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FRAU DOKTOR IST EINE MASCHINE

Vorrede

Neulich schrieb ich etwas – viel zu wortreich und im Nachhinein unwichtig – für einen Aufsatz nieder. In etwa mit diesem Wortlaut:

[…] Mensch auf der Erde zu sein, heißt sterblich und endlich zu sein. Seitdem nun die NASA mit ihrem Raumfahrt-Programm die Erde verlassen hat, überschreiten die Menschen nicht nur in Raumschiffen die Grenze ihrer Gestalt des Daseins.

Um die gewachsenen Grenzen überschreiten zu können, brauchen sie allerdings Hilfsmittel. Aus sich heraus könnte niemand im All leben – es ist einfach nicht für Menschen und Menschen sind nicht für das Vakuum und die Schwerelosigkeit gedacht. Die Astronauten bedienen also erstens jene Geräte und Maschinen, die sie über die Grenze tragen, indem sie sie überwachen, warten und einstellen. Um im All angekommen existieren zu können, brauchen die Astronauten zweitens entsprechendes Equipment zur Absicherung. Auch das müssen sie – zum Vorgang dieser Gefertigtheiten  werdend – überwachen und bedienen.

[…] Der Traum der Menschheit, sich außerhalb ihres ihr gemäßen Raumes begeben zu können, kann nur bedeuten, dass sie das, was sie als Menschen bzw. das Leben ausmacht, hinter sich lassen müssen. Bevor die Menschheit nun die Grenze ihres Lebensraumes „erfolgreich“ überschreitet, muss sie das Menschsein ablegen.

Die Herbeiführung eines künstlichen Todes (Hyperschlaf) und die lazarushafte Weckung aus demselben zeigt an, dass die Lebensschranke (im Skorpion, Pluto als TÜV vor der Freigabe der Auslieferung an die Gegenwart) von einer Information gelenkt wird. Die fehlende Gravitation im unermesslichen Raum ist als fehlender Uranus im Vakuum Erscheinung, der Boden (Stier) nicht gegeben. Aufhebung von Lebenswelt.

Nun wird an die Gattung „Mensch“ etwas rückgemeldet (wieder Skorpion: Hüter der Erfahrung): je mehr und vehementer Menschen daran arbeiten, die ihnen gemäße Welt zu verlassen, umso mehr wirken sie auf deren Untergang hin. Je mehr sie sich in die Möglichkeit hineindenken, sich irgendwo da draußen eine neue Heimat aufbauen zu können, desto mechanischer werden sie. Die Menschen werden die Erde nicht als Menschen verlassen, sondern als Maschinen. Sie sind bereits dabei, sich umzubilden.

Nun ist es blöd, sich selbst zu zitieren – hab ich mal gelesen – es kommt jedenfalls nicht immer gut an. Aber egal – ich bleibe bei den Maschinen, bzw. komme dazu. Ich werde ganz sicher die Erde nicht verlassen, und doch bin ich tatsächlich eine, die die Grenzen ihrer Gestalt des Daseins überschritten hat, und ohne Hilfsmittel nicht mehr leben kann. Doch ein paar Jahre zurück.

2008

Wir besuchten Bekannte südlich von Frankfurt; sie sind Obst- und Gemüsebauern mit weitläufigen Feldern und Gewächshäusern; drei Generationen, drei Familien unter einem Dach. Dies als Atmosphäre für Sie. Mittagszeit – Essenszeit. Ein langer Tisch, an dem alle Platz fanden, auch die Kinder, gerade die Kinder, die soeben von der Schule gekommen waren. Wir waren eingeladen und entsprechend exponiert „mittendrin“. Automatisch – also ohne viel nachzudenken – griff ich unter meine Bluse an den Gürtel meiner Hose und zückte das Lebenserhaltungsgerät. Ich musste ihm sagen, wieviel Insulin es für mein vor mir auf dem Teller liegendes Essen bereitstellen sollte. Sagen natürlich nicht, soweit waren wir 2008 noch nicht – ich musste es eintippen. Am oberen Teil des Tisches, wo eben noch die Kinder geplappert hatten, wurde es still und als ich aufblickte, sah ich in drei fragende Augenpaare. Da konnte ich nicht widerstehen. „Ich bin eine Maschine“, erklärte ich ihnen mit monoton gestellter Stimme und steckte das Gerät zurück an den Gürtel, tat so ein ganz klein wenig terminatorhaft. Sie wissen, so mit nicht ganz fließenden Bewegungen. Während des Essens warfen die drei mir immer wieder nur unvollständig verstohlene Blicke zu und verschwanden sofort nach Aufhebung der Tafel. Wir Besucher gingen mit unseren Bekannten auf die Terrasse, mein Bruder brauchte seine obligatorische Nach-Speisen-Zigarette. Die war noch nicht angesteckt, da hörte ich schon Getuschel hinter der Häuserecke. Und weil ich entsprechend günstig saß, gewahrte ich bald Haarschöpfe, die sich in unterschiedlichen Augenhöhen und Intervallen aus der Deckung trauten. Während mein Bruder den ersten Zug tat und ihn genoß, sprang die Älteste aus dem Versteck hervor, hinter sich ihre Geschwister und drei oder vier Nachbarskinder. „Das ist die Maschinenfrau, seht ihr?“ sagte sie mit Blick auf mich zu ihren Begleitern. „Ich lüge nicht, sie ist eine Maschine!“ Und weggeschwemmt vom eigenen Mut machte sie kehrt und floh wieder hinter die Ecke. Die anderen hinterher.

1976-1978

Während Teile meines Körpers anfingen auszufallen, lief im Fernsehen eine amerikanische Serie mit dem deutschen, vom Original uninspiriert kaum abweichenden Titel „Der Sechs-Millionen-Dollar-Mann“ (Originaltitel: The Six Million Dollar Man), in welcher der Protagonist – ein Astronaut – bei einem Unfall schwer verletzt worden war und daraufhin bionische Hilfsmittel eingepflanzt bekommen hatte. Dergestalt also ein Cyborg setzte er seine neuen Kräfte (viel effizienter und stärker als seine ehemals natürlichen) zum Wohle der Menschheit und seiner Arbeitgeber ein. Von 1976 bis 1978 gab es dann auch (brav!) eine weibliche Cyborgin – die Sieben-Millionen-Dollar-Frau – die analog ebenfalls über übermenschliche Kräfte verfügte: The Bionic Woman konnte schneller laufen als ein Auto fahren, verfügte über einen rechten Arm, der stark genug war, Stahl zu verbiegen, und konnte mit ihrem bionischen Ohr für das menschliche Gehör unhörbare Frequenzen wahrnehmen. Das hätte ich mir schon gewünscht für mich…

Doch das, was bei mir ausfiel – nämlich die Betazellen in der Bauchspeicheldrüse – konnte nicht mittels Bionik wettgemacht werden. Ein als Autoaggressionserkrankung betitelter Vorgang (Typ-1-Diabetes) hatte in mehreren Angriffswellen mit meinen eigenen Immunzellen meine insulinproduzierenden Zellen auf immer vernichtet. Keine Bionik möglich, jedenfalls zu dieser Zeit noch nicht und – ich war bei Weitem nicht wichtig genug. Ich musste also mit Spritzen auskommen, mit denen ich mir das ausgefallene Insulin von außen zuführen konnte, und meinen viel weniger gestählten und trainierten Körper mittels Essregelungen und „Regimes“ in Schuss halten. Da hat man viel zu tun, und ist ganz schön mit sich selbst beschäftigt, ganz abgesehen von der im Hintergrund spielenden Melodie mit dem Titel „Warum ich? Und was will mir das sagen?“

Wolfgang Döbereiner hat (irgendwo steht es auch geschrieben) gesagt: „Die Krankheit will Ihnen nichts sagen, die will Sie vernichten.“ – Das hatte ich nicht gehört, damals – aber trotzdem war die Krankheit von jetzt an mein natürlicher Feind. Und indem ich gegen die Krankheit kämpfte, kämpfte ich wiederum gegen mich selbst. Aber natürlich war es schließlich dann doch so, dass die Krankheit mir etwas „erzählte“ – doch es sollten noch Jahre vergehen, bis ich das begriff. In dieser Zeit bestimmten strenge Pläne, Küchenwaagen, Kanülen und Spritzen, die auszuspülen und zu sterilisieren waren, meinen Alltag. Ein einfaches In-den-Tag-Hineinleben war nicht (mehr) möglich, ich musste ständig auf der Brücke stehen und die Reaktionen meiner Körpermaschine kontrollieren und protokollieren. Was mein – jetzt hätte ich beinahe vegetarisches geschrieben – vegetatives Nervensystem nicht mehr leistete, musste ich von außen ersetzen. Der Defekt griff tief in das autonome Nervensystem ein und in gewisser Weise wurde ich doch zu einem Cyborg, der ausgezeichnet funktionierte, solange er die äußere Kontrolle über das defekte innere System behielt.

2004

Die Zwischenschritte erspare ich Ihnen. Aber den nächsten Schritt Richtung Maschinisierung will ich Ihnen nicht vorenthalten. Nachgerade eine „Meisterin“ (mit eingeschlossen unterschiedlich lang andauernden Phasen der Selbstvernichtung) im Ersetzen der körpereigenen Prozesse zur Euglykämie, beschloss ich, mir das Leben zu erleichtern, indem ich mich in die Obhut einer Insulinpumpe begab. Ein tolles Ding! In der Anfangszeit seiner Erprobung teuer wie ein Kleinwagen, gehütet von den Herstellern, vergeben an jene Auserwählte, die bereits durch Folgeerkrankungen Gefahr liefen, den Krankenkassen zu teuer zu werden.

Nach einer etwa vier-sechs Wochen dauernden „Einstellung“ (oh ja, Diabetes ist eine Einstellungssache, bei der man sehr viel sündigen kann!), bei der ich mich mit einer Schar Ärzte in die Tiefen meiner Körperfunktionen hineinarbeitete und BE-Faktoren, Korrekturfaktoren, Basalbedarf meines Organismus herausfand, lief das dann. Das Gerät der zweiten Generation war viel kleiner und schicker als die klobigen Dinger der ersten Generation; das Gerät fiel kaum auf, musste alle drei-vier Tage neu befüllt und ein wenig gepflegt werden.

Als Nebeneffekt der Aufwandsreduktion ergab sich, dass ich jetzt viel weniger schriftlich protokollieren musste – das tat ja das Gerät. Und weil Bequemlichkeit verführerisch ist, stellte ich hier und da das lästige „Testen“ ein und wagte Freiflüge mit den Zuckerwerten. Endlich Freiheit. Der Stich in die Fingerkuppe zur Blutentnahme hätte mich an besagtem Essenstisch im Jahr 2008 natürlich als Mensch entlarvt. Welche Maschine blutet denn?

2010

In den letzten Jahren hat sich wieder eine Menge getan. Die Gruppe der Diabetiker (von den Planeten Diabetes I und II) ist eine der größten Krankengruppen in Deutschland. Eine Volkskrankheit nennt man sie inzwischen, und klar – das ist eine lukrative Sache, wenn man diese Gruppe zu einer wichtigen Zielgruppe macht. Dafür wird geforscht, dafür gibt es Geld, der Fortschritt muss weitergehen! Die Industrie blüht. Die Insuline sind inzwischen nicht mehr die von Rind oder Schwein, nein, seit Jahren gibt es von Bakterien erzeugte Humaninsuline unterschiedlichster Eigenschaften. Jeder Mensch hat ja doch sein „eigenes“ Insulin, und das möchte man (Pharmazie) nachempfinden. Also ging einerseits der Ehrgeiz in diese Richtung; in eine weitere Richtung ging der Ehrgeiz, den Patienten die „Pieckserei“ zu ersparen. Ab etwa 1984 war es möglich gewesen, den Leuten Testgeräte und Blutteststreifen zu überlassen. Dadurch wurden die strengen Regeln gelockert, es war jetzt mehr Lebensqualität möglich – aber ums Stechen kam so ein Diabetiker doch noch nicht herum. Ganze Armeen von Fingerkuppen sind da unempfindlich und verhornhautet und vernarbt zurückgeblieben.

Abgesehen davon: Alles, was man zu lange und zu ritualisiert tut, weckt irgendwann eine Abstumpfung. D.h. die weckt ja nicht, sondern sie führt in ein Einnicken. In Folge dessen stellen sich chaotische Muster ein, das Ganze gerät aus der Ordnung. Der menschliche Makel, das Leck-mich- und Gehen-Lass-Gen treten auf den Plan und gefährden die Statistiken und Studienergebnisse. Ich sehe sie vor mir – diese Heerscharen an Kranken, die in die Arztpraxen schlurfen und sich ihr Lebenselixier und die Hilfsmittel dazu abholen, und dann wieder zurückschlurfen, um irgendwo draußen in der näheren Umgebung ihren Pflichten nachzugehen. Ja, Leute von den Planeten Diabetes I und II sind pflichtbewusst, ordentlich, vielleicht nicht auf allen Gebieten, aber auf einem ganz bestimmt, geradezu krankhaft fleißig und beflissen. Sie werden eingestellt (also nicht auf der Arbeit, sondern medikamentenmäßig), dann funktionieren sie wieder. Und manche leben sogar ausschließlich nur noch als Funktion der Krankenkasse und der Pharmaindustrie, sind instrumentalisiert. Aber ich verzettele mich. Ich wollte auf den Kreislauf hinaus. 

Wieder bei Bekannten zu Besuch. Tut mir leid, aber ich muss an dieser Stelle erwähnen: ich bin ziemlich undiszipliniert, und das sowohl was das Essen als auch das Testen als auch die Einhaltung von anderen Regeln angeht. Die Bekannten – ein Diabetiker-Haushalt wie er im Buche steht. In der Küche die obligatorische Waage, an der Pinnwand die obligatorische KE/BE-Übersicht – sofern man sie nicht im Kopf hat, kann das hin und wieder bei Vergessen helfen. Und dann kam das Scangerät zum Einsatz. Ich staunte Bauklötze: ein Sensor am Unterarm befestigt maß den Gewebszucker und der Wert wurde sodann mit einem Lesegerät abgelesen. „So was musst du dir unbedingt besorgen“, lautete die ungefragt erteilte Empfehlung. „Ich habe das Gerät jetzt seit einem halben Jahr, und mein Zucker ist tipptopp.“ Mir fiel jedoch gleich der nervöse Tick am Auge auf, und im Laufe des Abends der fast zwanghafte Drang, alle Viertelstunde den BZ abzulesen. Horror. So genau will ich das alles gar nicht wissen.

Was war hier passiert? Der Mann hatte in seinem Kontrollzwang ein Mittel gefunden, erst sich selbst und dann auch die gesamte Familie mit seinem Diabetes zu terrorisieren. Alle wurden immer live über den jeweiligen Zuckerstand informiert und fühlten sich moralisch aufgerufen, darauf zu reagieren. War der Wert zu niedrig, griff irgendeiner gleich zu Traubenzucker und schob es dem Unterzuckerten zu; war der Wert zu hoch, wurde die letzte Mahlzeit analysiert und ausgewertet. Sie waren durchweg mit der Befindlichkeit des Vaters befasst – ob Frau und Kinder wirklich einen tertiären Krankheitsgewinn davon hatten, entzieht sich meiner Kenntnis. Mir ist allerdings zugetragen worden, dass die Eheleute sich getrennt haben. – Als wir nach Hause fuhren, war ich sicher: ein solches permanentes Blutzucker-Monitoring kommt für mich nicht in Frage. Thema erledigt. 

2015

Inzwischen sind die Pumpen und die Testmöglichkeiten im Smartphone-Zeitalter angekommen. Es gibt Apps, mit denen sich die Testgeräte steuern lassen und sich zusammen mit den Pumpen ein geschlossener, extern-interner Kreislauf herstellen lässt. Also, Testgerät (ob nun Blutzucker oder Gewebszucker lasse ich mal dahingestellt) sendet das Ergebnis ans Smartphone, dies wiederum sendet via App den Wert an – ja, an wen denn? Eine zweite, dritte Person, an die Krankenkasse, an den Arzt?

Nehmen wir an, da sitzt ein Schüler der ersten Klasse in seinem Unterricht und er ist Diabetiker mit einer Insulinpumpe. Mutter sitzt zu Hause und liest mit, wenn er in der Pause seinen GZ einliest oder sein Testgerät den BZ übermittelt. Zucker ist 284, zu hoch. Insulinabgabe?! Mutter entscheidet das zu Hause und sendet via SmartphoneApp an die Pumpe den Befehl, die für diesen Status vorgerechnete Menge an Korrekturinsulin abzugeben. Nachgeschickt: Sie werden bemerkt haben, dass diese ganze externe Verwaltung des – in der Natur der Sache liegend – empfindlichen hormonlichen Insulinhaushaltes eine komplexe Aufgabe ist. Wer selbständig und souverän mit der Erkrankung umgehen will, muss sich mit physiologischen wie technischen wie auch chemisch-physikalischen Zusammenhängen auskennen. (Von den Auswirkungen einer chronischen Erkrankung auf das Gemüt ganz zu schweigen.) Ein kleines Kind – und es gibt immer mehr Kinder-Diabetiker – kann das nicht. Und gar nicht einmal wenige Erwachsene haben ebenfalls Probleme und durchschauen die Zusammenhänge nicht, sind überfordert. 

Sie ahnen, worauf ich hinaus möchte? Ein geschlossenes System, das man in die Hände einer dritten Person legt. Ist nichts Neues. In einer Zeit, in der sich die Leute dazu verführen, sich Chips zur bargeldlosen Zahlung an Kaufstellen implantieren zu lassen, ist die vollkommene Kontrolle und Überwachung von höherer Stelle nicht mehr weit. Behalten wir im Hinterkopf: Sympathikotone Menschen wie es Diabetiker nun mal in ihrer unerlösten Form sind, sind fremdbestimmt und fremdbestimmbar. Hervorragende Marionetten, vielfach einsetzbar. Maschinen. 

2019

Es ist passiert. Gestern, ausgerechnet am Welt-Frauen-Tag, der uns nun auch sozialistisch-ideologisch verordnet wird, habe ich es getan. Verflixt, was sagt uns das über diesen Tag?! Ich habe einen weiteren Schritt in Richtung Maschine genommen. Langsam lege ich also Menschliches, Allzu-Menschliches ab und werde Cyborg? Mitnichten. Also, der Sensor bzw. das System der Messung nennt sich „Freestyle Libre“. Ein doppeltes Freisein. Hier ist der Zeitpunkt der Anschaltung.

Oh, oh… das ist eine Sonne in den Fischen und noch der Neptun dabei. Da haben wir gleich das Hormon drin – also die hormonelle Komponente und ein verloren gegangenes Prinzip in der Ausgangslage. Der Verbund läuft vom IV. Quadranten in den III. hinein – es will etwas aus der Vorzeitlichkeit, aus dem Wirklichen, in die Gegenwart gefügt werden. Was ist dem vorausgegangen? Der Mars als der „Rächer“ des nicht vorhandenen bzw. ausgeschalteten Prinzips steht im Stier in Haus 12. Mars-Venus: die Zerstörung von Gewebe. Ein Quadrat Mars-Venus ist zusätzlich gegeben. Die Vorlage für diesen gestrigen Vorgang liefert also eine vergangene Zerstörung. Welche Information geht an Pluto? – Pluto im Steinbock im Endzeichen in Konjunktion zu Saturn, das ist doppelt Pluto-Saturn. Du hast keine Bestimmung, und du lebst in den Regelungen statt ein Leben als Dasein und eine Gestalt der Gegenwart zu haben. Deshalb bist du auch maßlos und Vorgang und musst diesen immer und immer wieder ausführen. Die beiden stehen im 9. Haus – und werden zur Weitergabe an das 8. Haus gefertigt (Fügung kann es hier nicht mehr sein). Beide tauchen im 7. Haus als Jupiter auf: im öffentlichen Bewusstsein taucht das Gefertigte also auf: hoffnungsfroh, gut gemacht… Jupiter-Venus ist eine Verheißung – und  die Integration, die Aufnahme in eine Gemeinschaft. Hier ist es die Gruppe und das Kollektiv derer ohne Leben. Sonne-Jupiter-Quadrat: von der Exposition hin zum Nekrolog – die hormonelle Tarnung (du darfst nicht König sein) trägt im Endzustand das Bild des Verzichts – die Möglichkeit frei im Handeln und frei im Schicksal zu sein – aber dies nur über eine Verneinung, durch die man hindurch muss(te). Freestyle Libre. Neptun-Jupiter ist ebenfalls enthalten, natürlich. Uranus und Saturn sind ausgefallen – damit steht der Fügung nichts Gewachsenes zur „Verfügung“. (Die Fügung ist natürlich immer auch eine Anschauung und Vereinheitlichung. Ohne Prinzip ist das eine Gleichmachung, eine Gleichschaltung.) Es muss geregelt werden – der Merkur tritt auf den Plan. Bei Neptun-Jupiter ergeben sich Mars-Jupiter und Mond-Mars: der Drang zum Missionieren und der Feind im eigenen Haus bzw. im Empfinden. Die Zerstörung steht  – auch weil Mond-Mars direkt durch Mond im Widder gegeben ist – unter dem Signum der Verneinung des Lebens. Neptun, Sonne, Merkur und Mond im 11. Haus –  da steht etwas bereit, geschöpft zu werden, Fisch aber ist eingeschlossen in 11 und der Wassermann schickt den Uranus vor den Ursprung in die ungeteilte Zeit zurück.  

Die Durchführung sehen wir im Uranus (Wassermann in Haus 10 ist die Finalität): 0.1° Stier – am Wirkungshochstand: Aufhebung von Figuration. Stier ist die Erscheinung der Energie in einem Bestand – und führt im 12. Haus vor die Zeit des gestrigen Vorgangs zurück. Bevor also die Auftauchen des Gefertigten in der Gegenwart möglich wurde, ist eine Erscheinung zugrunde gegangen und hat sich aufgehoben. Über den Jupiter-Venus-GSP leitet Wassermann an das 9. Haus weiter. Wieder ist es die glückliche Fügung – die die Erlaubnis zur Teilnahme am Sozialen erteilt. Es wird die Teilnahme gewährt unter der Voraussetzung einer Aufgabe der Eigenständigkeit. In einem Kollektiv gibt es keine Individualität, und diese aufzugeben, wird hier als Bild abgegeben und vermittelt.

„Unten“ tummeln sich keine Planeten, d.h. Herrscher von 4 – Löwe/Sonne – steht in 11, Herrscher von 5 – Löwe. Die Jungfrau ist im 5. Haus eingeschlossen: Merkur steht in 11 und nimmt dort das Wirkliche „wahr“ – versucht es zumindest, um es zu beschreiben, das Leben in seiner Aufhebung zu beschreiben, wenn er es schon nicht aussteuern kann, was in den Fischen schwer sein dürfte. Da muss er geschehen lassen und sollte nicht eingreifen. Herrscher von 6 ist die Waage – und die Venus steht im Wassermann in 10: die Wahrnehmung der Umstände des Lebens ist bestimmend für diesen Vorgang.

Schauen wir nochmals auf den Pluto-Saturn im Steinbock als Endstand: Aceton ist die ultimative Lebensbedrohung bei schlecht eingestelltem Blutzucker. Sobald dem Körper für den Abbau von Stärke (Polysaccharide zu Monosaccharide) das Insulin fehlt, und der Zucker nicht aus dem Blut zur Energieversorgung in die Zellen gelangt, beginnt der Körper Fettreserven zu verstoffwechseln, die er wiederum nicht richtig aufschließen kann – und dabei entsteht als „Abfallstoff“ Aceton. Steigender Blutzucker (dauerhafte Hyperglykämie) und steigender Ketonspiegel führen schließlich zur Ketoazidose und zum Koma. Das ist nicht lustig.

Pluto in Steinbock – der Bauplan des Lebens und die Gattungserfahrung. Hier kommt die Meldung an, dass kein Prinzip des Lebens vorliegt und ein Ersatz gefertigt werden muss – die Gene werden reguliert und dies wird sich in die Zukunft dahingehend niederschlagen, dass Menschen zwar mit Beta-Zellen ausgestattet geboren werden, diese jedoch kein Insulin mehr produzieren. Tatsächlich ist bereits bekannt, dass nicht alle insulinproduzierenden Inselzellen bei Angriffen des körpereigenen Immunsystems zerstört werden, und dass einige gelernt haben, sich zu tarnen, damit überleben, aber die Insulinproduktion eingestellt haben. Organismus lernt, und die Information des Defekts wird weitergegeben. Mit der Gabe von Insulin und der Nachahmung der endokrinologischen Funktion im Außen durch Fertigung wird das Gewachsene des Menschseins (das Aushalten des Unvollständigen und des Sterbens, mithin der Endlichkeit) verlassen. Nun gut. Es gibt noch andere Krankheiten, die den empfindlichen menschlichen Organismus bedrohen. Maschinen organisieren sich ab einem bestimmten Punkt eben auch selbst. Tatsächlich geht ja die Diskussion in der KI-Forschung dahin, dass als Leben alles zu gelten habe, was sich selbst reproduziert. 

Die Maschinisierung der Menschheit, die Technisierung des Menschlichen hat nun ja nicht erst gestern angefangen. Die Geburtenjahrgänge meiner Generation, erst recht die der nachfolgenden sind bereits in die Trümmer der vorangegangen und deren Vorvorderen geboren. Mit dem Übel müssen wir jetzt leben und umgehen, zuerst aber müssen wir es erkennen.

Saturn-Pluto wird in der Erscheinungskonstellation Merkur-Sonne: das geregelte und kanalisierte Leben, der Pluto kommt aus dem Skorpion im 6. Haus und aus dem Zwang zur Wahrnehmung und dem Zwang der Bedingungen des nicht vorhandenen Lebens. Also Leben ist schon da, aber nicht als Ausdruck einer Gestalt, sondern als Vorstellung von Leben in sachlich-neutralisierender Manier. Wir tun so, als hätten wir eines. Folgerichtig ist im Horoskop auch eine Zwillinge-Aszendent, weil sich der gesamte Vorgang auf der Ausübung einer zerstörten Figuration an sich selbst abspielt.

Während man mir die Installation des Gerätes zeigte, unterhielten wir uns natürlich. Das Horoskop ist auch Anzeiger des Gesprächsinhaltes. Das lief in etwa so ab: Über kurz oder lang würden Kinder wie Alte mit dem geschlossenen System ausgestattet sein. Welche Möglichkeiten! Mehr Lebensqualität für die Patienten, die ihr Leben in die Hände einer für sie unsichtbaren Kontrollzentrale legen. Schöne neue Technologie – und man stelle sich vor, was alles noch möglich würde – man könnte die Menschen durch Fernsteuerung erleichtern… Ja, und ihnen sagen, wohin sie gehen oder wann sie sich bewegen sollen – und man könnte sie eventuell abschalten. So etwas, sagte die oecotrophologische Mitarbeiterin, wolle sie gar nicht hören. Sie glaube daran, dass in Zukunft alle Schwerkranken endlich zu ihrem Leben und ihrer Individualität kämen. Ich sagte dann nichts mehr – man darf die Menschen nicht aus ihren Haltungen reißen und ihnen die Grundlage ihres Lebenssinns (die sie zu Recht haben) nehmen. Aber da war es eben wieder, es begegnet mir jeden Tag: Sie haben Einstellungen, aber keine Anschauung; es gibt Haltungen und Meinungen zu etwas, aber keine Einsicht.  

Ich könnte jetzt noch nachbetrachten, ob es „mich“ in diesem Horoskop gibt, ob ich darin auftauche. Tue ich das mal, so überschlagend, fällt mir – natürlich – Mars-Venus auf. Diese Figurationszerstörungs-Konstellation also eine Voraussetzung für einen potentiellen Diabetiker. Saturn-Pluto, passt – ist auch eine der Komponenten, der Eintrag ins Erbgut, Sonne-Saturn ist damit mitgeliefert, und der Saturn-Merkur aus der Lücke zwischen Jupiter-Neptun (= Uranus-Saturn) ist eine der Blockaden, der Schotts.

Am gestrigen Tag standen sowohl Sonne als auch Neptun (mit Orbis von 2°) in Opposition zu meiner Sonne, der Jupiter in Quadrat zu meiner Sonne, gespannter Aspekt, aber weils Jupiter ist, fügt sich auch Schlechtes gut. Der Schaden ist eh schon da. Die Venus der Inbetriebnahme steht in Opposition zu meiner Uranus-Mond-Konjunktion: Die Vereinigung von Empfängnis (Mond) und dem Zeugenden (Uranus), die sich in der Leugnung der Unvollständigkeit zeigen kann, deren Lektion ich aber im Erleben endlich gemacht habe (es sei denn, ich sitze einer Illusion auf) steht der Lockung,  die Verlockung des Kollektivs, in dem es keine Individuen gibt, gegenüber. Geh raus aus dem Milieu! Verlass die Haltungen! – Komm zurück zu uns, lass dich bei uns nieder.

Das Fehlen von Alternativen ist maschinenhaft. Fällt mir da ein. Die Blockade-Situation, die im Falle der Zuckercyborgs vorliegt, steckt im Saturn-Uranus, der das Fließen des Lebens verhindert. Es gibt Stauungen unterschiedlicher Staustufen. Zu jener Zeit in meinem Leben, als ich über die 17° Waage lief – mit etwas über 13 Jahren – geriet ich, zunächst ohne es wahrzunehmen, in eine lange andauernde Krise, in der ich keine Alternativen „hatte“. Immerhin brauchte ich mich nicht zu entscheiden. Eine Entscheidung auch wozwischen? 

Klingt doch irgendwie sehr bekannt – das mit der Alternativlosigkeit und dem Maschinenhaften. Wir leben in seltsamen Zeiten neuer Ideologien, die sich unverhüllt auch zeigen, wenn man nur genau hinhört: in den Forderungen, die ihre Vertreter und deren Vertreter allenthalben in die Welt rufen. Haltungen sind ohne Gegenwart, fordern dafür immer etwas von der und für die Zukunft und beziehen sich immer auf eine von den Haltungsträgern aufgezeigte Art, wie sich die Welt auszuleben habe.

Das Unangenehme an Maschinen ist, dass sie von der Richtigkeit ihrer Handlungen überzeugt sind, keinen Anlass sehen, sich zu ändern und alle um sich herum gleichmachen möchten. Vielleicht haben sie sogar eine Identität – wenn Identität bedeutet, dass man sich heute, gestern und morgen derselbe ist. Die maschinenhafte Identität aber geht ganz bestimmt davon aus, dass sie end- und zeitlos ist. Viele der heutigen Maschinenmenschen machen Pläne über 30 Jahre, über ihr kleines Erdenleben hinweg, als könnte nicht morgen das Veränderliche hereinbrechen und alles Bestehende wegreißen. Nein danke. Ich bin zwar eine wirklich ernsthaft in die engere Wahl vorgedrungene Kandidatin für die Maschinenwelt, eine fest eingetragene und im Kalkül gehaltene Konsumentin vom Lebenselixier – doch ich überlege mir das nochmal. Anders als als Kind habe ich die Wahl, ob ich mich verbrauchen lasse oder ob ich meine Endlichkeit und Sterblichkeit annehme. Bis die Lösung in mir gewachsen ist (das könnte noch eine Weile dauern, so schnell und leicht stirbt sich nicht) werde ich die Maschinenwelt weiter beobachten – und mir bisweilen eine Kur homöopathischer Mittel erlauben. Es denkt und lebt sich klarer ohne die Sirenen der schönen neuen Welt.