Home » LESESTOFF » ASTROLOGIE » ASTROLOGISCHE FRAGMENTE XXIV

ASTROLOGISCHE FRAGMENTE XXIV

Wo der Hunger ist, ist auch das Böse

„Ich würde das Böse so definieren, – als die Verselbständigung des dritten Quadranten. Das Leben bestätigt sich aus sich selbst, die Vorstellung kann nur bestehen, solange sie von außen bestätigt wird, – nämlich durch das Leben. Deshalb hat sie [Anmerkung: eine Person, über die in diesem Kontext gesprochen wird] Hunger nach Vertilgung von Leben, – das ist das sogenannte „Über-Zeugen“. Die Vorstellung frisst Leben, um sich aufzublähen und zu mästen und sich als Vorstellung gegen Gott zu stellen. […] Die Vorstellung von der Vollständigkeit stellt sich gegen Gott. […] Besetzen tut die Vorstellung den ersten [Quadranten], aber fressen tut sie den zweiten.“[1]

Hans Henny Jahnns „Medea“ von 1925 hält dem Publikum die menschlichen Abgründe vor: Habgier, Brutalität, sexuelle Aggression. Ihm geht es nicht nur um die Tragödie, dass die Kinder gebärende Frau an der Seite eines jugendlich bleibenden Mannes altert (Thema Vergänglichkeit und ewige Jugend), oder um die Darstellung einer gescheiterten Beziehung bei verschiedenen Ethnien, sondern um die Wiederherstellung einer göttlichen Ordnung, einer verlorenen Vollständigkeit. Medea stellt die Ordnung der Vollständigkeit dadurch wieder her, dass sie die Gespaltenheit und Zerstückelung (z.B. der Leichen) rasend auslebt und so schließlich erlöst.

Doch zur Exposition: Medea hat für ihre Liebe zu Jason ihre Göttlichkeit verloren, ist Mensch geworden und altert. Gleichzeitig hat sie ihn damit beschenkt, für immer jung zu bleiben (was ihn seinen Trieben ausliefert und ihm zum Fluch wird). Damit sind die Verhältnisse in Unordnung, in Umkehrung geraten. Sie fristet als sichtbar nicht Zugehörige – Jahnn stellt sie als schwarze Hermaphroditin dar – in der Fremde ein trostloses Dasein, als sich ihr Gemahl kurzentschlossen und seinem Sohn zuvorkommend mit der jungen Tochter Kreons vermählt, um dem „ergrauten Nachtgespenst der Hölle“ zu entkommen. Jason ist ein hohler Schönling, während rund um ihn herum gemordet, gemeuchelt und Sodomie betrieben wird. Medea wiederum steht auch nicht unschuldig da: sie macht ja mit und billigt durch das Ausleben ihrer männlich-destruktiven Charakterzüge die Verfehlungen aller. Medea ist gierig, genau wie Jason auf andere Weise, durch und durch irdisch, körperlich, menschlich. Auf Kreons Anordnung hin sollen Medea und ihre Söhne am Tag der Hochzeit – mit Jasons Einverständnis (und dies wird der Auslöser der letzten Katastrophe) – das Land verlassen. Sollte sie nicht Folge leisten, werde er sie und ihre Kinder „erlegen wie Tiere“. Medea tötet Kreusa/Glauke und Kreon sowie die beiden Kinder, und verlässt Korinth. Am Ende ist sie von Jason frei und gewinnt ihre innere Unabhängigkeit zurück.

Die Welt von Hans Henny Jahnns Medea ist archaisch und gewalttätig aus der Ordnung gefallen. Die Unordnung zeigt sich vor allem an der Figur Jason: kein schillernder Held aus der antiken Sage um das goldene Vlies. Jahnns Jason wäre ohne Medeas Hilfe untergegangen. Weder ein Held noch besonders mutig, mit Angst vor der Ehefrau stiftet Jason besonderes Unheil mit seinem fehlenden Mut im Falle von Kreons Tochter. Medeas Anschlag ist tödlich, Jason wird Zeuge einer schnell eintretenden Verwesung, und hilft nicht. Überhaupt ist Jahnns Jason ein Liebesverweigerer, verweigert dem Bruder Medeas (homoerotische Beziehungen sind hier nichts Fremdes) die Zuwendung, und später seinem eigenen Sohn, dem er die Frau ausspannt. Medea und Jason sind extrem – sie ergänzen sich, aber jeder von ihnen ist unvollständig und die jeweils andere Seite des anderen. Auch sind sie mehr Konkurrenten als Liebende, so dass – ein weiterer Unordnungsfaktor – nur einer von beiden überleben kann, solange sie zusammen sind.

Zwei Menschen, die nicht zueinander passen, machen sich gegenseitig böse – oder mit Schopenhauer: „Die Natur will Extreme verhindern, indem sie Extreme zusammenführt. Wie sie dann miteinander auskommen, kümmert sie nicht.“

Medea ist in Korinth die Erscheinung der sie umgebenden Umwelt geworden, was ihr nicht gut getan hat. Um genau zu sein: es hat den letzten Rest von ihr zerstört. Also musste sie für ihre Rettung zerstören, was diese Umwelt ausmachte.

„Wenn Sie Ihre Erscheinung aus der Umwelt beziehen, sind Sie auf die Spiegelung angewiesen. Und solange Sie das machen, ist Ihr Selbstwert darauf angewiesen, ob Sie gut oder schlecht gespiegelt werden. Die Gesellschaft ist kein guter Spiegel. Zerrbilder kommen raus […]“[2]

Auch das zeigt uns Medea: Wenn du anderes als du bist, musst du einen Preis bezahlen, um dazu zu gehören. Und doch! Die Tötung der Kinder mag ihr und uns suggerieren, dass eine Mutter neu anfangen oder dahin zurückkehren kann, wo sie angefangen hat. Die Wiederherstellung der Vollständigkeit muss allerdings mehr als ein Zurückgehen in den Mutterschoß sein, in die Ungeteiltheit der Kindheit, der Vorpubertät. Die göttliche Ordnung, im Sinne des IV. Quadranten besagt, dass zur Vollständigkeit der Himmel gehört, und dort gibt man seine Subjektivität auf.

Zur Vollständigkeit gehört die Annahme der eigenen Schwäche, die Schwäche des Subjekts. Die Akzeptanz dessen, das Zurücktreten des Egos gilt dem Hervortreten der Wahrheit. Das Ego ist dabei der sichtbare, in der Realität (I. Quadrant) sich ausübende Teil des Subjektiven. Will das Ego diese Wahrheit nicht, muss es kompensieren – und es muss den anderen töten, um selbst zu leben. Die eigene Infragestellung wird durch die Infragestellung des anderen gegenkompensiert, oder wie eingangs im Zitat geschrieben: man muss den anderen fressen.

Jahnns[3] Medea-Lesart zeigt – über die Motive der Rache oder Eifersucht oder dem Verrücktsein der mordenden Mutter hinaus: Das Böse ist nicht personal, sondern das Personale wird das Werkzeug des Bösen, das es an sich gibt. Es ist die Gier danach, auch stark zu sein und Macht/Kontrolle zu haben, auch jemand zu sein; es ist der Druck, „immer“ Mangel leiden zu müssen, und der Hunger, der endlich einmal gestillt werden will. Sie werden die Einfallstore, die zu Mördern und Todschlägern werden lassen.

Menschliche Gerichte verurteilen Verbrecher nach den Gesetzen ihrer jeweilig geltenden Moralvorstellungen. Was nicht dorthinein passt, wird übersehen, und so auch manche Wahrheit, die nicht gesagt, nicht einmal gedacht werden darf. Keine noch so große Absicherung wird Morde und Verbrechen verhindern, keine Psychiatrie wird mental kranke Menschen von ihrer Krankheit, die da der Hunger nach dem eigenen Dasein ist (oder die Flucht davor), heilen können – ja, sie sind noch nicht einmal daran interessiert.

Dass unsere Welt unperfekt und krank ist, ist ein Gemeinplatz. Warum alles hier aufschreiben und auch noch astrologisch verquicken? – Ziemlich einfach: Verbrechen werden von Menschen in schicksalhaftem Ereignis begangen. Die Instrumentarien der Astrologie können das herausschälen.

Schauen wir uns zwei Frauen an, die an ihrem Hunger nach Dasein zu Mörderinnen wurden.

 

aus: Der Hunger nach dem eigenen Dasein, in Vorbereitung, erscheint voraussichtlich Februar 2020

[1] WD, Bestimmungsbegegnungen, S. 188/190

[2] WD, 1999

[3] Geboren ist Hans Henny Jahnn am 17.12.1894 um 14:00 Uhr in Hamburg (Quelle: www.astro.com) mit einem Stier-AC, Sonne-Venus-Konjunktion in 8 in Opposition zu Jupiter; Pluto und Neptun (haben eine Konjunktion in den Zwillingen) am Übergang von Haus 1 zu 2 und Jupiter (im Krebs und am Übergang zu Haus 3) sind rückläufig. Die Schütze-Sonne ist eine Suchende, eine Getriebene – hier die extreme Suche nach dem Reinen und der Bereinigung des Prinzips in der Erscheinung, bei verdrängtem Ursprung wie Bestimmung im Haus der Aussteuerung: Uranus und Saturn stehen im Skorpion in Haus 6. Beide weisen keine Aspekte auf, Merkur regelt Pluto-Neptun im Zwang, die Venus in Konjunktion zum Kardinalpunkt 0° Steinbock beinhaltet eine Festlegung und „bezirzt“ die Sonne dazu. Es besteht Abhängigkeit des Kindes/des Individuums insbesondere von der mütterlichen Seite innerhalb eines Clans, der über das Leben und das Geschehen als Leben bestimmt (die Clanchefin herrscht nach innen – Matriarchat). Folglich die Auseinandersetzung mit dem Thema „des eigenen Geschehens“: Sonne-Venus (Venus aus der Waage) ist der Schritt aus der dualen Identität (hier Ich, dort die anderen) hinein in die Gestalthaftigkeit der Welt, die zum eigenen Geschehen hinzugezogen wird. Damit eine Erweiterung der Identität in der Begegnung, der man sich öffnet und die man mitgestaltet.