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FRAU DOKTOR GEHT NICHT IN DIE POLITIK

Es ist ja allerhand los, wohin man schaut. Gestern las ich in einer französischen Zeitung (natürlich nur online), dass man sich in den Ländern rund um Deutschland Sorgen um eben jenes Deutschland mache. Die mache ich mir tatsächlich schon länger. Das bewegt mich allerdings nicht dazu, eingreifen zu wollen. Im Laufe meines Lebens meine ich begriffen zu haben, was in meinem Verantwortungs- und ja – auch Zuständigkeitsbereich liegt, und was nicht. Parteienpolitik gehört jedenfalls nicht dazu, Aktivismus für was auch immer noch weniger. Da kriege ich gleich blaue Pickel. 

Ich bin jetzt in einem Alter, in dem fast jeden Morgen ein anderes Körperteil sich zu Wort meldet und freudig ruft: „Hey, ich bin auch noch da. Merkst du mich?“ Ein geflügeltes Wort besagt, solange es noch schmerze, wisse man, dass man noch lebt. Leben – ein schönes Wort. Wie aber geht das? – Zuerst einmal meine banale Einsicht: Zu leben ist in einer der ersten Reihen mal: Fehler machen, weil man in Geschehen hineingerät, für die man keine fertigen Lösungen parat hat. Patsch, drin sitzt man: die getroffene Entscheidung erweist sich als falsch. Das merke ich schon daran, dass nichts mehr leicht geht, sondern alles gegen Widerstände läuft und immer öfter jede weitere Entscheidung immer schwerer fällt. Das Ganze ist dann selbstverstärkend – je mehr ich versuche, meine Entscheidung vor mir selbst zu rechtfertigen, desto mehr verlaufe ich mich. In Rechtfertigungen, in Angriffen auf andere, auch schon mal Nahestehende und die eigenen Eltern, und Anklage an die Umstände liegt natürlich keine Lösung, aber sie sind eine mehr oder weniger probate Ausrede.

Was noch bedeutet Leben? Ich schaue um mich. Meine alten Wegbegleiter werden eben auch nicht jünger. Jeder geht auf seine Weise mit dem Altern um: die eine geht regelmäßig zum Yoga und schwört darauf, die nächste sucht sich einen Teilzeitjob, damit sie das, was sie aus dem Arbeitsleben kennt, weitermachen kann: Stress zu kontrollieren. Ich will sie gar nicht alle aufzählen, fasse mal unter einem modernen Schlagwort zusammen: vielen geht es um Selbstoptimierung. – Das, so lese ich wiederum, sei auch das Anliegen der jüngeren Generation. Was ich sagen will: Leben ist für mich nicht das Aufmöbeln dessen, was mir an die Hand gegeben ist. Sie werden mich auf keinem Hometrainer finden oder in einer Yogagruppe oder in einer Ernährungsgruppe. Sport um des Körpers willen? – Vertane Zeit.

Mir bedeutet Leben das Leben auf unsere Endlichkeit hin. Nein, ich bin keinem Fanal des Todes erlegen. Ich hatte das große Glück, bereits als junger Mensch dem Tod zu begegnen  Kein Krieg, keine äußere Gewalt – es war die innere Gewalt, ein innerer Kriegsschauplatz. Inbegriffen die Erfahrung, dass mit dieser Ausgangslage ein dem Geist mitgegebener Körper sich auch verweigern kann. Leben – das ist allgemein die Kunst, den wachsenden Geist und den mit den Jahren schwächelnden Körper unter einen Hut zu bringen. Dazu habe ich im letzten Jahr etwas geschrieben, deshalb wiederhole ich das im Einzelnen hier nicht mehr. 

Sich selbst am Laufen halten. Ich habs genannt: ich muss mich um meine Karosserie kümmern. Da nun Sport für mich aber kein Konzept ist, habe ich mich selbst ausgetrickst und mir eine neue Aufgabe gestellt. Ich fotografiere. (Bilder sind immer meins gewesen – die inneren erst, und jetzt betrachte ich das, was die Welt im Außen bereit hält.) Weil ich meine „Objekte“ finde, indem ich immer weitere Kreise ziehe, werde ich zusehends besser zu Fuß. Ich gehe nämlich spazieren. – Niemand muss das so machen wie ich, ich empfehle nichts. Für mich ist das auch nicht die ausschließliche Nach-Arbeitsleben-Tätigkeit oder die Bugwelle des Alters – es ist vielmehr die Kür meines Lebens. In den Pausen, die zwischen den Blöcken, in denen ich schreibe, liegen, bewege ich den Körper, wie ich am Schreibtisch hauptsächlich den Geist benutze. Glückliches Leben, nicht wahr?

Leben ist – das hat auch Hannah Arendt etwa in meinem Alter beschrieben – nicht nur ein Aktiv-Sein, sondern vor allem ein Zustand. Tun und Sein – zwei Seiten einer Medaille. Im Leben kann einiges schiefgehen, vor allem, wenn es mit der vielbeschrieenen Individuation nicht klappt. Darüber schreibe ich ja gerade. Das Leben kann auf ganz verschiedene Weisen misslingen (Leo Tolstoi hat das in seinem berühmten ersten Satz auf unglückliche Familien bezogen). Abgesehen davon, dass das Sein als eine Seite der Medaille – als Zustand etwas Unbewegliches zu sein scheint, ist genau dieses Sein ein ständiger, stetiger Prozess. Das Sein bezieht immer ein Werden mit ein. Das Sein ist die Antwort auf das, was an Veränderungen an uns herantritt.

Mir zum Beispiel begegnet gerade wieder eine Baustelle. Ich bin aus meiner vorherigen Wohnung vor der wachsenden Baustellendichte geflohen, aber nun hat sie mich hier erwischt. Aus meinem ruhigen Exil ist eine lärmende Bauhölle geworden – wie gehe ich damit um? Ich versuche es konstruktiv, ergebnisoffen.

Ich könnte das nun auf mich selbst beziehen, in mein Horoskop schauen und die „Baustelle“ suchen. In der Tat, es gibt sie. Innerer Kosmos sucht sich äußere Entsprechung. Läuft. – Davon abgesehen läuft auch ein äußerer Plan ab: Bauland ist teuer, wird jeden Tag wertvoller. Wohnungsnot fördert Wohnungsbau… Kann man verstehen, dass aus einem potentiellen Bauland kein Park gemacht wird, keine Gartenlandschaft, oder auch einfach nur eine unangetastete Wiese, die Möglichkeiten für andere Erdbewohner ließe, sich dort anzusiedeln.  Ich könnte mich dafür einsetzen – eine Eingabe bei der Stadtverwaltung machen? – Dazu käme ich in die Nähe der Politik, richtig? – Doch da bin ich noch nicht.

Das Sein als Werden. Das Werden braucht seine Zeit. Da geht nichts übers Knie zu brechen. Kurz erinnere ich mich (und meine Leser mit), was meine Anliegen in meinen jungen und mittleren 30er Jahre waren. Da ich mich für Kinder entschieden hatte (eine große Frage unter den Diskutanden dieser Welt: muss jede Frau Mutter werden?), war ich mit deren und meinen Interessen beschäftigt, nämlich sie in ihrer Persönlichkeitswerdung bestmöglich zu unterstützen. Damals schwappte die Schule in unsere Familienwelt und damit in die Wohnung. Derzeit sehe ich bei Bekannten und Freunden, welch großen Anteil die „Schule“ am Familienleben hat. Ich frage mich: War sie bei uns auch so dermaßen präsent und dominant? – Das Werden meiner Kinder lag mir sehr am Herzen: Wie werden sie in der Schule als Persönlichkeiten behandelt? Werden ihnen Wege aufgetan oder umgekehrt welche verbaut? – Damals habe ich mich eingemischt. Man mischt sich – wage ich einmal vorsichtig zu behaupten – in Belange ein, die einem selbst nahestehen. Wer setzt sich schon für etwas ein, mit dem er nichts zu tun hat? – Wohlgemerkt: auch ich war noch im Werden, ich wollte mitgestalten bei dem, was mich umgab, was meine Lebenswelt war. Aber ich fürchte, ich habe schon damals etwas missverstanden. Ich bin davon ausgegangen, dass es um die individuelle Lebenswelt und die Verwirklichung der eigenen Anlagen geht. 

Die Ernüchterung folgte bald darauf. Einmischen geht nur, wenn hinter oder vor der eigenen Person – oder um sie herum – ein akzeptierter Kreis mit berechtigter Denke steht. Um es positiv auszudrücken: Da ich zu keiner der berechtigten Gruppierungen gehörte, lernte ich bald, dass das Gelingen des Lebens tatsächlich in den eigenen Händen liegt. Eigentlich klar?! Ernüchterung auf der einen Seite – auf der anderen Seite die Bestätigung der lange gehegten Ahnung. Das war damit also geklärt, mein Ausflug in die Außenbezirke der großen Bildungspolitik beendet. Der Blick ging fortan nach innen, auf das Werden der Kinder und das ihrer Eltern – wie steuert man sich aus gegen eine Institution, die vorgibt, sich um das Wohl zu kümmern, sich auch bemüht, und gleichzeitig als Kollektiv gar nicht den Einzelnen sehen kann? 

Die Kinder bekommen äußerst ambivalente Signale mit: In der Schule wird ihnen anderes beigebracht, als sie dann in der Familie an Werten leben. Das macht etwas mit Kindern. Sie geraten in einen Vertrauenskonflikt. Wem können sie mehr trauen: den Eltern oder den notenverteilenden Lehrern? Bei den monatlich sich wiederholenden Elternabenden erlebte ich verschiedene elterliche Lösungsmodelle. Das häufigste war, dass sich die Eltern mit dem System Schule identifizierten und ihre Rolle darin fanden, die Lehrer zu unterstützen. Dass sie dabei ihre Kinder verrieten, fiel ihnen nicht auf. Die beliebteste Rolle war die der „Reformer“, gemäßigt natürlich. Lehrerkollegien mögen selten Interventionen von außen, aber auch Lehrer brauchen Anerkennung, also werden Eltern gemäßigt beteiligt und ihnen wird zugestanden, dass sie sich einbringen können. – Das mit den Lehrerkollegien kann ich übrigens so schreiben, weil ich eines von innen erlebt habe, als ich meinte – später in meinem Werde-Leben – eine – meine – alte Schulwunde heilen zu können. Ich arbeitete – genausolange wie es dauert, ein Kind auszutragen – an einem Gymnasium. Auch durchaus mit zwei weiteren Absichten: den jungen Menschen eine interessante, lebendige Deutsch- und Literaturwelt aufzuzeigen und ihnen zu zeigen, dass es doch um sie geht, und darum, sie zu unterstützen. – Ich erlebte beides – die Elternschaft, die sich ein enormes Mitspracherecht an der Schule erobert hatte und mich als Seiteneinsteigerin für unqualifiziert hielt, und eine Lehrerschaft, die mich von Anfang ablehnte, weil ich – wiedermal – den Durchschnitt in Frage stellte. Mag sein, dass ich unter dem Durchschnitt stehe. Doch das zu beurteilen ist nicht Jedermanns Sache.

Das Gelingen des Lebens. Als ich merkte, dass ich die erzieherische Farce nicht mitmachen wollte, sah ich mich um und kündigte. Den Schülern, die sich von mir hatten zähmen lassen, gab ich mit, dass es angebracht ist, eine Sache, die einem nur noch schadet, zu seinem eigenen Wohl zu beenden – ja, sogar beenden muss, weil jeder einzelne allein für sein Wohlergehen zuständig ist. Eine aus der Mode geratene Ansicht. Ob ich ihnen einen Gefallen hab, der ihnen draußen im Leben hilft?? Das Kollektiv entließ mich als Geächtete und ich zog wie im Winterreise-Lied fremd wieder aus. Das ist lange her. Es folgten noch einige andere Angebote, mich politisch einzubringen. Verschiedentlich habe ich darüber geschrieben. Ich habe mich – ein ums andere Mal in kürzeren Abständen – umgedreht und bin in eine andere Richtung gegangen, denn dort, wo es nicht um das Wohl des Menschen, sondern hauptsächlich darum geht, ihn ins Kalkül einer wie auch immer benannten Gruppe zu bringen, geht das mit mir nicht.

Nun gehe ich spazieren. Das ist eine schöne Aufgabe, die ich mir gestellt habe. Ich sehe viele interessante Dinge, die meinem Immer-Noch-Werden und meinem Sein gut tun. Die Menschen allerdings haben mich genug gelehrt – da bin ich austherapiert, wie es so schön heißt. Früher waren es mal die Alten, die aus dem aktiven Leben Ausgeschiedenen, die als Seniores den Jüngeren an Lebenswissen und Erfahrungen etwas voraus hatten und vor allem keine eigenen Interessen mehr im Staat oder einer Kommune einbrachten. Senex ist das Alter, letztlich das Gewordene, das ab einem bestimmten Alter das Werdende überwiegt. Heute geht es durch die Medien: Die Menschen, die derzeit die Politik in den Landtagen und Kommunen bestimmen und ausfüllen, gehören immer häufiger einer Altersgruppe von unter 40 Jahren an. Das entlastet mich durchaus, macht mich erleichtert. Ich muss gar nicht in die Politik gehen. Mich braucht da keiner mehr. Denn weil ich alt bin, kann ich garnichts mehr für die Welt von morgen beisteuern. Aber sollte jemand eine Frage haben, kann er herausfinden, wo es mich gibt.

Dass ich hier Fotos von mir eingefügt habe, sehe man mir nach. Demnächst gibt es Fotos von der Welt auf meinen Spaziergängen, versprochen.