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CHEF(IN)SEIN IST SCHWER

I

 

Weil er wieder mal auf der Suche nach einer Arbeit war, kehrte der Hahn beim Stier ein. Der Stier war bekannt für seine bodenständige und gründliche Art; auch seine Eigenart, langsam und zurückhaltend zu sein, war dem Hahn zu Ohren gekommen.

„Stier“, sagte er, „ich kann dir helfen, dich noch berühmter als du schon bist zu machen. Du brauchst jemanden, der für dich unter die Leute geht.“ Und der Hahn warf sich in die Brust und krähte laut und vernehmlich. Der Stier zögerte. Alles, was schnell und laut hinausposaunt war, war ihm ungeheuer. Doch konnte er ein Angebot wie dieses ausschlagen? Also überlegte er, ob er es mit den Hahn versuchen sollte und schickte ihn schließlich tatsächlich in die Welt, wo er Kunde von der handwerklich guten Arbeit des Stiers tat. Der Hahn kehrte mit allerlei Ideen, wie der Stier besser arbeiten könnte, und was alles er ändern sollte, weil die Leute in der Welt dieses und jenes bräuchten, zurück. Es flatterten viele Papiere auf den Tisch, gesammelt hier und dort. Mit Gründlichkeit besah sich der Stier die Ideen, verwarf diese, fand jene gut und bat den Hahn, sich ebenfalls an die Durchsicht zu machen und ein Archiv anzulegen.

„Ach“, sagte der Hahn, nachdem er eine Weile daran gearbeitet hatte. „So recht ist diese Arbeit nichts für mich. Dafür eigne ich mich nicht.“

Der Stier sah das ein, denn er wollte nicht, dass jemand für ihn arbeitete, aber sich dabei nicht wohl fühlte. Also arbeitete er die Stapel ab und entdeckte dabei leider auch Irrtümer, die dem Hahn unterlaufen waren. Da begriff er endgültig, dass der Innendienst nichts für den Hahn war. Er gab ihm eine nächste Aufgabe.

„Ach“, sagte der Hahn wieder nach einer Weile, „das dauert mir alles zu lange. Ich will kurzweilige Arbeit.“ Denn das Wesen des Hahns war fröhlich und locker. Da senkte der Stier sein Haupt, schnaubte ungehalten – und verstummte. Er verschanzte sich in der Arbeit und hatte fortan keine Zeit mehr für den Hahn. Der Hahn indes lief los und suchte sich noch drei andere Aufträge von anderen Arbeitgebern, schaute nach einer Weile wieder vorbei und fragte nach Neuigkeiten. Der Stier blieb einsilbig.

„Aber was habe ich dir getan?“ krähte der Hahn.

„Lass mich allein!“, brummte der Stier da. „Nur was ich selbst mache, ist wirklich gut gemacht!“

II


Zum Skorpion kam eines Tages der Frosch und bat um Arbeit.

„Lehre mich, so zu arbeiten wie du“, sagte der Frosch und blickte mit großen Augen auf den Skorpion.

Der überlegte und überlegte, wozu er den Frosch einsetzen könnte. Es müsste etwas sein, das den Fähigkeiten des Frosches entspräche und gleichzeitig gewährleistete, dass die Arbeit ihm – dem Skorpion – zur Zufriedenheit gereichte. Alsbald fand er eine Tätigkeit und setzte den eifrigen Frosch an die Arbeit. Der arbeitete fleißig und ausdauernd nach den sparsamen Anweisungen des Skorpions. Er genoss die Freiheit, die dieser ihm bei der Ausführung ließ und kam zu für ihn selbst erstaunlichen Ergebnissen. Das machte ihn erst glücklich, und dann mutig.

Der Skorpion wiederum entlohnte den Frosch großzügig und beglückwünschte sich zu seiner Entscheidung, Arbeit abzugeben und vom Alles-alleine-machen abgewichen zu sein. So arbeiteten sie eine Weile miteinander an den Dingen der Welt.

„Skorpion“, sagte der Frosch nach Wochen, „was hältst du davon, meinen Teil an der Arbeit stärker hervorzuheben? Ich habe jetzt gute Arbeit abgeliefert, die sollte doch auch gesehen werden. Sie ist deiner Arbeit ebenbürtig.“

Der Skorpion überlegte nicht lange – und schickte den Frosch nach Hause. Dem Frosch blieb die Luft weg, er begriff nicht, wie ihm geschah. Bevor er seine Sachen packte, fragte er: „Warum tust du das?“

Da sagte der Skorpion: „Weil du nicht lange genug abgewartet hast …“

III


Auf seiner Suche nach Arbeit kam der Hund zur Katze. Schon lange bewunderte er ihre Arbeit. „Ich will von dir lernen“, sagte der Hund, „wie du zu arbeiten.“

„Die Arbeit ist sehr vielfältig“, schnurrte die Katze sphinxhaft und setzte sich stolz in Pose.

„Das kommt mir entgegen“, sagte der Hund. „Ich bin treu und ergeben und tue alles, was du mir aufträgst.“

Die Katze überlegte und überlegte, wie sie den Hund beim Wort nehmen könnte, denn sie mochte ihn. Schließlich setzte sie ihn an eine Arbeit, die Geduld und Disziplin erforderte. Dann ging sie ihrer eigenen Wege und erledigte ihre Gänge in der Welt. Sie sprach darüber nicht viel. Der Hund saß erst zielstrebig, dann verbissen an der Arbeit. Bald gewann er eine Übersicht, aber bald danach begannen die Schwierigkeiten. Gerne hätte er die Katze gefragt, doch die war unterwegs und nicht erreichbar. Da wurde der Hund unsicher und traurig. Als er schließlich wütend wurde, ließen die Ergebnisse seiner Arbeit auf sich warten.

Als die Katze zurückkehrte, fand sie den Hund überfordert vor. Er sah sie mit großen Augen ängstlich an.

„Hund“, sagte die Katze da, „jetzt haben wir viel Zeit und Energie in die Arbeit gesteckt. Die soll nicht umsonst gewesen sein. Was also wirst du tun, um die Arbeit zu beenden?“

„Sag du mir, was ich tun soll!“ antwortete der Hund und hielt seinen Hals hin. So kannte er es.

Die Katze legte ihre Pfote auf seinen weichen Hals und kratzte ihn ein wenig. Dann wandte sie sich gelangweilt ab.

„Ich kann mit dir nichts anfangen“, fauchte sie, „du musst schon selbst denken!“