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ASTROLOGISCHE FRAGMENTE XXV

3.5.1  Das Ich und das Selbst, das I und das ME in der Psychologie

„Tötungsdelikte sind eine Männerdomäne. Neun von zehn Taten werden von Männern begangen. Töten Männer Männer, dann sind die Opfer meist Fremde, flüchtige Bekannte vielleicht. Töten Männer Frauen, dann stammen die Opfer meist aus dem familiären Umfeld, meist ist es die Partnerin oder eine frühere Liebschaft. Man kann es zynisch sehen: allein der Umstand, dass eine Frau in einer Beziehung lebt oder gelebt hat, birgt für sie das größte Risiko, zu irgendeinem Zeitpunkt vom Partner oder dem früheren Partner umgebracht zu werden. […]Die Hälfte aller Intimizide ereignet sich in der Trennungsphase einer Beziehung, wenn der Trennungswunsch von der Frau ausgeht. Dabei sind die ersten drei Trennungsmonate für die Frauen eine besonders gefährliche Zeit.“[1]

Und Kinder?

Puzzleteil. Fasziniert lese ich in einem Buch über Schizophrenie und über die Fragmentierung des Ichs zu seinem eigenen und zum Schutz des Selbst. Der Schizophrene, der anders als der „Gesunde“ in keiner Zeitlichkeit wie z.B. dem klar getrenntem Gestern, Heute und Morgen mehr lebt, hat keine Möglichkeit ein traumatisierendes Erlebnis in die Vergangenheit hinein zu verorten, und den nächsten Tag in der Gewissheit, dass er ein Neuanfang mit neuer Chance sein kann, in der Illusion, dass er anders sein wird, zu leben. Gewissermaßen kann er nicht „verdrängen“.

Die Überlebensfähigkeit der „Gesunden“ liegt im Konzept dieser Zeiteinteilung. Sie gibt ihnen Sicherheit und gewährleistet, dass ihr Ich, als sprechender Teil ihres Selbst, immer derselbe Erzähler seiner Geschichte (in sinnstiftender Erzählung) bleibt.[2]

Wenn ich Bollas richtig verstehe, ist es diese Illusion, die es den Menschen gestattet, zu denken, Worte mit festen Bedeutungen zu versehen und ihren Gedanken und inneren Bildern auch zu trauen. Das Ich – die Identität – steht der Welt als Einheit gegenüber. Identität heißt hier Integrität und Geradlinigkeit. Konsistenz. Und bedeutet:

  • Übereinstimmung der inneren Teile = im Einklang mit sich selbst sein
  • Übereinstimmung von innen und außen = authentisch sein
  • Übereinstimmung von Worten und Taten = wahrhaftig sein
  • Übereinstimmung von Gefühlen und Gedanken = echt und kongruent sein.
  • Übereinstimmung in der Biographie: geradlinig sein = sich selbst treu bleiben

In dem Moment, in dem jemand ‚schizophren‘ wird, geschieht etwas mit dem Selbst und der Identität dieser Person. Das Ich, das die Geschichte dieses Selbst erzählen soll, ist aufgebrochen (Bollas‘ Buchtitel lautet „Wenn die Sonne zerbricht“), die Sonne – das ist dieses Ich. Es fällt erstens aus dem Schoß der dreigeteilten Zeitlichkeit, damit ebenfalls aus der Realität (als der materiellen Erscheinung in der Zeitlichkeit) und sieht sich bedroht.[3]

In seinem Versuch, die Bedrohung abzuwenden, spaltet es sich. Die Person „entscheidet“, Affekte und Reaktionen, Teile seines Selbst zu verdinglichen und zu entmenschlichen, ins Außen zu verlagern, um es dort zu exakt einzuhaltenden Zeiten und in Ritualen, die sie einführt, aufzusuchen. So behält sie eine gewisse Kontrolle und das gefährdete Selbst ist in Sicherheit. Dafür aber verschwindet das Ich nach und nach immer mehr. Die Verdrängung ist in diesem Fall erst nach außen verlagert (und nicht ins Unterbewusstsein), und trifft von dort wieder auf das Ich.

Das Selbstverständliche, Gewohnte und Alltägliche wird unvertraut oder sogar  fremd. Hier geht eine Entfremdung vor sich. Zuvor unbeachtete Details oder unbewusste Handlungsabläufe treten gleichzeitig explizit und irritierend in den Vordergrund. Dieses „Hervortreten“ erfasst zunehmend zentrale Lebensvollzüge, bis diese als gänzlich Ich-fremd, ja schließlich als von außen gesteuert erlebt werden. Um es mit Bollas zu sagen: Im Schizophrenen ist das Ich als Integrität auseinandergefallen, und zur Wahrung der Sicherheit in der Umwelt versteckt. Die Verdinglichung schlägt sich ziemlich deutlich nicht nur in den Bewegungen, sondern auch in der Sprache und der Sprechweise der Personen nieder: sie werden maschinell und roboterhaft.

Das Selbst ist – um es in einen astrologischen Kontext zu stellen – der AC, der die Anlagen, die uns als die Person kennzeichnen, die wir sind, beherbergt. Die Sonne bzw. das Sonnenzeichen zeigt an, auf welche Weise dieses Sosein im Dasein gelebt wird. Das Selbst (nicht nach Jung oder anderen Psychologen) beginnt im IV. Quadranten. Das Ich ist das Ausleben, das Verhalten.

In der Schizophrenie sind die Diskursregeln zwischen dem Selbst und dem Anderen (das Begegnende?) unter Verzicht auf das Ich aufgegeben. Damit gibt es keinen Sprecher mehr, der vom Selbst berichtet, und das Subjektive – der II. Quadrant als Dasein entfällt.

Während das deutsche Wortpaar Ich-Selbst m.E. eine Verbindung vom II. Quadranten (und die Sonne als Durchführungsprinzip darin) und dem Aszendenten darstellt, ist das englische Wortpaar I-ME (vielleicht auch das französische JE-MOI, aber das weiß ich noch nicht bestimmt) eine Verbindung zwischen dem II. Quadranten und dem 8. Haus.   

I[4] beschreibt Bollas als die ‚Organisation geistiger Repräsentationen‘ – was ziemlich genau dem entspricht, was zwischen dem 8. Haus und dem 5. Haus (bzw. dem II. Quadranten) vor sich geht. Es ist die Causa efficiens, die auf die Causa formalis trifft – das Gestalthafte organisiert sich in seinem Lebensausdruck. I ist der, der das Geschehen trägt.

ME[5] wiederum nennt Bollas das ‚Warenhaus der subjektiven Erfahrungen des Seins‘  – ich lese es als das ‚Warenhaus aller jemals von Subjekten gemachten Erfahrungen des Seins‘ – mithin der Skorpion, der die Gestalten des entstehenden Bewusstseins des Lebens als Dasein beherbergt und hütet. ‚Warenhaus‘ ist eigentlich etwas dünn, wenn man vom Reichtum und der Fülle dieses Hauses ausgeht. Hier liegt die geistige Potenz, Leben sinnvoll (nach seiner Besinnung und Bestimmung) zu gestalten. Dieses ME ist eine „Steuerzentrale“, die autonom und ohne Zutun des Ich-Willens „arbeitet“. 

Einer schizophrenen Person – an ihrem „Ausfall“ versteht man die Komplexität der menschlichen Identität und ihrem Ich-Selbst-Ganzen – ist beispielsweise das gestalthafte Zusammensehen von Wahrgenommenem nicht mehr möglich. Die Auflösung von Gestaltzusammenhängen resultiert in einem Verlust vertrauter Bedeutsamkeiten und führt zu einer grundlegenden Fragwürdigkeit der wahrgenommenen Welt (im 7. Haus). In der Welt Schizophrener sind die Beziehungen der Dinge zueinander zerstört.

Die Entwicklung zum eigenen Sein bricht bei beginnender und fortschreitender Schizophrenie immer mehr zusammen, es gibt kein kontinuierliches Ich mehr, eine Spirale nach unten beginnt. Anders als bei den Persönlichkeitsstörungen Borderline (emotionale Instabilität und vor allem eine mangelhafte Kontrolle der eigenen
Gefühle/Affekte) oder der Bipolaren Störung (in der Regel länger anhaltende manische oder depressive Phasen) ist der Schizophrene nicht in sich dual, sondern das Ich hat sich ganz aus sich zurückgezogen, es gibt keine Realität und kein Gegenüber mehr, das Leben spielt sich in einer inneren Welt der Leere ab, während gleichzeitig der Schizophrene sich aus einem Paralleluniversum beobachtet und sich z.B. fragmentierte Bewegungen vollziehen sieht.

3.5.2  Das Ich in der Astrologie/Münchner Rhythmenlehre

Die Persona, das Personale finden wir im 5. Haus und anlehnend daran im 4. und 6. Haus – also im II. Quadranten – das Seelische und das Aussteuernde. Im 5. Haus ist die Person ihr Geschehen im Dasein auf der Grundlage der zum Ursprung gekommenen Gestalt (aus dem 11. Haus). In der gelungenen Persönlichkeitsentwicklung macht eine Person die ihr mitgegebene, ihr zunächst im Empfinden hochsteigende Gestalt für die Gegenwart endlich. Eine solche Person lebt ihre Wirklichkeit, ist eigenständig und versteht sich als unteilbares Wesen: als Individuum. Dieses Unteilbare steht der Welt dual gegenüber. Hier ICH, dort das DU. Dieses gegenüber dem Außen abgeschlossene Subjekt erlebt sich als immer identisch mit sich, d.h. es erlebt sich an jedem Tag, in jedem Moment als dasselbe. (Was nicht heißen muss, dass es nicht wächst, oder abnimmt.) Die Identität mit sich selbst trifft zunächst auf die Umwelt des Ich (6. Haus als das, was in die Funktion des Ich fällt) und dann auf die Welt (7. Haus) draußen, und wird von dort „aufgefordert“, auf die Welt zu antworten. Es wird Veränderlichkeit herangetragen, die das Subjekt und die Person beunruhigen. Das Subjektive ruht ja bestenfalls im Dasein, nicht im (ruhelosen) Agieren, nicht in Aktivismus.

Die Entwicklung zu sich selbst – die Individuation – erfolgt nicht nur im Erleidens-/Erlebensweg im Phänomensrhythmus, sondern auch im Schicksalsrhythmus – somit über die Erkenntnis. Die Entwicklung „vollendet“ sich im Aufeinandertreffen der beiden Stränge am Deszendenten und – im SiebenerRhythmus gezählt – mit dem 42. Lebensjahr und wird dann auf einer neuen Ebene fortgeführt. „Vollendet“ steht deshalb in Anführungszeichen, weil es sich um einen Prozess handelt, der nicht aufhört, bevor das Leben endet. Wer meint, sich entscheiden zu können, nicht weiterzugehen, führt damit seinen eigenen Tod herbei. Der Prozess der Individuation beinhaltet, dass wir uns in dem Maße, wie wir uns zu uns selbst entwickeln, aus der Welt/dem Einflussbereich der Eltern herausentwickeln. Auf welche Weise und in welchen individuellen Schritten wir dies tun, legt das persönliche Horoskop nahe.

 

Scheitert eine Person bei ihrer Individuation (Selbstwerdung) (was nicht selten sogar ein Anliegen der an Erscheinung und mechanischen Ausführung in Vorgängen interessierten Gemeinschaft/Gesellschaft ist – s. nächstes Kapitel) – sehen wir dies in verschiedenen Ausprägungen in drei Stadien der Selbstverneinung bzw. -vernichtung. Astrologisch kann der „Zusammenbruch“ mit Aspekten der äußeren Planeten vor allem mit der Sonne, aber auch mit dem Mond oder in Kombination mit anderen persönlichen Planeten, zusammen gebracht werden. Hier sind einige Ausprägungen:

Problematische Ich-Entwicklung zeigt sich z.B. in
im Anfangsstadium –       Autismus (Eingeschlossensein im Sinne eines Venus-Pluto)

–       Narzissmus (Selbsthass im Saturn-Merkur)

–       Autoimmunkrankheit (Saturn-Merkur mit Mars-Mond/Pluto) und Hormonmangelkrankheiten

–       einer Angstneurose (Uranus-Bedrohungen z.B. im Sonne-Uranus)

–       Unmöglichkeit von Impuls-/Affektkontrolle[6] (z.B. Mars in 12, in den Fischen)

im Mittelstadium –       affektive, schizoaffektive Psychosen als Ausdruck fehlender/sehr schwieriger Eindrucksverarbeitung, auch z.B. paranoide vs. Kognitive Schizophrenie (Pluto-Venus, Pluto in 7, Neptun in 7, Venus-Neptun; zur „Spaltung“ kommt Uranus dazu unter Schirmherrschaft v. Mars)

–       Süchte (mehrere Neptun-/Plutoverbindungen zum I. Quadranten)

–       Zwangsneurosen (Pluto-Merkur/-Neptun-Merkur) z.B. Waschzwang

im Endstadium –       Suizid (Selbstelimination z.B. im Sonne-Pluto)

–       erweiterter Suizid[7]

Eine geglückte Selbstwerdung liest sich übrigens an der „Gestaltung des zielfreien Weges“ ab: „Das Endgültig-auf-dem-Weg-der-Verwandlung-Sein ist das Ziel, und so kann man von einem zielfreien Weg sprechen.“[8]

Das Erwirkte eines Lebens sehen wir im Horoskop im Zeichen am MC. Der Herrscher des Zeichens zeigt, wohin er das Leben trägt (Haus? Zeichen dort?) ohne das absichtliche Zutun der Person. Wir können also das Glück, unser Glück, soviel „wollen“ wie wir wollen – es lässt sich absichtlich nicht herbeiführen. Wir entwickeln mithin ein Ich (Bewusstsein UND Erleben), um uns alsbald wieder davon zu befreien. – Sonne-Neptun in voller Ausbildung ist die Identität mit dem Wirklichen, die Gewissheit.

Der I. Quadrant ist die Realität der Person in ihrer Ausübung in ihrem Lebensraum. – Wolfgang Döbereiner ordnet hier auch die Möglichkeit zur Selbstständigkeit ein und meint damit die Entwicklung im Sinne der eigenen Erscheinung. Doch Selbstständigkeit allein ist keine Eigenständigkeit bzw. noch kein Leben als Dasein.

Astrologisch ziehen wir das 2. Haus als die soziale „Gemeinschaft“ in Betracht, das 3. Haus als dessen Ausübungen als Kontakte und Einhaltung der gesetzten Regeln (Moral, Werte, Normen) und den verbalen Austausch darüber. In den ersten 3×7 Lebensjahren wachsen Menschen in die soziale Gemeinschaft hinein, lernen sich in ihr zu bewegen, durchzusetzen; danach, sich in ihr zu sichern; im nächsten Drittel auf der Basis der sichtbaren Sicherung und unter Abgrenzung der eigenen Körperlichkeit Wege zu erschließen, einschließlich dem Erwerb der Sprache als Instrument. Menschen bewegen sich in ihrer Mitwelt, die anderes als die Öffentlichkeit (in der zuvor gezeigten Grafik auch als „Außenwelt“ bezeichnet) ist. In dieser Mitwelt werden sie sehr aktiv, sind nachgerade unterwegs auf den Wegen und in Ausübung jedweder Normen zu deren Funktion geworden.

Die Mitwelt eines Menschen (auch anderes als die Umwelt der zu seinem Leben gehörenden Umstände) ist das Material bzw. der Stoff und als causa materialis der „Boden“ aus dem das Leben geformt wird. Noch ist es ohne Gestalt, d.h. ihm fehlt die zum Leben gehörige Gestalt, die ihm über den III. Quadranten in den II. Quadranten eingehaucht wird. Subjekt und Person leben in Kollektiven, Verbänden, Familien, die in unterschiedlichen Graden entweder je nach Qualität der sie tragenden Gegenwartsströmung auf die Entwicklung der Person Einfluss nehmen. Jeder Mensch durchläuft in dieser Mitwelt eine mehr oder minder individuelle Entwicklung.

„Jemand, der daseinslos ist, muss sozial sein.“

 

Zwei Kapitel aus dem Buch

 

[1] Petermann, 2013: 192

[2] Bollas, 2017

[3] Das „Bewusstsein des Bewusstseins anderer“ wird später ebenfalls zu einer Bedrohung des eigenen Selbst, das Schizophrene in der Begegnung nicht mehr behaupten können.

[4] I (deutsch: ich) ist das Subjektpronomen der ersten Person Singular und bezieht sich auf die Person, die die Handlung eines Verbs ausführt. I ist also die- oder derjenige, die/der das Verb „tut“. Nach George Herbert Mead führt die Dynamik des I zu einer Restrukturierung des ME. Das I ermöglicht quasi Neues und wird vom ME kontrolliert.

[5] ME (deutsch: mich/mir/ich) ist das Objektpronomen der ersten Person Singular und bezieht sich auf die Person, auf die sich die Handlung des Verbs bezieht, also nicht die Person, die die Handlung ausführt, sondern diejenige, die davon betroffen ist. ME ist der Empfänger der Handlung. Nach Mead stellt das ME die konventionelle, strukturelle und über die Zeit vergleichsweise stabile Komponente des Selbst dar. Es ist empirisch nicht erfassbar und reflexiv nicht unmittelbar zugänglich.

[6] Mars auf 21°-22° Schütze/Zwilling/Fisch/Jungfrau sind Hinweise auf Affekttäterinnen.

[7] Die Idee zu dieser Aufstellung kam mir bei der Lektüre von Jean Gebser und dem „menschlichen Bewusstwerdungsprozess. Er spricht von 5 Stufen (nicht explizit von Individuation!): 1. die kosmische Allbezogenheit, die archaisch ist, 2. die magische Ichlosigkeit (Dunkelheit aufs Außen gerichtet), 3. das mythische Wir-Bewusstsein (Zwielicht aufs Innen gerichtet), 4. das mentale Ich-Bewusstsein (Helligkeit aufs Außen gerichtet), 6. die aperspektivische, integrale Ich-Freiheit (Klarheit und Transparenz, innenbezogen). Gebser, Ursprung  und Gegenwart, 1953. Dem Finden des Ich (Eigenständigkeit) folgt die Befreiung vom Ich. Die Stufen 1-3 habe ich versucht, mit den obenstehenden Symptomen (Krankheitsformen) abzubilden, kein Anspruch auf Vollständigkeit!

[8] Karlfried Graf Dürckheim, 1982