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ASTROLOGISCHE FRAGMENTE XVI

Absteigen und Aufsteigen – Koma und Nahtod

Ich kann mir keinen Zustand denken,
der mir unerträglicher und schauerlicher wäre,
als bei lebendiger und schmerzerfüllter Seele
der Fähigkeit beraubt zu sein,
ihr Ausdruck zu verleihen.

Michel de Montaigne

Wie Menschen, die eine Nahtoderfahrung machen, sind Menschen, die sich im Wachkoma oder Koma befinden (kurzfristig im ersten Fall, langfristig vielleicht im zweiten) über die Grenzen der Zeit – man könnte sagen: über die Grenzen ihrer Zeit und Gegenwärtigkeit – hinaus geraten. Im ersten Fall verlässt die Person (die ihre Bewusstheit und damit Seele ist) ihren Körper. Bleibt dieser Zustand länger bestehen, und der physische Körper unbewohnt zurück – ist er dem Verfall geweiht.

Im zweiten Fall ist die Person ohne Bewusstsein und seelisch gequält in ihrem Körper gefangen. Der bleibt zwar – solange er mit allem Nötigen von außen versorgt wird – vegetativ funktionsfähig, doch es herrscht Verdunkelung.

Von der Richtung aus gedacht: In der Nahtoderfahrung verlässt die Seele (II. Quadrant) über das Imum Coeli durch den I. Quadranten über den AC (und lässt den Körper hinter sich) in den IV. Quadranten, und dort in das „Lichte“ hinein (11. Haus). – Die langfristige Koma-Erfahrung ist die Bewegung bzw. der Gang vom III. Quadranten durch den II. Quadranten, über das IC (Geist und Seele hinter sich lassend) in den I. Quadranten, und hier eigentlich ins 2. Haus, nicht nur „irdisch“, sondern ohne Geist „unterirdisch“. Es stehen sich hier auch die entsprechenden Häuser gegenüber: hier das Lichte (11. Haus zu 5 mit dem Feuer des Lebens) und dort das Dunkle (2. Haus zu 8 dem Vorbereiter der Gegenwart bzw. der Abstieg von der Gegenwart in den Hades).

Ab dem Überschreiten der beiden Tore AC und IC ist eine Wiederkehr nicht mehr möglich. Im Fall der Nahtoderfahrung geht die Bewegung aufwärts (über den Ascendenten), im Koma-Zustand geht die Bewegung abwärts über den Descendenten.

Das Aufsteigen mit dem Verlassen des Körpers und seinen Nöten führt an die Tore des Himmels (dort vermuten wir nur Positives, vor allem das Paradies), das Absteigen führt dagegen an die Tore der Hölle, die vor allem die Christen „unten“ vermuten. Das Nahtod-Erlebnis verändert die Menschen, welche es erleben, in anderer Weise als die Stippvisite in der Hölle. Aber auch der Himmel – außermenschlich und kühl-lichten – ist nicht nur positiv, das sei schon einmal angekündigt. Auch im Himmel lauern Gefahren.

Das Koma allerdings gibt eine Ahnung von mehr als nur der Hölle, sondern zudem von Tartaros, also jenem Teil, der als persönliche Hölle noch unter Hades liegt. (Im zweiten Petrusbrief (2 Petr 2,4 EU) bezieht sich Tartarus auf den Ort, in den die Dämonen (die abgefallenen Engel) von JHWH verbannt werden und an dem bis zum Gericht eingeschlossen bleiben. Außerdem könnte Tartarus ein Synonym für Abgrund sein. Im Lukasevangelium (Lk 8,31 EU) bittet ein Dämon namens Legion (als Synonym für „Viele“) Jesus Christus, ihn nicht in den „Abgrund“ zu schicken. Ebenso soll nach der Offenbarung des Johannes der Drache (oder Satan) für eintausend Jahre im Abgrund gefesselt werden, bevor er für kurze Zeit freigelassen und dann vernichtet wird (Offb 20,3 EU).

Das hebräische Wort Sheol hat in vielen anderen semitischen Sprachen keine Entsprechung, im Amharischen findet sich allerdings das Wort ሲኦል (siol) „Hölle“ und in Tigrigna (Äthiopien, Eritrea) der Begriff Schaul. Seine Etymologie ist ungeklärt. Es wird im Tanach stets ohne bestimmten Artikel verwendet und ist deshalb vermutlich ein Eigenname. Die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Alten Testaments, verwendet an den entsprechenden Stellen das griechische Wort Hades (Ἅδης, z. B. in Ps 16,10 EU). Das griechische Neue Testament greift diese Übersetzungswahl auf, z. B. in Apg 2,27 EU.
Alte Übersetzungen ins Deutsche gebrauchten zumeist das Wort „Hölle“, siehe z. B. Psalm 16,10 in der Lutherübersetzung von 1545. Neuere deutschsprachige Bibelübersetzungen verwenden meist Begriffe aus dem Wortfeld „Totenreich“.

Nun gut. Im Zusammenhang mit Lazarus werde ich dazu noch mehr schreiben, aber nicht hier. Wie ich auf Lazarus komme? – Die Antwort versteckt sich in zwei Filmen.

Der Mann von Anthea und die „Unfähigkeit“ zu sterben

In „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (im Original The man who fell to earth) ist nicht erst durch das Verb („fallen“) die Richtung angegeben. Der „Außerirdische“ vom Planeten Anthea ( griechisch: Ἄνθεια, „Blüte“ ist ein Beiname der Göttin Hera, und ein häufiger englischet Frauenvorname) ist wie alle Bewohner Antheas überaus intelligent, die Antheaner sind der irdischen Menschheit um Jahrhunderte voraus – leider auch in der Zerstörung ihres Planeten, auf dem sie unter Wasser- und Energiemangel leiden. – Nun kommt einer von ihnen auf einen Planeten, der in seiner Entwicklung so weit von ihrem Niveau entfernt ist, dass er mit der fortgeschrittenen, mitgebrachten Technologie bald Reichtümer scheffeln kann. Er will damit Raketen und Raumschiffe bauen, um seine Familie von Anthea abholen zu können.

Der Verlust des Wassers (Neptun als Prinzip der Gestalten des Lebens untergegangen) führt zur Notwendigkeit, sich „nach unten“ zu orientieren. Die Eigenschaften der Menschen werden im Film als körperlich dargestellt: Sexsucht bei gleichzeitiger Lieblosigkeit, Alkohol und Drogen, Konsum und Körperkult sind an der Tagesordnung und betäuben die Sinne. Die restliche noch vorhandene Wirklichkeit des Antheaners geht zunehmend verloren. Es ist nicht nur der Alkohol, der ihn schrittweise zerstört: es ist der „irdische“ Umgang mit sich selbst, und es ist die wissenschaftliche „Neugier“ der Erdbewohner, die nicht davor halt macht, den einmal als Alien Erkannten Tests und Experimenten zu unterziehen. Positive Skorpion-Energie wandelt sich zunehmend in negative, zerstörerische: der Außerirdische ist weder zu Liebe noch zu Zeugung fähig, er ist geschlechtslos und mechanisch geworden. Die Humanoiden der Erde traktieren den Humanoiden von Anthea mit Röntgenstrahlen; der Mann erblindet und versinkt in Dunkelheit. Er wird nicht wieder nach Anthea gelangen, sondern im irdischen Dunkel vegetieren, denn er hat seine Gegenwart verloren.

Ausschnitt aus dem Trailer: der vertrocknende Planet

Ein Beispiel zum Wachkoma findet wir in WD S. 222, 25.8.1995, es fehlt der II. Quadrant … das ist die Abwesenheit von Leben: das Nicht-da-Sein wird als Erscheinung dargestellt (in Haus 2?).

Das heißt, Gegenwarten, die ausgelassen sind, kehren nie mehr wieder, weil eine Gegenwart nur einmal da ist. Sie können die fehlenden Gegenwarten seines regulierten Flusses nicht mehr einholen, weil die Gegenwarten der Amsel, die da sitzt, und der Fisch, der da hochspringt, und die Mücke, die da fliegt, und die Welle, die gegen das Ufer schlägt, – diese Gegenwarten können Sie als Geschehen einer Gegenwart nicht mehr herholen.

Friedrichstadt-Seminar, Donnerstag-Nachmittag, 14. November 1996 in: Die belegte Gegenwart, B. 13

Das Wesen des Wachkomas aus medizinischer Sicht:

  • Erstens zeigen viele Wachkomapatienten, ob nach Trauma oder Hypoxie, erhebliche Symptome eines gesteigerten Sympathikotonus, auch als „vegetative Stürme“ oder zentrale vegetative Dysregulation bzw. Dysautonomiesyndrom bekannt.  Die Patienten zeigen Unruhezustände sowie enthemmte emotionale Reaktionen in Ruhe wie auch auf externe Reize wie Schreckhaftigkeit, Errröten, Schwitzen, schnelles Atmen, Blutdruck und Herzfrequenzanstieg, spastisch-erstarrte Muskeltonusveränderungen, einen angespannten starren Gesichtsausdruck mit Stirnfalte und andere Unmutsäußerungen. Auf der unmittelbaren Wahrnehmungsebene wirken die Patienten gestresst, verängstigt und panisch, gleichzeitig bleiben ihre Bewegungen im spastisch gebeugten Körper eingebunden. Blickkontakt wird vermieden, die Patienten wirken nicht attent, sondern wie abwesend, schauen durch einen hindurch und wirken dann auch erschöpft und teilnahmslos. Alle genannten Symptome finden sich auch im Symptomenkomplex einer akuten traumatischen Belastungsreaktion.
  • Zweitens weisen Wachkoma-Patienten im Dauerstress  im Blut unterschiedliche Cortison- und Noradrenalinspiegel (NA; das „zentrale“ Adrenalin) auf. Untersuchungen haben gezeigt, das Patienten mit pathologisch erhöhten Stresshormonen eine geringere Fähigkeit zur neuroplastischen Erholung (McMillan 1999) und damit auch ein schlechteres Outcome im Hinblick auf „Erwachen“ und „Überleben“ haben (Preger 2002).
    Das Stresstrauma schädigt nicht nur strukturell, sondern es bindet und fixiert Energien, die in Form des sog. Dysautonomie-Syndroms eine vegetative Instabilität anzeigen, d.h. eine mangelnde Fähigkeit zur organismischen Selbstregulation und Selbststabilisierung, die mit Blick auf eine neuroplastische Regenerierung und auf eine Selbstaktualisierung mit Entwicklung einer gerichteten Kontaktaufnahme zum sozialen Bezugsfeld dringend benötigt werden.
  • Drittens lassen sich mit Hilfe neuer bildgebender Verfahren (SPECT, MRT, PET, MEG) bei vielen Wachkoma-Patienten in Ruhe und unter Stimulation eine residuale inselförmige kortikale Aktivitäten nachweisen, wie sie beim Gesichtererkennen, Erkennen von vertrauten Stimmen, Produktion von Sprechautomatismen und anderen Aktivitätszuständen wie Träumen und Gestresstsein (Angst, Schmerz) vorkommen. Man kann sogar zeigen, wie eine gestresstes Gehirn „verstummt“ (Inaktivität der Broca-Sprachregion) und dass der rechte Mandelkern (Amygdala) aktiviert ist. Das klassische Verständnis, wonach es beim sog. apallischen Syndrom zu einer vollständigen Entkopplung von Hirnstamm und Großhirnrinde und zu einem völligen Erliegen der kontrollierenden Großhirnrindenfunktion mit Enthemmung der niederen Funktionszentren gekommen sei, scheint nach diesen Befunden so nicht mehr aufrecht erhalten werden zu können. Es scheint sich eher um eine hochgradige Diskonnektion und Dissoziation neurofunktioneller Systeme und Funktionskreise zu handeln.
  • Viertens ist bekannt, dass starker traumatischer Stress am Gehirn selbst zu substanziellen Veränderungen in der Gehirnstruktur und Plastizität führen kann. Mit Hilfe bildgebender Verfahren konnte bei amerikanischen Kriegsveteranen nachgewiesen werden, dass anhaltende schwere Stresseinwirkungen zu nachhaltigen Strukturänderungen mit einer Reduzierung der Synapsendichte und Verminderung des Hirnvolumens (Atrophie) führen kann, insbesondere im Hippokampus wie auch im orbitofrontalen Kortex, die bekanntlich die Aktivität des Mandelkerns kontrollieren, der wiederum für die unbewußte Bewertung belastender und bedrohlicher Ereignisse zuständig ist und den Körper automatisch zu entsprechenden Anpassungsleistungen wie Rückzug, Vermeidung, Flucht oder auch Kampf veranlasst. Durch Verlust der kortikalen Kontrolle wird die Aktivität des Mandelkerns ungehindert freigesetzt (Alarmreaktion, „Rennstrecke“; vgl. Andraesen 2002).

Somit kommt den psychischen Stressoren neben dem physikalischen Impakt auf das Hirngewebe eine gleichsinnige Bedeutung zu. Sie stehen mit den physischen Regulationsvorgängen in enger Wechselwirkung und können für die Entstehung und Ausgestaltung „neuropsychotraumatologischer“ Symptome und Syndrome wesentlich mit beitragen. Der Zugang zum sozialen Gehirn des Menschen und seinen Schädigungen verlangt stets eine interdisziplinäre und integrierte Sichtweise vom ganzheitlichen Menschen mit einem Hirntrauma und Erleben (Todorow 1978).

Vom Standpunkt eines neuropsychotraumatologischen Ansatzes bleibt hervorzuheben, dass Entstehung und Verlauf des Wachkomas auch durch psychotraumatologische Faktoren hervorgerufen werden kann, die das Gehirn zusätzlich funktionell beeinträchtigen und schädigen. Beide Seiten des Entstehungsprozesses lassen am besten in einer “Neuropsychotraumatologie” integrieren. (aus: Zieger / Oldenburg, 2003)

WD: Mythos, S. 263 ff, Venus-Merkur ist eine Sperre = wir haben keine Gegenwart und die Veränderlichkeit ist ausgeschlossen.

Lesen wir den Film als Gleichnis oder als Parabel, zeigt sich uns ein Menschenleben unter Menschen. Ein Bekannter des Regisseurs gab vor einigen Jahren in einem Interview an, erst sehr viel später verstanden zu haben, dass Roeg in diesem Film von sich selber gesprochen habe. ER sei der Mann gewesen, der vom Himmel gefallen sei. Wundert uns das? Die Vorlage zu diesem Film schrieb übrigens ein Fisch (Walter Tevis, gleicher Geburtstag und Jahrgang wie Wolfgang Döbereiner), ein Löwe hat sie umgesetzt: Nicolas Roeg (gleicher Jahrgang wie Wolfgang Döbereiner). Mehr zu diesen beiden weiter unten.

Interstellar und das Verlassen der Erde

Im Film Interstellar liegt die umgekehrte Richtung vor. Ja, man könnte von einem Nahtoderlebnis sprechen. Das Leben (4. und 5. Haus) auf der Erde (Gäa, 2. Haus – Stier) ist gefährdet und es stellt sich von „hier unten“ (geozentrisch) die Frage nach einem Ausweg und einer Möglichkeit zum Überleben im „Oben“, sprich im Himmel.

Der heißt natürlich nicht „Himmel“, sondern Weltraum oder Universum. Wie beim „Koma“ ist ein traumatisches Erlebnis, eine traumatisierende Einsicht das erste Tor, das durchschritten wird. Beim Nahtod-Erlebnis wirft der Betreffende einen „Blick in die Ewigkeit“, und verlässt seinen Körper. Viele Nahtod-Erfahrene (z.B. Alexander Eben, geboren am 11.12.1953 in Charlotte, North Carolina oder Betty J. Eadie, 1992, geplant als Film mit dem Titel „Embraced by the light“ oder der Film „Wenn ich bleibe“) beschreiben ihr Erlebtes als den Wendepunkt ihres Lebens, ähnlich einem Erleuchtungserlebnis. Eben publizierte 2014 noch ein zweites Buch mit dem deutschen Titel „Vermessung der Ewigkeit“ – auf die Vermessung komme ich etwas weiter unten zurück! Versprochen.

Zurück zu Joseph A. Cooper und Amelia Brand. Sie und zwei weitere Astronauten verlassen die sterbende Erde in Richtung Saturn (Achtung: Grenze) und Wurmloch, um in einer anderen Galaxie die drei als bewohnbar in Frage kommenden Planeten zu suchen. Vieles geht schief auf ihrer Mission (Murphys Gesetz: Alles, was schief gehen kann, geht auch schief!), schließlich gipfelt die Sammlung der Misserfolge im wiederum misslingenden Rückkehrversuch vom zweiten aufgesuchten Planeten. Cooper muss sich mit einer Landefähre („Zwang der Bedingungen“ und ohne Alternative) und seinem Roboter TARS in das Schwarze Loch Gargantua manövrieren, während Brand zum Wüstenplaneten, auf dem Wolf Edmunds gelandet war, fliegt. Vorausgreifend: der Planet wäre tatsächlich für ein Fortleben der Menschheit geeignet.

Nun befindet sich Cooper im Schwarzen Loch – zur Erinnerung (hoffe in meinem Unverständnis der größeren Relativitätszusammenhänge fasse ich dies richtig zusammen): Durch ihre starke Gravitation krümmen Schwarze Löcher den Raum um sich herum. Daher verlaufen Lichtstrahlen in ihrer Umgebung nicht mehr geradlinig, sondern werden gebogen. Albert Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie hatte solche Raumkrümmungen vorhergesagt, inzwischen konnten Astronomen diese bestätigen. Je größer die Anziehungskraft eines Objekts, desto größer auch der Ablenkeffekt – bis die Lichtstrahlen bei einem Schwarzen Loch auf eine Kreisbahn gezwungen werden und dieses nicht mehr verlassen können. Die gesamte Masse eines Schwarzen Lochs konzentriert sich in einem einzigen Punkt mit unendlich hoher Dichte und unendlich starkem Gravitationsfeld, einer sogenannten Singularität, die das Zentrum bildet. Um die Singularität herum gibt es eine Grenzfläche, jenseits der Materie und Ereignisse für einen diesseitigen Beobachter unsichtbar bleiben: der Ereignishorizont. Ein Schwarzes Loch ist das Endresultat aus einem Zusammenbruch bzw. Zusammenfall eines großen Sterns bzw. einer Sonne im Sinne einer Implosion.

Ausschnitt aus einer Animation zu einem „Schwarzen Loch“.

Cooper bleibt allerdings nicht im Zentrum des Schwarzen Lochs Gargantua stecken, sondern im Ereignishorizont und findet sich dort in einem von Massenwesen geschaffenen Tesserakt – einem vierdimensionalen Hyperwürfel und eine dreidimensionale Darstellung einer fünfdimensionalen Welt – wieder. Der Tesserakt ermöglicht Cooper die Kommunikation mit seiner Tochter Murph, d.h. Cooper ist in der Lage, die Zeit selbst als physische Dimension zu manipulieren. Die Massenwesen sind in der Zukunft existierende Menschen, die eine extrem fortschrittliche Technologie besitzen, sich bis zur Existenz außerhalb der vier Dimensionen von Zeit und Raum entwickelt haben, ungeahnte Mengen an Energie nutzen können und Zugang zu allem Universum haben. Cooper überträgt „Quantendaten“ an seine Tochter, die ihr und der Menschheit helfen, das Gravitationsproblem zu lösen, und sie beginnen können, Raumstationen im Saturnorbit zu bauen, womit sie dem Erdentod entkommen. Mit Ende der Datenübertragung wird Cooper zum Wurmloch in der Nähe vom Saturn zurücktransportiert. Dort findet man ihn.

Keine weiteren Einzelheiten aus dem Film, doch bis hierhin ist meine Deutung, dass wir einen „Blick in die Ewigkeit“ tun und die Schwere des Erdenlebens überwinden, sicher nachvollziehbar.

Das bringt mich kurz auf Memento Mori: Sei dir der Sterblichkeit bzw. Vergänglichkeit bewusst. Unser erster Protagonist Newton – der, der vom Himmel kam – endet im Dunkel, aber er kann nicht sterben, denn er ist ein Unsterblicher. Das ist ein auswegloser Zustand. Der zweite Protagonist, der zurückgekommene, sieht seine gealterte Tochter sterben, was ihn dazu bewegt, die Verbindungen zur Erde endgültig hinter sich zu lassen und sich in die Neue Welt, den Planeten Mann (zu Brand) aufzumachen. Die Aufforderung „Bleib!“ klang zuvor mehrere Male an.

Auch diesen Film können wir als Parabel und Gleichnis lesen: Wieder ist die Zerstörung des Lebensraumes (des Raumes, innerhalb dessen die Gestalt des Lebens sich ausdrückt) der Ausgangspunkt einer Reise, die der Suche nach Lebensrettung gilt. Die Heimat (die Seele) muss aufgegeben werden, sie ist nicht mehr zu retten. Im einen wie im anderen Film geht es um die Familie, das „vergrößerte“ Ich, das den Menschen ausmacht, ihn über sich hinauswachsen lässt – oder scheitern, wenn er von ihr getrennt wird.

Nun ja, verzeihen Sie mir den kühnen Streich mit dem Nahtod und dem Koma. Es ist ein wenig mit mir durchgegangen – war doch aber trotzdem einen Text wert. Über die Grenze des Saturn bzw. die des Apoll kann man nicht oft genug sinnieren und sich die Darstellungen in Filmen und Erzählungen vor Augen führen.

„Und wenn die Grenze zu diesem Saturn hin durch den Merkur überschritten ist, nämlich durch die Ausübung von Erscheinung, dann ist der Saturn als Gestaltgeber der Zeit entmachtet. Können Sie sich nicht vorstellen, daß wenn der Mensch die natürlichen Grenzen des Gewachsenen verläßt, – wenn auch mit allen möglichen Sicherheitssystemen, – der Saturn entmachtet ist?
Der Saturn hat Ihnen die Gestalt und die Zeit des Daseins nicht dafür gegeben, daß Sie mit dreihundert Stundenkilometer um den Nürburgring rasen, weil Sie das ohne das Gerät nicht könnten. – Verstehen Sie, was ich meine?
Jetzt werden Sie mir sagen: „Das ist absurd, die Welt hat sich so entwickelt.“ Was heißt „sich entwickelt“? Das ist keine Begründung, das ist eher ein Jammer. Es ist dadurch die Bestimmung des Daseins unterlaufen. Für die Alten, wir haben doch gesagt, – da muß ich mich jetzt wiederholen: Wenn ein einzelner Fisch als Erscheinung in der Gestalt des Fischseins, – die Gestalt ist immer primär, die Erscheinung immer sekundär, – auf der Promenade spazierengeht, ist er hin, weil er die tödliche Grenze zum Apoll verletzt hat. – Begriffen?
Das Verletzen der tödlichen Grenze zum Apoll, das ist die Entmachtung des Saturn. Wenn der Mensch sagt. „Wenn ich als einzelner schon nicht ewig und unvergänglich sein kann, dann will ich es wenigstens in der Kolchose, nämlich als Kollektiv. Dann will ich wenigstens, daß das Kollektiv überlebt.“
Ist das klar mit dem Saturn? – Wenn Sie die Grenze zum Apoll überschreiten, müssen Sie zur Erscheinung der Absicherung ihrer Überschreitung werden. Das heißt, Sie sehen mit einer Tauchermaske nicht mehr wie ein Mensch aus. Wenn Sie als Skispringer runterspringen, haben Sie eine Maske vor dem Gesicht, da sehen Sie eher wie ein Raubvogel aus, aber nicht wie ein Mensch. Sie werden zur Erscheinung der Sicherung Ihrer Verletzung des Saturn. Sie werden zur Erscheinung des Absicherns Ihrer Schuld.
Noch anders, Sie werden zur Erscheinung der Absicherung Ihrer Sünde, – klar genug?“

WD, Seminarband 23, Die Regelung der Bestimmung

Das Kapitel, das Sie gerade gelesen haben, ist Teil eines längeren Textes, der sich mit dem „Überschreiten der Grenze“ und der Auferstehung des Lazarus beschäftigt.

Gekommen bin ich auf das Thema, als ich zum 3. oder 4. Mal den Sci-Fi-Film „Interstellar“ anschaute. Das Thema „Zeit“ darin fesselt mich. Was physikalischerseits hinter dem im Film thematisierten Phänomen steht, mit den Wurmlöchern, der Verhältnismäßigkeit von Zeitdauer zu Gravitation und der Wirkung bzw. Bedeutung von Schwarzen Löchern – vermag ich intellektuell nicht zu erfassen. Der Inhalt indes – nebenbei die Frage danach, was es mit Eheleuten oder Eltern macht, wenn sie ihre Partner oder Kinder altern und schließlich sterben sehen, während sie selbst „ewig“ jung zu bleiben scheinen – beschäftigt mich sehr viel weniger intellektuell als – wie sagt man da? – lebensgestaltmäßig. Eine Menge anderer Leute interessiert und fasziniert Zeit-Thema vielleicht ebenfalls

Wir befinden uns vor Apollos Tor an der Grenze der Zeit. Der griechische Gott wird in vielen Quellen und Mythen mit dem Sonnengott Helios gleichgesetzt, er ist zuständig für Kunst, das Licht und noch einiges mehr – doch diese Spur verfolge ich nicht weiter. Bleiben wir im Bild der Grenze und der Gestalten. Mensch auf der Erde zu sein, heißt sterblich und endlich zu sein. Seitdem nun die NASA mit ihrem Apollo-Raumfahrt-Programm die Erde verlassen hat, überschreiten die Menschen nicht nur in Raumschiffen die Grenze ihrer Gestalt des Daseins. Um die gewachsenen Grenzen überschreiten zu können, brauchen sie allerdings Hilfsmittel. Die Astronauten in ihren hochtechnischen Weltraumgefährten sind darin Vorgang ihrer Maschinen. Sie bedienen die Geräte, müssen sie überwachen, warten und einstellen. Um dort „oben“ überhaupt als Vorgang existieren zu können, brauchen sie außerdem entsprechendes Equipment zur Absicherung. Aus sich heraus könnte niemand dort leben – das All ist einfach nicht für Menschen gemacht. Mit der Ankunft auf dem Mond haben die Menschen eine Grenze überschritten, und damit ihr Dasein verloren. (WD, Die apokalyptischen Reiter, S. 313, 329) Die Gestalt unseres Daseins erst gewährleistet, dass wir eine Erscheinung im Sinne eines Körpers sind und eine Gegenwart „haben“.

Der Mythos des Apoll sagt: wenn du diese Grenze überschreitest – stirbst du! Nun leben wir vielleicht biologisch weiter, fallen jedoch aus der Zeit heraus. Wie sieht das aus? Ohne Gegenwart müssen wir tätig werden, wir müssen immer etwas „tun“. Ohne Tun existieren wir nicht mehr.

Gut, ich gehe mal weiter schreiben… Das mit dem Tun und dem Tätigsein muss noch weiter gefeilt werden, und ein Kapitel über Löwen – die echten und die tierkreismäßigen – steht auch noch aus.