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DER DOPPELTE ALMANI

Zwei Bücher – eine Dystopie
Eine Dystopie (dys- (griechisch) = schlecht und tópos = Platz, Stelle) ist ein Gegenbild zur positiven Utopie, der Eutopie; sie ist eine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung mit negativem Ausgang.

Diese Zukunft ist von einer Gesellschaft geprägt, die sich zum Negativen entwickelt hat. Häufige Themen sind die Versklavung der Menschheit und allgemein die Beschneidung sämtlicher Freiheiten, was oftmals durch eine übermächtige Technik bedingt wird, die zwar vom Menschen selbst entworfen wurde, aber ihnen mehr und mehr entgleitet, sich verselbständigt. Darüber hinaus zeigt die Dystopie oftmals einen totalitären Staat und dessen Machtmittel, wobei nur kleine Gruppen Privilegien genießen und der Lebensstandard in Unter- und Mittelschicht unter dem Niveau zeitgenössischer Gesellschaften liegt. In Dystopien findet sich häufig ein Protagonist, der dann diese gesellschaftlichen Verhältnisse hinterfragt und spürt, dass etwas im Argen liegt, wobei er in der Folge gegen das System oder die Machthaber aufbegehrt.

 
Die Idee zu dieser Erzählung steht auf zwei Füßen: der eine Fuß ist die deutsche Sprache, die ich seit 58 Jahren spreche und seit 30 Jahren auch unterrichte. Der andere Fuß sind die Bücher – und beide sind in dieser Erzählung nicht mehr vorhanden. Kein Deutsch und keine Bücher. Das ist wahrlich eine dystopische Vorstellung.
Heute schreiben wir den 23.11.2017 – die Meldungen in den Nachrichten sind wieder einmal Bestätigung, mich nicht mehr verwirrend. Ob nun literarisch gelungen und spannend erzählt oder nicht – dystopischen Erzählungen ist nicht selten eigen, dass sie tatsächlich vorwegnehmen, was dann schrittweise in die Gegenwart einzieht. Nehmen wir die Sprache als Struktur und System und beobachten, wie es seit drei-vier Jahren um die deutsche Sprache bestellt ist. Was geschieht, wenn sich das System, das Träger von gemeinschaftlicher Kommunikation ebenso wie persönlicher Erfahrungen in Form von Wörtern, Formbildungsmöglichkeiten und in beiden gehaltenen Mentalitäten zersetzt? Was, wenn die Unterschiede zwischen allem – von vielen herbeigesehnt und betrieben – tatsächlich aufgehoben werden und alles „gleich“ ist? Was ist dann noch an Abweichendem ausdrückbar? – Entsteht dann nicht das große Schweigen und das große Missverständnis?
Und wer bewahrt das Gewordene, das nun weggeworfen wird, da nurmehr die Gegenwart zählt und die Vergangenheit vergiftet ist – denn die Konzepte der Alten sind gescheitert. Wir leben tatsächlich bereits in der Versklavung – die Menschen merken es nur noch nicht. Mit der Veränderung geht noch eines einher: die Verlagerung der Bezugspunkte, an denen ausgemacht werden kann, wo in der Entwicklung ein Mensch steht. Man definiere „gesund“. Definitionen stehen immer vor dem Hintergrund eines jeweiligen Bezugssystems. Man definiere „totalitär“ – und schaue sich an, wie sich die Sprache und der Sprachgebrauch im Laufe der Zeit dazu stellen.
Dystopien in Literatur und Film haben großen Zulauf. Es gäbe also eine Reihe von „Vorbildern“, was die Vorlage angeht. Die habe ich aber nicht bewusst herangezogen. Dafür, dass ich mich an Erzählungen erinnere und sie verinnerlicht habe, muss ich mich nicht rechtfertigen. Das ist es, was mit dem geschieht, das man in sich aufnimmt und zum Eigenen macht, weil es bereits dem Eigenen entspricht. Es ist auch kein Ausdruck großer Negativität des Schriftstellers, der die Geschichten „gebiert“. „Musst du so düstere Dinge schreiben?“ – Nein, ich muss nicht, nichts zwingt mich. Ich könnte es auch sein lassen. Es kostet viel Zeit, Kraft und Mühe, Texte so in eine Form zu bringen, dass Menschen sie lesen können, die mich nicht persönlich kennen. Schreiben will gelernt sein, entsprechende Begabung und Berufung vorausgesetzt. Also muss ich wiederum doch schreiben. Die Möglichkeiten bis zum Ende zu denken, hochzu“phantasieren“, wozu es kommen kann – und dies in der Betrachtung dessen, was bereits gewesen ist, möchte und kann ich hinausschreiben. Das habe ich inzwischen in meinem Leben begriffen. Eine Hellseherin oder – wie würden Leute landläufig sagen – eine Wahrsagerin, eine Prophetin bin ich nicht. Insofern: die Bücher vom Almani (den es in meiner Geschichte in 400 Jahren nicht mehr gibt) und von den Ereignissen zwischen 2011 und 2411 sind da. In der Welt. Können abgeholt werden und vielleicht sogar ein wenig Freude bereiten. Wird schon alles nicht so schlimm.

AlmaniDer Erste und der Letzte Almani
 
m. Zeichnungen von Oliver Wolf
ISBN 978-3-937194-60-8
1. Auflage, Februar 2013
384 Seiten; 26,50 €
Hardcover
14,8 x 21 cm

Die Gegenwart, in der meine Hauptpersonen leben und handeln, liegt in der Zukunft, und mein Erzähler ist an den Handlungen nicht beteiligt. Er ist ein Zeuge und als Zeuge ein Chronist, wer genau – das kann man später nachlesen.

Die Geschichte spielt in Europa in einem Ort namens Al Laiwu. Man spricht Chinorabisch, die Stadt hat eine Mauer, alle Bürger tragen implantierte Ortungschips, und Bücher gibt es schon lange nicht mehr.  An einem Sommertag finden Ting und Tareq in der Stadtmauer ein Papierbuch.

Cover-neu

Das Zweite und das Sechste Kind
 
ISBN: 9783737586030
1. Auflage, Januar 2016

14,5 x 21 cm
Paperback
300 Seiten, 17,90 €
 
Wieder gibt es mehrere Protagonisten. Drei möchte ich vorab vorstellen: Manuel ist ein Junge von 8 Jahren, er hat ein besonderes Talent und dieses wird für den Verlauf der Geschichte noch sehr wichtig; Don Amerigo ist eine Schlüsselfigur und ebenfalls wichtig als Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft; er und Manuel haben sehr viel mit Büchern zu tun – jeder auf seine Weise. Und dann gibt es noch Goscha Thabit, der bereits in „Der letzte und der Erste Almani“ auftauchte und dort eine böse Rolle hatte. (Aber es gibt eben keine richtig bösen Bösen. Alle Bösen tragen auch Gutes in sich, wie die Guten auch immer etwas Böses an sich haben.) Goscha Thabit lebt in einer Zeit, in der man Bücher als Bücher nicht mehr benutzt – aber das nur am Rande.

Viel wichtiger als das Konzept Buch ist das, was in den alten übriggebliebenen – und konkret sind es wiederum drei Bücher, um die es geht – Büchern geschrieben steht. Und nein: Es ist weder die Bibel noch der Koran! Als Letztes sei noch gesagt, dass sich die Sprache Deutsch, in der ich meinen Erzähler erzählen lassen muss, damit meine Leser verstehen, was ich sagen will, nicht so recht als Erzählsprache eignet – ich habe aber keine andere. In der Zukunft wird man kein Deutsch mehr sprechen, dafür aber verschiedene Kreolsprachen, die sich bis dahin ausgebildet haben. Schon zu Zeiten Manuels spricht niemand mehr das Deutsch, das ich verwende… Aber nun gut, vielleicht fällt mir noch ein, wie ich dieses Dilemma löse.