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FRAU DOKTOR HAT KEINE MEINUNG

Werde manchmal um meine Meinung gebeten. Breche dann fast jedesmal innerlich zusammen – denn das ist für mich ein unglaublich schwieriges Unterfangen: „mir eine eigene Meinung zu bilden“. Da wird mir übel. Wie ich es bis jetzt geschafft habe, meinungslos zu sein und doch zu überleben? Auf jeden Fall nicht unversehrt und unverwundet. Dazu jetzt ein paar Gedanken.

Die Wortklärungen zu „Meinung“ überspringe ich an dieser Stelle. Jeder mag für sich in Definitionen nachlesen, wie das Wort „Meinung“ sprachwissenschaftlich hergeleitet und wie es soziologisch, politisch oder philosophisch erklärt wird. Man muss aber auch nicht immer alles definieren und zerlegen… 

Als zweites fällt mir der Sommer des Jahres 1974 ein. Kann auch 73 gewesen sein. Wir wurden am Ende der 9. Klasse von Herrn Dr. Friese in die Ferien entlassen. Die Zeugnisse erhielten wir aus seinen Händen. Für jeden hatte er einen knappen Satz. Natürlich duzte er uns. Sechs Wochen später trafen wir in unserem neuen Klassenraum wieder zusammen, Herr Friese war immer noch unser Klassenlehrer (oder wieder) – wir jetzt in der 10. Klasse. Seine einleitenden Worte im neuen Unterrichtsfach „Gemeinschaftskunde“: „Ab heute werde ich Sie siezen – und Sie dürfen jetzt diskutieren.“ Ja, so sagte er es. Mehr oder weniger – Erinnerungen ändern sich im Laufe der Zeit und ich habe diese Anekdote so oft aufgerufen, dass die Erinnerung frag- und klaglos nicht mehr ganz die Ursprüngliche sein dürfte. Undeutlich schwingt auch noch ein mulmiges Empfinden mit, der Schreck: ich muss und soll mich jetzt hier mündlich und öffentlich äußern (für eine gute Note)? Meine Mitschüler lebten sich schnell in dieser Situation ein. Ab sofort wurde munter diskutiert. Dr. Friese ging es damit nicht gut. Aber ich schweife ab.

Drittens also Diskussionen. Ich war nicht gut darin. Bis ich eine Sache verstanden hatte, hatten die meisten anderen bereits ihre „Statements“ dazu in den Raum geworfen. Mir als fast letzter blieb eigentlich – da ich ja von der Sache eine mir unzureichend anmutende Kenntnis hatte – oft nur ein lapidares: „Ich schließe mich dem Vorredner an.“ Das stimmte nicht, brachte mir hämische Blicke und alles andere als eine gute Note ein. Dafür Telefonanrufe bei meinen Eltern – meine mündliche Beteiligung im Fach ließe zu wünschen übrig. Und an meiner Toleranz müsse ich auch arbeiten, denn ich sei nicht bereit, über meine Meinung zu sprechen und diese gegebenenfalls zu ändern. Es entzieht sich gnadenvoll meiner Erinnerung, ob meine Eltern bezüglich der Schule etwas unternommen oder mich zuhause darüber belehrt haben, wie ich mich zu verhalten hätte. Rundheraus: ich mag keine Diskussionen.

Gestern – nein, bleibe ich schön bei der Wahrheit – vorgestern nun ein Klassengespräch mit Schülern. Das Thema spielte natürlich im Gespräch eine Rolle, in dem, was ich hier sagen möchte, weniger. Folgender Dialog in Anrissen:

Schüler: „Soll man nun A machen oder B? Was meinen Sie?“
Ich: „Ich kann nicht sagen, was man machen soll oder nicht. Das Problem ist mit MACHEN nicht lösbar. Aber ich kann mir anschauen, worin das Problem besteht. Welche von all den Aktionen, die „veranstaltet“ werden, sind sinnvoll, welche töricht und welche reines politisches, augenwischendes Gemurks. Müssen und dürfen wir uns einmischen?“
Schüler: „Aber ich meine: was ist Ihre Meinung? Wenn man das nicht so und so und so macht, ist das sehr ungerecht. Besser wäre es, es SO zu machen. Das ist meine Meinung.“
Ich: „Bevor man ‚macht‘, muss man begriffen haben, wie es dazu gekommen ist. Und selbst dann ist ‚Eingreifen‘ nicht die Lösung.“
Schüler: „Also sind Sie dagegen, dass…“
Ich: „Das habe ich nicht gesagt.“

Wenn dieser Moment innerhalb von Klärungen zu Situationen oder Krisen erreicht ist, steige ich aus. Hätte der Schüler zugehört, hätte er gehört, dass ich meinen Punkt sehr wohl gemacht habe. Wenn ich mich von jetzt an dagegen wehren muss, mit meinen Äußerungen in eine bestimmte, bereits zuvor von meinem Gesprächspartner ausgemachte Ecke gestellt zu werden, sträubt sich alles in mir. Natürlich ringen die Leute die Hände! Sie eiert herum, sie will sich nicht festlegen, sie redet bestimmten Leuten nach dem Mund … heißt es dann. Um das Ganze abzukürzen – mein Ausstiegssatz ist ebenso trotzig wie arrogant:

„Ich habe keine Meinung, ich habe allenfalls eine Einsicht in die Sache. Und die ist nicht verhandel- und diskutierbar.“

Der Zusatz schließt natürlich die Tür zu einer weiteren ge’mein’samen Diskussion. Es sei denn, wir einigen uns darauf, dass wir uns auf die „Einsicht“ in das Thema einlassen. Und wir betrachten die Sache einmal unabhängig von persönlichen, zwangsläufigen, subjektiven und vielleicht sogar notwendigen – Umstände genannt – Abhängigkeiten. Geht das überhaupt? Und was liegt denn hier wirklich vor? Vorwegnehmend werfe ich noch drei Wörter in die Runde: Prinzip und Wahrheit (nicht identisch, aber in eine ähnliche Richtung weisend) und Empfinden (habe ich bisher noch nicht einmal angedeutet). – Schauen wir mal vorurteilslos, wenn auch nicht ganz unvoreingenommen (von meiner Seite aus, denn immerhin führe ich hier die Argumentation).

Was ist denn eine Diskussion und was soll sie erbringen? Zunächst einmal ist in diesem Wort – wie in den Brüderwörtern Diskurs, Disputation, Disput – die Vorsilbe dis für die Bedeutung von „auseinander“, „gegensätzlich“ zuständig. Jetzt muss ich leider doch eine Definition einbringen: „Eine Diskussion ist unter anderem die öffentliche Meinungsbildung und Berichterstattung über ein Thema“, oder: „Eine Diskussion ist ein meist lebhaft geführtes, kontroverses Gespräch über ein Thema oder ein Problem“.

Kann eine Diskussion ein Problem lösen oder klären – wenn man sich doch auseinander-, statt zusammensetzt? Miteinandersprechen ist ein weiteres Wort, das wir brauchen – und nicht gegeneinander, um den jeweils Anderen von der eigenen Einstellung überzeugen zu wollen. „Weisheit entwickelt sich, wenn Menschen über ihre Unterschiede reden können, ohne das Bedürfnis zu haben, die anderen verändern zu müssen“, sagte Gregory Bateson.

Doch nicht so schnell – so schnell werden wir nicht weise… es geht zunächst noch um anderes. – Es geht um das Gespräch.

„Ich habe keine Lehre. Ich zeige nur etwas. Ich zeige Wirklichkeit, ich zeige etwas an der Wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. Ich nehme ihn, der mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stoße das Fenster auf und zeige hinaus. Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch.“

Das Zitat stammt von Martin Buber, und darin taucht das Wort „Wirklichkeit“ auf. Die Wirklichkeit ist nicht die Realität. Dazu hab ich schon mal etwas geschrieben, ist schon älter (ich sollte es vielleicht überarbeiten). Die Wirklichkeit ist das, was über den einzelnen Menschen als Subjekt seines Lebens hinausgeht. In die Wirklichkeit reicht sein Wille nicht, denn sie entsteht absichtslos – und wirkt von uns unabhängig. Und: „Die ‚Wahrheit‘ setzt sich nicht durch – sie scheint durch.“ – Auch von M. Buber.

„Jeder von uns steckt in einem Panzer, dessen Aufgabe ist, die Zeichen abzuwehren. Zeichen geschehen uns unablässig, leben heißt angeredet werden, wir brauchten nur uns zu stellen, nur zu vernehmen. Aber das Wagnis ist uns zu gefährlich, die lautlosen Donner scheinen uns mit Vernichtung zu bedrohen. […] Jeder von uns steckt in einem Panzer, den wir bald vor Gewöhnung nicht mehr spüren. Nur Augenblicke gibt es, die ihn durchdringend und die Seele zur Empfänglichkeit aufrühren. Und wenn sich dergleichen uns angetan hat und wir dann aufmerken und uns fragen: ‚Was hat sich denn da Besondres ereignet? Wars nicht von der Art, wie es mir alle Tage begegnet?‘, so dürfen wir uns erwidern: ‚Freilich nichts Besondres, so ist es alle Tage, nur wir sind alle Tage nicht da.‘ …“ (ebd.)

Der letzte Absatz bringt ein wenig vom Thema ab, und doch wieder zu meiner kleinen Person zurück. Und zu den Panzern. Wenn Menschen die Panzer, in denen sie stecken, nicht mehr merken, unterliegen sie der Gefahr, ihren Panzer für den allein möglichen zu halten. Panzer = Denkmodell. Es muss nur eine kleine persönliche Unsicherheit, ein Gefühl (und hier passt das Wort, s.u.) des Angegriffen-Werdens dazu treten, und schon werden sich die In-Frage-Gestellten verteidigen. Das tun sie, indem sie möglichst viele andere Menschen, mit denen sie dann ‚einer Meinung‘ sind, auf ihre Seite zu bringen versuchen. Ein Gespräch ist das dann aber nicht mehr.

Ich bin natürlich etwas ganz ‚Besonderes‘, denn ich kann von mir sagen, dass ‚etwas‘ (das ich weiter unten näher benennen werde) mich schon als Kind davon abgehalten hat, mich auf eine Seite zu stellen und diese dann zu verteidigen oder zu bewerben. Unsere Sprache ist da auch wirklich martialisch: Wir beziehen eine Stellung – ja, als ginge es um eine Schlacht! Gerne und auch ausführlich spreche ich darüber, was ich in der Welt sehe, vermeine zu sehen, was ich erlebe und vermeine zu verstehen. Das ist keine Meinung und ich bin auch nicht davon überzeugt. Ich beziehe keine Stellung … und wurde doch und werde auch heute noch, sobald ich mich in Kollektiven aufhalte, hineingezwungen. Es ist keine Meinung, die ich mein ‚Eigen‘ nenne, aber was immer es ist – es liegt auch der Richtung, die Buber uns wies (aus dem Fenster hinaus) entgegengesetzt. Es ist das Horchen in mich selbst hinein – wo ich dann etwas finde, etwas empfinde.

Hierzu zunächst noch Rudolf Steiner:

„Die Wahrheit ist aber nichts, worüber man Meinungen haben kann. Eine Wahrheit weiß man, oder man weiß sie nicht. Es kann niemand sagen, daß die drei Winkel im Dreieck 725 Grad haben statt 180. […] Wenn die Menschen zusammensitzen und reden, so reden sie über ihre Meinung, auch unter Umständen über die höchsten Dinge. Aber alles das ist auf dem Plane der Täuschung und ebenso unzutreffend wie dasjenige, was der sagt, der nicht weiß wie groß die Winkelsumme im Dreieck ist, der nur eine Meinung davon hat. Ebenso wie man nicht diskutieren kann, ob die Winkelsumme eines Dreiecks so oder so viel Grade hat, ebensowenig kann man diskutieren über höhere Wahrheiten. Deshalb ist das demokratische Prinzip in Erkenntnisdingen unmöglich, weil es auf keiner Unterlage beruht.“ (Rudolf Steiner, GA 93, S. 108)

Über Wahrheiten und Tatsachen kann man keine Standpunkte verhandeln. Das stellen wir jetzt einmal fest und stellen auch fest, dass wir diese beiden klar und deutlich erkennen sollten, damit wir sie nicht mit anderen Dingen verwechseln. Nämlich mit Dingen wie Bewertungen und Einschätzungen, die sprachlich wie Behauptungen (die wiederum wie allgemein bekannte Tatsachen aussehen) daher kommen können. 

Fragen wir noch einen, der sich dazu Gedanken gemacht hat. Wolfgang Döbereiner haben wir mehr zu verdanken, als vielen bewusst ist. Wörter wie Empfinden, Vernunft, Meinung, Urteil, Vorgang, Ganzheit, Haltung und viele mehr hat er aus dem manipulativen Schattenraum von Schlagwörtern herausgelöst und in einen Zusammenhang gebracht, der jeden, der ihn zu sehen wagt, zu Bewusstsein bringen, und aus der Enge der sozialen Selbstverständlichkeit, die so viele Menschen aus Angst hinnehmen, herausführen kann.

„Dieser Weg des Unbewußten von der Grenze der Zeit, in dem das Prinzip dessen, was Ursprung werden soll als Zeit und Raum, – dieser Weg von der Grenze der Zeit ist ein Weg der Erfahrung von Millionen von Jahren. Dies ist seit die Welt besteht, so daß Sie in Ihrem Empfinden die Erfahrung von Millionen von Jahren haben, – und es ist das Empfinden, was zu Ihrem Leben wird. Das Empfinden sind nicht die Gefühle. Die Gefühle sind nur das Fühlen à la Käfer, sie sind der Konsum der Welt, das heißt, die Welt wird auf Eindrücke abgetastet, daß ich vom Fühlen her bestimmen kann, „diese Welt ist was für mein Leben“ oder „diese Welt ist nichts für mein Empfinden“. Das Empfinden ist das Urteil der Erfahrung. „Dieses empfinde ich als falsch oder ich empfinde dieses als richtig“, so sagt man. Man sagt nicht: „Ich fühle es richtig“, denn das gibt keinen Sinn. Das Fühlen selbst kann Ihnen kein Urteil geben. Die Haltung eines Menschen bezieht sich immer auf sein Urteil. Und das Urteil selbst kommt aus dem Empfinden. Das heißt, das Empfinden urteilt schon, noch ehe Sie gedacht haben. Das Fühlen jedoch kann Ihnen kein Urteil geben, sondern nur einen Eindruck.“ (Das Urteil des Empfindens, 2014)

Lasse das einmal einwirken und komme zu meinem Schüler und den vielen anderen zurück, die „handeln“ und etwas tun wollen. Dieser Impuls, sich aktiv in eine Sache stürzen zu wollen, wird übrigens noch durch ihre Betroffenheit (erwachsen aus dem Eindruck, der sie getroffen hat!) zusätzlich angefeuert. Betroffenheit resultiert aus einem Erkennen, in das man nun hineinfühlt, und aus dem heraus man dann eingreifen möchte. Eingreifen – in einen Prozess, der sich entwickeln muss, in dem man Schaden anrichtet, wenn man handelt. Doch dafür ist keine Zeit – angeblich. Sprung. Wir leben in Gemeinschaften, und eine Eigenschaft von Gemeinschaftlichem ist – im besseren Falle noch angebunden an Maß und Bestimmung – seine Regelung durch „Gesetze“, die das Verhalten des Einzelnen im Kollektiv in Vorgängen gebunden hält. Diese Regelungen bewerkstelligen, dass Erscheinung ausgeübt werden kann – daran ist zunächst nichts Verwerfliches. Ein Auto ist als Erscheinung, bestehend aus Material, gefertigt, damit es uns hierhin und dorthin bringt. Das ist die Ausübung seiner Erscheinung (seines Raums) als Transportmittel, es braucht kein Bewusstsein. Mit dem Leben eines Menschen verhält es sich natürlich anders. Er ist einfach kein Auto. 

Die Familie, aus der ich stamme, hat sich durch eine Haltung nach außen von anderen Familien abgegrenzt – und sicherlich kennen das viele Leser von ihren Familien ebenso. Als Kind hinterfragt man das nicht, in der Kinderzeit sind wir auf den Schutz der Erwachsenen angewiesen. Kinder verstehen auch nicht, warum sie von anderen Familienclans ausgeschlossen werden oder warum sie in ihrem „eigenen“ Clan nicht einfach mitmachen mögen, was die anderen selbstverständlich tun. „Bin ich falsch?“ fragen sie sich dann und unterwerfen sich. Keiner sagt ihnen, wie es sich wirklich verhält, stattdessen bekommen sie Sätze wie „Wir machen das eben alle so.“ 

Haltungen äußern sich in Glaubenssätzen, und in diesen ist Erziehung eines Kindes keine, die zu des Kindes eigenen Ort und Dasein führt. Wer aber kein Dasein hat, wird Erscheinung von Sicherung und damit die Erscheinung des Verbandes, des Kollektivs. Und ist darin – so wissen wir es mit W. Döbereiner – ausschließlich Vorgang. In Kollektiven, in Gemeinschaften, versichern sich die Mitglieder untereinander ihrer Zugehörigkeit dadurch, dass sie eine gemeinsame Haltung einnehmen. Diese Haltung drückt sich sprachlich – neben Glaubenssätzen – auch in ganz bestimmten Slogans, Parolen – Schlagwörtern eben – aus. Verwende ich diese – gehöre ich dazu. Verwende ich sie nicht, bin ich draußen, bin ich nicht zugehörig. Aber frei vom Zwang. Die Äußerung der Haltung in den Kollektiven ist die Meinungsäußerung – und die ist mitnichten frei.

„Wenn Sie inmitten eines Kollektivs stehen, und nicht das Urteil des Kollektivs übernehmen, das intellektuell sich nur darauf bezieht, wie der Raum unter Auslassung der Zeit am besten zu bewältigen ist, sind Sie gefährdet durch das Kollektiv.“ (W. Döbereiner)

Das Diskutieren, in der Schule wie überall, ist eine ort- und daseinslose Ausübung der Erscheinung von Clans. Es ist ein Vorgang, in dem die Mitglieder eines Kollektivs sich gegenseitig bestätigen. Es besteht eine grundsätzliche Übereinstimmung, die erlaubt – es nachgerade erfordert – die dem Entgegenstehenden zu instrumentalisieren – als Minderheit, als Opfer. Clans haben ein großes, hungriges Interesse daran, sich Opfer zu halten, die sie zu Rechtlosen erklären und auf die unterste Stufe stellen. In Wissenschaftsclans ebenso wie in Verwaltungsclans, in Politclans, in Ernährungsclans oder Bücherschreibclans herrschen immer Vorstellungen davon vor, wie etwas zu regeln und auszuführen sei. Wer dazugehört, steigt auf. Wer nicht mitmacht, nicht mitdiskutiert, wird abgestraft. 

Für mich war geplant, dass ich Ärztin werden sollte, am besten auch eine im Staatsdienst – was meine Familie für das sicherste hielt. Aber ich habe als Kind schon „irgendwie“ gewusst, dass ich anders bin – und habe mich durchgelitten, durch mehrere Lebenskrisen hindurch und über Irrtümer hinweg, bis sich mir offenbarte, dass mein Empfinden von Anfang an richtig gewesen war.

Dass ich ihm nicht (immer) getraut habe, ist dem Kollektiv zuzuschreiben, das ich nicht zu verlassen vermochte. Kollektive locken, sie verführen – und wenn man sich nur einmal das Falsche nicht leisten zu können glaubt und die Krise nicht aushalten will, stattdessen nachgibt und handelt – haben sie einen. Dann verrät man das Empfinden und legt sich stattdessen eine Meinung zu.

Das Empfinden urteilt aus dem Ursprung der Dinge an der Grenze der Zeit (W. Döbereiner) – kommt zu einem Urteil, das das Unbewusste einschließt. Das Ganze läuft natürlich über den Parasympathikus – und dem, der sich dem nicht mehr anvertraut, bleiben kollektive Urteile als Meinung. Meinungen wie Vorstellungen sind übertragbar – und stecken an. Weil sie Vorgänge sind, müssen sie immer wieder wiederholt werden … Je weniger Empfinden, desto mehr Meinungsäußerungen, desto mehr Diskussion.  

Das Diskutieren – das sind der Zwilling und der Merkur. Im Diskutieren und in der Ausübung des I. Quadranten tritt anstelle der Fügung die Regelung, in der sich dann Gemeinschaftlichkeit ausübt. Ich habe es nicht verstanden, nicht als Kind, nicht als Heranwachsende. Ein Kind aber, das in eine Bewusstheit (ebenfalls Merkur – dieses Mal der aus der Jungfrau) der Wahrnehmung gezwungen wird, und das gegen die Gewissheit seines Empfindens leben (und sich tarnen muss), wird krank werden. Es kann sich Bewusstsein nicht leisten – und dies zusammen mit der Unterdrückung des Parasympathikus (das ist der IV. Quadrant, und hier der Fisch, das Fließende), bringt die „Krankheit des integrierten Fleißes“ mit sich.

Frau Doktor hat keine Meinung – als Glosse angefangen und bei Rumpelstilzchen in allem gebotenen Ernst im Angesicht der Weltenlage gelandet: Die Verwendung des Wortes „Meinung“ in der Bedeutung, die ich eben beschrieben habe, werde ich den Sprechern der deutschen Sprache nicht verbieten – das ist nicht an mir – , aber ich kann versuchen, meinen Schülern etwas von dem klarzumachen, was dahinter steht. Benennen, was hier los ist. Erkennen und es aussprechen.

„[…] In der Schule haben Sie etwas anderes gelernt. Sie mußten vielleicht sogar Texte von ihm durcharbeiten. Ihr Urteil des Empfindens sagt also: Hegel ist Nonsens. Dann kommt in Ihnen die Ihnen übertragende Fremdbewußtheit, – nicht „Bewußtsein“ – hoch und sagt: „Hegel ist ein großer Philosoph.“ – Nachvollzogen?
Jetzt haben Sie einen Kampf, – das heißt, den haben Sie gar nicht mehr, weil Sie in dieser Welt leben, in der Ihnen die Bewußtheit näher steht im Sinne Ihrer Existenzangst und Ihrer Existenzforderung als das Bewußtsein. Das Bewußtsein kommt aus dem Empfinden, – es holt Ihr Empfinden in die Welt als Leben.
Jetzt haben Sie eine Bewußtheit über Hegel, die das Urteil Ihres Empfindens verhindert. Ist das soweit klar? Ihr Empfinden urteilt darüber, daß etwas falsch ist und Sie kommen gar nicht dazu, Ihr Empfinden urteilen zu lassen. Sie kommen nicht dazu, das Urteil Ihres Empfindens zu begründen und zu artikulieren, weil Sie dafür Jahre oder Jahrzehnte Ihres Lebens brauchen, – noch dazu in der heutigen Zeit.
Heute gehen Sie in eine Schule, dann wieder in eine Schule, dann noch mal in eine Schule, dann in eine weiterführende Schule, danach in eine Fachschule und lernen, daß das Molekül A zum Molekül B hupft, – oder irgend etwas anderes, was Sie im praktischen Leben überhaupt nicht brauchen können, abgesehen davon, daß alles das untergeht, was das Urteil Ihres Empfindens ist.
In dem Augenblick, in dem die übertragene Fremdbewußtheit mit ihren Urteilen das Urteil Ihres Empfindens unterbindet, in dem Augenblick haben Sie kein Bewußtsein mehr. Ist das klar? – Es ist nicht klar, – muß ich das erklären? (W. Döbereiner, Seminar Friedrichstadt, 21. März 2002)

Schweren Herzens schreibe ich dies heute. Denn ich muss immer wieder und besonders in den nächsten Tagen aushalten, wie sich junge Menschen in Orientierungslosigkeit in Aktivitäten stürzen, um die Krise, in der sie sich befinden, zu lösen – ohne dass ich mich einmischen darf. Sie versuchen zu regulieren und wegzuintellektualisieren, was sich an Richtigem einen Weg in ihr Leben sucht. Aber sie wollen das nicht, weil sie stattdessen eine Vorstellung davon haben, wie sie leben möchten (natürlich nicht sie, sondern das Gemeinschaftliche, das sie besetzt hält). Die Liebe, die sie meinen erzwingen zu müssen, oder die Berufslaufbahn, die sie eingeschlagen haben. Ich kann sie nicht aufhalten, nicht festbinden, nicht vor einem eventuellen Untergang retten. Und so laufen sie dem Falschen hinterher und versäumen damit ihre Gegenwart. Aber diese Gegenwarten (die sich ja aneinanderreihen… aufeinander folgen), wenn sie ausgelassen, links liegen gelassen werden, sind für immer weg. Die fehlenden Gegenwarten eines Flusses, in den man eingegriffen und den man reguliert hat, kommen nicht zurück. Ich weiß, wovon ich spreche. Die fehlenden Gegenwarten meines Flusses hängen mir immer noch nach, manchmal tun sie sich als schwarze Löcher auf. Dann schreibe ich – wie heute … um zu klären. Viele Dinge kann man umkehren – manche Dinge sind aber auch irreversibel. Mit dem Schmerz muss man dann leben.