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FRAU DOKTOR ARBEITET NICHT MEHR

Sie haben richtig gelesen. Kein Irrtum. Und Schuld an meinem Entschluss, nicht mehr zu arbeiten, ist – wieder einmal jemand im Außen. Klar. [Achtung. Leichte Ironie.] Den Anstoß gab mir keine geringere als Hannah Arendt. Um das, was Arbeit ist oder nicht ist, und was sie mit unserem Leben zu tun hat, geht es im Folgenden.

Vorgeschichten

Ich schweife kurz ab und erzähle die Anekdote meiner ersten Bekanntschaft mit H.A. Dazu gehen wir nach Debrecen ins Jahr 1983, an die Debreceni Egyetem, wo ich im Sommer Ungarisch studierte. 1983, man erinnere sich: es gab den Eisernen Vorhang, den Kalten Krieg, den Sommer – ein Jahrhundertsommer, heiß und trocken. In unserem Studentenwohnheim saßen Studenten aus allen erdenklichen Ländern aufeinander und versuchten sich in Völkerverständigung. Stefania aus Venedig habe ich später im Jahr noch besucht, mit Helena aus Tiflis habe ich mir noch jahrelang geschrieben. Es gab viele faszinierende Menschen, doch am interessantesten waren die aus Ostdeutschland. Na gut, es hieß damals DDR. Als die drei Monate mit Vorlesungen und Unterricht schließlich um waren, fuhren die drei, mit denen ich mich öfter getroffen hatte, nach Ostberlin zurück, aber nicht ohne dass wir Adressen ausgetauscht hatten. Sobald ich in Deutschland zurück war, ging es denn auch los mit dem gegenseitigen Schreiben und Schicken von Büchern.

Und das war ja so eine Sache! Politisches ging nicht, das durfte man – möglichst gar nicht – aber wenn, dann zwischen den Zeilen schreiben… Und soziologische Bücher oder Zeitungsausschnitte oder Magazine – die kamen wohl häufiger nicht an und blieben in der Zensur hängen. Eines Tages tauchte ihr Name auf, und ich bin gleich los in die Bibliothek und mit einem Stapel Bücher und Aufsätzen zurückgekehrt. Ich war früher schon herausforderbar, oder sollte ich sagen: ich ließ mich provozieren? Die Arbeitsanweisung meines Brieffreundes lautete: „Wetten, dass du sie nicht lesen wirst?“

Alle zwei Wochen ging nun Post von hüben nach drüben in den Arbeiter- und Bauernstaat, in dem es an den Hochschulen seit 1949 Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten (ABF) gab. Die sollten das bürgerliche Bildungsprivileg brechen, indem Kinder aus der Arbeiterklasse, die zuvor keine Möglichkeit hatten, eine höhere Schule zu besuchen, kostenlos auf die Hochschulreife vorbereitet wurden. Studieren? Das war in der DDR ein Privileg, das die Machthaber der SED von Anfang an gezielt vergaben. Wichtiger als die intellektuelle Eignung zum Studium waren viel mehr soziale Herkunft, gesellschaftliches Engagement, Religionszugehörigkeit, Bekenntnis zum Sozialismus. Mit der Auswahl der Studenten wollte die SED einerseits jeden „bürgerlichen“ Einfluss ausschalten und ihre eigene akademische Elite schaffen. Andererseits war die Zulassung zum Studium ein wirkmächtiges Mittel, um ganze Generationen von Abiturienten zu disziplinieren. Die Älteren unter uns werden noch jede Menge Geschichten kennen, auch die davon, wie lange ein Bürger auf die Zuteilung eines Privatwagens oder auf die Materialien für seinen Hausbau warten musste.

Die Briefe meiner damaligen Brieffreunde müssen noch in irgendwelchen Kartons schlummern; vielleicht finde ich sie wieder – vielleicht nicht. Doch wo waren wir? Ah – Arbeit ist das Stichwort. Arbeit ist immer ein Thema – hat man sie, wird sie schnell zuviel, zu anstrengend und zu wenig bezahlt (aus subjektiver Sicht mehr als aus objektiver). Hat man keine, ist sie auch ein Thema. Denn ohne eine Arbeitsstelle, ohne Arbeit bist du nichts in unserer Gesellschaft. Der Erwerbstätige, der Angestellte, der Arbeiter, der Proletarier… gibt es den noch? Wer ist ein Arbeiter?

In der DDR wurde ihm eine wichtige Rolle zugeschrieben. Am 5.5.1953 hatte Walter Ulbricht die „antifaschistisch-demokratische Ordnung“ der DDR zwar erstmals als „Diktatur des Proletariats“ bezeichnet. Doch waren es mitnichten die Arbeiter, denen die Macht in der DDR zukam. In der Realität waren sie von allen wichtigen wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen ausgeschlossen. Es herrschte die Parteibürokratie.

Und Westdeutschland – ehemals gerne BRD? Seit 1949 regelt unser Grundgesetz, dass Sklaverei und erzwungene Arbeit unter Strafe stehen. Der Artikel 12 in seinen drei Teilen: 

(1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.

(2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.

(3) Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig.

Das Arbeiten und damit der Status derer, die erwerbstätig sind, hat im Deutschland von heute ziemlich groteske Formen angenommen. Sein Stellenwert – in nicht wenigen Fällen vom Status eines Tagelöhners nicht weit entfernt. Ich weiß, wovon ich spreche. Als freiberufliche Sprachlehrerin habe ich jahreweise mehr als 20 Stunden Deutsch in der Woche unterrichtet, was sehr viel ist – denn ich habe ja Vorbereitungs- und Nachbereitungsarbeit zu leisten. Verträge gab und gibt es nur befristete, und obwohl ich freiberuflich war/bin, konnte ich mein Honorar auf dem Markt nicht selbst bestimmen. Im Krankheitsfall – das gilt heute noch ebenso – bekomme ich außerdem kein Geld; in den Schulferien werden Freiberufler natürlich nicht bezahlt, das sind einkommenslose Zeiten. Insgesamt wird die Rente für nicht wenige ziemlich niedrig ausfallen.

Viele Verkäuferinnen und Kassiererinnen, Kellner, Zimmermädchen, Köche leben – nach ihren Aussagen – wie Tagelöhner, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiter an Universitäten: Projektverträge, wo man hinschaut; davon lässt sich keine Familie ernähren noch überhaupt gründen. Von Seiten der Journalisten hört man ebenfalls provokante Worte: Es geht die Sage der Lohnsklaverei. Wo fängt Lohnsklaverei an?

Von ihr betroffen sind – so lese ich in etlichen Quellen – alle lohnabhängig Beschäftigten. Deren Anzahl wird laut Statistik mit etwa 43 Millionen Menschen angegeben. Es werden Löhne gezahlt, die oft sogar weniger als ein Zehntel des durch deren Arbeit erzielten Gewinns betragen. Die Lohnsklaverei betrifft vor allem jenes Fünftel aller Erwerbstätigen, die im Niedriglohnsektor zu arbeiten gezwungen sind. Nicht vergessen dürfen wir die „Ehrenamtlichen“, denen man eine Entlohnung vorenthält und denen man vorgaukelt, welche Ehre es sei, arbeiten und sich einbringen zu dürfen.

Wenn wir die DDR, als Staat des Volkes, als einen Fürsorgestaat für über 16 Millionen Bürger ansehen, in dem es 9,2 Millionen Arbeitsplätze gab, so kann der Staat der BRD als ein Sklavenhalterstaat angesehen werden. Zu hart?! Die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ ist doch ein Feigenblatt. Warum? – Die Lohnsklaverei erstreckt sich noch über die „Besitzer“ von Arbeitsplätzen hinaus auf jene, die gar nicht erst einen Arbeitsplatz haben. Und obwohl im Artikel 11 (1) des Grundgesetzes das „Recht auf Freizügigkeit“ verbürgt wird, beweist die bundesdeutsche Praxis leider, dass dies keineswegs für alle gilt. Denn für Bezieher von Hartz-IV besteht eine „Residenzpflicht“. Diese beinhaltet, dass sich ALG-II-Empfänger in ihrer Wohnung aufzuhalten haben. Das ist für den Hartz-IV-Sklaven so etwas wie eine behördliche Fußfessel, oder nicht? 

Zurück nochmals ins Jahr 1985, als ich mich – nachdem der Magisterabschluss geschafft war – ins Berufsleben aufmachen wollte, und gnadenlos scheiterte. Damals entsann ich mich der kopierten und gesammelten Arendt-Lektüre und begann, griechisch ungebildet und auch philosophisch nicht ausreichend ausgerüstet, mit der Lektüre. Aus meinen damaligen Notizen nachfolgend eine Liste zur „Wandlung der Arbeit“ im Laufe der Jahrhunderte.


Was bedeutet Arbeit?

Nicht die Bürger, sondern Sklaven arbeiten (s. im antiken Griechenland: Sklaverei ist, wie in den meisten antiken Zivilisationen, ein wesentliches Element von Wirtschaft und Gesellschaft. Im klassischen Athen besitzen die meisten Bürger mindestens einen Sklaven).

Die tätige Arbeit ist Aufgabe von unfreien Menschen.

Körperliche Arbeit ist als etwas Niedriges anzusehen (Aristoteles).

Freie Menschen arbeiten nicht, denn sie wollen Zeit haben zum beschaulichen Betrachten der Dinge und sich der Politik widmen. Man – im antiken Griechenland – wollte in der Gelassenheit Gott ähnlich werden.

Freie Berufe in der Antike dienen dem Nutzen (utilitas) der Menschen, nicht dem Notwendigen (necessitas), das Freie wie Unfreie benötigen. (Cicero)

Cicero: „Alle Handwerker befassen sich mit einer schmutzigen Tätigkeit; denn eine Werkstatt kann nichts Edles an sich haben.“

Paulus: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.“ (Mit der christlichen Hochschätzung körperlicher Arbeit wird das Kriterium sozialer Differenzierung und Diffamierung in der griechisch-römischen Welt ausgeschaltet.)

Proletariat (römisch): Leute in Rom, die dort nicht ansässig waren (besitzlose Klasse), deren Funktion es ist, Kinder zu erzeugen und sich durch Arbeit am Leben zu erhalten. Dies geschieht nicht öffentlich.

Im 11/12. Jahrhundert dann in Europa die Durchsetzung einer arbeitsteiligen Gesellschaft im Sinne einer funktionalen Kooperation von drei Ständen: Kleriker, Ritter und Arbeitende. Die einen beten, die anderen kämpfen, letztere arbeiten.

Während der Reformation und noch stärker im 17. und 18. Jahrhundert wird Arbeit schließlich als Legitimation von Eigentum und Quelle von Reichtum aufgewertet.

Aufklärung – es setzen sich Unterscheidungen von „Kunst“ und „Arbeit“ sowie „geistiger Arbeit“ und „körperlicher Arbeit“ durch. Arbeit gilt jetzt als allgemeine Bürgertugend, sie kann aber vereinzelt auch ein gegen den adligen Müßiggang gerichtet und kritisch sein.

Arbeit macht für Marx das Wesen des Menschen aus. „Durch Arbeit produziert der Mensch sich selbst, durch Zeugung produziert er andere.“

Der späte Marx: Arbeit wird in die konkrete, auf die Produktion eines bestimmten Produktes gerichtete (die es in allen Gesellschaften gibt), und die abstrakte Verausgabung von Arbeitskraft im Kapitalismus, ungeachtet ihres Gebrauchswertes eingeteilt.

Der Begriff der Entfremdung taucht auf: Im Kapitalismus trägt „Arbeit“ nach Marx immer einen entfremdeten Charakter und das nicht nur deswegen, weil die Arbeitenden keinen Einfluss auf den Charakter und die Ziele ihrer Arbeit haben und die Produkte und Mittel der Arbeit ihnen nicht gehören, sondern eben auch aufgrund der Arbeitsteilung, die dem Einzelnen den Blick auf das Ganze entzieht.

Nationalsozialismus: Ideologisierung. Arbeit ist ein zentraler Bezugspunkt in der Volksgemeinschaft („Arbeit macht frei“)

Proletariat heute: Arbeiterklasse. Öffentlich.

Arbeiten ist nicht gleich Herstellen. Der Sklave ist unproduktiv und ungelernt gegenüber dem „Homo faber“, der als Bürger und öffentlich einer produktiven, gelernten Arbeit nachgeht.

Ein geistiger Arbeiter ist ein Hersteller wie andere Hersteller auch.

Ein arbeitender Intellektueller gleicht einem Sklaven der schreibenden Dienerschaft. Deshalb will er arbeiten!

Arbeitsteilung setzt Austauschbarkeit voraus – also Gleichheit. – Es geht um die kollektive Arbeitskraft, damit die Produktion effektiv ist.

Maschinen führen nicht aus der Arbeit hinaus, sondern geradewegs in sie hinein.

Das Gegenteil von Arbeiten ist „Spielen“ – nur im Spiel ist der „Ernst des Lebens“ aufgehoben.

Alle nicht-arbeitenden Tätigkeiten werden zu Hobbies deklariert.

Wer einen Vertrag haben möchte, begibt sich in Unfreiheit. Arbeit macht nicht frei. Festanstellung ist nicht Fortschritt, sondern Rückschritt.

Arbeiten ist nicht Herstellen ist nicht Handeln.

Herstellen ist apolitisch, Arbeiten ist antipolitisch.

Handeln entspringt dem Wesen eines Menschen, keinem Zweck.

Im Altertum liegt also eine Verachtung der Arbeit vor, die sich in der Neuzeit zu einer (an ihrer Brauchbarkeit gemessenen) Verherrlichung  entwickelt. Die moderne Gesellschaft ist eine Arbeitsgesellschaft, in der der frei Arbeitende zum Nomaden wird, fast rechtlos, und in der der unfrei Arbeitende sich als Konsument entschädigt, während gleichzeitig die Massen zum Zwecke der Unterhaltung – damit die arbeitsfreie Zeit gefüllt wird – unterhalten werden müssen. Dazu benutzt man dann die Kultur (und zerstört sie noch obendrein). In ihrem letzten Stadium verwandelt sich die Arbeitsgesellschaft in eine Gesellschaft von „Jobholdern“, die von den ihr Zugehörigen kaum mehr als ein automatisches Funktionieren verlangt. Möchte ich noch dazugehören?

 

In Ringen leben

Im letzten Jahr sind mir viele Dinge durch den Kopf gegangen. Angefangen mit meinem Deutschunterricht, der mir immer öfter und in wachsendem Ausmaß als etwas erschien, das niemand mehr braucht. Nach links und rechts, oben und unten gedacht kam mir der Verdacht, dass dies mit meinem Alter zu tun haben könnte, und damit, dass meine Art und Weise mich (nicht nur sprachlich) auszudrücken unzeitgemäß geworden ist. Stichwort „neue Medien“ – über das Beschleunigungsmittel Smartphone schrieb ich ja bereits – und dass diese mit den Nutzern und ihren Gehirnen im weitesten Sinne etwas tun.

Nun ist es ja so, dass sich Wandlungen im Leben (und die gehören zum Leben dazu!) ankündigen und sich in bestimmten Ereignissen niederlassen. Ob man nun dafür bereit ist oder nicht, weil da doch auch ein Verharrenwollen ist – wird man nicht gefragt. Dann setzt man irgendwann, notwendigermaßen, wenn der Leidensdruck zu groß wird, eine Tat, und die hat Konsequenzen. Anders als bei einem Produkt, das man herstellen und anschließend zerstören kann, ist es bei einer Tat nicht möglich, sie ungeschehen zu machen. Sie hat ihre Wirkung, vor allem auf die Person, die sie „ausführt“, selbst. Konkret: ich haderte mit den Bedingungen meiner „Arbeit“ und ging daran, sie zu ändern, die Bedingungen wohlgemerkt. Das allerdings war nur eingeschränkt möglich, um nicht zu sagen gar nicht. 

Ich höre mich noch schimpfen, wie instrumentalisiert ich mir vorkomme, und wie missbraucht zu Zwecken, die ich weder mitbestimmen kann noch überhaupt unterstütze. Warum also tue ich mir das noch an? Ich steige aus. – Und dann erlebte ich den Rückstoß auf eine Lebensphase, die ich längst gemeistert und durchlaufen wähnte. Nämlich die Phase der Selbstfindung und die der Einnahme eines Platzes in der Welt.    

1983. Debrecen … 1985/1986 Einsteigen ins Berufsleben. Beide Ereignisse – und noch mehr, von denen ich hier schweige – fallen in die Phase des Alters zwischen 21 und 28. Auf dem Weg zur Antwort, warum und wozu wir „arbeiten“, sei ein Umweg erlaubt. Die Nicht-Astrologen können, wenn sie möchten, jetzt aussteigen. Sie dürfen aber auch weiterlesen. 

Wir leben in Rhythmen und in „Ringen“ – und unsere Themen wiederholen sich auf verschiedenen Ebenen mit verschiedenen Vorzeichen. Unten habe ich ein Horoskop, in dem im 7-er Rhythmus die Lebensalter eingezeichnet sind. Vom Aszendenten aus gehen wir im Uhrzeiger-Sinn zum MC hinauf – zwischen 21 und 28 Jahren „läuft“ jeder durch sein  9. Haus. Gleichzeitig ist entgegen dem Uhrzeigersinn das 4. Haus angesprochen.

Für alle Menschen ist dies die Lebensphase, in der sie sich einerseits aus dem „Griff“ ihrer Eltern lösen und aus dem Dunkel der Familiengeschichte in ihre eigene treten, und andererseits ihre Körper tatsächlich soweit selbst bewohnen und beherrschen, dass sie nunmehr ihre Identität entdecken. Spätestens hier werden die Fragen wie „Wer bin ich denn überhaupt?“ dringend gestellt – und auch beantwortet. Parallel dazu gehen wir in die Welt hinaus und erproben uns, begegnen anderen Selbstverständnissen, das Nicht-Ich ist, und entdecken in dieser Begegnung unsere Begrenzungen, zunächst einmal in Form einer Bestandteilsichtung.

Ein individuelles Horoskop (auf die Geburtsstunde) zeigt hier, dass die Phase 4 („obenherum“) vom Wassermann bestimmt ist, während „untenherum“ der Löwe zuständig wird. Das sind Zentrifugalkräfte einerseits, ein Sich-Heraus-Lösen, Distanzierung und andererseits Kräfte, die aus dem Seelischen heraus ihren Ausdruck suchen. Individualität heißt, sich als von anderen Menschen unterschiedlich zu empfinden und zu leben. In diesem Horoskop ist der Drang in besonderem Maße vorhanden. (Der Einfachheit halber habe ich die zugehörigen Planeten Uranus und Sonne hier nicht weiter beachtet. Inwieweit die Individualisierung gelingt und nicht verhindert ist, soll auch weiter keine Rolle spielen.) Ist die Phase durchlaufen, folgt im Lebensalter von 28-35 eine Kombination von Steinbock-Jungfrau, was einer Qualität von Saturn-Merkur gleichkommt. Da bricht der „Ernst des Lebens“ herein. Soweit das.

Springen wir 28 Jahre weiter. In der oberen Bewegung ist diese Person im Alter von 56 Jahren an der Spitze von Haus 5 zu 4 – Jungfrau, in der unteren Bewegung erreicht die Person die Spitze von Haus 9 im Steinbock. Grob gesprochen: die Zeitqualitäten der Phasen ab 56 Jahren und ab 28 Jahren unterstehen Saturn-Merkur.

Saturn wiegt in dieser Phase doppelt schwer, denn nach der ersten Saturnwiederkehr mit 28-29 erfolgt die zweite Rückkehr wiederum nach 28 Jahren (+/- Jahrensabweichung je nach dem Umlaufdauer von Saturn). Saturn ist das Prinzip, das uns mit Beschränkung, Mäßigung und Verantwortung in Kontakt bringt. Für viele Menschen verändert sich ihr äußeres Leben. Das bedeutet nach Beendigung des Studiums den Einstieg in den Beruf, eine feste Bindung an einen Partner, oder die Verpflichtung durch die Geburt eines Kindes, sie werden sesshaft. Saturn kann für unsere Innenwelt bedeuten, dass wir Verantwortung für uns selbst übernehmen, weg von der Verpflichtungen nach außen. Mit dem Erreichen dieser Phase wird es Menschen schwerer fallen, sich weiterhin etwas vorzumachen, wenn sie bis jetzt noch Illusionen erlagen. 28-29 Jahre später erfolgt die nächste Prüfung oder die nächste Chance. Zwischen den beiden Wiederkehrzeiten spielt sich (in unserem mitteleuropäischen Lebensraum) unser Arbeitsleben ab. Wie wir uns am Anfang in die Arbeitswelt hineinfinden, so müssen wir uns auch damit befassen, was nach dem Arbeitsleben folgen soll. Jetzt ist erneut der Zeitpunkt, Verantwortung zu übernehmen oder die ungeeignete Verantwortung abzugeben. Wieder werden das Seelische und die „Sichtung“ dessen, was einem zur Verfügung steht, Thema und Aufgabe mit reifenden Entscheidungen.

Welche Arbeit und welcher Beruf passen?

Wenn wir wissen wollen, wie ein Mensch sein Leben „gestaltet“ und was sein Beruf (den er vernünftigerweise ergreift, um sein Leben abzusichern) und seine Berufung sind, können wir uns das 5. Haus, das 6. und das 10. anschauen. Tun wir das einmal für die Person mit dem oben abgebildeten Horoskop.

  1. Wie nun drückt sich ein Mensch mit dem Zeichen Jungfrau im 5. Haus aus? Das Haus des Selbstausdrucks ist der Bereich, in den Themen der Gesundheit, die den alltäglichen, auch kleine Dinge, die erledigt werden wollen, eine Rolle spielen. Die Erlebniswelt ist ordentlich, zweckgemäß, sachgerecht eingerichtet, so wie man selber ist. Man ist methodisch und – da auch Zwillinge als Parallelzeichen mitspielt –  geht logisch, mit der Fähigkeit zur Bewegung und Darstellung im Umraum. Analyse- und Diagnosefähigkeit sind gegeben. Allerdings lebt diese Person nicht aus der unmittelbaren inneren Fülle heraus, sondern eher verhalten. Die tägliche Arbeit dient dem Broterwerb; Alltagsorganisation, Körperpflege, Kleidung, Haushaltsgeld … darin spielt das Leben, zumindest hat sie es so als Erfahrung mitgebracht. Die Sonne (die zum 5. Haus und zum Löwen „gehört“) steht übrigens in den Fischen in Haus 10, ebenso Merkur aus der Jungfrau (im Wassermann). Eine Fische-Sonne ist nun eher geneigt, aus der engen Jungfrau-Welt und dem „Kleinkarierten“ herauszugehen.
  2. Was sagt die Arbeitsumgebung mit dem Zeichen Skorpion im 6. Haus? – Ein Arbeitsplatz, der strukturiert sein muss; die Art der Eigensicherung geht analytisch-sezierend vor: mit Kenntnisgewinn und dem Vermögen, von sich selbst abzusehen. Wenn der dritte Quadrant in den zweiten ragt, wird das Subjektive von außerpersönlichen Maßstäben geformt, man stellt sich in den Dienst. Pluto als Herrscher von 6 steht ebenfalls in 6 und betont die Akkuratesse, mit der hier gearbeitet wird. Das 6. Haus ist das Haus der „Gesundheit“ – analog zu Jungfrau – also wird es um Belange der seelischen und der körperlichen Gesundheit gehen, der detektivisch nachgegangen wird. Mitinbegriffen durchaus schon die „Dienerschaft“ (Pluto-Merkur) – man arbeitet als Vorgang und wird Inventar, ist in der Bewegung gehandicapt, d.h. der Arbeitsplatz eine Kammer.
  3. Die Berufung – die im besten Fall tatsächlich zum realen Beruf führt, lesen wir am MC ab. Hier ist es ein Wassermann-MC, der Bewegungsfreiheit braucht, der sich abhebt, sich besondert – originell oder originär wird sich zeigen. Jemand mit neuem Denken, der die Berufswelt umbauen kann, mit radikalen, aber auch humanistischem – oder „unmenschlichem“ Anliegen. Da ist Technik und neue Technologie eine wichtige Voraussetzung wie auch Ergebnis. 
  4. Sonne in 10 und in den Fischen. Was hier erwirkt wird, geht über die Person hinaus, sie allerdings gewinnt dadurch auch durchaus Status und Bekanntheit, wiewohl der Fische-Sonne das eventuell nicht recht ist, weil es zu verpflichtend und zu reguliert ist.

Was für ein Beruf entspräche wohl dieser Person? Können wir das mit diesen wenigen Informationen sagen? Sicher können wir das. Aber eigentlich ist das jetzt nicht weiter relevant. Zumindest eine der Arbeitsfragen, nämlich „Was passiert zwischen dem Eintritt ins Berufsleben und dem Austritt?“ können wir schon jetzt beantworten. Wir könnten ohne Arbeit auskommen, aber nicht ohne unseren Lebensausdruck, den wir mit unserem Geschehen in unserem Erdendasein bezeugen. Tätig werden wir immer sein, wirken im Werk auch. Leider nur ist – vielleicht sogar mit der Herauslösung aus den Orten unserer Ursprünge, im Gewirr der Globalisierung – vieles verloren gegangen.

Ausblick

Das 5. Haus ist das Haus des Handelns, des 6. das des Sich-Verhaltens – die Aussteuerung, damit das Handeln nicht überschießt.  Vor dem Handelnkönnen (vor meinem Leben als Ich) aber muss noch anderes da sein – nämlich die Gestalt (über sie werde ich an anderer Stelle noch schreiben). Ist diese ausgefallen, können wir nur unsere Erscheinung ausüben, aber nicht handeln. Das ist Homo faber und das sind auch die Slaven unserer Zeit, jeder auf seine Weise. In der Welt des Homo faber muss alles seinen Nutzen beweisen – es gibt keinen Sinn, nur Zweck. Immerhin garantiert er Bestand, Dauer und Haltbarkeit. Der andere, der Sklave, der seine Arbeitskraft einsetzt, ohne etwas herzustellen, ist noch übler dran – er verbraucht seinen eigenen Körper, denn sein Produkt ist sein Kraftüberschuss. Was ihm bleibt sind die Träume vom Schlaraffenland, von einem Land, in dem Milch und Honig fließt. Einen Ausweg aus der Unmöglichkeit, gültige Maßstäbe in einer Tätigkeit zu finden, gäbe es, indem die Fähigkeiten des Sprechens und Handelns ausgebildet werden. Stimmt das?

Es ist – wenn man sich anschaut – was aus „Arbeit“ im Lauf der Zeiten geworden ist, bzw. wozu Menschen sie gemacht haben – nichts Anstrebenswertes, zu arbeiten. Man rackert und rackert, und entweder lasse ich mich im Zweck verbrauchen (instrumentalisieren) oder ich gehe körperlich am Stock …  so oder so stimmt inzwischen noch nicht einmal mehr die Entschädigung, die sie Lohn nennen, und es werden Menschen zum Dienst rekrutiert – eine Ehre soll es sein, zu dienen. 

Nein, ich arbeite nicht mehr. Wenn es bleibt, wie es aussieht, dann ziehe ich mich lieber zurück, widme mich den Gestalten des Lebens. Ziehe mich aus dem Konsum, der ins Uferlose führt, aber die Wirtschaft vorantreibt. – Ich bin jetzt zu alt, diese Dinge mitzumachen, verspreche aber, tätig zu bleiben.   

„Niemals ist man tätiger, als wenn man äußerem Anschein nach nichts tut; niemals ist man weniger allein, als wenn man in der Einsamkeit mit sich allein ist.“ Cato, zitiert in Hannah Arendt, Neuausgabe 1981, 317

 

Zum Weiter- und Nachlesen

Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, 1958, 1960 und 1981

https://sascha313.files.wordpress.com/2017/02/brd-sklavenhalterstaat.pdf