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ENTSPANNUNG PUR

Entspannung PUR


Problemlos, unmittelbar, ruhig – pur. Es ist nicht so, dass ich nicht wüsste, was Entspannung ist. Hab auch so meine Mittel und Wege dazu. Nichts ist schöner als eine vorgestellte Reise an einen Ort, der einem so was von nur gut tut, und an dem die Probleme so was von weit weg sind! Hab ich schon als Kind gekonnt: Musik an, Ohren auf, Augen zu, gewissermaßen nach innen, und los gings. Nach spätestens einer Minute hörte ich die Musik nicht mehr, saß oder lag nicht mehr in meinem Sitz, ja, hatte sogar meinen Körper abgestreift. Home by the sea… sei symbolischerweise abgekürzt gesagt.

Abstrakt-66 copy_kleinNeulich geriet ich in eine Entspannungsgruppe. Nicht ganz freiwillig, ich räume es ein, also das „Geraten“ war eher ein „Geschickt“. Bevor ich im entsprechend genannten Raum eintraf, hatte ich einen verbalen Zusammenstoß mit meiner behandelnden Ärztin. Es war eine Begegnung der Art, die Antipathie auf Anhieb auf beiden Seiten auswirft. Also gut, – oder nicht gut. Ich trug das vor mir her – als erstes Ereignis dieses Tages. Warum ich das erwähne, werden Sie später im Fortgang der Geschichte schon noch erahnen.

Ich betrete den Gruppenraum, tue es den bereits Anwesenden gleich und nehme eine rote, dünne Matte von einem Stapel am Fenster, positioniere sie neben zwei Frauen so, dass mein Kopf zur Stuhlreihe an der Wand zeigt. An der Wand hängen Bilder mit Darstellungen von äußeren Blüten und Blütenkelchen von innen. In Aquarell. Das Bild über meinem Kopf – weiß-rosa Blüten mit Grau – gefällt mir mit Abstand am besten.

Ich liege. Und höre, wie allmählich die aufgeregte Gruppe erst ebenfalls zum Liegen und dann zur Ruhe kommt. Die Therapeutin sitzt mit einem Büchlein in der Hand am Tisch am Fenster. Sie ist jung, hat lange, dunkelblonde Haare, ein dreieckiges Gesicht, das sie scheu hinter dem Bücherrand versteckt. Ihr Hochdeutsch ist dialektal gefärbt. Hessen verschlucken gerne die Enns: Ei, da habbe mir des halt vergesse.

Sie beginnt. Heute machen Sie eine Reise in den Körper. Dazu müssen wir erst bewusst ein- und ausatmen, den Tag hinter uns lassen (verbibbscht – der Tag hat grad angefange!), die Außengeräusche missachten, ihnen keine Bedeutung beimessen…

Ich öffne die Augen noch einmal, um das Bild über mir in mich aufzunehmen. In der Blüte im Vordergrund könnte ich glatt versinken. Dann schließe ich die Augen wieder.

Sie stellen sich vor, dass Sie jetzt in Ihrem Körper sind, höre ich die Stimme der Therapeutin von Weitem, und im gleichen Moment springt es aus meinem Kopf und setzt sich mit verschränkten Armen und übergeschlagenem Bein auf den Stuhl über und hinter mir. Es ist unsichtbar – für die anderen. Ich registriere es, konzentriere mich dann aber wieder auf meinen Körper. Ich orientiere mich – wo bin ich denn? Aha – got me! Hab mich!

Sie sind auf der Suche nach einem Ort der Geborgenheit, einem Ort, den Sie aufsuchen würden, wenn Sie Kummer oder Probleme haben. Sie würden ihn aufsuchen, um sich dort Kraft zu holen. Suchen Sie diesen Ort auf.

Ich komme an meiner Gebärmutter vorbei. Das könnte gemütlich werden, das ist eine Höhle, oder sie ist zumindest höhlenartig und suggeriert Schutz. Welcher Ort sonst gewährt wohl mehr Schutz?! Ich trete ein, stehe und staune, sehe mir die Wände an, strecke die Hand aus, um an einer Stelle ihre Struktur zu erfühlen. Das Wesen draußen auf dem Stuhl gibt seine abwehrende Haltung für eine Geste der Entrüstung auf: Gebärmutter, höhnt es, wie einfach! Was würde wohl ein Psychologe jetzt dazu sagen?! Ich ziehe meine Hand von der Wand zurück und bin für einen Moment mit der fiktiven Antwort des Psychologen beschäftigt.

Die Stimme der Therapeutin ist sehr leise und gedämpft. Ich höre sie kaum. Um sie zu verstehen, verlasse ich die Gebärmutter und hangele mich einen Gang entlang, der mich der Stimme näher bringt. Ich konzentriere mich auf die Lautstärke, nicht auf die Worte – und finde mich am Eingang der Bauchspeicheldrüse wieder. Erinnere mich entfernt, als erinnerte ich mich an „Im Westen nichts Neues“ oder an Hektor und Achill. Denn ich finde einen Kriegsschauplatz. Aus manchen Kratern raucht es noch. Es wird gestöhnt und geschrien.

Sie lassen sich an diesem Ort der Geborgenheit nieder…

Mir wird mein Aussehen bewusst: ich bin ein Manga-Mädchen. Habe riesengroße, dunkel-feuchte Augen, eine winzige Nase und einen Mund ohne Lippen. Mein Kopf sitzt auf einem kleinen Körper, den man vernachlässigen kann, und schaut mal in Richtung Gebärmutter, mal in Richtung Bauchspeicheldrüse. Mit zunehmender Geschwindigkeit, das heißt: in Panik. Das Wesen auf dem Stuhl feixt und springt vor Schadenfreude von einem Bein auf das andere. Es lehnt sich vor, um auch ja nichts von meiner inneren Eskalation zu verpassen.

Das Manga-Mädchen, sprich ich, hetzt zwischen Gebärmutter und Bauchspeicheldrüse – ach, ich schreibe jetzt kürzer: Pankreas – hin und her. Die Geborgenheit. Spüren Sie die Geborgenheit. Sie macht Sie warm und ruhig. Ich komme zum dritten Mal – völlig außer Atem – in der Gebärmutter an und bin nahe dran, mich einfach fallen zu lassen.

Das Handy meiner linken Mattennachbarin klingelt. Am Ort Ihrer Geborgenheit steht eine Kerze, ihr Lichtschein ist warm, regelmäßig, friedlich. Mein Manga-Mädchen hebt den Kopf und lauscht in Richtung Klingeln. Hat gerade Pankreas gerufen?  Sie erhebt sich, rennt zu Pankreas, findet sogar eine Abkürzung, kommt atemlos an. Wo ist die Kerze? Ich will doch die Kerze sehen!

An Ihrem Ort der Geborgenheit finden Sie eine Jacke. Sie fühlt sich flauschig an,  weich. Sie streichen mit den Fingern darüber, Sie schlüpfen hinein. Sie passt, wie für Sie gemacht.

Wo ist hier die verdammte Flauscheljacke? Hier ist keine!? Die, die hier von Einschlagloch zu Einschlagloch springen, tragen dergleichen nicht. Kein Ort zum Kuscheln! Es riecht nach Brand, es riecht nach Benzin… Das Handy klingelt zum zweiten Mal. Die Nachbarin geht nicht ran. Weiß der Teufel, in welchem Geborgenheitsraum sie gerade steckt. Du sollst Außengeräusche… Die Therapeutin flüstert, dass wir die Augen langsam wieder öffnen sollen. Langsam wieder zurückkommen. Langsam. Atmen Sie ein und aus. Nehmen Sie mit, dass Sie an diesen Ort immer zurückkehren können, wenn Sie den Kämpfen des Alltags entgehen wollen.

Ich lasse mein Manga-Mädchen zurück und lande auf der roten Matte. Das Wesen auf dem Stuhl verblasst, ich schaue geradewegs in den Blütenkelch, der mich einzusaugen versucht.

Legen Sie bitte die Matten zurück auf den Stapel! Die Nachbarin von links erhebt sich abrupt, tut wie angeordnet und verlässt gesenkten Hauptes den Raum.

Und sind Sie jetzt ein wenig entspannt, und haben eventuell schlechte Erfahrungen von heute aufgelöst? Fragt die Therapeutin in die allgemeine Aufbruchstimmung hinein.

Handys sollten wirklich ausgeschaltet werden, beschwert sich ein Mann, der auf einer übernächsten Matte, einer blauen, gelegen hat. Das hat mich in meiner Reise gestört. Aber sonst war es gut. Klasse, es war wirklich entspannend. Alle anderen nicken ebenfalls. Ich nicke meinem Bild zu. Wir verstehen uns.