnis einschlossen – ist eine Verwaltungsgesellschaft geworden. Verwaltung erfordert andere Fertigkeiten als Erkennen. Die Verwaltung vom Gemeinschaftlichen besteht in Vorgängen, die inzwischen – wie es das Schicksal aller geschlossenen Systeme ist – sich selbst immer aufs Neue generieren. Eine der hervorragendsten Systemeigenschaften ist, dass sie sich ihre eigene Realität erschafft. Einer, der als Soziologe lange darüber nachgedacht hat, machte den Begriff „Autopoiesis“ zu seinem Schlüsselbegriff.

„Und so arbeitet auch das System der Massenmedien in der Annahme, dass die eigenen Kommunikationen in der nächsten Stunde oder am nächsten Tag fortgesetzt werden. Jede Sendung verspricht eine weitere Sendung. Nie geht es dabei um Repräsentation der Welt, wie sie im Augenblick ist.“ Luhmann: Die Realität der Massenmedien, 2009

Herr und Frau Doktor stören im sozialen Administrativen, das Wissen um Herkunft und Ursprung stört, das Wissen um Vielfältigkeit stört. Vereinheitlichtes ohne Prinzip indes lässt sich gut verwalten. Und während Frau Doktor ahnt und fürchtet, dass dem kollektiven Gedächtnis (oder dem Reservoir des Ungeschehenen wie auch des Vergangenen) ein neues Programm überspielt wird, weiß Herr Doktor schon längst, dass er, wenn er von Löwen in Afrika, oder Elefanten (die in Afrika) oder von Siberischen und anderen Tigern spricht, von Tieren spricht, die es bald nicht mehr geben wird. Gemessen in Erdzeit vielleicht 50 Jahre – für ein Menschenleben unüberschaubar – für die Erde sehr sehr bald. Größere Säuger werden dem erfolgreichsten Lebewesen auf Gäa weichen, und der Prozess ist nicht aufzuhalten.

Vom Sterben oder Aussterben zu berichten, heißt nicht, dass Herr und Frau Doktor negativ gestimmt wären, und etwas herbeireden, weil Muffel und Misanthropen eben so „ticken“, Leute aus dem Elfenbeiturm, die von der Welt draußen keine Ahnung haben. Die Endlichkeit alles Lebendigen gehört zum Leben dazu, wer die Wandlung zum Sterben hin verweigert, lebt nicht – das wissen sie. Manchmal sind es nachgerade aber die, die am lautesten der Notwendigkeit zur Änderung und Bewegung das Wort reden, jene, die still stehen. Und es stimmt eben nicht, dass man einen Löwen mit einem Hund gleich setzen kann, und dass der Hund sich nur genug anstrengen muss, um auch Löwe zu werden. Eine letzte „Ungerechtigkeit“ bleibt immer. Selbst der Begabteste, und wenn er noch so beneidet wird, hat irgendwo eine Schwäche, und die macht ihm zu schaffen.

Man kann keinen Fortgang aufhalten, auch wenn der Fortgang zur Löschung führt. In unserer Kleinheit und Unwichtigkeit werden wir noch eine Weile den Fortgang mit all den Neuerscheinungen, Neuentwicklungen, Fehlentwicklungen und Auswüchsen protokollieren. Wir werden schreiben, bewahren, pflegen, Geburtshilfe für Junge leisten und – wenn wir gefragt werden – Auskunft geben. Unsere Pausen werden länger werden, wir werden einatmen und ausatmen, aber uns nicht einmischen.

Neulich besuchten wir eine Bekannte in Erfurt. Freizeit mit der entsprechenden Kleidung war angesagt. Sonnenhut, Sonnenbrille, Sandalen, buntes Hemd, bunte Shorts. „Oh“, lachte der Mann an der Rezeption unseres Plattenbauhotels, und bevor er weiter sprechen konnte, platzte uns heraus: „Herr und Frau Doktor suchen jetzt den Strand.“