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FRAU DOKTOR IN DEN NESSELN

War auf einem Unternehmerinnentag, hier in Frankfurt. Um halb zehn morgens passierte ich – unaufgeregt natürlich, denn ich bin keine 40 mehr – den Bullen und den Bären vor der Börse, um mich ebenso unaufgeregt in das Getümmel von Gründerinnen und Unternehmerinnen zu stürzen. Zur Klärung des Begriffs: Eine Unternehmerin ist eine Person, die eine gewerbliche oder berufliche Tätigkeit selbstständig ausübt. Das wussten Sie noch nicht, nicht? Unternehmerinnen sind eine aus der Wirtschaft nicht wegzudenkende Größe. Deshalb sind es auch die Handelskammern, die solche Unternehmermessen – und in diesem Fall die Unternehmerinnenmesse – veranstalten. Na gut – drei von 100 Frauen sind in Deutschland Unternehmerinnen, werde ich später erfahren. Das ist verschwindend wenig. Und: die Wirtschaftsressorts sind nach wie vor fest in Männerhand.  

Im Foyer ist für Kaffee und Gebäck gesorgt, die ersten Netzwerkerinnen sind auch schon da und tauschen Visitenkarten. Mit einem Griff in meine Tasche will ich mich vergewissern, ob ich die meinen auch tatsächlich dabei habe. Ja, da sind sie. Ein ganzer Stapel. Leider habe ich ihn so unglücklich eingepackt, dass es umständlich werden dürfte, schnell eine Karte zu zücken, falls es nötig wird. Doch zunächst muss ich mich registrieren, also in die Schlange stellen, warten, bis ich an die Reihe komme, meinen Namen sagen und ein Namensschild empfangen, das ich mir auf die linke Seite meiner Jacke klebe. Jetzt kann es losgehen.

Es ist nicht mein erster „Unternehmerinnentag“, auf den ich mich jetzt begebe. Unzählige Male bin ich auf derlei „Messen“ gewesen. – 2003 in der Börse in Hamburg war mein erstes Mal. Seitdem hat sich – gefühlt in diesem ersten Einatmen der heutigen Atmosphäre – nicht wesentlich etwas geändert, außer vielleicht, dass ich damals zu den jüngeren Frauen gehörte. Jetzt sind die meisten Frauen, zwischen denen ich gerade herumgehe, die Jüngeren. Ich gehe hierhin und dahin – es sind Stände aufgestellt, an denen Frauen ihre Unternehmen vorstellen und Informationsmaterial ausgelegt haben. Die Tische in der Mitte sind dem Catering vorbehalten. Es sind junge, mit weißen Schürzen bekleidete Männer unterwegs, die die die bereitstehenden Körbe mit Croissants und Schokoladenbrötchen auffüllen, und später die benutzten Teller und Tassen abräumen, die Gläser einsammeln werden. Ich verwickele mich in ein Gespräch mit zwei jungen Frauen, die ein Unternehmen gründen möchten und heute Ideen für eine professionelle Präsentation suchen, und überlasse ihnen eine meiner Visitenkarten – die Generalprobe: ich schaffe es einigermaßen elegant, eine Karte aus der Tasche zu zaubern – und einen winzigen Ratschlag. 

Das Motto der heutigen Veranstaltung lautet „Pioniergeist: Chancen durch Veränderungen“, es herrscht entsprechend Aufbruchstimmung, und aus nicht wenigen Gesprächen wehen Fetzen der Art von „wir brauchen frischen Mut, neue Wege zu gehen“, „mehr weibliche Vorbilder brauchen wir“, „wir müssen die Männer da abholen, wo sie stehen und dann auch mitnehmen“, „Rahmenbedingungen müssen geändert werden“, „immer mehr Frauen gründen nicht aus der Not heraus, sondern aus freier Entscheidung“, „Frauen sind als Crowd-Funderinnen Spitze, weil sie klüger hauswirtschaften“ an mir vorbei. Einige dieser Sätze und Gedanken werden in den anschließenden Impulsvorträgen und Präsentationen wiederholt auftauchen, quasi als Parolen, als Mutmach-Affirmationen. 

Als einziger männlicher Redner eröffnet ein Politiker die Veranstaltung. Als er sagt, dass die Frauen – bei allem, was sie in den letzten Jahren bereits aufgeholt haben – nach wie vor mehr aus dem Netzwerken im Tal herauskommen und auf den Berg der Seilschaften hinauf müssen, zücke ich meinen Bleistift, schreibe das auf und denke den Gedanken weiter. Hat er recht? Frauen tun sich zusammen, um sich in ohnmächtiger Situation gegenseitig zu unterstützen. Sie sind Meister im Organisieren und darin, in Krisensituationen handlungsfähig zu bleiben oder gerade dann Kräfte zu mobilisieren. An der Spitze allerdings netzwerkelt man nicht mehr, sondern knüpft ganz andere Beziehungen?

Ich – in der letzten Reihe (mit geschätzt 50 Stuhlreihen vor mir) sitzend – verpasse einen Teil seiner weiteren Rede, in der er auch einige Zahlen nennt. Dumm. Zahlen machen sich immer gut, wenn man von einem solchen Event kommt und berichten soll. Wen interessiert schon, wie ich mich hier fühle? – Nach zehn Minuten wird er von einer weiblichen Rednerin abgelöst. Sie ist keine Unternehmerin, wie sie gleich betont, aber eine Frau in einer Position, in die es nur wenige geschafft haben. Sie spricht über das Bild der Unternehmerinnen in den Medien – und hier erhasche ich eine echte Zahl: auf einen Bericht über eine Frau als Unternehmerin kommen 17 Berichte über unternehmerische Männer. Der Normunternehmer – so sagt sie dann – sei eben immer noch männlich, kapitalistisch und gewinnorientiert – und tauche in seiner Vorbildfunktion entsprechend in den überwiegend von Männern dominierten Medien auf. Es folgen zwei mutmachende, gegendarstellerische Anekdoten, deren eine von der Tochter ihrer Freundin (eine Unternehmerin und Chefin) handelt, die zu ihrem Bruder gesagt haben soll: „Du kannst nicht Chef werden. Ein Chef ist immer eine Frau.“ Die Frauen lachen und klatschen. Es bewegt sich doch was. 

In der Mittagspause ist Zeit für Gespräche. Ich stehe mit drei anderen Frauen an einem weißgekleideten Tisch, wir sehen uns gegenseitig auf die Namensschilder und stellen erleichtert fest, dass wir aus unterschiedlichen Branchen kommen. Wir kommen darin überein, dass es in Deutschland eine Neidkultur gibt, dass man sich keine Fehler leisten darf und dass zu einem erfolgreichen Unternehmertum gehört, um seine eigenen Grenzen zu wissen, und dass man – was wiederum dazu gehört – sich selbst gut kennen sollte. Ob man in seinem Unternehmen sogenannte Söldner oder Fans als Kunden hat, hängt natürlich davon ab, ob man selbst ein Söldner- oder ein Fan-Typ ist. 

Eine der Frauen an unserem Tisch macht zwischen zwei Gängen ein Selfie und twittert es raus in die Welt, wendet sich dann wieder unserem Gespräch zu. Zurück zu den Söldnern und der Selbsterkenntnis: wenn ich also so ein (männlicher) Söldner bin (weibliche soll es – so hatte uns die Referentin versichert – nicht geben, was ich an dieser Stelle nicht nachprüfe), dann ziehe ich auch Kunden der Söldner-Art an. Klingt ein wenig negativ – ist es auch. Söldner lassen sich nämlich Kostenvoranschläge machen und versuchen anschließend, sowohl den Preis als auch das Angebot an ihre persönlichen, oberflächlichen und möglichst schnell zu erfüllenden Bedürfnissen anzupassen. Ein Söldner ist ein Laufkunde, der immer den für ihn geeignetsten Angeboten hinterherläuft. Dass Qualität ihren Preis hat, ist ihm vielleicht sogar klar. Er hat aber eindeutig andere Prioritäten. Loyalität gegenüber einem Anbieter kennt er jedenfalls nicht.

Nachdem eine Unternehmerin also in einem ersten Durchgang der Selbsterkenntnis herausgefunden hat, wer sie selbst ist, und ob sie diesen Typ Kunde als Zielgruppe umwerben möchte, kann sie ihre Marketing-Strategie gezielt und bewusst einsetzen. Wir kommen am Tisch zu dem Schluss, dass es reine Fan-Typen als Kundschaft nicht gibt, es sie vielleicht auch nie geben wird. Offen bleibt, wie so ein Typ überhaupt aussieht. Auch haben wir keinen Vorschlag für eine gendergerechte, weibliche Bezeichnung erhalten, was uns nicht wenig irritiert. Ungesagt bleibt, wie die Marketing-Strategie nun aussieht, wenn man den Söldner-Kunden ansprechen will. Naja… ich weiß es, bin ja nicht neu im Geschäft.

Nach dem Essen und auf dem Weg zurück in den Plenarsaal zu noch weiteren Präsentationen ergibt sich ein Gespräch mit einer Frau aus der Reisebranche, die im Begriff ist, ein Netzwerk für ein mobiles Reisebüro aufzubauen. Ihr Ziel: sie will in den Hochpreis-Sektor. Ihr Angebot: Individualreisen, ausgetüftelt von der ersten bis zur letzten Busfahrt, mit den umwerfendsten Besichtigungen, spannungsgeladensten Safaris oder Einkaufstouren. Sie ist studierte BWL-erin und kennt sich mit Zahlen aus. Sofort keimt in mir – ohne dass sie weiß, dass diese Zahlen meine Achillesferse sind – das Empfinden, an diesem Ort nicht gerade am für mich richtigen zu sein. Aber ich bleibe tapfer und erzähle souverän etwas von meiner Arbeit und von meinem Unternehmen. Über einige Sachen, die ich außerdem noch so tue, schweige ich weiserweise. Da wir ja hier beim Netzwerken sind, erhalte ich von ihr ihre Karte und auch eine Adresse, an die ich mich wenden kann, um mein Unternehmen noch weiter zu verbreiten.

Es sind alle sehr gewissenhaft bei der Sache, nur ich scheine die Wichtigkeit der Lage nicht erkannt zu haben. Auf der Treppe nach oben in den dritten Stock bewege ich mich in der Prozession der Impulsträgerinnen der Nation zwar im Gleichschritt (es bleibt auch nichts anderes übrig, vor mir und hinter mir Unternehmerinnen), aber mit ersten Fluchttendenzen. Vor dem Eingang in den Saal passt mich ein Mann ab, sagt, er habe mein Gespräch mit Frau X gehört und es interessiere ihn, was ich da so gesagt hätte – über Heimat und Heimatlosigkeit und Entwurzelung. Ob wir uns unterhalten könnten. Das tun wir dann auch, und ich weiß ja nicht gerade unspannende Anekdoten zu erzählen von dem, was ich in meinem Arbeitsalltag so erlebe. Wir müssen unser Gespräch beenden, weil drinnen die erste Nachmittagsrednerin auf die Bühne getreten ist – oder ist es gar keine Bühne? – und ins Mikro geräuspert hat. Sie wird über das „Heraustreten aus der Komfortzone“ sprechen.

Ihr Gesicht kann ich nicht erkennen, und so ist es, ich jetzt in der vorletzten Reihe sitzend, ihre Stimme, die mich über eingeprägte Rollenmuster und das weibliche Bedürfnis nach dem Gemocht-Werden, über den anders ausgedrückten Willen zur Durchsetzung und zur Macht orientiert. Die Komfortzone – das ist das Bekannte, das Gewohnte, in dem man sich wohlfühlt. Oder auch nicht wohlfühlt – aber es dennoch nicht verlassen mag. Und dann wird es psychologisch, denn jetzt wird die Angst ins Spiel gebracht. Ich sehe nickende Köpfe vor mir … und ich sehe viele Köpfe, denn die weitaus meisten unternehmerischen Frauen sitzen vor mir. Hinter mir gefühlte drei. Von der Angst kommt die Referenten auf den Mut – den Mut, anders zu sein, anderes als das Übliche zu tun. 

An diesem Punkt ereignet sich bei mir die Abspaltung und ich falle in die Vergangenheit. Gleich zweifach. Einerseits – vielleicht auf der linken Seite – falle ich ins Jahr 1983, als ich – erfahren wie ich damals war – in einem intellektuellen Glücksmoment einen Aphorismus geschrieben hatte:  „Unangepaßtsein ist wieder in, und in ihrem kollektiven Anderssein sind sich dann alle wieder gleich und merken gar nicht, wie sie sich selbst den Boden unter den Füßen weggraben.“ – Ach noch einer taucht auf: „Seitdem man unters Volk lancierte, daß Divergenz ein Zeichen von Intelligenz ist, wollen alle möglichst anders sein, und glauben damit, sie würden intelligent.“ – Ich hab sie niemals irgendwo veröffentlicht, und das war sicher auch gut so. Auf der rechten Seite steht das Jahr 1996. Damals erschien ein Kinderbuch, das bis heute schwindelerregende Verkaufszahlen erreicht, und das von einem Fisch handelt. Ich frage, wieder aufgetaucht aus meiner Dissoziation, meine Platznachbarin, ob sie dieses Buch kennt und nenne ihr den Titel. Worum es darin gehe, fragt sie zurück. Um Sozialismus, sage ich. Eine Frau, die just in diesem Moment an mir vorbeigeht, hält inne und sagt: „Sozialismus – ja, den brauchen wir nun wirklich nicht. Wir müssen einen begehbaren Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus finden.“ Die Referentin vorne bekommt von alledem nichts mit.

Ihr Vortrag – aber damit ist sie nicht die einzige – ist voller neuer, mir zwar nicht unverständlicher, aber doch befremdender Anglizismen. Das ist neue „deutsche“ Begrifflichkeit. Überhaupt ist die Begrifflichkeit erstaunlich martialisch – einerseits – und unüberhörbar englisch andererseits. Crowd-Funding, Start-Ups, Pop-ups, Networking – auf Englisch klingt das tatsächlich mehr nach Arbeit als auf Deutsch, mir drängt sich der Verdacht auf, dass man Networking bei uns noch nicht wirklich als „Arbeit“ wahrgenommen hat – Business, Agenda-Setting, Audit und viele andere mehr. Das Unternehmens-Sprech ist digital-orientiert und jung – die digitalen Natives haben eindeutig mit ihren Tabletts, Smartphones und Apps den Market und die Hoheit über die Sprache übernommen und lassen die Digital-Immigrants das auch spüren.

Geändert haben die Generation-Y-Damen, die als nächstes ihre 10 Minuten zur Vorstellung ihrer Marketing-Idee bekommen, auch die Präsentationsformen: das hat alles Event-Charakter. Spaß, es muss in erster Linie Spaß machen und kreativ sein. Was diese Kreativität ist, bleibt übrigens ein Geheimnis. Für die, die es nicht wissen. Wie gut, dass ich derlei Wörter noch ableiten und auch zuordnen kann! Also, gegen Spaß habe ich nichts; ich möchte an meiner Arbeit auch Spaß haben. Also, das wäre ja noch schöner, wenn ich als Freiberufliche nicht die Arbeit täte, die zu mir passt und die, obwohl manchmal anstrengend, in erster Linie erfüllend und befriedigend ist. Doch ich werde den Verdacht nicht los, dass das hier eine riesige Spielwiese für eine Altersgruppe ist, der ich entwachsen bin. Von meiner zwischenzeitlich aufgekommenen Idee, den jüngeren Frauen meine Erfahrung als gestandene Selbständige in unserem hiesigen Arbeitssystem auf Wunsch an die Hand zu geben, nehme ich so etwa gegen 15:00 Uhr Abstand. Wäre eine reizvolle Weitergabe des Feuers gewesen, als Mentorin eine jüngere Frau auf ihrem Weg zu begleiten. Doch sie brauchen das wahrscheinlich nicht, denn ihre Zeiten sind nicht mehr unsere Zeiten.

Meine Platznachbarin und ich verlassen gemeinsam den Saal; am Ausgang werfen wir noch unsere Visitenkarten für ein angekündigtes Gewinnspiel in eine dafür ausgestellte Box und gehen dann zusammen einen Wein trinken. Den Evaluierungszettel für diese Veranstaltung habe ich hier vor mir liegen. Es hat sich wirklich nicht viel geändert. Eins aber ganz bestimmt: dass ich älter bin und um ein paar Illusionen ärmer. Und da werde ich dann auch wieder ausgesöhnt.