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EMPFINDSAM ODER EMPFINDLICH?

ddddDafür bin ich bekannt – glauben Sie mir. Ich kann Haare spalten. Das kommt zwar nicht immer im Lektorat zum Tragen, aber manchmal eben doch. Die Wahl des richtigen Wortes ist wichtig, denn das richtige Wort verstopft wenigstens keine Denkwege. Die deutsche Sprache ist reich an Tücken, und die schnellen Entwicklungen bzw. Degenerationen im Zuge der Sprachkontakte tun das Übrige zu den Irrtümern. Der Text in diesem Blog entstand auf Anregung auf einen Kommentar hin.

 

Empfindsam oder empfindlich?

Die beiden deutschen Wörter empfindlich und empfindsam sind natürlich nicht synonym – das weiß jeder? „Du bist aber empfindlich“, sagt man zu jemandem, der nach Ansicht des Sprechers auf Gesagtes oder einen Reiz unangemessen reagiert, und zwar im Sinne von zuviel. Empfindlich ist eine Person, wenn sie auf bestimmte Dinge mehr als auf anderes „anspringt“.

Das deutsche Suffiv –lich ist sehr gebräuchlich und ist eine sehr geläufiges Wortbildungssilbe. Es macht aus einem Ausgangswort eine Eigenschaftsbeschreibung. Die Wortbildung geht dabei überwiegend auf ein Substantiv zurück (andere z.B. Adjektiv> Adjektiv: klein-kleinlich, oder Verb > Adjektiv: verwundern – verwunderlich). Bei Substantiven wird aus Amt wird amtlich, Wunder – wunderlich, Angst – ängstlich, Kunst – künstlich, Natur – natürlich und aus Empfinden – empfindlich.

Was ist dieses Empfinden? Hier haben wir es mit einem zusammengesetzten Verb zu tun; dem Verb finden geht das Präfix emp(f)- voran. Wer das Wörterbuch aufschlägt, findet 2 weitere Verben (empfangen, empfehlen). Emp(f)- ist die Verwandlung der Vorsilbe ent- und trägt die Bedeutung des heraus-, weg-. Die Vorsilbe ent- hat darüberhinaus noch andere Bedeutungen, die wir hier jetzt nicht brauchen. Warum die Verwandlung von ent- zu emp(f)- an diesen drei Wörtern geschah, sei nur kurz erwähnt: es handelt sich vermutlich um eine phonologische Anpassung an das Konsonantenumfeld.

Aus Empfinden lesen wir demnach ein „Herausfinden“. Um etwas herauszufinden, muss man nun erst einmal hineingehen, das heißt in diesem Fall „in sich selbst hinein“, damit man dort etwas finden kann, das man mit hinausnimmt. Empfinden trägt also Aspekte eines „In-Sich-Findens“.

Immer wenn wir heute das an sich beschreibende Adjektiv empfindlich verwenden, hat es einen negativen Beigeschmack. Den hat das Wort im Laufe der Zeit erworben, nicht unabhängig von den unterschiedlichen Umständen, in denen es benutzt wurde und in denen seine Sprecher lebten. In Zeiten, in denen es wenig angesagt ist, „in sich zu gehen“, muss natürlich die Innerlichkeit, die Verinnerlichung verspöttelt, schlimmstenfalls ausgeschlossen werden. Empfindlich zu sein, erhielt die Schwingung eines „für das Außen nicht so gut geeignet“. Er ist delikat, man muss ihn vorsichtig behandeln, darf ihn nicht belasten.

Auch das Adjektiv empfindsam geht auf das Empfinden zurück. Die Nachsilbe –sam ist allerdings heutzutage nicht mehr so produktiv wie –lich, und wenn sie verwendet wird, dann tut der Wortbilder gut daran, ihre Bedeutung zu kennen. –sam geht aus dem Althochdeutschen hervor – samo/sama = derselbe/ebenso.

Jeder kennt die Wörter wundersam, biegsam, gehorsam, geruhsam (Sammeln ist erlaubt! Welche kennen Sie noch?).

-sam trägt die Bedeutung einer Neigung zu etwas und/oder einer Möglichkeit: etwas verwundert mich – ich wundere mich – da kann man sich wundern – das ist wundersam. Etwas, das biegsam ist, kann sich biegen; jemand, der gehorsam ist, trägt grundsätzlich die Möglichkeit in sich, etwas oder jemandem zu gehorchen.

Empfindsam ist demnach ein Mensch, der die Möglichkeit bzw. die Neigung des In-Sich-Findens hat. Er kann, er muss aber nicht, und das auch nicht als Grundhaltung, empfindsam sein.

Unserer heutigen Fühlart nach ist dieses Adjektiv mit positiver Konnotation „unterwegs“. Ein empfindsamer Mensch ist jemand, der zunächst in sich selber hineinfindet, aber sich eben deshalb auch in andere hineinversetzen kann. In unserem heutigen Sprachgebrauch trägt das empfindsam einen Hauch von Empathie in sich.

Was aber ist nun sensibel? – Zunächst einmal ist dieses Adjektiv kein ursprünglich deutsches Wort i.S. der Entwicklung aus dem Alt-und Mittelhochdeutschen. In der Wortherkunftslehre (verschiedene Quellen hier) findet sich: sensibilis „mit Empfindung, Gefühl begabt, sinnlich“, von lat.sentire (Perfekt sensus) „empfinden, wahrnehmen“, zu lat. sensus „Empfindung, Gefühl, Bewusstsein“. Latein also.

Da haben wir natürlich eine Menge Vermischungen! Empfinden ist nicht gleich Gefühl und schon gar nicht Bewusstsein. Aber lassen wir das außen vor und halten fest: sensibel ist ein Mensch, wenn er sinnlich ist. Wie ist man sinnlich? – Mit den 5 Sinnen: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten/Fühlen.

Die fünf Sinne sind allesamt von innen nach außen gerichtet, bzw. nehmen etwas wahr, das von außen kommt. Sie sind unsere Antennen oder Fühler oder … Das Gefühl, das wortursprungsmäßig dem Tastsinn entspringt, ist zuallernächst eine Ansammlung von Sensationen auf der Haut (als unserem größten Kontaktorgan zur Außenwelt). Nur nebenbei gesagt: die Vorsilbe Ge- macht aus mehreren ähnlichen Einzelteilen eine Ansammlung unter einer Oberkategorie mit dem Artikel das. – Aus den 5 Einzelsinnen haben wir im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch das pars-pro-toto-Wort Gefühl gemacht: Fühlen in Dichotomie zu Denken.

Wenn wir von jemandem sagen, er sei ein sensibler Mensch, dann beschreiben wir ihn damit als einen Menschen, der auf Reize (konkret-materieller wie auch emotionaler Art) fein und differenziert, subtil und genau/detailliert anspricht. Sensibilität hat mit der Wahrnehmung des Außen zu tun, und ist eine Größe der Vernunft.

Wenn der Sensible dann sehr viele Gefühle gesammelt hat, wird dieser Mensch gefühlvoll genannt. Er ist dann voll mit dem im Außen Gefühlten, das er im besten Fall auswertet. Im anderen Fall ist er beeindruckt, i.S. von innerlich bewegt aufgrund der von außen aufgenommenen Eindrücke, denen er ausgeliefert ist oder in denen er schwelgt.

Die Frage der Fragen ist nun: Ist ein sensibler Mensch auch empfindsam?

 

Die Bedeutung der Vor- und Nachsilben kann man nachlesen und üben in: Wortbildung des modernen Deutschen: ein Lehr- und Übungsbuch von Michael Lohde