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FRAU DOKTOR WIRD PERFEKT

... Geben Sie es zu: der Titel hat Sie verführt. Sie haben gedacht: Da muss ich doch mal schauen, wie Frau Doktor auf einen solchen Unsinn kommt. Vielleicht sind Sie enttäuscht, wenn Sie weiterlesen…

Wie dem auch sei. Die Entscheidung, ob ich einen durchkomponierten Text schreibe, oder meine Beobachtungen der letzten Wochen und in der absurden Welt um mich herum in Satzfetzen aufreihe, wurde mir abgenommen. Da ich ja ureigentlich sogar faul bin und darüberhinaus nicht mehr so unendlich viel Lebenszeit habe, fasse ich meine nur quasi gefilterten Beobachtungen in Lürique, die keine ist.

Heute bin ich froh…

… dass ich kein wichtiger Mensch in bedeutender Position bin,
und abhängig davon, es zu bleiben.

Wenn ich das wäre,

müsste ich mich solidarisch zeigen,
müsste ich meine Herkunft verleugnen, um andere nicht zu verletzen,
müsste ich die richtige Partei wählen,
eine, die die Mehrheit vertritt und nicht die Abweichler,
oder ich müsste zum Widerstand gegen die Falschen aufrufen,
ich müsste fordern, demonstrieren, funktionieren;
ich müsste die richtige Sprache sprechen und meine Sprache vereinfachen;
ich müsste andere dazu bringen, mir zuzuhören
und meine Vorschläge zu befolgen,
ich müsste über die richtigen Witze lachen –
aber am besten sollte ich gar nicht lachen, denn
Lachen diskriminiert,
das dürfte ich natürlich nie und nimmer,
ich müsste überall dafür einstehen und sorgen,
dass es keine Unterschiede zwischen den Menschen gibt,
ich müsste die vielen Einzelleben verraten
und dem kleinsten gemeinsamen Nenner huldigen,
ich müsste die ungeeigneten Leute auf für sie ungeeignete
Posten setzen und sie dann beklatschen.
Kurz: Im Müssen als innerer Notwendigkeit wäre ich sicher.

Ich würde mich unter vielen Schrauben als eine große Schraube sehen,
und jeden Abend meine Große-Schrauben-Sinfonie hören wollen.

Wenn ich wichtig wäre, und eine Position verlieren könnte,
hätte ich vergessen,

dass mit Sprache gelogen und manipuliert wird (auch von mir),
dass die Angst vor Versagen zur Kontrollsucht wird,
dass das eigene auf andere abgewälzte Versagen kein Verdienst ist,
dass jeder die Verantwortung für sein Leben übernimmt, also auch ich,
dass es Dinge gibt, für die ich nun wirklich nicht zuständig bin,
und andere, für die ich es bin,
dass es keinen Sinn macht, irgendetwas – Hauptsache Aktion – zu machen,
dass ich verletzlich, fehlbar und endlich bin,
dass man mich nicht meinetwegen mag, sondern weil ich eine Macht habe,
Wünsche zu erfüllen,
dass ich ohne diese Position nichts wäre und vergessen, sobald ich abträte,
dass all das verdiente Geld mir keine Lebenszeit ersetzt,
dass der Tanz der Schrauben einem unsichtbaren Magneten gehorcht,

dass gegen Ende des Lebens die Buchhaltung steht: Ist versus Sollte (Was hätte sein müssen)
und ich das gnädigerweise nicht begriffe.

Aber ich bin kein wichtiger Mensch in der Öffentlichkeit.
Und so lebe ich, wie es mir als junger Mensch als Verheißung erschien:

Heute bin ich froh…

… dass ich mein Dasein (noch) habe, von außen betrachtet

mit Einbußen – die aber gehören zu mir,
mit beginnenden Alterszipperlein – die aber gehören zum Lebendigsein,
mit Ungerechtigkeiten rundherum – das Leben aber ist nie 100%-ig gerecht;

dass mir manche Zugehörigkeit erspart bleibt,
dass ich herausfalle aus vielen Klischees,
und vorhandene Klischees, in die Mitmenschen gesteckt werden, missachte,
dass ich ein Auskommen habe – im mir zugeteilten Maß,
dass für alles gesorgt ist,
dass ich Menschen kenne, die sich als Persönlichkeiten voneinander unterscheiden,
dass ich einige, inzwischen verlorengegangene Menschen kennenlernen konnte,
dass ich reisen und die Welt sehen konnte,
dass meine gelebten und erlittenen Gegenwarten mich zu dem Menschen machten, der ich bin,
knorrig und voller Sonderlichkeiten, auch bisweilen unleidlich,
dass ich nicht jedem Menschen beispringen muss, um ihm zu helfen, und
dass ich hernach keine Gewissensbisse bekomme,
dass ich jenen Gegenwart bin, die sie brauchen,
dass ich Gelegenheit von Versuchung unterscheiden kann,
dass ich Unbequemes aushalte
und ja, manchmal eben auch versage.

Über all dem bin ich froh,
dass ich niemanden missionieren und auch nicht perfekt sein muss.
Ich könnte von heutan wortkarger werden,
bald ist alles gesagt.
Bald.