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ASTROLOGISCHE FRAGMENTE XXI

Ein Märchen und ein Hintergrund

Es gibt Umstände, unter denen sich eine Mutter ihren Kindern völlig hingeben kann. Aber oft mangelt es ihr selbst an Unterstützung, oder sie muss ihre Liebe zwischen mehreren Kindern aufteilen, oder sie hat noch anderes vor im Leben. Dann wird eine Mutter ambivalent. Und das ist sehr qualvoll. Zumal uns ja eingetrichtert wurde, dass wahre Mutterliebe vollständig ist: Wir sollen uns buchstäblich von unseren Babys auffressen lassen…[1]

In der Märchenfassung von 1812 werden Hänsel und Gretel von den Eltern, ausdrücklich sogar von der Mutter, unter einem Vorwand in den Wald geschickt bzw. dort zurückgelassen. Für die Kinder ist das die sichere Fahrkarte in den Tod. In der Grimm‘schen Fassung von 1857 ist aus der Mutter die Stiefmutter geworden, was eine gegenüber der ersten Version völlig andere Deutung erfordert.

Beiden Versionen ist gemeinsam – und damit beginnt die Geschichte -, dass die Familie Hunger leidet, dass die Zeiten hart sind und die Existenz bedroht ist [2]. Es fragt sich, ob alle vier verhungern müssen oder ob die Eltern sich der Kinder entledigen (sollten die Zeiten besser werden, könnten sie ja wieder Kinder bekommen), d.h. sie töten, um selbst zu überleben. Einen „geplanten Infantizid“ nennt man das in der Literatur[3], und die Geschichte der Kindesmorde reicht weit in die Vergangenheit der menschlichen Gesellschaften zurück, noch vor den Mythos der Medea und die Zeit des Euripides, der Medea in die Hauptrolle in seiner Tragödie einschrieb. Ich gehe später noch näher darauf ein.

Von Märchen wissen wir, dass unter den diesseitigen Worten viel Symbolik liegt. Vater, Mutter, Hunger, Wald, Hexe – sie alle stehen für Gestalten des Wirklichen. Damit ich später nicht noch einmal davon anfangen muss, will ich die Symbolik von Hänsel und Gretel zusammenfassen.

Der Hunger kennzeichnet als zunächst materielles Phänomen einen Mangelzustand; betrachten wir ihn von der spirituellen Seite her, wird schnell klar, dass der Märchen-Hunger mit Vater (Geist) und Mutter (Natur) zu tun hat, und mit dem Getrennt-Sehen ihres Gegensatzes. Für das Leben in der Welt benötigen wir die Unterscheidung in Gegensätze (Polaritäten): nützlich und gefährlich, für und gegen, Natur und Geist. Doch nicht im Entweder-Oder, nicht im Ausschließen des einen oder anderen, sondern erst in der Zusammenführung entsteht das notwendige, erlöste „Heil“. Das Märchen Hänsel und Gretel können wir als eine Allegorie des Heilwerdens lesen, ohne uns weiter um die anthropologischen Aspekte z.B. in Hinblick auf Populationsregulierung oder die psychologisch-biologischen Aspekte (Stiefmutter will die Kinder der Konkurrentin nicht großziehen) zu kümmern.

Die Aufgabe des Vaters besteht grundsätzlich in der Herausführung aus Zuviel-Mutter, man könnte auch sagen: aus der Verhaftung am Boden, hin zum Ursprung der Gestalt des Lebens (Wassermann). Die Aufgabe der Mutter wiederum ist die Sicherung von Raum/Boden/Material (Stier). Sie liegt in der Erscheinung der Natur, die einem Zuviel-Vater entgegenwirkt.

Der dunkle Wald, in den Hänsel und Gretel von den Eltern geschickt werden, ist in Märchen „die Welt da draußen“ – der Dschungel, in dem es Gefahren zu bestehen gilt. Der Wald steht dem Einzelnen ebenso anonym gegenüber wie das Meer – das Unbewusste, in dem sich alles Nichtsagbare, Nicht-Gesagte und Ewige tummelt. Bestehen die Kinder die Gefahren, erhalten sie die Chance, zu ihren Ursprüngen – den Eltern – und in die Ungeschiedenheit der Unterschiede bzw. ins Zusammenschauen zurückzukehren. Sind sie allerdings in der Mutter, im Raum, im Materiellen zu sehr gefangen, bleiben sie im Hunger (dem die Sehnsucht nach dem Geistigen entspricht) stecken; die Mutter ist aber jetzt nicht länger Natur, sondern Vorstellung, die ihre Kinder besetzt, und aus dem Wald gibt es folglich kein Zurück. Ein Zuviel an Mutter – so könnte man sagen – tötet die Kinder.

Der Lösungsweg. Gretel (wiederum das weibliche Prinzip) wendet genau wie Hänsel (das männliche Prinzip) zu gegebener Zeit eine List an. Damit kommen wir zum Feuer, in dem die Hexe (der Hunger des (geistlosen) Egos als die Begierde) schlussendlich landet. Das Bild hier: Das Feuer der Bereinigung, das Purgatorium oder das Fegefeuer dient der Läuterung, oder der Zerstörung. Feuerzeichen sind Widder, Löwe, Schütze: der Wille, das autonome Ich, das Denken. In diesem Fall ist das Gefäß des Feuers der Ofen und aufgrund seiner Hohlform ein Symbol für den Mutterleib, in dem ein Kind ausgetragen wird. Das Feuer in diesem Zusammenhang der Vorantreiber des Wandlungsprozesses. Mütterlich-Weibliches Aufnehmen und befeuerndes Element als väterliches Symbol.

Hänsel als männliches Prinzip (Geist) soll nun hier den Hunger der Hexe stillen, weshalb er ja auch gemästet wird. Der Höhepunkt der Geschichte ist erreicht, als die Hexe beschließt, sich nun den Geist zuzuführen und sich dazu der Gretel zu bedienen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder verbrennt die Begierde in ihrem eigenen Feuer, oder der Geist wird von der Begierde verbrannt.

Der junge Geist (im Kind Hänsel) täuscht die Hexe Begierde mit falschen „Tatsachen“ (Hölzchen statt Finger), die junge Natur (im Kind Gretel) schlägt sie mit ihrer eigenen Gier (sich dumm stellen und die Hexe ins Extrem laufen lassen). Der Ausgang des Märchens ist bekannt: es gibt ein gutes Ende. Unser Kampf gegen die unheile Allein-Natur – mit ihrem Hunger, d.h. der Gier nach Geistigem – kann allerdings für so manchen sein Menschenleben lang dauern.

Die Rückkehr aus dem Wald und zum Vater kennzeichnet das Ende aller geistigen Sorgen. Im Märchen erlangen die Kinder Perlen und Edelsteine –  kostbarer, nichtmateriell zu verstehender, in der Natur verborgener Schatz. Die Mutter – stand sie doch für die (aus der Wahrheit gefallenen) Illusion des Einseitigen – ist vor der Kinder Rückkehr gestorben. Das Leben und das Erkennen erfahren eine Korrektur: Natur wird begeistet, Mutter wird zum Vater. Das Trennende ist nun tot, das Vereinte lebt und die Individuation ist gelungen.

Auf einer noch anderen Ebene können wir den Mythos der Kindstöterin Medea auf sehr verschiedene Weisen lesen[4]. Menschen versuchen zu töten oder töten, was sie nicht erreichen können, weil sie den Hunger einseitig aus der materiellen Sicht und als Phänomen sehen, eine Vorstellung vom Muttersein haben und Liebe mit Vergeltung und Anspruch mischen.

Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2018-10/medea-theater-euripides-mutter-kinder-griechische-sage

Gesellschaften haben Vorstellungen davon, was Frauen und was Mütter zu sein haben. (Biologische Tatsache ist: Die Frau ist nun einmal die Empfangende und dann Gebärende. Der Mann ist der Zeugende.) Eine der vielen Vorstellungen ist z.B. die ideale Mutterschaft. Für den „Erhalt“ von Gesellschaft im weitesten Sinne[5] sind Männer daran interessiert, das Empfangende und Lebenschenkende nicht nur vor Verschmutzung zu schützen, sondern es – sich daraus ergebend – zu kontrollieren. Männern ist daran gelegen, dass Frauen gute Mütter für die Nachkommenschaft sind! Dass es Männer sind, die Abtreibungsverbote erlassen und Abtreibung unter Strafe stellen, versteht sich vor diesem Hintergrund.

Mit dem Feminismus entstand der Versuch, der Männervorstellung in der Gesellschaft sich selbst entgegenzusetzen. Aber es entzweiten sich nun die Gruppe der Frauen und die der Mütter! In der ersten wird das Frausein, in der anderen der Status der Mutter idealisiert. Indem – so wird es jetzt erzählt – eine Frau Mutter wird, opfert sie ihr Frausein und ihre Öffentlichkeit. Sie löst sich im Kind und geht in Liebe und Fürsorge im Nichtöffentlichen auf.[6] Die Feministinnen wollen die Selbstaufgabe nicht, und es stehen sich Frauenselbstbild und Bild als Mutter ziemlich unversöhnlich gegenüber. Es sind vordergründig nicht mehr die Männer, die die ideale Mutterschaft einfordern, sondern es sind die Frauen und Mütter selbst, die einen so hohen Anspruch an sich als „Mutter“, die alles richtig machen will und muss, haben.[7]

Nun wird eine Frau also Mutter, und definiert sich über das Kind oder die Kinder (und wird von der anderen Extremgruppe verachtet). Oder sie definiert sich über ihren Beruf (sie ist immerhin „erwerbstätig“), den sie als moderne Frau nicht aufgibt, und bekommt mehr oder weniger schleichend dem Kind gegenüber ein schlechtes Gewissen: sie ist keine gute Mutter.[8] Spätestens hier übernimmt sie das althergebrachte Bild, das man in sie hineingelegt hat als Selbstbild.

Was, wenn eine Mutter in den Status einer Frau – ohne dass sie dies in der Weise reflektiert – zurückkehren möchte, wenn ihr das Opfer des Dienens und Liebens zu hoch wird? Doch sie hat inzwischen ihre Sprache verloren – ist wortlos geworden bei all dem Hunger, den sie doch verspürt. – Um für sich wieder Ruhe zu finden, um von vorne anfangen zu können, muss sie ihre Kinder töten, symbolisch oder real.[9] Anschließend kann sie sich nicht erinnern – oft gesehen in Gerichtsverhandlungen – die Sprachlosigkeit legt ihren schützenden Schleier über das Geschehen.

Solange die Zusammenführung von Geist und Materie, Männlichem und Weiblichen (wie im Märchen geschehen) nicht vollzogen ist, werden Männer unserer Gesellschaften den Kindesmord seitens einer Mutter als schlimmstes auszuübendes Verbrechen anprangern und bestrafen – und Mütter bzw. Frauen in Generalverdacht nehmen, sobald mit den Kindern etwas geschieht. Insbesondere Mütter verinnerlichen diese Kriminalisierung, egal welcher Kategorie die Kindstötung zugeordnet wird. Dazu komme ich im nächsten Kapitel.

Vom Mythos zum Alltag

Die wahre Essenz des Märchens gibt eine Antwort, die sich intuitiv erschließt. Unsere Zeiten sind leider überwiegend unintuitiv, weshalb man angefangen hat, in der Welt des Formalen und der Funktionen weiterzusuchen. Hier einige Ergebnisse von Studien mit Zahlen zu Kindstötungen in der Vergangenheit:

In der Toskana etwa wurden zwischen 1500 und 1700 mindestens zwölf Prozent aller Kinder in Waisenhäusern abgegeben. Allein das größte Waisenhaus in Florenz nahm bis zu 5000 Kinder im Jahr auf. Und die Frauen kannten die Aussichten eines Findelkinds genau: In Sizilien etwa überlebten noch im 19. Jahrhundert ganze 20 Prozent der ausgesetzten Babys. Bürger der norditalienischen Stadt Brescia schlugen vor, man möge über den Toren des Waisenhauses eingravieren: „Hier werden Kinder auf Kosten der Öffentlichkeit getötet.“[10]

Des Themas des Kindesmordes haben sich immer wieder Psychologen und Psychiater angenommen. Einer namens Phillip J. Resnick[11] untersuchte 1969 131 gerichtliche Fälle, in denen Mütter ihre Kinder (Neonatizide – die Tötung von Neugeborenen in den ersten Lebensstunden – hatte er ausgenommen) getötet hatten. Er formulierte daraufhin fünf Kategorien:

  1. 56 % der Fälle fallen auf den altruistischen Filizid: Mütter töten ihr Kind und anschließend sich selbst, um das Kind vor realem oder imaginärem Leid zu bewahren (auch: erweiterter Selbstmord).
  2. 24 % der Fälle sind psychotischer Filizid: Mütter töten unter dem Einfluss von psychotischen Symptomen, Epilepsie oder Delir ihre Kinder.
  3. 11 % entfallen auf die unbeabsichtigte Tötung als Folge aufgrund der Missachtung der Aufsichtspflicht, oder auch eines Unfalls.
  4. 7 % entfallen auf den unbeabsichtigter Filizid oder „fatal battered child syndrome”: das Kind wird misshandelt (geschüttelt, geschlagen etc.) und stirbt dabei.
  5. Lediglich 2 % der Tötungsfälle gehen auf die Rache am Ehepartner zurück: Die Mutter tötet des gemeinsame Kind, um dem Ehepartner Leid zuzufügen, sich an ihm für zugefügtes Leid zu rächen.[12]

Der letzte Punkt wird uns noch weiter interessieren. 1997 erweiterte Ania Wilczynski[13] nochmals die Motive unabhängig vom Geschlecht der Täter und ohne Prozentzuweisungen (Reihenfolge hier also nicht bis in den letzten Punkt absteigend zu verstehen).

  1. Häufigster Grund für eine Tötung ist ein ungewolltes Kind,
  2. gefolgt von der Tötung des gemeinsamen Kindes, um sich am (Ex-) Partner zu rächen, „retaliating killings” (Vergeltungstötung),
  3. Tötung aus Eifersucht auf oder aufgrund von Ablehnung durch das Kind (wobei meist der Vater der Täter ist),
  4. Tötung aufgrund übermäßiger körperlicher Bestrafung des Kindes bei Weinen oder Ungehorsam,
  5. Tötung eines kranken oder geistig retardierten Kindes, zusammengefasst unter Altruismus: „mercy killing”(Tötung aus Gnade),
  6. die Tötung durch einen psychotischen Elternteil oder aufgrund einer Wochenbettdepression der Mutter,
  7. Münchhausen-Stellvertretersyndrom[14], dabei werden – weniger durch Vater – mehr durch die Mutter bei den Kindern Symptome erfunden, übersteigert oder in letzter Konsequenz verursacht, um anschließend medizinische Behandlung und Beachtung für sich selbst zu verlangen; der Tod des Kindes wird billigend in Kauf genommen,
  8. sexueller Missbrauch mit Todesfolge,
  9. Kindestod nach Vernachlässigung ohne Absicht, das Kind zu verletzen oder zu töten, z.B. Unfälle durch Unachtsamkeit.[15]

Was ich bei beiden Autoren nicht explizit gefunden habe, ist die „Tötung eines Kindes aufgrund der Tatsache, dass es das eines anderen Mannes (und damit eines Rivalen) ist“. Am nächsten kommt dem Punkt 3 in obiger Aufstellung. Die Konstellation ergibt sich, wenn ein Mann mit einer Frau mit Kind (Sohn mehr gefährdet als Tochter!) eine Partnerschaft eingeht, dieses nicht-eigene Kind in seiner Nähe heranwächst und damit „Energie“ von der Partnerin für die eigenen Nachkommen verbraucht. Das Kind muss „verschwinden“; ich liege wohl nicht ganz falsch, dass es hier überwiegend die „Stiefväter“ sein dürften, die das Kind des Vorgängers töten.[16]

Einem Interview mit Rudolf Egg, Kriminalpsychologe und Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, ist zu entnehmen:

„Das Bundeskriminalamt untersuchte damals [Anm. 1983] 1650 vollendete Tötungsdelikte an Kindern. Die Ergebnisse überraschten viele: Nur in 80 Fällen war der Täter ein Fremder, 283 Fälle blieben unaufgeklärt. In 1030 Fällen töteten die Eltern – und noch verblüffender: nur 305 Mal waren es die Väter, aber 725 Mal die Mütter. Es ist anzunehmen, dass dies die Spitze des Eisbergs zeigt: Der Anteil der Frauen, die ihr Kind prügeln, dürfte ebenfalls hoch sein.“[17]

Tötungsdelikte von Frauen sind keine Seltenheit. In „Wenn Frauen töten“[18] schreibt der Autor, dass jedes achte Mord- und Tötungsverbrechen inzwischen von einer Frau begangen wird, darunter eben auch überdurchschnittlich viele Tötungen an Neugeborenen. Zwischen zwei Drittel und drei Viertel der Kindstötungen werden von den leiblichen Müttern verübt. Ein Grund hierfür ist sicherlich, dass Frauen nach wie vor auch im Jahr 2019 stärker an der Erziehung der Kinder beteiligt sind und Väter weniger Kontakt mit den Kindern haben. An den Kindstötungen sind nun aber nicht etwa mehrheitlich die berufstätigen, strapazierten Mütter beteiligt, sondern im Gegenteil die berufslosen „guten“ Mütter, die mit den Kindern zu Hause und im Privaten[19] bleiben, sich hauptsächlich ihnen und der Bewahrung des „Familienidylls“ hingeben und dafür den Preis der sozialen Isolation zahlen.[20]

Soziale Isolation erleben auch die alleinerziehenden, erwerbslosen Mütter, deren Zahl in den letzten Jahren gestiegen ist; die Zahl der Infantizide und Neonatizide soll dagegen nicht angestiegen sein. Die Dunkelziffer könnte etwas anderes sagen, denn viele Kindstötungen werden nicht entdeckt oder wann, dann erst nach Jahren. – Inwieweit die mütterliche Überforderung und Mehrbelastung (einhergehend mit postpartalen Depressionen, einer Borderline-Erkrankung, ganzer Komplexe aus psychiatrischen Krankheitsbildern – wie sie in der offiziellen Welt herangezogen werden) in den ersten drei Jahren nach Geburt des Kindes in Relation zu Kindstötung oder erweitertem Suizid steht, bleibt herauszufinden.

Sicher aber ist, dass es jede Woche Meldungen über entdeckte Babyleichen gibt: Nicht selten liegen diese Neonatiziden verschwiegene Schwangerschaften zugrunde. „Die Häufung dieser Fälle und speziell die Massivität derer, in denen Frauen gleich mehrere Kinder hintereinander bekommen und töten, ist ungewöhnlich hoch.“ Grund für den ratlosen, sich dem Geschehen hilflos gegenüber stehen sehenden Psychologen Soyka, sich mehrere Fälle genau anzuschauen – und auch für mich Grund, mich dem Medea-Komplex aus dieser Richtung zu nähern.

Zunächst werde ich einen „Kindsmord“ im Leipziger Zoo betrachten und ihn astrologisch vorstellen.

Bei der Betrachtung der Horoskope habe ich eine Entdeckung gemacht: In ihnen findet sich eine Häufung von Rückläufigkeit, insbesondere der äußeren Planeten, und meistens gibt es auch viele Aspekte zum Mondknoten. Wenn in einem Radix zur Geburtszeit viele (mehr als vier) Planeten mit Rückläufigkeit auftauchen – sagt das doch etwas aus. Von karmischen Aussagen will ich nicht ganz absehen, aber eins ist ziemlich offensichtlich: Zur Geburtszeit rückläufige Prinzipien werden ja auch wieder vorläufig und transitieren den Geburtsstand unterschiedlich schnell nach der Geburt. Auf diese Weise kommen Konjunktionen zustande, die im Leben von anderen Menschen erst viel später – und manche nie – auftreten.   

Medea – mehr als eine Mutter in Rage

Wer war Medea? – Bevor ich weitergehe und mich immer wieder auf eine Frau und Mutter beziehe, von der der Leser vielleicht nur oberflächlich etwas weiß, soll es jetzt um die Namengeberin des Medea-Komplexes gehen.

Anders als Iokaste – eine andere Mutter aus dem griechischen Mythologie-Schatz, die auch ihr Kind dem Tod preis gab – ist Medea mit dem Mann, in den sie sich verliebt hat, in dessen Land gegangen. Sie ist von hoher Geburt, eine Königstochter, aber in der Fremde, in die sie ihrem Mann Jason folgt, ist sie ihrer Stellung beraubt. Auch ist Jason kein glänzender König, sondern einer, der für die Ersteigung eines Thrones erst einmal einige Aufgaben bestehen muss. Eine darunter ist die Wiedererlangung des Goldenen Vlieses aus Kolchis im Kaukasus. Kolchis ist die Heimat von Medea, ihr Vater Aietes der Sohn des Sonnengottes Helios und von Perseïs, einer Okeanide und Göttin des Mondes.

Dorthin – ins heutige Georgien – gelangt Jason mit seinen Argonauten. Medea, göttlicher Herkunft, Heilerin und Gelehrte, hilft dem etwas ratlosen, weichen, aber umso draufgängerischeren Jason gegen den Willen ihres Vaters bei der Beschaffung des sagenumwobenen Widderfells. Sie nimmt sogar den Mord an ihrem Bruder auf sich, kann nunmehr aber nicht in der Heimat bleiben und muss zwangsläufig mit den Argonauten nach Hellas zurückkehren.

Den Thron in Jolkos, den der Halbonkel seinem Halbbruder entwunden hatte und dessentwegen Jason ja nach Kolchis gefahren war – das Goldene Vlies sollte ihm als Lohn den Thron einbringen – macht Peleas nicht frei. Medea (sie ist die Hauptdrahtzieherin) und Jason begehen nicht weniger als drei Morde, um sich an Peleas zu rächen, und müssen ein weiteres Mal fliehen. In Korinth werden sie von König Kreon aufgenommen. Medea gilt dort aber nicht viel, man kann vermuten, dass sie der Sprache nicht mächtig ist, und ihr Status, der in Kolchis ein selbstbestimmtes Leben gewährleistete, ist in Korinth der einer verheirateten Frau und Mutter ohne Betätigungsfeld, sie ist Asylantin, die öffentlich nicht auftaucht. Zauberkräfte werden ihr zugeschrieben, unheimlich soll sie sein – nicht zuletzt wird Jasons Expedition nach Jolkos, der Mord an Peleas‘ Frau und die Zerstörung der Stadt ihrem Zureden zugeschrieben.

Die Griechen sind ein wenig xenophob und gegenüber dem Unbekannten im Verhalten der Fremden misstrauisch. Jason, der Held, hat „Geschäfte“ zu tätigen, er ist ambitioniert. Ein Thron muss her, deshalb möchte er sich mit Glauke, der Tochter König Kreons vermählen. Medea sieht rot. Ihre Ehe in Gefahr, die Familie mit den fünf Kindern in Trümmern, sie gesellschaftlich isoliert –  sie tötet sowohl Glauke und Kreon als auch ihre und Jasons beiden Kinder Mermeros und Pheres. Die Tochter Eriopis und einen weiteren Sohn Polyxenos lässt sie in Korinth, mit dem Sohn Medeios flieht sie nach Athen. Jason wird endlich König von Korinth, doch hat er nicht viel Freude an dem, was er immer hat erreichen wollen. Er nimmt sich in seiner Verzweiflung schon bald selbst das Leben.[21]

Es wird um Kindsmörderinnen gehen. Hier schon einmal eine vorläufige Inhaltsübersicht.

[1] https://www.zeit.de/2009/48/Klein-Muetter-48/

[2] Vor dem Mittelalter bis in die Neuzeit kam es nicht selten vor, dass ein Elternteil sein Kind umbrachte, da er es nicht ernähren konnte. – Über weitere Gründe an dieser Stelle noch nicht mehr.

[3] Vgl. Hausfater & Blaffer Hrdy, Infanticide, 1984

[4] Im zweiten Teil zu diesem Essay werde ich auf die Unterschiede zwischen Euripides und modernen Rezipienten des Medea-Mythos eingehen.

[5] Natürlich muss man, um genau argumentieren zu können, zwischen den mehr patriarchalen und den mehr matriarchalen Gesellschaften, unterscheiden. Das habe ich im Essay „Steht am Ende der Aufklärung der Schleier?“ bereits dargestellt.

[6] Vgl. Mauerer, 2002

[7] Vgl. Rendtorff, 1996:190 und Faludi, 1995: Nur die Frau, die Kinder hat, ist eine „wirkliche“ Frau.

[8] Im Bekanntenkreis beobachte ich mehrere Mütter (30 bis 38 Jahre alt), die den Spagat zwischen Alleinerziehung, Mutterschaft, Geldverdienst unterschiedlich lösen. Eine behält ihr Kind ausschließlich bei sich, denn niemand könne dem Kind mehr Liebe geben als sie (darüber gibt sie ihren Beruf auf). Eine zweite gibt das Kind den eigenen Eltern, organisiert die Versorgung durch den Vater des Kindes mittels Klagen vor Gericht, eine dritte unterhält einen Bekannten- und Freundeskreis, in dem sich das Kind ohne Fixierung ausschließlich auf die Mutter bewegen kann.

[9] Schulte, 1997, Dossier in Die Welt: Tatwerkzeug Windel, 28.3.1998

[10] Sarah Hrby im Interview. Quelle: https://www.zeit.de/2009/48/Klein-Muetter-48

[11] Resnick, P. J., 1969

[12] Rache oder das Zufügen von Leid richtet sich in nicht wenigen Fällen auch auf die eigene Mutter, die die junge Mutter mit der Tötung des Enkelkindes treffen will. Im Fall der Familie N. (https://www.zeit.de/ 1997/14/Tatwerkzeug_Windel) verübte die Mutter in Folge der Tat ihrer Tochter schließlich Selbstmord. Mir wurde im Zuge meiner Recherchen neuerlich klar, welche „Rechnungen“ in Mutter-Tochter-Beziehungen an den Kindern vergolten werden. Es dürfte jedes verprügelte Kind später als Erwachsener den Impuls kennen, sein Kind wiederum als Vergeltung für die elterlich zugeführte Qual zu prügeln. Wer diese Übertragung nicht reflektiert, läuft Gefahr, dasselbe Muster zu leben. Im astrologischen Teil werde ich auch darlegen, welches das ist.

[13] Wilczynski, A. (1997). 419-436.

[14] Frauen, die am Münchhausen-by-proxy-Syndrom leiden, sind überzufällig alleinerziehend oder getrennt lebend, während sie eine durchschnittliche Bildung und entweder einen Beruf im Medizinwesen oder eine Affinität zu medizinischen Berufen aufweisen. Meist führen sie distanzierte Beziehungen, die sie jedoch dominieren, erfahren im Gegenzug jedoch kaum Unterstützung und zeigen auch selbst destruktive Aggressionen, welche sie sich minderwertig, einsam und isoliert fühlen lassen. Generell beinhalten Beziehungen zu anderen Menschen Züge von Misstrauen, Täuschung und Verrat, dabei sind sie auch nicht in der Lage emotional tragfähige und vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen. Die Täterinnen sind  zumeist selbst Opfer von Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung und sozialer Deprivation, die Familiensituation stellte sich meist als schwierig, unzuverlässig und feindselig dar. Einerseits zeigen sich die Frauen in der Öffentlichkeit als die sorgsame Mutter, auf der anderen Seite fügen sie dem Kind im Privaten grausamste Verletzungen zu.

[15] https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/767557

[16] Genau dies ist in der Tierwelt und insbesondere bei Säugern zu beobachten. Übernimmt beispielsweise nach einem Machtkampf der neue Löwenmann das Rudel, tötet er alle Nachkommen seines Vorgängers. Er will sein eigenes Erbgut weitergeben und die Löwinnen sollen sobald wie möglich „damit“ anfangen.

[17] https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/767557

[18] Michael Soyka, 2004

[19] Mauerer weist an einer Stelle darauf hin, dass „privat“ aus dem Lateinischen kommend das Partizip Perfekt Passiv von privare „abgesondert, beraubt, getrennt“ ist.

[20] https://www.emma.de/artikel/kindsmoerderinnen-316921

[21] Unnötig zu erwähnen, dass der Mythos unterschiedliche Variationen hervorgebracht hat. Ganz ausführlich lesen kann man ihn hier: Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, W.H. Roscher (Hrsg.), Leipzig 1890-1897,  http://www.archive.org/stream/ausfhrlichesle0201rosc#page/n45/mode/1up