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MEINE DERZEITIGE LEKTÜRE

<Wäre nicht die Blume bienenhaft,
Wäre nicht die Biene blumenhaft,
Der Einklang würde nie gelingen.»

<Wäre nicht der Nachtfalter fledermaushaft,
Sein Leben wäre bald beendet.»

Wie umsichtig betreibt v. Uexküll diese Einführung des Subjektes in die Biologie! Er stellt fest, daß die Dinge der Umgebung einen Erlebniston  haben, daß ihnen ihrer Rolle gemäß eine Qualität zukommt, die wir zwar in ihrem subjektiven Gehalt nicht kennen, deren Wirken wir aber aus dem Tun des Tiers erschließen können. Mit dem Herausheben dieser <Tönung> der Objekte beginnt eine Forschungsrichtung, die schließlich zur Tönung die innere Ergänzung und Entsprechung, die <Stimmung> als eine der letzten biologisch faßbaren Realitäten anerkennen mußte. […]

Motto: Die einen, die Materialisten, zerren alles aus dem Himmel und der Welt des Unsichtbaren herab auf die Erde, als wollten sie geradezu Felsen und Eichen mit ihren Fäusten umklammern. Da packen sie an und behaupten steif und fest, nur das Greifbare und Faßbare sei das allein Existierende. Sie halten die körperliche Existenz für die Existenz schlechthin und sehen blasiert herab auf die anderen, auf solche, die neben dem körperlichen noch einen anderen Bereich des Seins anerkennen, und wollen durchaus keiner anderen Meinung Gehör schenken.
(Platon, Sophistes. Übersetzt von Karl Kindt, Platon, Brevier, Karl Rauch Verlag)

Als subjektive Abhängigkeiten beschrieb Uexküll, wie seinem Gesamtwerk vielfach zu entnehmen ist:

  • Raum und Zeit: Sie sind subjektive Erscheinungen.
  • Lebewesen: jedes einzelne Lebewesen besitzt einen eigenen subjektiven Raum und eine eigene subjektive Zeit.
  • Verhalten: Dieses lässt sich nur aus Vorgängen in seiner subjektiven Welt (Umwelt) erklären. Dieses können nur Vorgänge sein, die aufgrund der Funktion der Sinnesorgane gemerkt werden können und damit eine Bedeutung für das Lebewesen erhalten.*

Zum ersten Mal „begegnete“ mir Jacob Johann von Uexküll in einer Erzählung meiner estnischen Professorin Els Oksaar an der Universität Hamburg. Während wir Roman Jakobson, den Strukturalismus und die Übersetzbarkeit von Sprachen anhand der Bedeutungen durchnahmen, fiel sein Name immer wieder. Gelesen habe ich auch etwas von ihm, verstanden habe ich es damals wohl nicht in vollem Ausmaß. Jetzt hole ich also noch einmal etwas zurück.

[…] 1 2 . Zusammenfassung und Schluss

Wenn wir den Körper eines Tieres mit einem Hause vergleichen, so haben bisher die Anatomen die Bauweise und die Physiologen die im Hause befindlichen maschinellen Anlagen genau studiert. Auch haben die Ökologen den Garten, in dem sich das Haus befindet, abgegrenzt und untersucht.

Originaler Wirkkreis von Uexküll

Man hat aber den Garten immer so geschildert, wie er sich unseren menschlichen Augen darbietet, und darüber verabsäumt, sich Rechenschaft davon abzulegen, wie sich der Garten ausnimmt, wenn er von dem Subjekt, das das Haus bewohnt, betrachtet wird.
Und dieser Ausblick ist höchst überraschend. Der Garten des Hauses grenzt sich nicht, wie es unserem Auge dünkt, von einer umfassenden Welt ab, von der er nur einen kleinen Ausschnitt darstellt, sondern er ist ringsum von einem Horizont umschlossen, der das Haus zum Mittelpunkt hat. Jedes Haus wird von seinem eigenen Himmelsgewölbe überdeckt, an dem Sonne, Mond und Sterne, die direkt zum Hause gehören, entlangwandeln.
Jedes Haus hat eine Anzahl von Fenstern, die auf den Garten münden — ein Lichtfenster, ein Tonfenster, ein Duftfenster, ein Geschmackfenster und eine große Anzahl von Tastfenstern.
Je nach der Bauart dieser Fenster ändert sich der Garten vom Hause aus gesehen. Er erscheint keineswegs wie der Ausschnitt einer größeren Welt, sondern ist die einzige Welt, die zum Hause gehört — seine Umwelt**.
Grundverschieden ist der Garten, wie er unserem Auge erscheint, von dem, der sich den Bewohnern des Hauses darbietet, besonders in bezug auf die ihn erfüllenden Dinge.

Quelle: Uexküll, Kriszat, 1956, S. 69

Während wir im Garten tausend verschiedene Steine, Pflanzen und Tiere entdecken, nimmt das Auge des Hausbewohners nur eine ganz beschränkte Anzahl von Dingen in seinem Garten wahr — und zwar nur solche, die für das Subjekt, das das Haus bewohnt, von Bedeutung sind. Ihre Anzahl kann auf ein Minimum reduziert sein, wie in der Umwelt der Zecke, in der immer nur das gleiche Säugetier mit einer ganz beschränkten Anzahl von Eigenschaften auf tritt. Von all den Dingen, die wir im Umkreis der Zecke entdecken, von den duftenden und farbigen Blumen, den rauschenden Blättern, den singenden Vögeln tritt kein einziges in die Umwelt der Zecke ein.

Quelle: Uexküll, Kriszat, 1956:83

Ich habe gezeigt, wie der gleiche Gegenstand, in vier verschiedene Umwelten versetzt, vier verschiedene Bedeutungen annimmt und jedes Mal seine Eigenschaften von Grund aus ändert.
Dies ist nur dadurch zu erklären, daß sämtliche Eigenschaften der Dinge im Grunde nichts anderes sind als Merkmale, die ihnen vom Subjekt auf geprägt werden, zu dem sie in Beziehung treten.
Körper eines Lebewesens aus lebenden Zellen aufgebaut ist, die gemeinsam ein lebendiges Glockenspiel bilden. Die lebende Zelle besitzt eine spezifische Energie, die es ihr ermöglicht, jede an sie herantretende äußere Wirkung mit einem <Ichton> zu beantworten.
Die Ichtöne können unter sich durch Melodien verbunden werden und bedürfen nicht eines mechanischen Zusammenhanges ihrer Zellkörper, um aufeinander einzuwirken […]“

aus: Jacob von Uexküll & Georg Kriszat, Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen, 1956, Vorwort und S.153, 154

Uexküll – geboren im Zeichen der Jungfrau, des Zeichens, das sich der „Umwelten“ des Subjektiven bewusst wird und das Veränderliche darin benennt.

Über den Verfasser schreibt Georg Kriszat ebenfalls im Buch:

Jakob von Uexküll wurde am 8. September 1864 auf dem Gut Keblas in Estland geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Koburg und später in Reval studierte er auf der Universität Dorpat Zoologie und schloß dort sein Studium mit den damals üblichen Prüfungen ab. Am Institut des bekannten Physiologen Kühne in Heidelberg begann er zuerst mit Studien über den Bewegungsapparat der Tiere. Er entwickelte dabei neue Vorstellungen über die Arbeit des Muskels und über den Ablauf der Erregung im Nervensystem.
Auf Grund seiner Untersuchungen baute er eine neue vergleichende Physiologie der wirbellosen Tiere auf. Diese neuartige biologische Physiologie zeigte das Tier gleichzeitig als einen mit seiner Umwelt planmäßig verbundenen Organismus und legte den Grund zu der später von Uexküll ausgebauten Umweltforschung mit den Begriffen von Plan, Funktionskreis und Umwelt. Die wesentlichen Ergebnisse seiner von 1892 bis 1909 durchgeführten Arbeiten sind in dem <Leitfaden in das Studium der experimentellen Biologie der Wassertiere> und in dem Werk <Umwelt und Innenwelt der Tiere> zusammengefaßt.

Nach dem Tode Kühnes lösten sich die Bindungen von Uexkülls zu dem Heidelberger Institut und kurz danach auch zur Zoologischen Station in Neapel, an der er bis zum Jahr 1903 regelmäßig gearbeitet hatte. Er führte von dieser Zeit ab das Leben eines freien Privatgelehrten und wählte sich seine Probleme und Mitarbeiter selbst, ohne an ein Institut gebunden zu sein.

Jacob Johann v. Uexküll, Quelle: Spektrum, LEXIKON DER BIOLOGIE

Im Jahre 1909 unternahm er eine längere Reise nach Afrika, die für ihn wissenschaftlich ertragreich war und in ihm wesentliche Eindrücke für seine späteren Arbeiten hinterließ. Weitere Studienreisen führten ihn außer nach Neapel auch nach Beaulieu, Berck sur Mer, Monaco, Roscoff und Biarritz.
In dieser Zeit fand die in ihren Grundlagen bereits in seinem Buch <Umwelt und Innenwelt der Tiere> dargestellte Umweltlehre von Uexkülls ihre weitere Ausgestaltung in einer Reihe zusammenfassender Werke. In den <Bausteinen zu einer biologischen Weltanschauung> und in den biologischen Briefen an eine Dame> sind die wichtigsten Gedanken ausgedrückt, die in seinem Hauptwerk theoretische Biologie> ihre endgültige Form gefunden haben. 1907 hatte ihn die Universität Heidelberg mit dem Dr. med. h. c. ausgezeichnet.

Eine offizielle Anerkennung durch eine Berufung auf einen Lehrstuhl war ihm aber versagt geblieben. Während er zunächst nicht auf ein Lehramt angewiesen war, machte der Ausgang des Ersten Weltkrieges die Möglichkeit, Wissenschaft als Privatleidenschaft zu treiben, durch Verlust seines Vermögens zunichte. Erst 1926 schuf man ihm eine Honorarprofessur an der Universität Hamburg, wo unter äußerst bescheidenen Verhältnissen das Institut für Umweltforschung> eingerichtet wurde. Unter primitiven Voraussetzungen und großen Schwierigkeiten gelang es ihm, das Institut zu einer geachteten wissenschaftlichen Forschungsstätte auszubauen.

Seine große Originalität und sein Reichtum an Gedanken und wissenschaftlichen Problemen zogen bald einen Schülerkreis an, den er zu einer familienartigen Arbeitsgemeinschaft zu vereinigen wußte. Als das Institut für Umweltforschung am 8. September 1934 den 70. Geburtstag Jakob von Uexkülls feierte, konnte es nach einem nicht ganz vollendeten Jahrzehnt auf eine Anzahl von 70 wissenschaftlichen Arbeiten zurückblicken, wovon ein Drittel den Namen von Uexkülls trug. […]  

[…] In dieser Zeit veröffentlichte er auch seine Lebenserinnerungen, aus denen hervorgeht, wie rege der geistige Austausch war, den er über den Kreis seiner Fachkollegen hinaus pflegte, und mit welch tiefem Einblick er die Umwelten seiner Mitmenschen erfaßte.
Seine letzten Lebensjahre verbrachte Jakob von Uexküll mit seiner Gattin auf Capri. Hier vollendete er in geistiger Frische und mit unermüdlicher Arbeitskraft seine letzten Werke, in denen er noch einmal seine Lebensarbeit überblickte und zusammenfaßte. Am 25. Juli 1944, vor Vollendung des 80. Lebensjahres, nahm ihm der Tod die Feder aus der Hand. […]

 

* Uexküll verwendet, wenn er Tieren ein subjektives Zeit- und Raumempfinden unterstellt, ein philosophisch an Immanuel Kant angelehntes Vokabular.

** Die Umgebung nimmt Lebewesen als Objekte auf, die Umwelt aber wird von ihnen gestaltet. Der Ausdruck „Umwelt“, der zuvor kaum alltagssprachlich geläufig war, wird von Uexküll terminologisch eingeführt. Die Umwelt gehört – wenn man ihn „astrologisch“ liest, zum II. Quadranten, an den III. Quadranten angrenzend, von ihm beeinflusst wie auch die äußere Welt beeinflussend. Die Umwelt gehört zu den Umständen des Lebewesens. 

Das Nashorn auf dem Beitragsbild ist der „uralte“ Nashornbulle Tsavo aus dem Cirkus Krone. So an seiner Seite zu stehen, nur durch eine niedrige Barriere getrennt, war schon ein besonderer Moment. Ein Tier mit einer solchen Kraft – mit einem kräftigen Wenden seines Kopfs hätte es mich schon verletzen können – lässt sich berühren und hält still! Hier haben wir einerseits das „Ergebnis“ einer bereits vor langer Zeit erfolgten Zähmung durch den Menschen, die ihn in ihre Obhut eingliederte (und die Menschen verpflichtet, denn sie sind jetzt verantwortlich für sein Wohlergehen). Andererseits ist es das Tier, das sich zähmen lässt, um zu überleben. Breitmaulnashörner sind vom Aussterben bedroht – ich schrieb bereits darüber.