Home » LESESTOFF » ASTROLOGIE » EIN BUCH ENTSTEHT

EIN BUCH ENTSTEHT

Normalerweise beginnen Bücher mit der Idee zu einem Text. Oder? – Illustrationen entstehen bzw. werden angegangen, wenn die Erzählung steht und alle Geschehen und Erlebnisse geschrieben sind. Oder die Bilder kommen beim Schreiben, Bilder und Text wachsen gleichzeitig und miteinander aufeinander zu. Im vorliegenden Fall ist es völlig anders gelaufen.

Seit einem Jahr (es ist das Jahr 2015) stehe ich unter starken Schmerzmitteln, ohne die ich mich nicht bewegen könnte ohne gleich Krämpfe zu bekommen. Langsam wird es Zeit, mich rauszuschleichen. Die Mittel machen dumm und schieben eine Wand zwischen mich und mein Leben.

Erster Tag

See für michZuerst ist da dieses Foto. Ein Foto aufgenommen vom Strand aufs Meer hinaus – nichts als Wasser und eine Linie und viel Himmel. Ein Freund hat es mir geschickt, mit seinem Einverständnis darf ich es bearbeiten. Im Vordergrund ein schmales, längliches Riff mit ein wenig Gischt darum herum. Woran erinnert mich das bloß? Was will da raus kommen?

 

Zweiter Tag

10926226_666017826850678_638054905853541052_nDie erste Montage ist an einem Nachmittag fertig. Den Wecker habe ich schon mal als Bild für das Verrinnen von Zeit in einer anderen „Komposition“ verwendet. Darüber, warum es ein Untergang, und kein Aufgang geworden ist, lohnt es sich auf keinen Fall zu sinnieren. Einen Songtitel aus ferner Zeit geht mir allerdings im Kopf herum: „Hinterm Horizont gehts weiter“. Ich beschließe, die zwei Punkte am Satzende (einer zuviel bzw. einer zuwenig) stehen zu lassen.

Dritter Tag

Ein10750489_666817606770700_1466975559721199778_oe zweite Montage misslingt, wenn auch der Aphorismus, der mir dazu einfällt, mir ziemlich gelungen vorkommt: „Nicht jedes Gefährt eignet sich für jeden Zweck. Und manch einer sitzt auf einem Stuhl und denkt, er sitzt in einem Flugzeug.“ Nun gut. Ich konzentriere mich und meine Schmerzen kann ich für einen Moment vergessen.

 

Vierter Tag

10524353_667762763342851_2890298947429079921_nEs dauert lange, bis ich diese Montage fertig bekomme. Es ist unglaublich mühselig, die Leiter aus einem Foto auszuschneiden und sauber einzufügen. Was will ich überhaupt ausdrücken? Der Himmel – eine Wand? Eine Wand, die es zu überklettern gilt? Die Montage will und will nicht gelingen. Am Ende die Worte: Mir fehlen die Worte. Diese verdammten Medikamente. 

Fünfter Tag

Es 10305518_669102276542233_6391734277699050973_narbeitet in mir: wenn ich all diese Bilder als Variationen eines Themas zusammensehe, sind hauptsächliche Bestandteile immer Wasser und Luft. Neptun (Fische) und Uranus (Wassermann). Nein. Ich wehre mich. Ich will kein astrologisches Vorhaben daraus machen. Ich möchte eine ernstzunehmende Bilderverfasserin sein, deren Bilder ohne Worte auskommen, weil sie Gestalt sind – ohne dass ich wollen muss. Vermutlich ist genau das das Problem.

Sechster Tag

I10341524_667391573379970_1266645953078017162_nch wende mich von den Figuren ab und verwerfe, das Wasser als Bühnenbretter und den Himmel als die Kulisse zu sehen. Während ich an der Hand bastele, kommen mir Worte in den Sinn. Der Aphorismus „steht“, als ich die kleine Erde einfüge und sie nach mehrerem Hin- und Herschieben auf die schiefe Bahn gerät. 

 

Siebter Tag

 10949698_670919313027196_4042669163988341551_nAlso, um eine Frage wie „Warum ich?“ zu beantworten, muss man sehr weit  in die Familiengeschichten zurückgehen. Denn dass jemand Opfer eines Unfalls wird, ist nicht Zufall. Und dass jemand in eine Familie geboren wird, in der er fremd und unheimisch ist, ist auch kein Zufall. Dass Krankheiten, Bankrotte und Zusammenbrüche geschehen, hat Ursachen, die bereits über Generationen hinweg wirksam sind.

Achter Tag

10940525_670028163116311_3055027362833695872_nZuneigung ist weniger ein Gefühl als eine – mit zugegeben verblüffender Wirkung einhergehende – Körperhaltung. Dass diese zwei Vögel aus dem Wasser herausfliegen, ist schon irgendwie mythologisch. Ich bin selbst erschrocken und gebe auf: ja, es wird etwas Astrologisches. Ich ahne auch schon, worauf es hinausläuft.

 

Neunter Tag

10847221_672396419546152_5628085056110951557_oAn der Wassertreppe habe ich lange gebastelt. Ich hatte sie mir in den Kopf gesetzt, und ich wollte diese Vorstellung umsetzen. Wenn die Betrachter der fertigen Montage wüssten, wieviele verschiedene Ebenen ich dort angelegt habe, damit sich am Ende dieser Effekt ergibt, bekäme er auch eine Vorstellung von der Komplexität von Geschichten. Billard – das Spiel, bei dem Kugeln „versenkt“ werden: hier ist es die 11. Bin das ich? 

Zehnter Tag

K10933770_671898946262566_6436276265054169415_nann man auf einem Foto den Unterschied zwischen einem Sonnenaufgang und einem Sonnenuntergang erkennen? Ich stelle diese Frage einigen Leuten und erfahre, dass die Rotverschiebung bei Sonnenauf- und -untergängen unterschiedlich ist. Letztlich aber, so sagt mir ein Maler, kann man es auf Fotos nicht erkennen, und es ist auch irrelevant, weil wir ja auf der Erde festsitzen und die Entstehung der Rotverschiebung sich auf sich im Raum bewegende Körper bezieht: einmal auf die Lichtquelle zu und einmal von ihr weg. Oder so, oder so ähnlich? – Später werde ich das Schiff wieder herausnehmen. Es ist fehl am Platz.

Elfter Tag

 10887207_674326452686482_209705771603731977_oIch lege eine Pause ein, was soviel bedeutet wie: Ich mache schon mal einen Kalender daraus. Ich habe jetzt alle Zeichnungen zusammen. Hier sind noch weitere Bilder.

 

 

Zwölfter Tag

videoIch könnte es gut sein lassen, aber mein Geist arbeitet. Es arbeitet in mir. Ich bin voller Bilder, die sich ausdrücken möchten…  Bilder – das ist der Uranus – sie wollen aus dem Ungeteilten, dem Wasser heraus, wollen fliegen. – Ich bastele an einem Video. Und dabei fallen mir auch die Texte ein. Jetzt weiß ich, worauf es hinausläuft. Natürlich braucht das Video Musik – das sind die Schwingungen, die unsichtbaren. Wenn Neptun nicht Wasser ist, dann ist er Musik. Jetzt hab ich sie also zusammen: die drei. Fische, Wassermann, Steinbock – der IV. Quadrant als der des Erwirkten, aber Unbeabsichtigbaren.

Dreizehnter Tag

DiCover_Neptune Texte laufen zu schnell, kommt als Rückmeldung. Ich weiß. Niemand kann dieses Gewitter aus Bildern, Musik und Sprache auf einmal aufnehmen. Es überfordert, es macht wütend, wenn eines der drei entgeht. Ach du liebe Güte. Muss es denn immer gleich ein Buch werden? Aber natürlich. Also nimmt die Idee sehr konkrete Formen an – beginnt doch jetzt die „richtige“ Arbeit am Buch. Als einen Zentraltext nehme ich dies:

Das Ich erlebt und erleidet die Konstellation seiner Unbedeutsamkeit am schmerzvollsten. Es verzweifelt in Lebensangst, sucht sich Identitäten in anderen als dem eigenen Leben, es wird deprimiert und fühlt sich minderwertig.

Ein gestärktes (wodurch gestärkt sage ich später) Ich, das sich nicht aufblähen muss (vielfach bei Sonne-Uranus), das nicht in Mitleid mit der Umwelt zerfließen muss (vielfach bei Sonne-Neptun) oder sich regelnd überall an den Katheder stellen muss (ganz oft bei Sonne-Saturn), kann auch die Unbedeutsamkeit akzeptieren. Freiwillig, nicht erzwungenermaßen.

Einen Film gibt es inzwischen, aber das Buch ist ungeschrieben. Besser so.