Home » LESESTOFF » GLOSSEN UND GESCHICHTCHEN » FRAU DOKTOR PUTZT SELBER

FRAU DOKTOR PUTZT SELBER

Zunächst zwei indiskrete Fragen: Haben Sie eine Spülmaschine? Eine Waschmaschine (davon gehe ich aus) haben Sie ganz bestimmt – die gehört immerhin zum Standard. Und haben Sie denn eine Putzhilfe? Um es gleich vorweg zu nehmen, ich verfüge lediglich über mittlere – als die entscheidende Haushaltshilfe, die ich zweimal in der Woche (für Koch- und Buntwäsche getrennt) anwerfe. Unser Haushalt ist klein geworden, seitdem die Kinder weg sind. Eine Putzfrau hatte ich zwar auch einmal, dazu später.

Die erste Putzfrau, derer ich mich klar erinnern kann und die sehr prägend in mein Bewusstsein trat, ist Frau Albers. Sie war rothaarig, glaube ich, hatte ein spitzes Gesicht und fiel durch ihr geschäftiges Huschen auf. Sie hat bei uns geputzt und gekocht, weil meine Mutter, die sich ja damals um die Bäckerei und besonders den Verkauf zu kümmern hatte, keine Zeit mehr für den Haushalt fand. Frau Albers sprach nicht viel, kam schweigend, ging schweigend. Ob ich jemals mit ihr gesprochen habe, ist mir nicht überliefert. Zu jener Zeit besuchte ich das Albert-Einstein-Gymnasium, das erst später diesen Namen erhielt… in den ersten Jahren seiner Entstehung hieß das Gymnasium einfach nur „Gymnasium i.E.“ Der Grundstein war allerdings gelegt – symbolisch prangte er an der Wand – rechtsseitig, wenn man die Schule betrat, etwa in Bauchhöhe (eines Erwachsenen, nicht eines Kindes): E = mc2. Die Schule ein Bau der 60er Jahre (Grundsteinlegung war am 16. September 1966), aber durchaus wegweisend für die Architektur der nächsten Jahre. Viel Beton, luftig, funktional, auch durchaus unvollkommen, denn schon in den nächsten Jahren zeigten sich die Feuchtigkeitsprobleme. Die Aula mit der angedeuteten, im schulischen Alltag geschickt verdeckten Bühne war weit und hoch wie ein Kirchenschiff. In Freistunden oder auch Buswartezeiten habe ich oft auf den kunstvollen Holzbänken gesessen und mein mitgebrachtes Heft aufgeschlagen, um es mit Geschichten zu füllen.

Herr Bölter, unser Deutschlehrer, hatte mir zwecks Übung meiner Schreibfertigkeiten empfohlen, über Ereignisse des alltäglichen Lebens zu schreiben. Und so kam es dazu, dass ich als Siebtklässlerin mit dem Heft auf den Knien die Geschichte unserer „Perle“ niederschrieb. Missgeschicke pflasterten ihren Weg. Dass sie beim Bügeln zwei Hemdkragen verbrannte, beim Fensterputzen eine Scheibe zerbrach und das Putzwasser ihr aus dem Eimer die Treppe hinunterschoss, der Schrubber gleich mit – Anlässe für mich, die in meiner Abwesenheit geschehenen Ereignisse nach Erzählung meiner jüngeren Brüder aufzuzeichnen. Zugegen war ich nie, denn ich war ja in der Schule. Die „Perle“ – wie sich mir damals als Titel aufdrängte und wie eine Haushaltshilfe in den 70er Jahren oft bezeichnet wurde – wurde zu einer schusseligen, untauglichen Protagonistin, zu einer tragischen Figur, die als Mensch nicht auftauchte und in ihrer Funktion als Putzfrau versagte. Damals war keine Rede von einem Welt-Putzfrauen-Tag, wie er heute jedes Jahr am 8.11. begangen wird – Putz- und Zugehfrauen waren vielfach schwarz unterwegs, verdienten sich nebenher für ihren eigenen Haushalt ein wenig Geld. Unsere Perle war alleinstehend und hatte zwei Kinder durchzubringen. Sie putzte in verschiedenen Haushalten im Dorf … und bekam natürlich einiges von dem mit, was da so vor sich ging. Putzfrauen wissen eine Menge über die Herrschaften, für die sie die „Dreckarbeit“ machen, darüber hilft auch ein gnädiger Familienanschluss nicht hinweg.

Meine Geschichten legte ich erwähntem Deutschlehrer vor, der sich ob meiner grammatischen Unfähigkeiten wohl in meiner Abwesenheit die Haare raufte. Zu meiner Ent“schuldung“ muss ich sagen: ich hatte eine Migration hinter mir. Von der Eifel in die Nordheide. Das sind sprachliche Hürden, die sich nicht auf Knopfdruck im Boden versenken lassen. Nachhilfe war da schon nötig. Das Thema aber kam nicht gut an. Ich kürze ab. Weder hielt sich Frau Albers lange im Haushalt (mein Vater legte sehr hohe Maßstäbe an) noch waren meine Geschichten von nachhaltigem Wert. Frau Albers wurde gefeuert – und ich an ihre Stelle gesetzt, was zunächst bedeutete, dass ich angelernt wurde. Noch heute kann ich selbst sperrige Bäckerhemden ordentlich bügeln und Hosen auf die Falz genau auf einem Kleiderbügel drapieren, Unterwäsche – meine Spezialität. Noch heute geht es mir gegen den Strich, wenn nach erfolgter Putzarbeit Flusen ungestört in einer Ecke des Zimmers eine Versammlung abhalten, und mich vom Regalbrett Fingerspuren im ansonsten staubigen Umfeld angrinsen. Als Heranwachsende hab ich schlechten Gewissens geschummelt und mir das Leben vorübergehend leichter gemacht. Erwischt wurde ich auch – meistens dann, wenn man meinte, man müsste jetzt einem bereits lange bestehenden Verdacht Konsequenzen folgen lassen… und ich just an diesem Tag ordnungsgemäß gearbeitet hatte. Die dreifach empfundene Ungerechtigkeit – gute Arbeit nicht gesehen, geschummelte Arbeit nicht moniert, gute Arbeit zum falschen Zeitpunkt für geschummelte Arbeit bestraft – trieb mich um.

Nicht wenige meiner Freundinnen erzählen, wie hilfreich so eine Zugehfrau ist. Selbst berufstätig zu sein und dann jemanden zu beschäftigen oder zu bezahlen, der im Zuhause für Sauberkeit sorgt – welche Erleichterung. Das wollte ich dann jetzt doch auch mal haben, nicht nur aus Lust, sondern durchaus auch aus Notwendigkeit, weil ich in mehrerlei Hinsicht etwas gehandicapt aus zwei Jahren mit viel Arbeit hervorgegangen war. Doch so eine Putzhilfe ist eine absolute Vertrauenssache. Meine Freundinnen steckten mir verschwörerisch die Telefonnummern ihrer Perlen zu, nicht ohne mir von ihren Stärken und Schwächen erzählt zu haben. Ich zögerte. Von einer anderen Freundin, die sich selbst Geld als Putzfrau dazu verdiente, hörte ich, wie ihresgleichen über ihre Geldgeber sprachen, um nicht zu sagen herzogen. Ich vernahm, was es da so an Urteilen und Bewertungen für die „Herrschaft“ hagelte. Abgründe taten sich auf. In manchen Fällen – so staunte ich – mussten die Haushaltshilfen zunächst einmal ihre Arbeitgeber dazu erziehen, Ordnung zu schaffen und zu putzen, bevor die Putzfrau tätig wurde.

Vor mehr als fünf Jahren spitzte sich meine Lage zu. Dort, wo ich arbeitete – zumindest zweimal in der Woche erschien, um zu unterrichten – gab es eine Putztruppe, bestehend aus drei Frauen, mit denen ich mich bei sich ergebender Gelegenheit viertelstundenlang in der Küche unterhielt. Über alles Mögliche, das nicht allzu privat war, und eben auch über die Auffassungen, was Sauberkeit und Arbeitsmoral betraf. Als die Antwort auf die Frage nach Hilfe im Haushalt dringend erforderlich wurde, fragte ich eine der dreien, ob sie nicht noch Zeit hätte, mir einmal in der Woche zur Hand zu gehen. Sie hatte. Irgendwie stolz darüber, dass ich nun auch Haushaltsarbeiten würde delegieren können, prahlte ich ein wenig im Freundeskreis. Ich habe jetzt auch eine Putzfrau – und merkte, dass sich das nicht richtig anfühlte.

Sie erschien zum ersten Termin, und ich trug ihr auf, die lange liegengebliebene Innenreinigung der Schränke anzugehen. Ich muss vorausschicken, dass meine Wohnung keine leere Wohnung ist. Eine leere Wohnung könnte ich leicht selber in Schuss halten. Also: es ist viel zu bewegen. Kann anstrengend werden. Wurde es auch für meine „Perle“. Die drei Stunden, die wir eingeplant hatten, vergingen also tatsächlich mit 180 Minuten Geräume, Abwaschen, Abputzen, Ausmustern und so weiter. Da ich zuhause arbeite, war ich im angrenzenden Arbeitszimmer und wurde Zeugin der Ausdauer meiner Perle. Sie hatte kaum Zeit, sich einen Tee zu gönnen, den ich ihr dann kredenzte.

In der Woche darauf waren die Bücherregale fällig. Einmal Rundum- und Grundreinigung, damit dann in den nächsten Monaten nicht mehr die ganz große Arbeit anfiele. Bücherregale hab ich reichlich – und Bücher stauben ein, besonders in einer Stadtwohnung in einer Hauptverkehrsstraße. Ich sage nichts Falsches, wenn ich behaupte, dass der Feinstaub durch die Haustürritzen dringt. Regaleabstauben ist körperliche Arbeit, keine Frage … Ich hatte versäumt vorzuputzen, was mir übel ausgelegt wurde. Leider musste ein sorglich aufgeklebter Fingernagel dran glauben, und eine Figur ging zu Bruch. Mit einem ins Gesicht geschriebenen schlechten Gewissen, anders konnte ich es nicht deuten, floh meine Perle an diesem Tag. Das übergebene Geld übrigens ein fairer Stundenlohn. Ich lasse mich da nicht lumpen.

Beim dritten Mal ging es ihr nicht gut. Als sie ankam, sank sie entkräftet auf den Küchenstuhl. Ich machte ihr einen Kaffee und fragte nach den Umständen des Unwohlseins. Die Frage löste einen Strom von Beschwerden über die Firma aus, dem ich nichts entgegensetzen konnte als ein offenes Ohr. Der Strom strömte zwei Stunden lang. Danach schickte ich sie nach Hause. Sie musste sich von der Arbeit erholen und ich saß in der Küche und überlegte, was ich falsch gemacht hatte. Es gab kein viertes Mal.

Bis heute bin ich putzfrauenlos und lausche gebannt den Gesprächen von Bekannten und entfernten Kollegen, wenn sie davon schwärmen, welch guten Kontakt zu ihrem Zugehpersonal sie haben. Helle Begeisterung, vor allem wenn es um die – was für ein sozialer Beitrag! – gelungene Integration geht, und um die Wertschätzung, die sie von ihnen erfahren. Es ist Wochenende, ich gehe mal die Waschmaschine füllen und dann anschalten. Eine Spülmaschine habe ich nicht – ich muss also selbst spülen. Kann durchaus meditativ sein; empfehlenswert, weil eine gute Vorbereitung auf noch schlechtere Zeiten. Neulich habe ich mir wiedereinmal die komplette Küche vorgenommen. Herrlich – wenn man sich am gelungenen Ende einer Saubermach-Aktion reihum auf die Stühle setzt und aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven den Sieg über den inneren Schmutzhund genießt. Das Leben ist eben auch dreckig. Nehme ich jemandem einen Arbeitsplatz weg, wenn ich selbst putze? Bin ich eine bedauernswerte Schluckerin, weil ich die Hausarbeit selbst mache?