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FRAU DOKTOR IST NICHT GERNE UNTERWEGS

oder

Der Weg ist nicht das Ziel

Unterwegssein ist lästig. Ich möchte nach Hause – und zwar schnell. Aber zwischen mir und meinem Zielort steht eine U-Bahn oder die Deutsche Bahn, und ein Zug fällt aus oder die Strecke ist blockiert oder ein Stellwerk ist nicht besetzt oder es gibt einen Streik.

Kommt öfter vor in letzter Zeit. Neulich auf der Fahrt in den Norden, mit dem Zug, denn ein Auto habe ich nicht. Nicht aus Überzeugung nicht, denn Überzeugung ist die Übernahme einer allgemein-strömenden Meinung, sondern weil ich schlicht weder das Geld noch die Restfähigkeit zum Lenken eines Fahrzeugs noch die Lust habe, mich dem Staugeschehen auf deutschen städtischen oder autobahnischen Straßen auszusetzen. Ein Fahrrad wäre eine Alternative – doch warum es das für mich nicht ist – dazu unten mehr. Bleibt also der sogenannte öffentliche Nah- und der Fernverkehr.

Was Fernreisen angeht, habe ich mich mehrfach Flixbussen oder anderen Busunternehmen ausgesetzt. Aber das ist nicht mehr mein Format, hat sich für mich nicht bewährt. Schließlich habe ich die End-70-er-Anfang-80er Jahre des Reisens erlebt. Nach Wien, durch Europa, spontan oder geplant… im Zug per Interrail im Gang stehend oder sitzend. Getrampt – nein, das bin ich nie. Da fehlte mir irgendwas – oder sollte ich sagen: ich wähnte mich zu sehr dem Wohlwollen der Autofahrer ausgeliefert? Ein Plakat hochzuhalten – war nicht mein Ding. Inzwischen bin ich weniger kompatibel mit Stehreisen und Quetschsitzen und Enge. Außerdem bin ich nicht im Besitz eines Smartphones und der dort zur Verfügung stehenden Apps, um immer flexibel reagieren zu können, wenn das doch auf tönernen Füßen stehende System seine Zusammenbrüche ankündigt.

Ich plane in Reiseangelegenheiten jetzt im Voraus, bewege mich gesetzt und würdevoll (was oft einfach auch nur an der beginnenden Versteifung meiner Lendenwirbel liegt) zum Reisecenter. Dort buche ich mehrere Wochen im Voraus, reserviere mir einen Sitzplatz, möglichst immer nah am Ausgang und zum Gang hin … Fluchttier eben – bin neurotisch.

Das Abenteuer Reise hat neuerdings – im Vergleich zu vor drei Jahren  – eine weitere Dimension erklommen: nie kann ich sicher sein, ob ich tatsächlich am Reisetag den Wagen und meinen reservierten Platz vorfinde, ja, ob der Zug überhaupt fährt! Meistens habe ich dennoch Glück im Falle des Ausfalls – es ist immer wieder erstaunlich: Sobald ich mich auf Reisen begebe, beginnt „es“ zu fließen. Nein, nicht meine Nase. Aber meine Gedanken. Und dann finde ich im Pech doch einen Platz, auf dem man mich in Ruhe lässt und wo ich meine Bücher und Papiere aus der Tasche nehmen und mich austoben kann. Anstrengend ist die Unzuverlässigkeit trotzdem, und Anzeichen dafür, dass da was im Argen ist mit der Infrastruktur und Planung.

Bisweilen habe selbst ich zusätzlich schlechte Konstellationen, und der Wagen, in dem meine Reservierung sein sollte, ist nicht nur nicht da und mein Platz weg, sondern der Zug ist übervoll. Die Gänge voller Taschen, Koffer und orientierungsloser, schimpfender Leute, die ihr Recht auf den verlorenen Platz einklagen wollen. Dann habe ich eine simple Lösung, die meistens für gewisse Entspannung sorgt: Ich gehe ins Bistro. Bistro ist gut. Das wissen natürlich auch andere, und man muss natürlich der Form halber was essen oder trinken – zu absolut überteuerten Preisen, sonst darf man da nicht sitzen bleiben. Mein Jammern ist natürlich vermessen. In den meisten Ländern der Welt reist man weit weniger bequem als bei uns.

Alles ist eine Frage der Gewichtung: Was will ich? – Ganz einfach. In meinem derzeitigen Alter will ich einfach zügig von Punkt A nach Punkt B gelangen. „Zügig“ kann auch heißen: Bevor ich irgendwo im Stau stehe oder in einer U-Bahn sitze, auf deren Strecke sich ein Unfall ereignet hat, gehe ich lieber zu Fuß. Das ist ohnehin die beste Art der Fortbewegung, erkenne ich immer wieder. Die uns Menschen angemessene Art, was die Koordination von Fortbewegungsgeschwindigkeit und Reaktionsvermögen angeht, ist das Gehen, vielleicht noch das Laufen oder Traben. „Rennen“ natürlich auch, wenn wir vor einem Predator davonlaufen müssen. Um sich schnell fortbewegen zu können, muss man geistesgegenwärtig sein – ist man das nicht – wird es schnell gefährlich für den, der sich da bewegt und die, die um ihn herum sind. 

Apropos Gefahr. Gefährlich sind die wendigen, rasenden und metallen-zweirädrigen Predatoren besonders auf den Straßen von großen und mittelgroßen Städten. Eigentlich sind sie im Einsatz, um Waren schnell und stauumgänglich auszuliefern, und sie prasseln wie ein Meteoritenschauer einem entgegen oder überholen von hinten. Ihre Bewegungen sind nicht etwa berechenbar, sondern recht erratisch. Radfahrer dürfen auf Gehwegen und auf der Straße fahren, sie dürfen in Einbahnstraßen in beide Fahrtrichtungen fahren. Auf Gehwegen verhalten sie sich an Ampeln wie Fußgänger, auf der Straße wie Autos. Und wenn es dem schnellen Durchkommen dient, wechseln sie zwischen beidem auch. Da ist man als Fußgänger wirklich gefordert: Träumen darf man da nicht.  

Die anderen Predatoren sind weniger wendig und kommen auch nicht einzeln; sie sind bewehrt und ziehen in Herden. Für sie hat man Einfall- und Ausfallstraßen in die Orte und aus ihnen hinaus geschaffen. Diese Wege zerschneiden Territorien anderer Lebewesen wie sesshafter Stämme, und wenn man sie passieren möchte, muss man sich an bestimmten Punkten einfinden, an denen der Wechsel auf die andere Seite geregelt wird. Dort werden die schnellen Fortbewegungsmittel gebändigt und im Zaum gehalten. Das funktioniert auch meistens gut. Nur eben gibt es im Geschwindigkeitsrausch Konkurrenzkämpfe untereinander, und folglich kommt es zu Kollateralschäden. Stürben genausoviele Menschen aufgrund von umherziehenden hungrigen Löwen wie es Unfalltote gibt – die Menschen hätten längst ihr Reiseverhalten geändert. Übrigens: Der sogenannte Individualverkehr (per Auto) ist viel weniger individual als vielmehr ein kollektiver Schwarmverkehr. Das Verhalten eines Schwarms orientiert sich nicht am einzelnen „Mitglied“, sondern an der Funktion seiner Erscheinung als Ganzes.

Glatt könnte man sich freuen, dass es der Autoindustrie „schlecht“ geht – würde uns indes ihr Untergang von den SUV-Herden befreien? Das lasse ich mal dahingestellt. Mobil müssen wir sein, wenn und solange wir von unserem Wohnort zum Arbeitsplatz wollen oder müssen. Darum kommen wir nicht herum. Früher war es mal so, dass man dort gearbeitet hat, wo man auch gelebt hat. Das war nicht immer lustig, aber es machte einen Sinn: man hatte seinen Standort. Heute arbeiten die Menschen dort, wo sie nicht leben. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, was für eine Völkerwanderung da jeden Tag vonstatten geht.

Doch zurück zum Ausgang. Worum ging es noch gleich? – Um eine gewisse Bequemlichkeit, die sich in mir ausbreitet, bei gleichzeitigem Unwillen, mich auf Wege zu begeben, auf denen ich mich in meiner Bewegungsweise fremdbestimmen lassen muss. Und wer jetzt an den buddhistischen Weisheitsspruch denkt und philosophieren möchte, was ich mit der Anspielung sagen möchte, liegt nicht ganz daneben, wenn er nebenbei zum Schluss kommt, dass genau dies meine Absicht ist.