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AUF DER SUCHE NACH DEM VERLORENEN RAUM

oder

Der Neuanfang von allem

Nun ist die Katze aus dem Sack, und wir könnten das Ganze – wie vielfach schon geschehen – von vorne nach hinten lesen. Also, aus einer fiktiven Zukunft als ein bereits historisches Ereignis. Der Titel, den ich wählte, lässt etwas anklingen. Oder nicht? Nun gut, ich will mich mit den großen Größen nicht messen, will aber auch nicht das Licht – mein Licht – unter den Scheffel stellen. Ich schreibe mal los und nehme einen alten Bekannten zum Erzähler: Don Amerigo, das ist der aus dem zweiten Almani-Band, aber das nur am Rande. Im Exil angekommen schweigt er lange, aber berichtet alt geworden über die Geschehnisse, die schließlich Manuel aufschreibt.

Erster Entwurf (23.3.2020, 20:21 Uhr): 

„Ich hatte die Geschehnisse falsch eingeschätzt. Als wir unsere Orte verließen und uns um Exil weit weg von Deutschland bemühten, war die Ursache unklar und verschleiert. Ja, man hatte uns in die Irre geführt, uns falsche Zusammenhänge geliefert. Wenn man in eine Umgebung hineingewachsen ist, ist es schwer, den Abstand zu finden, der jenseits eigener Illusionen liegt. Das habe ich erst in Petrosawadsk begriffen. Nein, kein atomarer Schlag hat das Verderben gebracht. Es war etwas anderes.

Das Virus „Fremdbestimmtheit“ hatte vor 400 Jahren seinen Siegeszug begonnen. Die Information, die es in sich trug: Isolation vom eigenen Empfinden. Es wirkte lange, bevor irgendjemand es bemerkte. Andere Krankheiten, auch Kriege und Katastrophen gingen über die Erde, ohne dass man dieses Virus erkannte. Es durchlief mehrere Prüfungsverfahren, wurde irgendwie immer durchgewunken, kam aber auch nie in den Rang einer Gegenwart. Die letzte Prüfung, die ein negatives Ergebnis die menschliche Zivilisation betreffend ergab, entließ es in die Gegenwart und damit gleichzeitig in die Öffentlichkeit. Alles, was nun Gegenwart wurde, erhielt gleichzeitig eine Erscheinung und eine Ausübung in einem immer wieder zu wiederholenden Zwang. 

Die Isolation, wirklich bereits vor den Toren der Zeit, verdrängt, wurde bei der negativ ausgefallenen Prüfung materiell zur Figuration, die an die Ausübung weitergereicht wurde. Es kam zu realen Isolierungsvorgängen. Die erste Stufe waren die Kontaktsperren, die nächste die Ausgangssperren und die dritte die Rationierung von für Menschen lebenswichtigen Gütern, die sie gegeneinander aufbrachte. Parallel zur räumlichen Trennung der Menschen voneinander in ihnen unerträglicher Vereinzelung hoben sich Gemeinschaftliches und auch Räume auf. Wo sich Raum aufhebt, ist Dasein nicht möglich. Es herrschte Daseins- und Ortlosigkeit, alle waren in ihren Wohnungen und doch war niemand bei sich selbst zuhause. Gleichzeitig wurden die individuelle wie auch die öffentliche Mobilität geregelt und gemaßregelt. Stillstand. Und wie es einem Virus eigen ist: er trägt in sich ein Programm, das er dem injiziert, der ihn in sich hineinlässt bzw. der nicht genug Abwehr hat. Das alte Programm (Programmaustausch!) wird gelöscht, ein neues aufgespielt. Völlige Überwachung in diesem Fall.

Die Verantwortlichen wollten und konnten das nicht erkennen – sie hätten auch nur wenig dagegen getan, denn sie fürchteten Verlust für sich selbst. Als sie erkannten, dass die meisten Menschen bereits infiziert waren, dass es ernsthafte Symptome gab und Menschen starben, verfielen sie in hektische Aktivität. Jetzt ging es an ihr eigenes Leben. Das änderte nicht viel daran, dass sie nicht mehr Herr der Lage waren. Die, die geheilt wurden und überlebten, wurden zu dankbaren Helfern (und lobten das neue Programm). Jene, die nicht überlebten, hätten in das Neue nicht gepasst. Sie waren die Unbrauchbaren, verloren Körper und Gegenwart, weil sie alt und krank und dem Neuen nicht dienlich waren. Das Virus hatte die ganze Erde ergriffen. Das Lebewesen Gaia wehrte sich auf mehreren Ebenen; die, die am besten gehört wurde, war: als es die Menschen in ihrem kleinen Leben unmittelbar betraf. Einige wenige, wie immer nur einige wenige, verstanden das.“ 

Don Amerigo – hier stelle ich ihn vor:

Gehen wir zurück ins Jahr 2075. Ein Herr aus dem Süden, mit einem breitkrempigen verschwitzten Hut auf dem Kopf, steht in der Tür eines Museums. Er will nicht hineingehen, sondern er kommt heraus. Viele andere laufen hinein, und wenn sie wieder herauskommen, tragen sie Stapel verschiedenster  Gegenstände in den Händen.  Wir kennen diese Bilder jetzt schon. Leider muss ich sie noch einmal beschwören, denn sie sind bezeichnend für dieses Jahr, für die Ereignisse.

Sie laufen an ihm vorbei, aber er steht und hält eine Mappe sehr fest an seine Brust gedrückt.

Er wirft noch einen Blick zurück – das Museum war einer seiner Lieblingsorte, hier hat er sich aufgehalten, nicht nur um Ruhe zu finden – aber jetzt wird es von Leuten von der Straße, die nichts haben und nach Nahrung und Kleidung suchen, gestürmt.

Die Vorbeilaufenden nehmen keine Notiz von ihm. Um noch weniger aufzufallen, läuft er mit einigen mit, die gerade aus der Tür kommen, läuft mit ihnen über den Platz vor dem Museum, die Straße hinunter, bis an ihr Ende. Der Straßenbelag ist aufgesprungen und voller Löcher. Die wärmeren Sommer, und die vielen Überschwemmungen aufgrund der saisonalen Regenfälle haben den Asphalt platzen lassen. Autos können da nicht mehr fahren – aber Autos fahren hier ohnehin kaum noch welche.  Es herrscht Ausnahmezustand, und es ist Ausgangssperre, worum sich jedoch die Plünderer und auch unser Herr nicht kümmern.

Er hat eine große Sorge. Seine Sorge gilt der Reise, die er wird antreten müssen. Er weiß noch nicht, wozu er sich entscheiden wird, und das ist ein unangenehmer Zustand, der ihn unwirsch macht.

„Hey, Amigo“, ruft einer der Vorbeieilenden, „wirst du nach Petrosawodsk oder nach Magadan fahren?“ Seit Tagen ist das die Standardfrage im Ort. Dabei haben sie keine wirklich freie Wahl, denn sie werden eingeteilt. Die jüngeren Menschen gehen nach Magadan, und die Älteren fahren nach Petrosawodsk, das viel näher liegt – was komfortabler ist – und auch vertrauter. Das ist bei älteren Menschen wichtig.

„Amerigo. Amerigo!“ sagt der südländische Herr ärgerlich. „Wann lernt ihr es endlich?“ Sie kennen sich – vom Sehen. Und gehen sich normalerweise aus dem Weg.

„Amigo, Amerigo – was solls. Wenn du nicht fragst und ihnen deinen Vorschlag machst, werden sie dich ganz bestimmt für Petrosawodsk einteilen und du landest im Altenheim.“ Er ist schon ein paar Schritte weit weg, kommt zurück auf Augenhöhe. Natürlich hat er Recht und das weiß er auch. Er mustert den Südländer von oben bis unten. Don Amerigo mit dem speckigen Hut ist kein Unbekannter. Ein seltsamer Vogel ist er, einer, der nicht zu den einen gehört, aber auch nicht zu jenen, die noch ganz anders sind. Das Hervorstechendste an Don Amerigo ist, dass er immer mit etwas unter dem Arm herumläuft. Er sammelt, was es zu sammeln gibt, als selbsternannter Registrator. Er trägt von überallher Gegenstände zusammen und hortet sie an einem Ort, den weder sein derzeitiges Gegenüber noch einer von dessen Freunden bis jetzt herausgefunden haben.

Niemand weiß, wo Don Amerigo schläft (hat er überhaupt eine Wohnung?), was er isst (isst er überhaupt?), ob er arbeitet.

„Deine Kumpels und du – ihr könntet mir helfen“, sagt Don Amerigo langsam und gedehnt.

„Wie meinst du das – helfen?“

„Sobald ich wegfahre, brauche ich Leute, die mir beim Tragen helfen. Ich habe viel Gepäck. Ich muss vieles mitnehmen.“

„Was zahlst du?“

„Seh ich aus, als könnte ich was bezahlen? Ihr tut es für etwas Größeres.“

„Was redest du da? Bist du ein Priester?“

„Seid ihr dabei?“

„Wir kennen dich nicht mal.“

„Trotzdem nennst du mich Amigo?!“ Don Amerigo wendet sich verächtlich ab. Für ihn ist das Gespräch beendet. Gierige Menschen sind ihm zuwider. Sie sind in seinen Augen weniger wert als der Dreck unter seinen Nägeln. Er fasst sein Bündel fester und geht weiter in die Richtung, die er schon vorher zu gehen beschieden hatte.

Er beschließt vorläufig, auf keinen Fall nach Petrosawodsk, sondern nach Magadan zu gehen. Je weiter weg, desto besser. Ihm ist nur nicht klar, wie er all seine Sammlungen dorthin schaffen kann!

Don Amerigo weiß nicht, dass nicht weit von ihm ein kleiner Junge Bücher in eine Tasche stapelt und sie dabei der Größe nach sortiert. In diesem Moment denkt er nicht einmal an die Bibliothek, die er nun nicht mehr aufsuchen wird. Kein Mensch kann an zwei Orten gleichzeitig sein, und deshalb ist es klug, wenn Menschen sich entscheiden, diesem Mangel nicht hinterher zu trauern.

Wie gesagt, ein erster Entwurf.