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EIN HOCH AUF SCHACHTELSÄTZE

Formulieren Sie Ihre Texte vornehmlich mit einfachen Hauptsätzen! Zuhörer und Leser nehmen diese schneller und besser auf. Aber Achtung: Zu viele kurze Sätze hintereinander gehen schnell auf die Nerven. Daher sollten Sie wechseln. Auf zwei Hauptsätze folgt ein Hauptsatz mit angehängtem Nebensatz, dann wieder zwei Hauptsätze und so weiter…

Was Sie gerade gelesen haben, stammt nicht von mir… Es ist ein Ausschnitt dessen, was man an vielen Stellen liest und gesagt bekommt. Ich selbst rate auch dazu! Also nicht in dieser starren und viel zu vereinfachten Form, aber ja – Einfachheit erhöht die Verständlichkeit – manchmal ein wenig auf Kosten der Spannung. Hier und heute bin ich einmal nicht die Verfechterin des einfachen Schreibens und des einfachen Satzbaus ohne Fremd- und Füllwörter, ohne Schnickschnack. Heute bin ich die Verehrerin der Schachtelsätze.

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Unsere Sprache ist ein Gebäude, in dem wir uns bewegen, das wir bewohnen. Jedes Gebäude muss gepflegt werden, denn sonst verfällt es. Manche Menschen bewohnen ein einfaches Haus zu ebener Erde. Andere bewohnen eines mit vielen Stockwerken, in denen mehr oder wenige große Zimmer zum Verweilen einladen. In vielen Häusern herrscht das Diktat starrer Regeln, oder es gelten überhaupt keine Regeln, was dem Haus die tragenden Wände auflöst. In manchen Häusern, und das ist etwas sehr Besonderes, lernt die Seele fliegen.

 

Wenn ich lektoriere, schreibe auch ich schon einmal an den Rand: Kürzer! Dazu schreibe ich Vorschläge, wie es kürzer geschrieben werden könnte. An anderer Stelle verbinde ich hinwiederum allzu stakkato-hafte Sätze zu längeren Passagen, mit der entsprechenden Zeichensetzung, mit Relativsätzen, Appositionen, Kausal-, Temporal- und wie sie alle heißen -sätzen. Warum ich das tue?

Nun, eine lange Folge kurzer Sätze ist nicht nur eine Frage von „auf die Nerven gehen“ – sondern auch eine Frage der Atemlosigkeit bzw. der Geschwindigkeit. Je schneller ein Text werden soll – desto kürzere Sätze schreibe ich. Je mehr Zeit ich als Erzähler habe (bevor ich wieder Gas gebe und beschleunige) – desto länger, langatmiger baue ich meine Sätze. Das gilt für Belletristik und für literarisches Schreiben – natürlich nicht für Fachartikel. Oder etwa doch?

Voraussetzung dafür, dass man nun Schachtelsätze „baut“, ist: man muss die eigene Sprache beherrschen. Man muss sie so gut beherrschen,  dass man sich auch in langen Sätzen nicht verhaspelt. Schachtelsätze ins Extrem zu treiben setzt Talent voraus. Und ein gutes Gedächtnis. Schachtelsätze sind nichts für Anfänger, sondern die Königsklasse der Fortgeschrittenen. Sie können sie einsetzen, müssen es aber nicht.

Ich habe neulich einen Versuch mit eingeweihten Probanden vorgenommen. Alles, was ich von ihnen wollte, war, dass sie Sätze, die sie noch nie gelesen hatten, laut vorlesen sollten. Ich habe dazu ein Buch verwendet, das ich gerade in Hinblick auf die Gefüge der deutschen Sätze schätze (auch der Inhalt ist lesenswert; der Mann hat etwas zu sagen).

„Vielen älteren Deutschen wurde der damals noch jugendliche Kaiser Haile Selassie zur vertrauten Figur, wenn er in der Wochenschau zu sehen war, wie er in der weißen Shamma, unserem togaartigen Nationalgewand, vor dem Völkerbund in Genf seine bewegenden, aber erfolglosen Reden hielt.“ Asfa-Wossen Asserate, in: Manieren

Versuchen Sie es einmal. Vielleicht müssen Sie zwei-dreimal anfangen, aber das glaube ich nicht, denn wenn Sie auch nur ein wenig lesegeübt sind, können Sie den Satz mit der ihm zugehörigen Betonung und mit den nötigen Pausen lesen.

Unvorstellbar und unmöglich, dass jemand so spricht? – Richtig. Das Sprechen ist anders als das Schreiben anfällig für Störungen, es ist „defekt“ und elliptisch, das heißt, wir lassen Satzteile aus, weil der Gesprächspartner sie aus dem Zusammenhang erschließen kann. Gesprochene Sprache ist voller Abbrüche (Anakoluthe) und voller Selbstreparaturen und Neuanfängen. Sprechend brechen wir unsere Formulierungen ab, fangen neu an, führen den angefangenen Satz anders als ursprünglich geplant zu Ende, so dass „Fehler“ entstehen.

Das geht im geschriebenen Fall überhaupt nicht! Da müssen die Sätze sitzen – die grammatische Zuordnung muss stimmen, der Bezug, die Konjugation, die Zeichensetzung – alles (es sei denn, man setzt all diese „Regelverstöße als Stilmittel ein, z.B. im Bewusstseinsstrom“). Machen wir einen Versuch und zerlegen wir den folgenden Satz in mehrere kurze Sätze:

„Kaiser Haile Selassie fühlte sich den Deutschen so sehr verbunden, daß er 1954 die Einladung der jungen Bundesrepublik annahm und Deutschland einen Staatsbesuch abstattete, den ersten eines ausländischen Staatsoberhauptes überhaupt – vom Gesellschaftlichen her gesehen vergleichbar mit der berühmten Tasse Tee, die Johanna Schopenhauer Goethes nicht standesgemäßer Ehefrau Christiane Vulpius anbot und damit den allgemein über sie verhängten Bann aufhob.“ Asfa-Wossen Asserate, in: Manieren

„Kaiser Haile Selassie fühlte sich den Deutschen so sehr verbunden, daß er 1954 die Einladung der jungen Bundesrepublik annahm und Deutschland einen Staatsbesuch abstattete, den ersten eines ausländischen Staatsoberhauptes überhaupt – vom Gesellschaftlichen her gesehen vergleichbar mit der berühmten Tasse Tee, die Johanna Schopenhauer Goethes nicht standesgemäßer Ehefrau Christiane Vulpius anbot und damit den allgemein über sie verhängten Bann aufhob.“  Kaiser Haile Selassie fühlte sich den Deutschen sehr verbunden.
Er nahm deshalb 1954 die Einladung der jungen Bundesrepublik an und stattete Deutschland einen Staatsbesuch ab.
Es war der erste eines ausländischen Staatsoberhauptes überhaupt.
Vom Gesellschaftlichen her gesehen war die Einladung vergleichbar mit der berühmten Tasse Tee.
Diese bot Johanna Schopenhauer Goethes nicht standesgemäßer Ehefrau Christiane Vulpius an.
Mit diesem Angebot hob sie den allgemein über Christiane Vulpius verhängten Bann auf.

Gehen wir einmal anders herum vor. – Das Zusammenfügen mehrerer Sätze zu einem, in dem die Elemente dort zusammengefügt sind, wo sie sich aufeinander beziehen, ist übrigens der Teil der DaF-Unterrichtsstunde, wo ich mit den Schülern den Schritt Vom Satz zum Text übe. Das bloße Aneinanderreihen von Sätzen ist nämlich mitnichten ein Text. Erst die Verbindung der einzelnen Teile untereinander setzt die nötigen Sinnschwerpunkte. Man sagt: wir verwenden (zeigende) Hinweise (Deixis), die die Aufmerksamkeit lenken, oder – wenn ich es will – auch mal ablenken. Hier sind die Einzelsätze:

  Die Deutschen bewegen sich in wachsendem Maße vertraut in Europa.
Die Deutschen haben seit der Zeit feststellen dürfen, dass die Welt der Manieren in den Nachbarländern keineswegs obsolet (= überflüssig) geworden ist.
Sie haben das zum Teil mit nicht geringem Erstaunen festgestellt.
Die Welt der Manieren schien in Deutschland sehr gründlich untergegangen zu sein.

 

Hier ist Asserates Satz:

 „Seitdem die Deutschen sich in wachsendem Maße vertraut in Europa bewegen, haben sie, zum Teil mit nicht geringem Erstaunen, feststellen dürfen, daß die Welt der Manieren, die in Deutschland so gründlich untergegangen zu sein schien, in den Nachbarländern keineswegs obsolet geworden ist.“ Asfa-Wossen Asserate, in: Manieren

Schachtelsätze haben nichts mit der Verwendung von kniffliger Beamtensprache zu tun! Die Verwendung der nominalen Bleiwüsten gepaart mit der Eliminierung des verbalen Stils ist in der Tat gewollt und dient dem „Sand-in-die-Augen“-Streuen.

Falsch angewendet ist auch das Bauen von Sätzen in Sätzen in Sätzen nichts als billiges Blendwerk. Richtig angewendet zeigt es in all seiner Komplexität die Schönheit von Sprachen und ihre Möglichkeiten – wie alles in der Natur – verbunden zu sein. Um die Synthese vornehmen, schreiben und sogar sprechen zu können, muss man die Elemente und das Elementare verstanden haben und beherrschen. Dann wird ein Satz nicht Blendwerk, sondern Kunst.

„Die großen Lehrer der Manieren haben sich deshalb zu allen Zeiten niemals als Gesetzgeber verstanden, sondern als Deuter und Interpreten eines bereits vorliegenden, nach ihrer Vorstellung immer schon vorhanden gewesenen Korpus von Regeln, das mit anderen Grundsätzen aus der Kunst, der Philosophie und der Religion in Harmonie stand und noch in der kleinsten Geste mit dem Gesetz des ganzen Kosmos verbunden war.“ Asfa-Wossen Asserate, in: Manieren

Hier noch ein Beispiel der englischen Sprache, in der ja bekanntlich ebenfalls das Einfache und Kurze wütet:

„Among the most beautiful and interesting forms of invertebrate animals are those strange phytoidal productions which, long confounded with the polypes, were at last, by the nearly simultaneous investigations of several naturalists, separated as a distinct group, and described by Thompson under the name of Polyzoa, and shortly after indicated by Ehrenberg under that of Bryozoa. They are chiefly inhabitants of the sea, where they may be witnessed under numerous plant-like guises; now spreading like a lichen over submerged stones, or old shells, or the broad fronds of Laminaria and other sea-weeds; now forming soft, irregular, fungus-like masses, or hard, calcareous, branchy growths, like diminutive trees; and now again presenting the appearance of the most delicate and exquisitely formed sea-weed or moss, offering, even to the unassisted eye, the endless repetition of the same element of form, objects of surpassing symmetry and beauty.“ Allman (1856)

 

Quellen:

Allman, G. J. (1856): Monograph of the fresh-water Polyzoa including all the known species, both british and foreign. – London (Ray Society).

Asserate, Asfa-Wossen: Manieren, 2004,  http://www.dtv.de/_pdf/blickinsbuch/13387.pdf