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DAS ÜBERSCHREITEN DER GRENZE

oder

Die Wiedererweckung des Lazarus

Themenfäden verknüpfen

„From the Dawn of Time we came, moving silently down through the centuries, living many secret lives, struggling to reach the Time of the Gathering, when the few who remain will battle to the last. No one has ever known we were among you, until now.”[1]

„Wir kamen aus der Dämmerung der Zeit und wanderten unerkannt durch die Jahrhunderte. Verborgen vor den Augen der Welt, kämpften und trachteten wir danach, die Zeit der Zusammenkunft zu erreichen. Wenn diejenigen, die dann übrig geblieben sind, den Kampf bis zum letzten Mann austragen werden. Ihr wusstet nicht, dass wir unter euch weilten – bis heute.“(Prolog zu „Der Highlander“)

Gekommen bin ich auf das Folgende, als ich zum 3. oder 4. Mal den Sci-Fi-Film Interstellar anschaute. Ich schaue gerne Filme, und wenn die Geschichten darin nicht zu profan sind und die Bilder meiner Bildersprache nahekommen, schaue ich sie auch öfter an. Ich will „dahinter“ blicken, den Aufbau, die Architektur, den Mythos verstehen; „Zeit“ ist genau mein Thema.

Was physikalischerseits hinter dem im Film thematisierten Phänomen steht, hinter den Wurmlöchern, der Verhältnismäßigkeit von Zeitdauer zu Gravitation und der Wirkung bzw. Bedeutung von Schwarzen Löchern – vermag ich intellektuell nicht zu erfassen. Für mich ist das sehr viel mehr eine Frage des Gestalthaften, denn die Existenz dieser Löcher  beschäftigt mich sehr viel weniger intellektuell als – wie sagt man da? – lebensgestaltmäßig. Eine Menge anderer Leute interessiert und fasziniert das Zeit-Thema aus genau diesem Grund vielleicht ebenfalls. Nur wissen sie es nicht.

Wir befinden uns vor Apollos Tor an der Grenze der Zeit. Der griechische Gott wird in vielen Quellen und Mythen mit dem Sonnengott Helios gleichgesetzt, er ist zuständig für Kunst, das Licht und noch einiges mehr – doch diese Spur verfolge ich zunächst nicht weiter. Bleiben wir im Bild der Grenze und der Gestalten.

Mensch auf der Erde zu sein, heißt sterblich und endlich zu sein. Seitdem nun die NASA mit ihrem Raumfahrt-Programm die Erde verlassen hat, überschreiten die Menschen nicht nur in Raumschiffen die Grenze ihrer Gestalt des Daseins.

Um die gewachsenen Grenzen überschreiten zu können, brauchen sie allerdings Hilfsmittel. Aus sich heraus könnte niemand im All leben – es ist einfach nicht für Menschen und Menschen sind nicht für das Vakuum und die Schwerelosigkeit gedacht. Die Astronauten bedienen also erstens jene Geräte und Maschinen, die sie über die Grenze tragen, indem sie sie überwachen, warten und einstellen. Um im All angekommen existieren zu können, brauchen die Astronauten zweitens entsprechendes Equipment zur Absicherung. Auch das müssen sie – zum Vorgang dieser Gefertigtheiten  werdend – überwachen und bedienen.

Der Mythos des Apoll besagt: wenn du die Grenze (deines Mensch- und Daseins) überschreitest – stirbst du! Mit der Ankunft auf dem Mond – ironischerweise mit einem nach Apollo benannten Programm – hat die Menschheit definitiv eine Grenze überschritten, und damit ihr Dasein verloren.[2]

Das Überschreiten der Grenze hat eine Folge, deren Destruktivität den meisten Menschen nicht bewusst ist: es ist das „Herausfallen aus der Zeit“, die mit der Einbuße der Gegenwart einhergeht. – Wie sieht das aus? – Nun, ohne die Gestalt unserer Gegenwart können wir uns nur dann im Raum, also in der Realität, „halten“, wenn wir tätig werden; wir müssen stetig etwas „tun“. Ohne Tun und ohne Dasein bräche unsere Erscheinung zusammen.

Wo immer von Fortschritt die Rede ist, steckt sozusagen das Fehlen der Gestalt unseres Daseins, die gewährleistet, dass wir eine Erscheinung im Sinne eines Körpers sind und eine Gegenwart haben, dahinter. Das Wort Industrie leitet sich vom lateinischen industrius = tätig, fleißig, beharrlich ab. Die Industrien und Fortschritt gehen Hand in Hand. Dass es sie gibt, ist Anzeiger unseres Verlustes der Zeitlichkeit, damit Endlichkeit. Der Gewinn der „Zeitlosigkeit“ ist ein Pyrrhus-Sieg.

Vermutlich schreibe ich nichts Neues, und andere haben längst den Zusammenhang zwischen Fortschrittlichkeit und Verlust des Daseins in den Science-Fiktion-Filmen entdeckt. In Interstellar geht es – sehr fortschrittlich – vordergründig um die Endurance-Mission (endurance auf lateinisch patientia operatur – die Geduld/Beharrlichkeit im Ausführen), im Hintergrund aber um ein Vorgänger-Programm.

Der Unterschied zwischen einem Bild, einem Gleichnis, einem Symbol, dieser Collage und Zeichen ist wesentlich. Es ist sehr schwer, in heutiger Zeit, die Zeichen zu entlarven. Dazu mehr im Büchlein.

Dieses trägt den Namen Lazarus, und in ihm werden von der NASA 12 Raumkapseln zu 12 Planeten außerhalb der Milchstraße und durch ein Wurmloch in die fremde Galaxie geschickt. 12 Söhne des Jakob und 12 Stämme Israels, 12 Apostel, 12 Monate – 12 Tierkreiszeichen. König Salomons Thron war umringt von zwölf goldenen Löwen (1. Könige 10,20).  Die Apokalypse: Während des Jüngsten Gerichts wird Johannes, dem Seher, zufolge eine übermächtige Frau erscheinen, „auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen“ (Offenbarung 12,1). In der Musik ist die Oktave in zwölf gleich große Abstände unterteilt. Diese Zwölftonreihe entwickelte Johann Sebastian Bach weiter, leitet sie aus der Bibel ab, weshalb man von ihm auch als den „fünften Evangelisten“ spricht. Die 12 als die Zahl der Vollkommenheit entspricht der astrologischen Konstellation Jupiter (3)-Saturn(4)[3].  

Nun, weiter im Text. In jeder der 12 Kapseln befindet sich ein Astronaut, der die Lebensbedingungen auf seinem jeweiligen Zielplaneten prüfen soll. Im Falle der Geeignetheit für die Menschheit wird der Astronaut von der Endurance-Mannschaft abgeholt werden und er sich bis zu deren Ankunft in Hyperschlaf versetzt haben. Im Falle der Ungeeignetheit des Planeten zur menschlichen Kolonie wird der entsprechende Astronaut sich selbst überlassen, d.h. dem Tode anheim gestellt. Alle 12 geben ihre Resulate an die Erde durch. Es stellt sich heraus, dass nur drei (Jupiter-Zahl) Planeten in die engere Auswahl kommen, d.h. 9 (Zahl des Mars) der Astronauten sind definitiv verloren. Endurance hat die Mission, die sich im Tiefschlaf Befindlichen aufzuwecken und mit ihren Daten und Informationen heimzuholen.

Der Name Lazarus geht auf eine biblische Gestalt zurück, einen Freund Jesus‘ von Nazareth, Bruder der Schwestern Maria und Martha von Bethanien, der, nachdem er erst erkrankt und dann gestorben war, von Jesus wiedererweckt wurde. Ich habe noch ein wenig weitergedacht und assoziiert.

Lazarus – Emma Lazarus (22.7.1849, New York City – eine Fast-Löwe-Geborene mit 29.41° Krebs (von Löwen wird ausführlich die Rede sein) ist die Poetin, deren Gedicht (bzw. einen Ausschnitt davon) man für die Inschrift im Podest der New Yorker Freiheitsstatue auswählte und eingravierte: The new Colossus. Der ursprüngliche Koloss war der von Rhodos – eine Statue des Helios, des Schutzgottes von Rhodos – eines der sieben Weltwunder der griechischen Mythologie.

Englisches Original

Not like the brazen giant of Greek fame
With conquering limbs astride from land to land

Here at our sea-washed, sunset gates shall stand
A mighty woman with a torch, whose flame

Is the imprisoned lightning, and her name
Mother of Exiles. From her beacon-hand

Glows world-wide welcome; her mild eyes command
The air-bridged harbor that twin cities frame.

„Keep, ancient lands, your storied pomp!“ cries she
With silent lips. „Give me your tired, your poor,

Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore.

Send these, the homeless, tempest-tossed to me:
I lift my lamp beside the golden door.“

Deutsche Übersetzung

Nicht wie der metallene Gigant von griechischem Ruhm,
Mit sieghaften Gliedern gespreizt von Land zu Land.

Hier an unserem meerumspülten hesperischen Tore soll stehen
Eine mächtige Frau mit Fackel, deren Flamme

Der eingefangene Blitzstrahl ist, und ihr Name
Mutter der Verbannten lautet. Von ihrer Leuchtfeuerhand

Glüht weltweites Willkommen, ihre milden Augen beherrschen
Den luftüberspannten Hafen, den Zwillingsstädte umrahmen.

„Behaltet, o alte Lande, euren sagenumwobenen Prunk“, ruft sie
Mit stummen Lippen. „Gebt mir eure Müden, eure Armen,

Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;

Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt‘ ich mein Licht am gold’nen Tore!“

Ich bekam ein Buch geschenkt. Es ist die Biographie, nein eine Biographie, über David Bowie. Jenes David Bowie, dessen Tod sich am 10.1.2019 zum dritten Mal jährt und dessen Vermächtnis ein Musical aus dem Jahr 2016 ist: Lazarus. „Ich bin ein sterbender Mann, der nicht sterben kann.“

Bowies letztes Album „Blackstar“ beginnt nun mit dem Track „Lazarus“. Ich bin natürlich gleich losgegangen und habe mir das Buch zum Musical gekauft. Es geht noch weiter: Das Musical wiederum nimmt Bezug auf einen Sci-Fi-Film (und setzt ihn fort), den Bowie 1975-76 als Filmschauspiel-Debütant unter der Regie von Nicolas Roeg drehte: Der Mann, der vom Himmel fiel. Die Vorlage zum Film stammt von Walter Tevis, der – hier schließt sich einer der vielen Kreise – dasselbe Geburtsdatum wie Wolfgang Döbereiner aufweist: den 28.2.1928.

Look up here, I’m in heaven
I’ve got scars that can’t be seen
I’ve got drama, can’t be stolen
Everybody knows me now

Look up here, man, I’m in danger
I’ve got nothing left to lose
I’m so high it makes my brain whirl
Dropped my cell phone down below
Ain’t that just like me?

[…]
This way or no way
You know, I’ll be free
Just like that bluebird
[…]
Oh I’ll be free
Ain’t that just like me?

Der vom Himmel gefallene Mann namens Thomas Jerome Newton ist auf der Suche nach Wasser für seinen Planeten, der zu verdursten bzw. zu vertrocknen droht. Der Mann ist ein human-reptiloides Wesen und so wie es aussieht unsterblich. Er altert nicht, aber schafft es auch nicht, auf seinen Planeten zurückzukehren; er bleibt einsam und zerstört auf der Erde mit ihrer Lasterhaftigkeit, dem Konsum von Alkohol, Drogen und Sex und der Gier nach Macht zurück.

Beide Filme – der von 1976 und Interstellar – zitieren mit verschiedenen Anspielungen Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum. Letzterer hatte wiederum David Bowie inspiriert, u.a. zum Song Space Oddity. Noch eine Koinzidenz: 2015 entschied ich mich auf dem Flug nach Philadelphia, Odyssee im Weltraum zu schauen. Parallel war Interstellar „im Angebot“, der mich zu diesem Zeitpunkt nicht interessierte.

Also: da ist erstens ein Science-fiction-Film, in dem Menschen von der Erde einen neuen Planeten suchen, weil ihr Überleben auf good-old Gäa unmöglich wird. In ihm bleibt ein Rückkehrer – ein Odysseus – in der Unzeit bei gleichzeitigem Rennen „um Zeit“ stecken. In diesem Film ist zweitens vom Lazarus-Programm die Rede, zurückgehend auf den biblischen Mythos über die Wiedererweckung eines Toten. Vermeidung und Überwindung von Tod und Sterben? Rückkehr ins Leben? Oder müssen wir das doch als Bild verstehen, nicht wörtlich? Drittens gelangen wir mit einem nächsten Film zu einem Mann, der aus einer anderen Welt in die unsrige fällt, und scheitert. Unsterblichkeit ist Fluch. Viertens ist sein Darsteller ein leibhaftiger Lazarus, mehrfach gestorben, mehrfach auferweckt worden: David Bowie, irgendwie keiner von dieser Welt, dessen Leben enden durfte, nachdem er die Fortsetzung seiner Rolle von 1975 in Lazarus beendet hatte.

Genug interessante Verbindungen, mir wieder einmal die Werke und die Menschen dahinter anzuschauen… Schauspieler, Regisseure, Schriftsteller, Poeten und Komponisten fänden nicht zueinander, wenn sie nicht eine Affinität an Inhalten und entsprechenden Ereignis“wünschen“ aufwiesen.

Doch jetzt Schritt für Schritt, sonst werde ich wieder des Rundumschlages bezichtigt – was ich nur schwerlich ertragen könnte.

 

[1] Anzuhören unter diesem Link: https://www.youtube.com/watch?v=7HykXoTTgdQ

[2] WD, Die apokalyptischen Reiter, S. 313, 329

[3] In der Münchner Rhythmenlehre. Jupiter- und Saturn-Werte werden multipliziert. Der Jupiter-Venus (5) hat z.B. analog den Zahlenwert 15, Mars (9)-Saturn wäre entsprechend 36.