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DIE FERTIGUNG DER SPRACHE

Ändere die Sprache und du änderst das Denken.

Es ist weit vorangeschritten – mit dem Eingriff in die deutsche Sprache (ob das in anderen Ländern mit deren Sprachen ebenfalls gilt, kann ich nicht sagen). Das mit dem „Gendern“ (schon das englisch-denglische Wort allein ist ein Angriff auf die Sprache) war im Jahr 2000 nicht abzusehen, auch 2003 noch nicht, als ich – die Linguistin, die sich mit Sprache und Sprechen befasst – über die Reform-Entwicklungen schrieb, auch nicht 2010, als ich über den „Verlust der Herkunft“, der auch ein Verlust der Heimat und der Sprache ist, schrieb. Soviel Eigenverweis darf sein: Zwischen 2010 und 2013 entstanden zwei dystopische Geschichten, die sich in anderer Weise mit der Sprache Deutsch und dem Niedergang von Gesellschaften beschäftigten; es entstanden aber auch meine „Opa-Geschichten“, die sich in bildhafter Sprache, so, wie Kinder sie lieben könnten, wenn sie sie noch kennen lernen würden, erzählen. Die Dystopien – vornehmlich aus der Perspektive des Untergangs bzw. Untergegangen-Seins des Deutschen – vor langer Zeit, denn die Geschichten spielen in einer sehr fernen Zukunft. Ebenso auf meiner Webseite habe ich verschiedentlich über Sprache im Allgemeinen und Deutsch im Besonderen geschrieben. So nun wieder im Februar 2021.

Inzwischen sind wir im sprachlichen Sozialismus angekommen. Vorneweg neuerdings offensiv die Dudenredaktion mit vorauseilendem Gendern. Fortgeschritten ist die Funktionalität und auch die Technisierung unserer Sprache. Fortgeschritten vor allen Dingen ist die Vehemenz, mit der in öffentlichen Institutionen bis hin zu Bildungsinstituten vorgeschrieben ist, den korrekten Gebrauch einzuhalten und das sogar unter Androhung von Bestrafung, sofern dies nicht geschieht. Das sollte uns zu denken geben.

Nun sind es auch Linguisten, die nicht nur an den Rechtschreibreformen oder Grammatikregeln mitbasteln, sondern die auch die Regierung in Hinblick auf korrekte politische Sprachverwendung beraten (die einmal in Fahrt gekommen, sich selbständig gemacht haben). Ich versuche zusammenzufassen bzw. wiederzugeben, was genau das Ziel der korrekt ausgeführten Formen der deutschen Substantive, die ja drei grammatikalische „Geschlechter“ kennen, ist: Die Diskriminierung im Sinne von Benachteiligung der Frauen soll vermieden werden. Diese – so wird uns gesagt – spiegele sich eben in der Benutzung der Formen a) im Singular als Oberbegriff mit maskulinem Artikel (z.B. der Lehrer, der Politiker, der Professor – um nur mal die akademischen Oberbegriffe zu nehmen) und b) in der Verwendung der maskulinen Pluralform (z.B. die Lehrer, die Politiker, die Professoren) wider. 

„Mit seiner Ankündigung, mehr als 12.000 Personen- und Berufsbezeichnungen mit weiblicher und männlicher Form in die Netz-Version des Werkes aufzunehmen, betreibt der Duden eine problematische Zwangs-Sexualisierung, die in der deutschen Sprache so nicht vorgesehen ist. Das biologische Geschlecht (Sexus) ist nicht mit dem grammatikalischen Geschlecht (Genus) gleichzusetzen. „Der Engel“ ist geschlechtslos, „der Scherzkeks“ kann auch eine Frau sein. Noch absurder wird das Vorgehen bei der Betrachtung des Plurals: „Die Ärztekammer“ vertritt Ärztinnen und Ärzte gleichermaßen, ebenso wie das Finanzamt Geld vom „Steuerzahler“ einzieht – unabhängig vom Geschlecht. Wenn wir konkrete Personen ansprechen, sagen wir selbstverständlich „Ärztin“ oder „Lehrerin“. [Quelle: VdS – Verein deutscher Sprache, https://vds-ev.de/allgemein/aufrufe/rettet-die-deutsche-sprache-vor-dem-duden/#]

Linguisten waren auch beteiligt, als es darum ging, die deutsche Sprache zu „vereinfachen“, damit auch lernschwache Schüler in der Schule bestehen, oder damit z.B. Nicht-Muttersprachler das alltagssprachliche Deutsch besser verwenden können. Beides ist belegtermaßen nicht eingetreten. Im Gegenteil: die Geschichte und Gewachsenheit der Wörter sowie ihre Bildhaftigkeit wurden zerstört, und auch wenn es die Betreiber nicht wahrhaben wollen: das sprachliche Niveau mit dem Erfassenkönnen vieler verschiedener Zusammenhänge ist gesunken. Auch darüber habe ich bereits mehrfach geschrieben.

Ob die Diskriminierung von Frauen mit der Feminisierung der Nomen und der Nennung beider grammatikalischer Genderformen in einem Atemzug im soziologischen Zusammenhang nun tatsächlich die Emanzipation der biologischen Geschlechter nach sich zieht?? – Ich habe da meine Zweifel. Es ist eine der nicht nur linguistischen Gesetzmäßigkeiten: das, was derart die Gemüter einer Sprachgemeinschaft erhitzt und beschäftigt hält, kann und wird eben darum keine „Normalität“ werden sondern bleibt Ausnahme. Da stehen wir jetzt. „Gleichberechtigung der Geschlechter“ ist erst dann hergestellt, wenn niemand mehr darüber spricht, ob zwei Frauen in einer Talkshow sitzen (und ein Mann) oder ob endlich die Hälfte der Führungskräfte Frauen sind. Ich finde ja, dass wir in der Causa „Mann/Frau in der Gesellschaft“ trotz, oder gerade wegen, der unaufgeregten Sprachverwendung schon mal weiter waren.

Das Ganze geht ja auch noch weiter. Denn die Diskriminierung macht nicht vor „männlich“ und „weiblich“ halt. Demnächst brauchen wir Artikel für „diverse“ und noch „diversere“ und vielleicht noch für andere Minderheiten?  Dass wir uns gegenseitig mit Sprache beleidigen, Nichtzugehörige ausgrenzen und „vernichten“ können, gehört zu den menschlichen Tatsachen. Menschen als in Herden und sozialen Gruppen lebende und aufeinander angewiesene Lebewesen grenzen ihre Gemeinschaft territorial und auch sprachlich von „Fremden“, d.h. Angehörigen eines anderen Stammes, ab. Indem wir zulassen, dass Sprachregler die Unterschiede zwischen Menschen einerseits aufheben wollen („Wir sind alle gleich“), aber gleichzeitig die Unterschiede in die Sprache (die sie bis jetzt nicht machte) einschreiben wollen, schaffen wir ein paradoxes Monster. (Und wir haben beileibe wichtigere Dinge zu tun.)

Neulich las ich in den Online-Kommentaren einer Diskussion auf einem „sozialen Netzwerk“ über nicht-diskriminierende Schimpfwörter mit und hätte beinahe laut gelacht. Wann verwendet man ein Schimpfwort? – Ich beantworte es selbst: Wenn man jemanden beleidigen und ihn an einer Stelle, wo man seine Schwachstelle vermutet, treffen will. Die hat man dann immerhin ausgemacht, hat ihn in einer Besonderheit erkannt und verwendet diese gegen ihn, um ihm seinen Platz zuzuweisen. Jedes Schimpfwort ist eine abwertende Zuweisung. Es gibt keine lieben, politisch-korrekten Beschimpfungen.

Es ist eine alte (linguistische) Erkenntnis, die nicht nur in obiger Diskussion, sondern im gesamten Sprach-Bereinigungsbestreben offensichtlich vergessen wurde: Je mehr du dich mit einem Phänomen beschäftigst, desto mehr erschaffst du genau das, was du eigentlich vermeiden wolltest. In diesem Fall die benachteiligende Unterscheidung. Je mehr Aufmerksamkeit sich darauf richtet, desto mehr tritt die Unterscheidung ins Bewusstsein. Dabei ist Diskriminierung an sich und als Begriff nicht primär mit einer abwertenden Behandlung verknüpft. – Um das mal weiterzudenken: Wenn ich nun meine Enkelin „Mäuselchen“ nenne, oder was es sonst noch an Kosewörtern gibt – ist das dann nicht genauso sie von all den anderen unterscheidend, und damit eine Unkorrektheit? Darf ich sie gegenüber den anderen Kindern positiv bevorzugen?

Mit dem Virus des Korrekt-Sprechs ist es ein wenig so wie dem derzeit omnipräsenten Corona-Virus, das für Dinge und Zusammenhänge instrumentalisiert wird, in denen es nun wirklich nicht relevant ist. Das Fremdwort „relevant“ – heute offiziellerseits sehr strapaziert – umkleidet das deutsche Wort „von Bedeutung für etwas sein“. Es handelt sich um ein sog. „bildungssprachliches Wort“: Wenn du nicht willst, dass man dich verstehe, verwende ein Fremdwort. re-levare kommt aus dem Lateinischen und heißt: etwas in die Höhe heben, und zwar zurück in die Höhe heben, ihm die Leichtigkeit wiedergeben. Aber das nur am Rande, es führt uns zu weit ab. Die Wirklichkeit – das halte ich mal fest – wird von einer zu einem bestimmten Zweck erzeugten, gefertigten Realität der Formen überstrahlt, und die Verwender dieser Formen sind geblendet. 

Nicht missverstehen: ich bin nicht der Maßstab, an dem Linguisten gemessen werden. Vielleicht habe ich auch grundsätzlich etwas falsch verstanden. Verstanden meinte ich zu haben: Linguistik ist die Beschreibung der Sprachen, wie sie waren, sich verändert haben, sich weiter verändern und gegenwärtig sind. Die „Wissenschaft“ (uns bleibt ja kein anderes Wort dafür, es sei denn, man nehme „die Lehre“, was aber wieder anderes beinhaltet) von der Sprache (Allgemeine Sprachwissenschaft hieß es, als ich mit dem Studium begann) enthält – so dachte ich – nicht deren Gestaltung und Veränderung, in die die Verwender nach bestimmten Vorstellungen eingreifen. Diese bestimmten Vorstellungen sind in diesem Kontext politischer Art.

Die „Kunst der Sprache“ – das zählt zu den vier Dasensformen der Sprache – ist wiederum noch anderes. Nicht Kunstsprache, sondern die individuelle Ausgestaltung „meiner“ Sprache, um mich als ich selbst auszudrücken und damit meinen Ort in der Welt kundzutun. Es mag das einmal jetzt jeder versuchen: Schreiben Sie einen Abschnitt über sich selbst, beschreiben Sie sich, wie Sie sich sehen, möglichst so, als wollten Sie es einem Kind erzählen. 

Wenn Sie ungeübt sind, wird es etwas dauern, bis Sie die entsprechenden Bilder gefunden haben, die auch ein Kind von 3-6 Jahren versteht. Sie müssen jetzt also in Ihrem Wortschatz graben, und je tiefer Sie graben, desto spezieller werden die Beschreibungen für sich selbst werden. Sie werden Bilder finden, wie Sie sich als Kind gesehen haben. Wenn Sie lange keinen Umgang mit Kindern hatten, und ausschließlich in Ihrem Beruf und dort vielleicht in Gremien und Konferenzen sitzen, wird es umso schwerer, sich von den Plaketten der herrschenden Funktionssprache freizumachen.

Aber auch wenn Sie im Umgang mit Kindern geübter sind, kann es sein, dass Sie allgemeine Bilder und Metaphern für sich wählen, und damit zwar ein Bild eines Menschen, einer Person, aber kein allein Sie beschreibendes Bild entsteht. Neulich zeichnete meine Enkelin ein Bild von mir. Im Alter von 3 Jahren und 8 Monaten zeichnen Kinder – das ist der Schritt, der zwischen 3 1/2 und 3 Jahren und 8 Monaten getan wird – fast von einem auf den anderen Tag keine Kopffüßler mehr. Der Hals taucht auf, ein Rumpf ist erkennbar. Ein ganz wesentlicher Fortschritt in der Kognition des heranwachsenden Kindes. Und auch andere Details tauchen auf, solche, die dem Kind – abgesehen von dem allgemeinen Erscheinungsbild – individuell wichtig sind. Da sind vielleicht an Hand und Fuß drei Klauen (die Andeutung von Fingern reicht ihm aus), aber das Kind erkennt, dass die Person eine Kette trägt – etwas sie von der Mutter Unterscheidendes. Die Halskette wird gezeichnet. Meine Enkelin erkannte als etwas für mich Typisches den Hut, den ich öfter trage. Dahingegen zeichnet sie keine Menschen mit Mund-Nase-Bedeckung. Warum nicht? Weil mittlerweile alle Erwachsenen, denen sie draußen begegnet, Masken tragen – das ist nichts Individualisierendes. 

Zurück am Faden: Sie müssten, wollten Sie sich einem Kind beschreiben, das finden, was Sie von den anderen Menschen unterscheidet. Das nennt man im Marketing-Gewerbe: Alleinstellungsmerkmal. Ist es noch erlaubt? – Ich weiß es nicht, ich bin da nicht mehr auf dem Laufenden. – Der individuelle Ausdruck – zeigt sich nicht nur an der körperlichen Beschaffenheit, an den Wesens- und Talentunterschieden, sondern auch noch in Vorlieben. Früher sagte man mal: Die Geschmäcker sind verschieden. Daran hat sich nichts geändert, wir verdrängen das aber. Da wir von Sprache sprechen: Auch die Art und Weise, wie ich mich sprachlich ausdrücke, entspricht meinem Wesen, ich nenne es „So-Sein“ (ist aber ursprünglich nicht von mir so benannt). Ich z.B. lispele ein ganz klein wenig. Kaum hörbar, aber es ist da, wurde nie behandlungsbedürftig, ist eben etwas, das mich ausmacht.

Lernprozesse laufen grundsätzlich so ab: Vom Allgemeinen geht es hin zum Besonderen, vom häufig Verwendeten hin zum weniger häufig Verwendeten und vom Einfachen zum Schwierigen. Das Besondere, Seltene und Komplexe steht am Ende des Lernprozesses, was das im Leben-Sein des Einzelnen, wie auch, was den Erwerb unserer Sprachen angeht. Einen Schriftsteller, der einem gefällt oder eben auch nicht und den man sich merkt, erkennt man an seinem ihm aneignenden besonderen Stil, seiner Wortwahl, seinen Themen. In der Vielfalt der vorhandenen Themen und Sprachen liegt für jeden einzelnen Leser und Gefundenen die Möglichkeit, sich in diesen Geschichten, Erzählungen und auch in der Historie eingebunden wiederzufinden. Gäbe es insbesondere in den Künsten diese Differenzierung nicht, kämen wir mit einer „Einheitskunstform“ aus. Ich beschreie es lieber mal nicht. Sinnstiftung und auch Herstellung von Identität ist eine der vier Daseinsformen von Sprache. 

Wenn nunmehr qua Gesetz alle gleich schreiben und sprechen (müssen), die erlaubten, anempfohlenen Formen einerseits allgemein genug und andererseits die geläufigsten sein sollen, somit niemand mehr sich benachteiligt fühle, verliert „Sprache“ ihren Ort. (Funktion wird überwiegen: die Funktion der Kommunikation kommt tatsächlich ohne Individuelles aus, dafür reichen dann auch Binärcodes.) Niemand wird benachteiligt, aber es ist auch niemand dort – im Hort. Der Bestand unserer Sprache ist ein Schatz, und eine seltsam verquere Vorstellung von Gerechtigkeit ist gerade dabei, diesen Hort zu zerstören. Das Leben in seiner vielzähligen Ausprägung ist zutiefst „ungerecht“, darin liegt seine Charakteristik. Wer das nicht will, ist erstarrt in der Verneinung jedweder Abweichung.

Neben der wundersamen Tatsache, dass wir also mit dem sprachlichen Zergliedern bei einem auf die sprachgerechte Verwendung von nunmehr zusätzlich künstlich geschaffenen Unterschieden fixierten Blick die Unterschiede nicht etwa verkleinern, sondern sie nachgerade sprachlich einzementieren, gibt es noch eine weitere linguistische Beobachtung: Es wird ein Etwas – sei es eine Sache oder ein Begriff -, das bereits nicht mehr existiert bzw. Gefahr läuft, eine Verwendungsverengung und einen Verwendungswandel zu erleben, mit besonderer Hervorhebung immerzu gebetsmühlenartig beschworen. Beide Vorgänge zusammengeschaut sind Anzeichen.

Sprache verändert das Denken, und wer sich über die Sprache Gesinnungshoheit verschafft und sie seinem Programm entsprechend verändert, greift in das Denken ihrer Sprecher ein.