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FINGERABDRÜCKE DER GEGENWART

Die drei Träume beunruhigten mich nicht im Mindesten. Es ist einfach manchmal so: du wachst morgens auf und weißt, du hattest Träume. Dann denkst du eine Weile über sie nach, vielleicht während du Kaffee oder Tee kochst, und spätestens, wenn du im Bad stehst, hast du sie vergessen.

Träume sind gut gemachtes Kopfkino. Wenn man sich vorstellt, dass man diese Filme machen kann, ohne überhaupt eine Kamera, ohne eine Menge Leute wie Drehbuchschreiber, Kabelträger, oder wer da noch so nötig ist, einzustellen, einfach wie hingemalt auf die Innenseite der Augenlider oder auf die Netzhaut, dann ist das schon eine tolle Sache.

Das Dach, das im Sog eines Tornados von einem Bushäuschen gefegt wurde, ließ mich darüber grübeln, wie sie das wohl in einem richtigen Film gemacht hätten. Man hätte einen Kran gebraucht, eine Windmaschine, vermutlich viele Seile. – Den Mann, der am oberen Ende einer Wendeltreppe stand, lässig an den Türrahmen gelehnt, mit jenem schief verzogenen Rambo-Mund, und den Blick gelangweilt-wach, während rund um ihn herum Wände einbrachen und ins Nichts bröckelten, in Szene zu setzen, dürfte schwieriger werden. Aber inzwischen gab es viele Möglichkeiten, das in einer Animation am Computer nachzuzeichnen. Ich beneide die Leute, die das können. Das würde ich auch gerne können. Mein Zeichentalent erschöpft sich allerdings in Strichmännchen, und selbst die beherrschen nur zwei deutlich unterscheidbare Körperhaltungen. Da konnte auch ein Computer nicht viel helfen. Das Gesicht des Mannes aus dem dritten Traum war nicht zu sehen. Die Kamera zoomte unter den Fensterplatzsitz eines Flugzeugs, nahm Füße rechts und links mit ins Bild. Das Flugzeug ruckelte auf seinem Weg zur Startbahn, es ruckelte recht heftig. Da tat sich direkt unter dem Sitz, zwischen den Füßen, auf die der Zuschauer blickte, eine Luke auf und der Jemand, mit dessen Blick wir mitgegangen waren, fiel durch die Luke. Auf der Startbahn sitzend sah er, ganz Kamera, das Flugzeug starten und explodieren.

Es war der dritte Morgen, an dem ich diese drei Träume träumte. Und so sehr ich mich auch bemühte, mich daran zu erinnern, welche Filme ich in der letzten Zeit gesehen hatte – mir fiel keiner ein.

Ich trank eine Tasse löslichen Kaffee, setzte Teewasser auf, schmierte, während der Wasserkocher sich hochkochte, sechs Scheiben Brot für die Pause. Die Linien, auf denen ich überwiegend fuhr, hatten alle eine Endhaltestelle, an der es weder einen Kiosk noch eine Tankstelle gab. Nur eins von diesen kleinen Klohäuschen, von denen jeder von uns den Schlüssel bekam, stand da. Sechs Brote sollten reichen. Erfahrungsgemäß brachte ich noch eins wieder mit zurück.

Das mit den Träumen musst du auch mal so sehen: sie sind die Bilder von dem, was man am Tag nebenbei  wahrgenommen hat, wofür aber keine Verwendung war. Da passiert was um dich herum, und dein Gehirn speichert es, ohne dass du das merkst. Du brauchst die Information aber eigentlich nicht, denn sie ist für dich nicht wesentlich. Doch weil das Gehirn nichts zu tun hat, spinnt es Filme daraus. Wenn ich beim Fahren auf die Straße schau, weil ich den Bus sicher durch den Verkehr steuern muss, vergesse ich sofort wieder, was meine Augenwinkel sehen: die Frau und das Kind auf dem Gehweg, wo der Junge sich gerade von der Hand der Mutter losreißt und eine Ohrfeige einfängt. Oder die Autotür, die aufgestemmt wird, und in die ein Radfahrer hinein fährt, oder die Tochter von der Meyer, die in den Tattooladen geht und sich dabei umguckt, als wenn sie was Verbotenes tut. Tut sie sicher auch. Anne Meyer ist keine Mutter, die mir aussieht, als würde sie Tattoos und Piercings befürworten. Also, du weißt, was ich meine?

Meine Uniform hätte dringend eine Wäsche gebraucht. Die Hose hatte ich inzwischen an verschiedenen Stellen mit eilig hingeworfenen Bügelfalten versehen, und sie glänzte über den Knien. Der Schlips, speckig geworden, schnürte mir beim Anlegen schon den Hals zu, am liebsten hätte ich ihn weggelassen. Das ging aber nicht. Sie bezahlen dich für den Job, also musst du deinen Preis bezahlen. Trägst dann einen Schlips in den Farben des Unternehmens. Die haben sich viel dabei gedacht, und bieten dafür und für noch mehr Loyalität auch Fortbildungen und Aufstiegschancen an.

Das Hemd von gestern hatte Salzränder unter den Achseln, ich nahm ein neues. Auch frische Strümpfe. Zwar hatte meine Nase noch nichts gemeldet, aber es war warm gewesen und dass ich noch nichts roch, besagte gar nichts. Ich war ein schlechter Riecher. Da wollte ich lieber nichts riskieren; wenn was schmixte, wäre das in meinem Job unangenehm.

Im Schloss schlurfte der Wohnungsschlüssel. Von außen musste man ihn auf eine ganz bestimmte Art fest und doch locker, fast wie bei einem Safe drehen, das machte ein krankes Geräusch. Ich sollte etwas unternehmen. Manon und die Kinder fielen ein.

Du musst wissen, dass ich nur noch in der Spätschicht fahre. Das hat mehrere Gründe. Einer ist, dass Manon auf diese Weise vormittags arbeiten gehen kann, während die Kinder in der Schule sind, und dann nachmittags die Hausaufgaben beaufsichtigt. Grund Nummer zwei ist: ich komme nachts, wenn alle schlafen, und kann vormittags, wenn alle weg sind, in Ruhe schlafen. Wenn ich schlafen kann, muss ich dazu sagen.

Sie kamen von der Straße und brachten Lärm und Hitze mit. „Hallo, Fremder“, sagte Manon und strich mir einen Krümel vom Kragen. „Den Einkauf habe ich heute nicht geschafft“, sagte ich statt einer Begrüßung. Die Kinder waren schon in ihren Zimmern verschwunden. „Außerdem musst du Geld holen.“ Manon zog die Augenbrauen auf die Weise hoch, wie sie es immer tat, wenn die Rede auf Geld kam. Wenn es ums Saubermachen ging, zog sie sie anders hoch. Während sie die Augenbrauen hochzog, sagte sie nichts. Als ich draußen stand, fiel mir zum ersten Mal auf, dass sie abgenommen hatte.

Du kennst das vielleicht nicht, wenn du nicht verheiratet bist. Da bist du mit einer Frau zusammen, von der du geglaubt hast, du kennst sie und sie kennt dich. Aber sie wird dir immer fremder, und du kannst nichts dagegen tun.

Heute gaben sie mir einen von den allerneuesten Gelenkbussen. Das waren die mit den leisesten Motoren, sie schnurrten nicht lauter als eine satte Katze. Die Klimaanlage kühlte so effizient, dass es einen fröstelte. Heute Abend könnte es demnach kalt werden. Dagegen konnte man einen Pullover anziehen. Aber wenn du einen alten Bus hast, bei dem die Türschließanlage nur funktioniert, wenn du aufstehst und gegen die Tür trittst oder den Motor drei-viermal neu startest, ist das mit einem Pullover allein nicht zu lösen.

Ich trug mich in die Liste ein, bekam die Schlüssel, holte meine Kasse und den Drucker und gab Bernd einen Klaps auf die Schulter. „Hast trotzdem was gut bei mir.“ – Er lachte und versuchte gar nicht erst, seine maroden Zähne zu verstecken. Es wäre ihm auch nicht gelungen. Da, wo er saß, hätte ich sitzen können. Sie hatten mich zu mehreren Fortbildungen geschickt, in raffiniert möblierte Ausbildungsräume mit einer Menge anderer ehrgeiziger Fahrer, als Geste, als so was wie eine Reha. Aber ich bin kein Schreibtischtyp. Man muss wissen, wozu man geeignet ist: am Schreibtisch zu sitzen war nie mein Ding. Wir haben zuhause die Hausaufgaben auf dem Bett oder auf dem Boden gemacht. Da gabs sowas wie Schreibtische nicht. Ich blieb bei meinen Linien: 141, 241, 34, oder die 243, die meine Lieblingslinie war. Die 143 mied ich, soweit es ging. Auch wenn Bernd und Klaus taten, was sie konnten, war die 143 nicht immer zu umgehen.

Ich verstaute meinen Arbeitskoffer an seinem dafür vorgesehenen Platz, gab meinen Pincode für den Arbeitsbeginn ein, programmierte Drucker und Kasse, stellte den Sitz in die richtige Höhe. 14:53 Uhr. In 15 Minuten musste ich am Bahnhof sein und Fahrgäste aufnehmen. Meine Uniformjacke hängte ich hinter mich, ließ den Motor an und rollte an Bernds Häuschen vorbei. Er stand am Fenster und telefonierte und winkte mit einem Fahrtenbuch, als ich ihn passierte. Wenn du den Betriebshof verlässt und den Bus auf die Straße in den normalen Verkehr einfädelst, ist das jedesmal anders. Es wird nie Routine.

Mit Bernd war vor zwei Jahren was Schlimmes passiert. Sein Sohn hatte frisch den Führerschein gemacht, sich das Auto vom Vater geklemmt und sich dann aus der Stadt kommend auf den Elbbrücken um den letzten Pfeiler auf der linken Seite der Fahrbahn gewickelt. Die Polizei hatte sein Handy auf der Gegenfahrbahn gefunden. Es war das einzige auf Anhieb wiedererkennbare Teil bei diesem Unfall gewesen.

„Wenn dein Kind vor dir geht“, hatte Bernd gesagt, „ist das, wie wenn du selbst stirbst.“ Das war auf der Beerdigung gewesen. Danach hatte er nicht mehr davon geredet, stieg in keinen Bus mehr und kam von da an zu Fuß zur Arbeit. Manon hatte ihn heulen sehen, weshalb er auch nicht mehr zu uns kam. Kinder sah er grundsätzlich nicht mehr an, unsere eingeschlossen. Er und ich trafen uns einmal pro Woche draußen und nach Dienstschluss, gewöhnten uns an, zum „Verein“ zu gehen oder eine Runde zu drehen. „Weg von der Straße“, sagte Bernd, „auf Dauer ist die Straße nichts. Immer unterwegs.“ Auf Dauer ist alles nichts! Wenn du was arbeitest, was du nur arbeitest, um Geld zu verdienen, ist das nichts. Erst bist du ein Tu-Wort: du funktionierst, am Ende bist du ein Hauptwort. Da wirst du selbst zur Funktion. Im „Verein“ konnte man in die Zukunft investieren, aber selbst wenn man keine Zukunft hatte, konnte man sein Geld loswerden oder aber mehr dafür rausbekommen.

Der Katzenbus lief bis jetzt erstaunlich rund. Da hatte ich Glück. Ich hatte zum zweiten Mal so einen. Sie waren nicht nur leise, sondern auch technologisch raffiniert. Abgesehen davon, dass ihre Inneneinrichtung bisweilen klapperte, waren sie sehr empfindlich. Man drückte Knöpfe und zog Hebel, und das musste man so vorsichtig tun, als hätte man es mit einer hysterischen Frau zu tun. Nicht Manon war hysterisch, aber ich kannte durchaus einige, die es waren. Anne Meyer zum Beispiel. Ich mochte die älteren Busse. Aber sie passten nicht in diese Zeit. Sie kamen nicht magersüchtig auf staksigen dünnen Beinen wie die neuen daher; sie ließen sich richtig gut lenken und lagen gut auf der Straße. Die neuen Busse waren störrisch mit eigenem Willen, den aber niemand erkennen konnte, weil es jeden Tag ein anderer Wille war, nicht durchschaubar und schon mal gar nicht vorhersagbar. Mal war es die Hydraulik, mal die Elektronik der Türen, mal die Rampe für die Kinderwagen oder Rollstühle. Niemand hatte eigentlich Freude an ihnen; auch die Fahrgäste nicht. Ergonomische Haltegriffe, in die Rückenlehnen der Sitzschalen vertieft eingelassen, runde Flächen für verminderte Verletzungsgefahr. Von wegen: das Festhalten wurde Glückssache. Wie oft sind mir in den neuen Bussen Leute abgerutscht, abgeprallt und hingeknallt. Fällt auf mich zurück – denn natürlich ist das letztlich mein Fahrstil. Am besten fährt man mit solchen Bussen, wenn man sie stehen lässt.

15:07, und ich bog auf den Busbahnhof ein, fuhr gleich an die Haltestelle. Es kam Bewegung in die Menschentraube, sobald sie mich ankommen sah. Waren sogar Nachbarn von uns dabei: die Reuper mit ihrem unechten Lächeln, das ersterben würde, sobald sie an mir vorbei war. Ich konnte ja die Leute im Rückspiegel sehen, und was ich da manchmal zu sehen bekam, war was Verbotenes. Ich bekam Einblick in das, was gar nicht in die Öffentlichkeit gehörte. Die Reuper setzte sich hinter mich, ihr Blick entglitt nach innen. Das machte sie hässlich. Alle waren eingestiegen. Bus höher legen, Türen verriegeln. Blinken nach links, Spiegelkontrolle rechts, links, noch mal rechts, hinten und los. Mit der ganzen Last an Bord furzte der Bus. Das konnte ja heiter werden!

Wenn du erst mal fährst, ist es schnell so, dass du das sehr automatisch machst. Du kannst mit deinen Gedanken ganz woanders sein, in Erinnerungen, vielleicht bei deiner Frau oder bei der anderen, mit der es prickelnder ist, oder beim „Verein“ oder beim Poker. Das bleibt nicht aus – du funktionierst eben. Sogar das Kassieren geht automatisch. „Kurzstrecke!“ bellt jemand und nestelt einen Euro, zwei Zwanzig- und zwei Fünf-Cent-Stücke aus der Tasche. Da druckst du eben 1,50. „Meckelfeld mit Anschluss nach Stelle“, nuschelt der nächste und deine Finger machen das von alleine. Haben sie gelernt, in der Praxis, und mit jedem neuen Zettel, der da so alle zwei Wochen kommt: neue Tarife, neue Kürzel, neue Haltestellen.

Der „Verein“ lief so: jeder brachte am Anfang einen festgesetzten Betrag mit; der war das Eintrittsgeld. Dafür konnte man dann 10 Leute auswählen, die mit dem Geld arbeiten würden. Das waren findige Leute, Immobilienmakler oder Bankleute. Die setzten das Geld ein, und investierten ihrerseits in Leute, die weiter mit dem Geld arbeiteten. Je mehr also für einen arbeiteten, desto größer war die Chance, dass man auf seinen Anfangsbetrag irgendwann einen dicken Gewinn erwirtschaftete. Man musste nur eben seine 10 Leute gut aussuchen….

aus: Azraels Erzählungen, 2014, S. 79 – 84 [91]

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