Home » LESESTOFF » ÜBER DAS SCHREIBEN

ÜBER DAS SCHREIBEN

Jeder darf alle „Schreibregeln“ brechen, aber jeder sollte dann auch wissen, welche Regeln er bricht und was er 1. damit bezweckt und 2. damit bewirkt.

Es kann durchaus richtig und sinnvoll sein, eine Geschichte zu schreiben, wie es einem die Muse eingibt. „Bauch-Schreibe“ – einfach laufen lassen. Wer so schreibt, und meint, es wäre nicht weiter wichtig, sich um mehr zu kümmern, kann diese folgende Zusammenstellung getrost zur Seite legen. Er darf sie natürlich aber auch lesen.

http://s1.srfcdn.ch/images/auftritte/kultur/bilder/2015/07/13/node_7519874/91767544-2-ger-DE/image_s8.jpg

Die Eisberg-Theorie

Wenn ich selbst schreibe, achte ich vor allem auf die unten aufgeführten neun Punkte, und lege jedem Schreibenden ans Herz, diese – und noch anderes – nach Abschluss des kreativen „Schreibens“, und bevor er an die Öffentlichkeit geht, einmal als Durchsichtraster an seinen Text anzulegen.

Dem, der dann später einige Übung und sich freigeschwommen und das Raster im Hinterkopf hat, wird es immer häufiger passieren, dass er gegen die Regeln (die eigentlich von mir nicht als Regeln gemeint sind) verstößt – und es kommt trotzdem – ja, vielleicht deshalb – ein sehr lesenswerter Text heraus. Bis dahin …

1. Ein einzelner Gedanke als tragendes Element?

Sie schreiben Ihre Geschichten gerne rund um einen aufgeschnappten Dialog oder eine Charakterstudie oder ein Ereignis, das Sie beeindruckt hat? Sie erscheinen Ihnen eine Kurzgeschichte bzw. eine kurze Geschichte wert. Natürlich können diese Aspekte Anlass und Teil sein, nur allein für sich tragen sie meistens eine Geschichte nicht. Ganz ohne Konzept für eine Handlung geht es nicht, und ein Ereignis allein oder ein belauschter Dialog geben noch gar nicht genug Stoff her. Abhilfe: aus mehreren Beobachtungen zusammenfassen.

2. Anfang/Exposition

Der Anfang einer Geschichte – besonders einer Kurzgeschichte – will wohlinszeniert sein. Im ersten Absatz, spätestens im zweiten entscheidet sich, ob der Leser bleibt, oder ob er weiterblättert. In der Exposition, d.h. in der Einführung des Lesers in die Ausgangssituation der Geschichte,  sollten das Wozu (Plotziel), das Wer (Protagonisten) und das Was (Problem/Motivation = persönliche Wandlung des Protagonisten) klar werden. Wovon wird die Geschichte handeln? Aus wessen Blickwinkel blicken wir als Leser auf das Problem in der Geschichte? Welche Erzählperspektive ist überhaupt für mein Thema angemessen? Und – ganz wichtig: Wieviel Umfang gestehe ich der Exposition zu?

3. Ihr Protagonist

Ein Name ist nicht beliebig. Will man seinem Protagonisten einen geben (man braucht es aber bisweilen gar nicht, kommt ohne Namen aus), sollte er zum Charakter und zum Aussehen passen. Tipp: Natürlich kann man auch mit dem Widerspruch spielen und damit eine „Spannung“ ausdrücken bzw. aus der Geschichte aufnehmen.

In einer Kurzgeschichte brauchen wir keine komplexe, in allen Facetten ausgeleuchtete Hauptfigur. Diese gehören in einen Roman oder eine Novelle. Die Hauptfigur einer Kurzgeschichte sollte mit wenigen Charakterzügen umrissen werden; wenn ich eine Zahl nennen müsste, würde ich vier vorschlagen.

Unsere Absicht und unser Entwurf bestimmen, in welche Richtung sich die Persönlichkeit des Protagonisten wandelt. Tritt eine positive Wendung ein? Wird alles noch schlimmer? Bei der Kürze einer Kurzgeschichte darf es da keine großen Hin- und Herwendungen geben (auch wenn dies dem realen Leben nicht entspricht). Tipp: Innere Monologe möglichst sparsam verwenden und dem Leser „Denkergebnisse“ als Handlung erzählen.

4. Das Problem des Protagonisten

Die Geschichte wird geschrieben, weil es ein Problem zu lösen gibt. Das Problem im Verlauf der Geschichte ist der Antagonist – der Gegenspieler der Hauptfigur. Dieser kann ein Mensch, ein Tier, eine Idee, eine Krankheit sein.

Hauptfigur und Nebenspieler sollten klar voneinander unterschieden werden. Die vielen unterschiedlichen Grautöne gehören nicht in eine Kurzgeschichte. Die arbeitet eher mit Schwarz-Weiß. Der Erzähler muss die Extreme aufbauen und ganz klar herausarbeiten, wer den Protagonisten beschützt, und wer ihn behindert. Auch eine Aufspaltung in einen Repräsentanten der Logik, und einen des Gefühls kann bei der Eindeutigkeit helfen. Zuviele Nebenpersonen, die keine eindeutig zuordbare Rolle übernehmen, sind nicht hilfreich. Was der Handlung und der Problemlösung nicht wirklich nützt, muss raus. Keine falsche Fährte in einer Kurzgeschichte. Tipp: Dialoge eignen sich übrigens hervorragend, den Charakter des Protagonisten und sein Problem widerzuspiegeln. Dialoge zu schreiben, erfordert die Fähigkeit, zu verdichten.

5. Ort und Zeitepoche Ihrer Handlung

Das Setting bezeichnet die örtliche und zeitliche Verortung meiner Geschichte. Diese Verortung ist notwendig, um anfallende Details schlüssig beschreiben zu können.

Das Hineinversetzen in eine andere Zeit als die eigene oder an einen anderen Ort, an dem man selbst nicht war, erfordert Recherche. Zigarettenrauchverbote in Restaurants gab es nicht vor 1990, die 5 ¼ Zoll Floppy Disks wurden etwa 1991 von 3 ½ Disketten ersetzt, die Einführung des Privatfernsehens oder der Umbau des Bahnhofs Dammtor in Hamburg… … Kleinigkeiten, die den guten Erzähler ausmachen! Kurzgeschichten haben meistens zeitnahe Themen… so dass die großen Recherchen zu historischen Ereignissen weniger notwendig werden.

Leser nehmen es zu Recht übel, wenn ausdrücklich der Name eines Ortes als Setting genannt wird, aber die geographischen Gegebenheiten entsprechen nicht der Realität. Die Lage und Größe eines Hauses, eines Ortes sollte man nicht beschreiben, wenn man sich nicht auskennt. Tipp: entweder für die Geschichte einen Ort wählen, den man ohne großen Aufwand – d.h. Recherche – beschreiben kann, oder den gewählten Handlungsort besuchen und ihn erkunden.

 6. Der Mittelteil

Der Exposition folgt der zweite Akt; hier „bemühen“ sich die Figuren, ihr Ziel zu erreichen oder ihre Aufgabe zu erfüllen – und am Verlauf der Handlung muss der Leser den Fortschritt (evtl. auch im negativen Sinne) ablesen können. Der zweite Plotpoint bringt die Wende zum Erreichen oder endgültigen Scheitern des Plotziels. Die Hauptfigur versucht, das Problem zu lösen bzw. die Aufgabe zu bewältigen.

In Kurzgeschichten sind es nicht die Nebenfiguren, die die Lösungen bringen, sondern die Hauptfigur gewinnt oder scheitert kraft ihrer ihr zugeschriebenen Charakterzüge. Diese Charakterzüge sollten zuvor schon aufgetaucht sein, zumindest angedeutet worden sein. Denn: „Plötzlich“ bricht gar nichts herein und löst sich auch nichts. Es zeugt von Ungeschicklichkeit und Unsicherheit des Autors, wenn er beide – seinen Erzähler wie seinen Protagonisten – die Verschlimmerung oder auch die Verbesserung aus dem Nichts überstülpt. Schließlich erzählt er die Geschichte und sollte sie im Griff haben. 

Anfänger beschreiben im Rausch des Schreibens bisweilen Nebenschauplätze zu detailliert. Diese tragen dann nichts zu Lösung des Problems bei, sondern locken den Leser auf eine falsche Spur. Das bläht die Geschichte unnötig auf. Spannung an der falschen Stelle ist Irreführung des Lesers. Tipp: Kurzgeschichten gewinnen, wenn ihnen Lakonie und Distanz innewohnen.

7.  Der Höhepunkt – die Klimax

Der Protagonist versucht, das Problem zu lösen und hat entweder Erfolg oder scheitert endgültig – beide Ergebnisse sind gleichermaßen sinnvoll. Passen sie in Ausführung und Ausmaß auch zum Problem? Gibt es einen Bruch? 

Sie möchten die Geschichte im Scheitern enden lassen? Und alles, was die Hauptfigur zur Lösung einsetzt, gute wie schlechte Charaktereigenschaften oder Ideen, lösen die Aufgabe nicht? Eine Möglichkeit ist z.B., auch gut gemeinte Handlungen des Protagonisten nicht zum Erfolg führen zu lassen, sondern geradezu ins Verderben. Diese Entwicklung zum Schlechteren sollte aber schlüssig eingefädelt werden, und dem Leser signalisieren, dass es keine weitere Wende mehr geben wird. Einmal auf dem Weg zu einem „schlimmen Ende“ darf alles aber auch nur noch in diese Richtung zeigen.

In einer Kurzgeschichte ist keine Zeit für eine zweite Wende. Die allmähliche Anbahnung der Katastrophe darf aber nicht zu flach sein. Die Fallhöhe muss ab Beginn des Mittelteils aufgebaut werden.

8. Der Schluss

Am Schluss steht die Auflösung des Ganzen:  alle Fäden sind aufgenommen. Alle Teilplots aufgelöst. Das Versprechen ist eingelöst und Plotziel und persönliches Ziel sind sinnvoll miteinander verknüpft. Auch versierten Schriftstellern passiert es bisweilen: sie schreiben am selbstgestellten Thema vorbei und der  Schluss wirft eine Lösung auf eine Frage aus, die nicht gestellt war. In einem zweiten Fall kann es passieren, dass die angebotene Lösung nicht zum Charakter des Protagonisten passt und zu unrealistisch ist.

9. Nacharbeiten für Sie als Autor

Wenn schon nicht Vorarbeit, dann aber Nacharbeit! Die Nacharbeit beginnt damit, NICHTS zu tun. Ich rate jedem, seinen Text eine Weile liegen zu lassen, damit sich Abstand einstellt und die Objektivität wieder wächst. Einen Text sorgfältig und richtig zu überarbeiten, kostet mehr Zeit als das Schreiben der Rohfassung. Jetzt steht richtig Arbeit an!

Bevor es an die Durchsicht geht, lohnt es sich, die Arbeit einzuteilen. Die erste Überarbeitung befasst sich mit der Geschichte im Ganzen. Deswegen ist es sinnvoll, sie zuerst als Ganzes in den Blick zu nehmen (und nicht die Tipp- und Grammatikfehler zu suchen). Das detaillierte zweite Nacharbeiten:

  • Während des zweiten Lesens machen Sie sich am besten einen Plan mit folgenden Fragen:
  • Warum ist die Geschichte wichtig? Warum ist sie für die Leser wichtig? Für welche?
  • Was ist das Thema (die Prämisse) der Geschichte? In max. zehn Worten.
  • Wovon handelt die Geschichte – in ein bis zwei Sätzen gesagt?
  • Wer ist die Hauptperson und was will sie erreichen? Sind Plotziel und persönliches Ziel identisch?
  • Ist eine einzige Figur die zentrale Figur oder gibt es zwei Hauptpersonen? Was wollen sie; wie verhalten sich Plotziel und persönliches Ziel zueinander?
  • Erzählt die Geschichte wirklich davon, was die Hauptpersonen erreichen wollen und wie weit sie dabei kommen?
  • Bei einer komplexen Story oder/und vielen Nebenfiguren sollte man aufschreiben, wer sie sind, und was sie tun. Tun sie genug? (Wenn nicht, dann müssen sie entweder ausgebaut oder gestrichen werden.)
  • Wie sind die Handlungsstränge miteinander verflochten – zeitlich, kausal? Eventuell Diagramme, Cluster, Szenenkärtchen (die man hin- und her schieben kann) anlegen?
  • Stimmt die Dramaturgie? Wer sind die Gegenspieler? Gibt es ein Hindernis, das sie auf dem Weg zum Ziel überwinden müssen?
  • Handlung ist Konflikt! Bzw. Konflikt drückt sich in Handlungen aus. Gibt es genügend Konflikt bzw. Reibung oder Hindernisse? Ist hier genügend Handlung?
  • Kommt der PlotPoint, der die Geschichte in Gang bringt, früh genug?
  • Wodurch wird der Plot beendet und woran sieht man, dass das Ende sich nähert – sich die Geschichte also nach vorne entwickelt?
  • Gibt es einen Cliffhanger (das muss nichts „Dramatisches“ sein – eine offene Frage kann reichen)?
  • Gibt es überflüssige Szenen – was kann man stattdessen mit ihnen machen?
  • Gibt es lose Fäden? Sind wichtige Figuren ausreichend berücksichtigt oder sind sie gar irgendwo verloren gegangen?
  • Fehlen Szenen (fast immer sind das dann auch Plotlöcher)?
  • Wird die Geschichte nach vorne erzählt?
  • Gibt es Rückblenden, die nichts zum Fortgang beitragen?

Die Überarbeitung von Charakteren und Dialogen geht teilweise ineinander über. Aber zur Überarbeitung der Charaktere gehört mehr als zur Überarbeitung der Dialoge; deswegen ist es sinnvoll, sich erst systematisch um eines zu kümmern, dann ums andere….

Stil –  die Feinarbeit, wenn alles andere steht. Jetzt geht es um Gemeinplätze. Zuviele Adjektive? Bewertend? Ist die Sprache des Erzählers in sich rund? Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik, Tippfehler?

Abschließend Textformatierung; Absätze, Abstände, Flattersatz? Blocksatz?

Jetzt können Sie Ihre Geschichte einem Probeleser präsentieren.

Zusatz: Und hier noch Ausschnitte aus einem Beitrag zu Ernest Hemingway (man muss ihn nicht mögen, aber die Hinweise sind wertvoll):

Die Eisberg-Theorie

Auf knappen 24 Druckseiten hat Ernest Hemingway ein Meisterstück geschrieben. Eigentlich nur eine Szene, aber in ihr ist alles, was den Schriftsteller und späteren Nobelpreisträger auszeichnet.

Lakonie und Schicksal und die Kraft der Worte, die sich dem Weglassen verdankt. Nur zehn Prozent sollten sichtbar sein, 90 Prozent unter Wasser liegen, befand Hemingway in seiner selbst gebastelten Eisberg-Theorie.

Alle, die nach ihm Kurzgeschichten in der angelsächsischen Literatur schrieben, hat das beeinflusst. Und es gilt natürlich für alle Geschichten dieser Sammlung, die im amerikanischen Original 1961 erscheint.

Fast nur Dialoge

«Ein sauberes, gut beleuchtetes Café» heißt eine andere Geschichte. James Joyce lobt sie als ein meisterhaftes Werk, eine der besten Geschichten, die je geschrieben worden seien. Auch sie besteht fast nur aus Dialogen. Ein alter Mann und ein Kellner, dann noch einer. Der alte Mann sitzt auf der Terrasse im Schatten. Sie reden über ihn, ob er trinkt, ob er sich umbringen wird und warum. Ein paar Fragen, ein paar Beobachtungen, spät nachts. Das Gespräch wird zum Selbstgespräch und das Selbstgespräch führt ihn weiter ins Nichts, buchstäblich, «Nada»: «Es war nur das, und mehr als Licht und eine gewisse Sauberkeit und Ordnung waren nicht nötig.»

Würde und Ordnung, wenigstens, das ist die Essenz. Mehr kann man nicht weglassen, wenn man etwas sagen will, das über die «Daily News» hinausgeht. Was noch? Szenen aus Afrika und aus dem Krieg in der Normandie, ein Junge in einer Klinik und eine Ehe im Aus. Ein Mann sieht im Fiebertraum sein Leben vorüberziehen und erträumt seine Rettung, die es nicht geben wird.

Ein trauriges Ende

Als diese großartigen Kurzgeschichten 1961 erscheinen, hatte sich Hemingway mit Elektroschocks gegen Depressionen behandeln lassen, geplagt von Verfolgungswahn vor dem FBI und der Steuerbehörde. Er ist ein alter, kranker Mann. Im Juli 1961 erschießt er sich in seinem Haus in Ketchum, Idaho, mit der Schrotflinte. Da hatte die Legende seines Lebens längst begonnen.

Weiterlesen hier