Home » LESESTOFF » ASTROLOGIE » ASTROLOGISCHE FRAGMENTE XII

ASTROLOGISCHE FRAGMENTE XII

HILF MIR, ES SELBST ZU TUN

ODER

Sei deine eigene Chairperson, die Chairperson deiner selbst!

„Identität ist immer die Identität des Individuums. Die des Einzelnen. Nämlich, indem er sich selbst der Selbe ist. Und das, was er als das Selbe erkennt, sich darin auch das Selbe sein kann. Im Erkennen des Menschen kann das Wesen der Dinge anwesend werden. In dem ihr die Dinge seht, führt ihr sie zu Gott zurück. Schaut was ihr alle tut, sagt Meister Ekkehard.“

„Die Stetigkeit des Selben in der Identität führte in der griechischen Philosophie zu dem Begriff der ousia – οὐσία, das Wesen oder das Wesentliche. Im Lateinischen wurde es zur essentia, abgeleitet von esse – sein. Die Istheit. Im Deutschen wurde es sowohl zu dem Verb ist als auch zu Wesen, das dem griechischen ousia lautlich nahesteht.“ (Herbert Antonius Weiler: Quelle)

Im heutigen Fragment werde ich mir zwei bekannte Frauen (Jungfrau-Geborene aus dem August) anschauen. Das nicht nur, weil ich selbst eine Jungfrau-Geborene bin, sondern weil mich einige Leute danach gefragt haben. Ihre Frage bzw. die Überlegung dahinter: Neptun läuft durch das Gegenzeichen – das macht doch auch etwas mit den „Jungfrauen“ (den Schützen, den Zwillingen natürlich auch, hier im Quadrat stehend), deren Planeten im Zeichen Jungfrau durch die langsame Neptun-Wanderung über Jahre bestrichen werden? Darauf werde ich allerdings nicht eingehen, wichtiger sind mir heute andere Zusammenhänge. Doch zunächst etwas zu zwei Geburtstagsgruppen:

27. und 28. August – Das Arrangement

Sie sind in eine Familie hineingeboren, die im Traditionellen, sei es weltanschaulich oder religiös, fest verwurzelt ist. Die existentielle Verunsicherung und Unentschiedenheit des Vaters zur Zeit Ihrer Geburt kann sich deshalb eindrucksmäßig nicht voll auswirken. Zwar ist im späteren Verhalten ein Sicherheitsverlust spürbar, innere Beunruhigbarkeit, unterschwelliger Vertrauensmangel gegenüber Formen und Zuständigkeiten der Umwelt, daraus eine hellhörige Wachsamkeit, ein „Auf dem-Sprung-sein“. All dies wird aber für die Lebenshaltung allein nicht bestimmend. Gestützt durch das traditionelle Bewusstsein, kommt es zum Willen zur Ordnung, zur vernünftigen Anpassung an die Bedingungen, zur Opportunität gegenüber der Vernunft. Der Spannungsraum dieser „Uneinheitlichkeit im Rahmen des Einheitlichen“ wirkt außergewöhnlich fruchtbar: einerseits Hellhörigkeit, Instinkt für Zusammenhänge und Möglichkeiten, kritische Distanz und Bewusstheit, andererseits darstellende und konstruktive Fähigkeiten, Begabung für optimale Verwertung und Verarbeitung, Klugheit.

Der Geburtstag des 27.8. fällt in die Gruppe II nach W. Döbereiner, von der er weiter sagt, dass die hier Geborenen eine beunruhigte Kindheit und eine belastete Vaterbeziehung hätten. Daraus ergebe sich eine innere Unruhe und aus dieser eine kritische Distanz. Ob zu sich selbst oder der Umwelt, geht nicht eindeutig hervor, das bleibt im Einzelfall nachzuschauen. Die kritische Distanz verstärke in jedem Fall den Drang, sich der Umwelt, also den Umständen, die einen als Subjekt umgeben, bewusst zu versichern.

27.8.1912, Berlin, 13:45 Uhr, Quelle: https://www.astro.com/astro-databank

Ruth Cohn ist eine Jungfrau vom 27.8., geboren 1912 in Berlin, der AC liegt auf 2.6° Schütze, d.h. in der Nähe der Gruppenschicksalspunkte Mars-Pluto/Merkur-Saturn. Ihre Sonne steht auf 3.8° Jungfrau; auf 3° Jungfrau finden wir den Gruppenschicksalspunkt von Sonne-Saturn. Jupiter und Saturn stehen in Opposition zueinander, Saturn in Konjunktion zum DC im 7. Haus. Sonne und Mond stehen ebenfalls in Opposition zueinander von Haus 9 zu 3. Der Mond als Verbundanführer auf 0.3° Fische im Quadrat zu Saturn und zu Jupiter. Da haben wir viel zu deuten, denn auch Uranus-Neptun erzählt eine Geschichte mit ihrer Opposition von Haus 2 nach Haus 8: Uranus auf 0.2° Wassermann, ihn überlief in den letzten Tagen Mars, während die laufende Venus eine Konjunktion mit Cohns Radix-Pluto eingeht. Mars und Pluto stehen in einem Quadrat zueinander und gehören zur Exposition, zur Angangslage. Nehmen wir die Uhrzeit zunächst als zutreffend an – sehen wir, dass die MC-IC-Achse genau auf den Kardinalpunkten von Waage und Widder liegen.

31. August und 1. September – Umweltversicherung

Durch die Geschlossenheit der Familie sowie durch eine Beunruhigung der inneren Stabilität um die Geburtszeit wird das Unterbewusstsein des Kindes beeinflusst (und beengt). So führt eine unterschwellige Gefühlsunsicherheit im späteren Verhalten zu dem Bedürfnis, sich der Umweltbedingungen zu versichern, sich ihrer bewusst und ihrer habhaft zu werden. Zu diesem Zweck entwickeln sich besondere Eigenschaften für Untersuchung, Beobachtung, Methodik, Systematik und ein Blick für Nutzbarkeit und Verwendbarkeit der Dinge im Rahmen der Vernunft. Durch diese notwendig gewordene Anpassung an die Umweltbedingungen und durch die Abhängigkeit von ihnen relativiert sich das Standortgefühl. Es entstehen seelische Unruhe (immer auf dem Sprung) und eine ständige Angst, die Umwelt nicht mehr erfassen zu können, also Angst vor dem Unberechenbaren. Von da her ist der Trieb verständlich, ständig „in Frage zu stellen“ bis bloßzustellen. Die herausfordernde Skepsis dient als Schutzverhalten, bei einem gleichzeitigen Offenlassen von Möglichkeiten (Versäumnisangst). Schutz wird vielfach in weltanschaulicher Sicherung und in einer Konzentration der Mittel gesucht. (Ich danke einem lieben Kollegen für die ZurVerfügungstellung der Abschriften dieser und der obigen Textstelle aus den Döbereinschen „Horoskopen für jeden Tag“.)

Der 31.8. fällt in die III. Gruppe der Jungfrauen, die bis zum 7.9. reicht (W. Döbereiner). Kennzeichnend für diese Gruppe ist, dass große Sensibilität und Verletzlichkeit nahezu zwangsläufig dazu führen, nach Konzepten der Sicherheit zu suchen. Es ergebe sich dadurch eine Vorstellungsgebundenheit bzw. Leitbildhaftigkeit.

31.8.1870, 3:30 Uhr, in Chiaravalle, Italien, Quelle: https://www.astro.com/astro-databank

Maria Montessori ist am 31.8.1870 in Chiaravalle/Italien geboren. Ihre Jungfrau-Sonne liegt auf dem Gruppenschicksalspunkt von Mars-Jupiter im 2. Haus. Der AC auf 14° Löwe hat die Venus knapp darauf im 12. Haus als Herrscher vom MC und Herrscher von Haus 2: Stier und Waage. Kuriosum im Vergleich zum Horoskop von Ruth Cohn: Spitze Haus 3 und Spitze Haus 9 stehen auf knapp 0° Waage und 0° Widder, sind also um ein Haus verschoben. Der Herrscher vom Verbundanführer Krebs (Mond) steht im Skorpion in Haus 4 auf einem Merkur-Uranus-GSP und hat keine weiteren Aspekte. Auch Maria Montessori hat einen Uranus-Neptun: im Quadrat von Haus 12 (Mars-Uranus) nach Haus 9 im Widder. Im Anfangszeichen Krebs stehend gehört dieses Quadrat mithin zu ihrer (Lebens-)Exposition. Der Merkur als Bewegungselement des Verbund-Endzeichens steht in Haus 3 in der Waage – sie reicht also einen realen Bestand in die Ausübung. Beiden Frauen ist auch der Jupiter-Saturn gemeinsam: Maria Montessoris Saturn im Schützen hat eine Opposition zum Jupiter in den Zwillingen (von Haus 5 zu Haus 11); die Opposition von Cohns Saturn geht vom DC in den Zwillingen zu Jupiter im Schützen. Von dieser Konstellation wir weiter unten noch mehr die Rede sein.

Was „will“ eine Jungfrau?

Damit das Thema „Jungfrau“ (die ein Erdzeichen, weiblich und veränderlich ist) verständlicher wird, noch einige Stichworte zur  Rolle der Verhaltenslage (nach der Münchner Rhythmenlehre). Auch die Jungfrau – wie alle Sonne-Anlagen – ist verzaubert und muss verschiedene Aufgaben lösen, um erlöst, entzaubert zu werden, dies als ein Verhalten in Entwicklung mit verschiedenen Stufen und Ereignissen. Das Verhalten ist – im Gegensatz zu den Anlagen im Aszendenten – bewusst erfahr- und steuerbar – natürlich in den Grenzen seiner Möglichkeiten. Der II. Quadrant ist der Quadrant des Subjekts.

Ausgangszeichen KREBS

Die Empfindung und Verinnerlichung. Das Finden einer Ausdrucksform. Die Besinnung auf innere und inhaltliche Zusammenhänge. Das Wesentliche der Dinge und des Lebens. Die seelische Energie der inneren Bilder und die Orientierung aus dem Empfinden, die Behausung.

Das Sicherheitsgefühl ist abhängig von der seelischen Identifizierung mit der Umwelt. Daher – verletzlich und gefühlslabil – entwickelt sich, als Kontrolle der eigenen Gefühlswelt und als Schutz, ein formales und präzises Distanz-Denken. Somit entsteht die Gefahr, im Alter zu dogmatisierend (stilisierend) zu sein.

Durchführungszeichen LÖWE

Die unmittelbare seelische Verausgabung. Der unmittelbare Lebenstrieb und die Lebenskraft. Der Gestaltungsdrang. Ausdruck/Expression. Das Gestalten und Gebären. Der Behausungsherrscher.

Das Sicherheitsgefühl hängt von der Möglichkeit zum unmittelbaren, unabhängigen Handeln ab. Diese Handlungsfreiheit führt zu absichtsloser, ungeplanter Situations-Echtheit. Gerade deshalb aber besteht die Tendenz, bei Betonung der Individualität, persönlich schwer festlegbar (und geistig unverbindlich) zu sein.

Endzeichen/Ergebniszeichen JUNGFRAU

Die Beobachtung und Wahrnehmung der Lebensbedingungen, als Vorsorge zur Sicherung des Lebens. Beobachten der seelischen Abhängigkeit von Lebensbedingungen und deren Aussteuerung. Behausungsschutzanlage und Lebenserhalter.

Das Sicherheitsgefühl entsteht in der Vergewisserung der Umweltbedingungen. Somit entsteht der Drang sich der Umwelt zu versichern, sich die Lebensbedingungen bewusst zu machen und in Anpassung zu nutzen. Neben Beobachtungsgabe, Untersuchungs- sowie Verwertungsfähigkeit entsteht vielfach Aufgabenabhängigkeit und Versäumnisangst.

Impuls ist etwas A-Seelisches, im Gegenteil, es ist etwas gegen das Seelische. Impuls ist auch nicht geistig, sondern der Impuls ist immer energetisch. Er ist immer ein energetisches Prinzip und kann durch eine Vorstellung ausgelöst werden, was Sie als „geistiges Prinzip“ meinen. […] Dann habe ich diese Vorstellung als Zeitzünder in mir. […] ein energetisches Handlungsregister […] Der Impuls verdrängt und verbraucht die Emotionalität. […] Aggressiv wird man, je schwächer man seelisch beieinander ist. (Wolfgang Döbereiner, Schicksalsverdichtungen, S. 13-14)

Der Impuls sitzt im I. Quadranten, ja, dort sogar im Widder und im Mars. Was hat das mit den Jungfrauen zu tun? – Das Subjektive und das Emotionale, das Seelische – das ist der II. Quadrant. Dort sind die Jungfrau-Geborenen zu finden. Schauen wir weiter, was sie in ihrem Verhalten ausmacht und in welchem Dilemma sie sind.

Empfindung und seelische Verausgabung sind die Kennzeichen von Krebs und Löwe, die Jungfrau indes hält ihre Emotionen zurück, ihre „Aufgabe“ ist es, die Bedingungen und die Bedingtheiten der Umwelt zu untersuchen. Sie macht sie fassbar und überschaubar. Ihre (eigenen – überflüssig zwar, es zu schreiben, aber dennoch!) Emotionen und das Eigenleben passt sie dem Vorgefundenen an. Also – bewusstes Verhalten hier, das die spontanen Lebens- und Willensäußerungen in einer Balance halten kann. Eigenart und Existenzmöglichkeit. Es ist die Vernunft, die eine Hilfsfunktion des Seelischen ist (3. Haus eines Quadranten = Funktionshaus als Ausübung der gegebenen Inhalte) und die die Lebensfähigkeit garantiert. Dazu gehört auch, dass eine Jungfrau vorgefundene Existenzbedingungen zu verwerten weiß. Kommt ein impulsiver Mensch mit einem Problem zur Jungfrau, wird sie ihm sehr auf die Nerven gehen, weil sie sofort eine Analyse der Situation liefern kann und Vorschläge zur Lösung macht. Sie erkennt die Gefahr, erkennt die Konsequenzen (und folglich warnt sie vor den Gefahren) – und das mit Sachbezogenheit. Natürlich hat auch eine Jungfrau Emotionen, doch sobald eine Aufgabe zu lösen ist, stellt sie diese eben hintenan. Treue zur Aufgabe geht über die Treue gegenüber Personen. Die Verwerfung, die hier zwischen dem „Widder“ (vielleicht einer mit dreifacher Widder-Betonung) und „der Jungfrau“ entsteht, zeigt deutlich, dass dort, wo die Abwesenheit von Seele „west“, die Vernunft der Jungfrau wenig ausrichten kann. Sie setzt dem Feuer des Impulses eine Erdung entgegensetzen, wird keine „Emotionen“ liefern.   

Neben dem Stichwort „Erdung“ ist „Dienen“ das nächste, das im Zusammenhang mit Jungfrau-Geborenen immer wieder fällt. Einem Löwe-Geborenen würde es nie in den Sinn kommen zu dienen, einem Stier ebenfalls nicht… Die anderen Zeichen gehe ich jetzt nicht durch. Warum aber „dient“ eine Jungfrau, und was bedeutet es? – Die Jungfrau wittert nun nicht nur für sich selbst in die Umwelt hinein, um Gefahren vorzeitig zu erkennen, sondern sie ist – als soziales Wesen – Teil einer Gemeinschaft, die ihr Schutz bietet. Niemand kommt umhin, sich zumindest zeitweise in den Schutz einer Gruppe, einer Gruppierung zu begeben. Es ist eine Frage der Bewusstheit, in welchem Ausmaß sich der Einzelne „Gleichgesinnten“ anschließt und sich in der Gemeinschaft „einbringt“. Die Jungfrau bringt ihre Gabe der Beobachtung ein und stellt sie zur Verfügung: Sie ist es, die die Eigenarten der Menschen um sich herum erkennt und sie lebensfähig erhalten kann. (Dass sie mit allen ihren Verhaltenseigenschaften natürlich in ein negatives Extrem laufen kann – Pedanterie, Krittelei, Hypochondrie, Ordnungszwang und Absicherungsparanoia – lasse ich an dieser Stelle außen vor. Wir kennen uns.) An Ruth Cohn wie auch Maria Montessori können wir die Sachtreue, die Fähigkeit zur Erdung/zum „Herunterkommen“, zum Dienen und auch das methodische Arbeiten unschwer erkennen. Das genaue Hinschauen und die Bereitschaft, Menschen – insbesondere Kinder – lebensfähig zu machen und gesunden zu lassen.     


Wer war Ruth C. Cohn?


Ruth Charlotte Cohn war eine der einflussreichsten Vertreterinnen der humanistischen und der psychodynamischen Psychologie und die Begründerin der Themenzentrierten Interaktion (TZI). Die TZI ist ein Konzept und eine Methode zur Arbeit in Gruppen, deren Ziel soziales Lernen und die persönliche Entwicklung der Teilnehmer und/oder Schüler ist. Ruth Cohn hat sie seit Mitte der 1950er Jahre in den USA zusammen mit den Therapeuten Norman Liberman, Yitzchak Zieman und weiteren Vertreterinnen der Humanistischen Psychologie entwickelt und später in Europa und Indien weiterentwickelt.

 

Kind, Familie, Beruf und Leben*


Ruth Cohns Mutter stammte aus Mainz und soll ein sonniges Gemüt mit Hang zu Illusionärem gehabt haben. Der Vater war Bankier, konnte die Familie finanziell sehr gut versorgen – und war der Überlegene in der Elternbeziehung. Auch in der Vater-Kind-Beziehung war er der ernste, wenn auch liebevolle „Herr im Hause“. Ruth – die jüngere Schwester, ihr Bruder wurde ihr offensichtlich vorgezogen – wünschte sich, etwa um ihren 6. Geburtstag herum, als Junge aufzuwachsen. Fortan ging sie in Konkurrenz zu ihrem Bruder, den sie zu übertreffen versuchte. Die Familie war jüdisch, doch das Elternhaus war religiös-liberal und man feierte – gemäß etlicher Quellen – wohl auch Weihnachten. Der Vater starb 1930, als Ruth 18 Jahre alt war, danach kümmerte sich die junge Frau um ihre Mutter.

Quelle: www. jungfrauzei-tung.ch/artikel/30866/

Die junge Ruth schrieb Gedichte und hatte eine Neigung zum Journalismus, trotzdem begann sie ein Studium der  Nationalökonomie und Psychologie an den Universitäten Heidelberg und Berlin (von 1931-1932). Über eine Geschichte, die sie für eine Kinderzeitung verfasste, gelangte sie an die Elsa-Gindler-Schule. 1933 – viel früher als ihre Angehörigen – flüchtete Ruth nach Zürich, wo sie Psychologie im Hauptfach sowie vorklinische Medizin und Psychiatrie studierte. Dazu kamen noch Pädagogik, Theologie, Literatur, Philosophie. Hier absolvierte sie auch ihre Ausbildung zur Psychoanalytikerin in der Internationalen Gesellschaft für Psychoanalyse. 1940 heiratete sie zum ersten Mal, brachte 1941 eine Tochter zur Welt, im gleichen Jahr musste die Familie in die USA emigrieren; ein zweites Kind wurde 1944 geboren, die Ehe 1946 geschieden.

Zur TZI

Die Themenzentrierte (sic! Sachtreue) Interaktion entstand vor dem theoretischen Hintergrund der Psychoanalyse, der Gruppentherapien sowie der Humanistischen Psychologie, und berücksichtigt Erfahrungen aus der Gestalttherapie und der Gruppendynamik. Das ursprüngliche Anliegen Ruth Cohns war, ein Konzept zu entwickeln, das „dem ursprünglich gesunden Menschen ein Leben ermöglicht, in dem er gesund bleiben kann“. Gesundheit bezieht sie nicht bloß auf das individuelle Wohlbefinden, sondern auch auf die politische Verantwortlichkeit in der Welt.

Quelle: Langmaack – Einführung, S.73

In sozialen Zusammenhängen unterstützt die TZI Aufgaben bearbeitende Menschen, die willens sind, zusammenzuarbeiten, zu führen, zu leiten, miteinander zu leben oder zu lernen – und das unter schwierigen inneren oder äußeren Bedingungen. Dafür hat Cohn Axiome und Postulate formuliert, deren Anwendung ein Arbeitsklima entstehen lässt, das Motivation und kreative Potentiale freisetzen kann. Die Methode bezieht ein, was die einzelnen Beteiligten/Teilnehmer an Stärken, aber auch Schwächen, mitbringen; sie ermöglicht ihnen, mit den eigenen Stärken in Kontakt zu treten und diese zu intensivieren. Damit wird schließlich jedes Gruppenmitglied, jeder Mitarbeitende, jeder Lernende für sein Tun und Lassen, für sein Handeln und für das Gelingen der gemeinsamen Leistung Mitverantwortung übernehmen können. Lern- und Arbeitsprozesse sollen sich lebendig und befriedigend gestalten. Sinn und Freude in der eigenen Arbeit können entdeckt und größere Zufriedenheit im Beruf und Leben erreicht werden. Das ist der „Plan“.

Das Konzept der Interaktion basiert auf folgenden drei Grundannahmen (Axiomen):

  1. Autonomie

    „Der Mensch ist eine psycho-biologische Einheit. Er ist auch Teil des Universums. Er ist darum autonom und interdependent. Autonomie (Eigenständigkeit) wächst mit dem Bewusstsein der Interdependenz (Allverbundenheit).“

  2. Wertschätzung

    „Ehrfurcht gebührt allem Lebendigem und seinem Wachstum. Respekt vor dem Wachstum bedingt bewertende Entscheidungen. Das Humane ist wertvoll, Inhumanes ist wertbedrohend.“

  3. Erweiterung von Grenzen 

    „Freie Entscheidung geschieht innerhalb bedingender innerer und äußerer Grenzen. Erweiterung dieser Grenzen ist möglich.“ (Quelle: Ruth C. Cohn: Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion. Von der Behandlung einzelner zu einer Pädagogik für alle. Klett-Cotta, Stuttgart 1975)

Doch bis die TZI tatsächlich ihren Durchbruch erlebt, geschehen erst noch andere „Dinge“. In oben angegebenem Buch schreibt Ruth Cohn darüber. Sie wird Psychoanalytikerin in einer Zeit, in der sie das „Wir und Die-da“ erleben muss, in der eine mächtige Gruppe eine Minderheit unterdrückte und tötete, und diese schwächere Gruppe sich als „Die-da“ verachtet sah. In Berlin geboren flieht sie als Studentin erst in die Schweiz und dann in die USA. Das Töten in Europa und in der Welt hat ihr keine Ruhe mehr gelassen, die „Welt draußen“, findet sie, brauche in ihrem Leiden am „Wir und Die-da“-Syndrom Hilfe – und so beginnt sie daran zu arbeiten. Das tut sie etwa 30 Jahre lang, in denen sie im geschichtlichen Prozess persönlicher und geistiger Interaktionen an einem systematischen Versuch arbeitet. Ihr Anliegen: pädagogisch-therapeutische Elemente sowohl in den Unterricht an Schulen als auch in anderen Kommunikationsgruppen einbeziehen zu können.

Am Anfang stehen die Psychoanalyse, und die Humanwissenschaften. Neben vielen Einflüssen sind es Elsa Gindler und Heinrich Jacoby, von denen die junge Ruth Cohn lernt. Um es in den Kontext zu setzen: Die beiden Lehrer (Gymnastik) beschäftigen sich mit ganzheitlicher körperlicher Wahrnehmung und mit deren Ausdrucksformen (ohne ihrer Arbeit einen formellen Namen gegeben zu haben). Gindlers Arbeit („die Arbeit“) beeinflusst die Entwicklung der sogenannten Körperpsychotherapie und Körperarbeit stark. Neben Ruth Cohn arbeiten Anfang der 1930er Jahre u.a. Elsa Lindenberg, die damalige Freundin/Partnerin von Wilhelm Reich (er war noch anderweitig verheiratet), Laura Perls, Ehefrau von Fritz Perls, dem Urheber der Gestalttherapie, mit der Methode Gindlers. Von Gindler lernt Ruth, dass die Gesamtheit des menschlichen Körpers als unteilbare Einheit nur durch die innere Erfahrung des Gewahrseins gefördert werden kann. Gindler interessiert sich dabei weniger für die Struktur der Persönlichkeit. Die trägt eine Schülerin von ihr in „die Arbeit“ hinein. Cohn zitiert in ihrem Aufsatz (S.14) Charlotte Selver:

„Wir müssen lernen zu fühlen, zu spüren, zu riechen, zu sprechen, ohne dass irgendwelche Autorität unseren Austausch mit der Welt zensiert … wir müssen lernen, mit unserem eigenen lebendigen Selbst zu kommunizieren, mit den anderen, mit dem Leben.“

Es geht in diesem Zusammenhang um „körperliche Umerziehung“, eine geänderte körperliche Wahrnehmung, die Cohn begann, in ihre eigene Arbeit einzubeziehen. Erst die Antriebskraft einer am eigenen Körper durchlittenen Krankheit (Unterleibsoperation mit Schwächung der Beinmuskulatur) und neu erworbenes Wissen über bzw. Erinnerung an die frühe Kindheit („Geh nicht über den großen Zeh!“ als oft ausgesprochene Sentenz) wiesen ihr einen neuen Weg. Es trat zur „reinen“ Psychoanalyse die psychosomatische Betrachtungsweise, was in gewisser Weise eine nicht nur in ihrer Zeit herrschende „Leibfeindlichkeit“ ins Bewusstsein brachte. Die Verbindung, dass Bewusstmachung von Körperempfindungen ein sehr wirksames psychoanalytisches Werkzeug sein kann, war gefunden. Ein Grundstein war gelegt….

 

Wer war Maria Montessori?


Mit „Il metodo della pedagogica scientifica“ (auf Deutsch bekannt geworden als „Die Entdeckung des Kindes“) veröffentlicht Montessori 1909 ihre 
aus San Lorenzo mitgebrachten pädagogischen Erfahrungen. Sie formuliert, dass jedes Kind über einen „inneren Bauplan“ verfügt. Der Erzieher nun hilft dem Kind, diesen Bauplan zu entwickeln. Für diese neue Methode und die Arbeitsmaterialien, die sie entwickelt hat, ist sie noch heute bekannt. 

Montessori geht unter anderem davon aus, dass die pädagogische Forschung – in einer Analogie zur Medizin – zunächst äußere Ursachen der Abweichung von der normalen und gesunden Entwicklung des Individuums erfassen muss. Darauf folgend sollen – ebenfalls analog zur Medizin – als Therapie erzieherische Maßnahmen bereitgestellt werden. Als Folge dieser Vorgehensweise will sie eine soziopsychische Hygiene der gesamten Gesellschaft hinaus. Denn es ist nach Montessori nicht genug, einzelne Kinder in ihren Verhaltensweisen zu beeinflussen, sondern sie fordert die „Normalisierung“ der gesamten Bevölkerung durch diese Hygiene, das Entfernen schädlicher Einflüsse auf die Kinder. Man muss wissen: in San Lorenzo hat Montessori vernachlässigte Kinder der untersten Bevölkerungsschichten vorgefunden. Weiter unten noch mehr dazu. Ihr Ansatz einer homogen gestalteten Umwelt ist nicht ganz unumstritten, denn er führt zu einer Gesellschaft, die die individuellen Ausprägungen der Kinder nachgerade verhindern könnte. Die Kritik geht dahin, dass der Ansatz einer uniformen, homogenen, dialektfreien Weltkultur den Weg bereiten könnte, und damit letztlich genau das Gegenteil bedeutet, was Montessori eigentlich wollte: die Ausformung der Individualität. (Quelle)


Kind, Familie, Studium, Beruf


Maria Montessori ist als einziges Kind eines Finanzbeamten (Parallele zu Cohn: Vater Bankier) in der Nähe der italienischen Stadt Ancona geboren. Ihr Vater Alessandro Montessori wird als altmodischer Herr mit konservativem Naturell und militärischen Gewohnheiten beschrieben. Als junger Mann Soldat wurde er später zum erfolgreichen Staatsbeamten im italienischen Finanzministerium.

Marias Mutter Renilde Stoppani ist eine aufgeschlossene, gebildete, vor allem aber selbstbewusste Frau, die sich in der Familie der traditionellen Rollenverteilung unterwirft, für ihre Tochter allerdings ein emanzipiertes Leben wünscht. Sie unterstützt Maria in allen ihren Vorhaben. Sie stammt aus einer Gutsbesitzerfamilie und ist eine Nichte von Antonio Stoppani, der ein hervorragender Gelehrter und Priester war.

Quelle: www.monte-muenchen.de/index.php?id=59

Die Familie zieht 1875 nach Rom, wo Maria erst die Grundschule und dann eine naturwissenschaftlich-technische Sekundarschule besucht. Hier erlebt das Mädchen, was ein schlechtes Schulsystem bedeutet. Sie soll schon als Kind ein „starkes Gefühl für eine persönliche Würde“ gehabt haben und schon in der Grundschule eine Art „Anführerin“ ihrer Schulkameraden, die ihre Autorität mit einer gewissen Strenge ausübt, gewesen sein.

Maria möchte Medizin studieren. Der Arztberuf ist jedoch am Ausgang des 19. Jahrhunderts in Italien eine Männerdomäne – ihr wird die Zulassung zum Medizinstudium verwehrt, weshalb sie zunächst Naturwissenschaften (1890-1892) an der Universität in Rom studiert hat. Nach schließlich doch erfolgreichem Bemühen beginnt sie 1892 das Medizinstudium. Marias Vater mißbilligt ihr Studium allerdings, zieht sich emotional von ihr zurück, begleitet sie trotzdem oft zur Universität, denn damals können sich Frauen ohne Begleitung in der Öffentlichkeit nicht frei bewegen. Maria muss viel Kritik und Diskriminierungen über sich ergehen lassen, zum Beispiel darf sie beim Sezieren der Leichen nicht mit Männern in einem Raum sein, was zur Folge hat, dass sie abends und allein im Anatomiesaal arbeitet. Sie promoviert am 10. Juli 1896 als eine der ersten Ärztinnen Italiens. 

Am 31. März 1898 (da ist sie noch nicht ganz 28 Jahre alt) bringt sie ihren Sohn Mario unehelich zur Welt (manche Quellen geben auch an, dass es drei Jahre später – 1901 – gewesen sein könnte). Die Schwangerschaft hatte sie geheimgehalten und das Baby wird in Pflege gegeben. Erst in ihrer zweiten Lebenshälfte bekennt sich die Maria zu ihrem Kind. Anlass dazu ist wohl auch der Tod der eigenen Mutter im Jahr 1913; es ist mehr Spekulation als Wissen: die Mutter soll der Tochter auferzwungen haben, ihr Kind zu verleugnen, und Maria soll sich in diesem Punkt ein einziges Mal in ihrem Leben unterworfen haben. Sie holt ihren 15-jährigen Sohn Mario zu sich und er wird später zu ihrem Assistenten, zur rechten Hand und führt nach ihrem Tod ihre Arbeiten fort.

„Man spricht so viel von Demokratie, Freiheit, den Menschenrechten – aber man macht die Kinder zu Sklaven von Schulbestimmungen und intellektuellen Diktaten, die ihnen auferlegen, was und wie sie lernen sollen. Das Volk der Kinder ist das einzige rechtlose Volk. Das Kind ist der vergessene Bürger.“

Zum Schlüsselerlebnis wird für Maria Montessori eines Tages die Beobachtung eines dreijährigen Mädchens, das einen wie ein Puzzleteil geformten Holzklotz passgenau in einen Behälter stecken will. Das Mädchen arbeitet an diesem „Experiment“ völlig unbeirrt und hochkonzentriert, obwohl zahlreiche lärmende Kinder für starke Ablenkung sorgen. Diese hohe Konzentrationsfähigkeit des Kindes, das im Moment intensivsten Lernens die Welt um sich herum vergisst, geht als Montessori-Phänomen in die Geschichte ein. Zur Förderung dieser Lernsituation entwickelt Montessori eigene Lernmaterialien, die zum unverwechselbaren Kennzeichen der späteren Montessori-Pädagogik werden. 

1902 beginnt Maria ein drittes Studium, diesmal Pädagogik, Psychologie und Anthropologie. Als sie  1907 von den Direktoren der Beni Stabili, einer Gruppe reicher Bankiers, die eine Stadterneuerung planen, gebeten wird, die Leitung der im Elendsviertel San Lorenzo entstehenden Kindertagesstätte zu übernehmen, nimmt Maria Montessori diese Herausforderung an. Ursprünglich soll sie die Tagesstätte nur überwachen, aber Montessori hat andere Pläne: endlich sieht sie die Möglichkeit, ihre Erziehungsideen und Methoden in einem laborähnlichen Versuch empirisch zu überprüfen. 

Sie beobachtet die Kinder ganz genau, schreibt ihre Beobachtungen auf, entwickelt neue Materialien, die sie an den Kindern getestet hat, führt Messungen durch, die sie in einer Tabelle zusammenfasst. Kein praktisches Detail lässt sie unbeachtet. Durch den Respekt, mit dem sie den Kindern begegnet, erreicht sie bis dahin unvorstellbare Ergebnisse. Innerhalb von wenigen Monaten entwickelt sich aus den anfänglich desinteressierten, verwirrten und oft mürrischen Kindern eine vorbildhafte Kindergruppe, die großes Interesse am Lernen zeigt und nicht nur fleißig, sondern auch verantwortungsbewusst ist. Immer mehr Besucher kommen aus aller Welt, um sich dieses „Wunder“ anzuschauen. Eine Gruppe begeisterter Lehrerinnen sammelt sich um Montessori, die in ihrer Arbeit einen Sinn für ihr eigenes Leben finden: Kinder nach dem Vorbild von Montessori zu erziehen.

Ab dem Jahre 1908 eröffnen in ganz Italien weitere Casa dei Bambini-Häuser, in denen Maria Montessori ihre Schülerinnen mit der Leitung beauftragt. Montessori hält Ausbildungskurse und arbeitet fortan eng mit der „Societá Umanitaria“, einer angesehenen philanthropischen Institution aus Mailand, zusammen. Diese übernimmt im Laufe der Jahre das Patronat für Lehrerbildungskurse, Konferenzen, Ausstellungen, Lehrmaterial und gründet weitere Montessori Schulen. Wie später Ruth Cohn reist auch Maria Montessori nach Indien und bringt von dort etliche Einflüsse mit. Weiteres kann man in verschiedenen Biographien nachlesen.

 

Grundzüge der Montessori-Methode/Pädagogik

 

Quelle: www.montessori- outlet.info/

Ein äußerst wichtiger Bestandteil der Montessori-Pädagogik ist – wie oben bereits geschrieben – die Konzentration: Durch die Hingabe an eine Aufgabe, die tiefe Versenkung in eine Tätigkeit, durch die Konzentration auf eine Sache wird das Kind zu sich selbst geführt. Es lernt, ganz bei sich zu sein, nur, wenn es das ist, kann es sich dem eigenen Tempo gemäß entwickeln. Die sogenannte Polarisierung der Aufmerksamkeit dient der Normalisierung des individuell-schöpferischen Lebens bzw. ermöglicht diese überhaupt erst. Auch innere Einkehr und Stille sind wichtige Begriffe bei Montessori, und das gilt sowohl für die Kinder als auch für die Lehrer und Lehrerinnen.

  • Hilf mir, es selbst zu tun.
  • Zeig mir, wie es geht.
  • Tu es nicht für mich.
  • Ich kann und will es allein tun.
  • Hab Geduld, meine Wege zu begreifen. Sie sind vielleicht länger.
  • Vielleicht brauche ich mehr Zeit, weil ich mehrere Versuche machen will.
  • Mute mir auch Fehler zu, denn aus ihnen kann ich lernen. (Maria Montessori)

Der kindliche Entwicklungsprozess gliedert sich in drei Phasen, die jeweils einen deutlichen Entwicklungsabschnitt darstellen. Erste und dritte Phase werden jeweils weiter in drei Unterphasen unterteilt: 

  1. Erstes Kindheitsstadium (0 bis 6 Jahre), wichtigste Zeit des Lebens, da sich in dieser Zeit die Persönlichkeit und Fähigkeiten des Kindes formen, eine zweite embryonale Wachstumsphase, in der sich Geist und Psyche des Kindes entwickeln. Während ein Erwachsener bestimmte Umweltreize filtern kann, absorbiert ein Kind seine Umwelt; diese wird Teil seiner Persönlichkeit. 
  2. Zweites Kindheitsstadium (6 bis 12 Jahre) ist die „Stabile Phase“. Während seiner Entwicklung durchläuft das Kind sogenannte „sensible“ oder „sensitive Perioden“. In solchen Phasen ist das Kind in besonderer Weise empfänglich für bestimmte Anreize aus der Umwelt, zum Beispiel im Zusammenhang mit Bewegung, Sprache oder sozialen Aspekten. Findet das Kind während einer sensiblen Phase eine Beschäftigung, die genau seine Bedürfnisse anspricht, ist das Kind zu einer tiefen Konzentration fähig, die als Polarisation der Aufmerksamkeit bezeichnet wird. In einer solchen Phase tiefer Konzentration lässt sich das Kind nicht von anderen Reizen ablenken – es durchläuft einen Erkenntnisprozess, der nicht nur sein Denken, sondern seine gesamte Persönlichkeitsentwicklung positiv beeinflusst. Dieser Prozess ist eine „Normalisation“, d. h. das Wiederherstellen der wahren positiven Möglichkeiten, über die das Kind von Natur aus verfügt, die aber bei einer unangemessenen Behandlung durch die Erwachsenen verbogen werden („Deviationen“).
  3. Das Jugendalter (12 bis 18 Jahre) unterscheidet sich nach Montessoris „Erdkinderplan“ stark von den vorhergehenden. Das Kind erfährt im Alter zwischen 12 und 18 eine radikale Umwandlung. Die vielen physischen und psychischen Veränderungen in diesem Alter führen zu einer tiefen Verunsicherung. Gleichzeitig beginnen Jugendliche, sich als Teil der Gesellschaft zu fühlen und wollen von dieser anerkannt werden. Nach Montessori stehen nun folgende Bedürfnisse des Jugendlichen im Vordergrund und sollen in der Schule erfüllt werden: Die Jugendlichen müssen sich beschützt fühlen können und sie müssen lernen, die Rolle des Menschen in der Gesellschaft zu begreifen. Wichtig ist auch die Stärkung des Selbstvertrauens und die Entwicklung eines Gefühls für die eigene Würde.** 

Soweit zu den unvollständigen Lebensläufen der beiden Frauen. Nicht erst anhand meiner – zugegeben – in die Jungfrau-Richtung weisenden Beschreibung erkennt der Leser die Gemeinsamkeiten im Verhalten als Ausdruck dessen, worum es geht: Kinder, Menschen, Leben, Subjekt, Selbstwerdung in Identität, Gesundheit (geistig, seelisch wie körperlich) und Methode. Schauen wir nochmals auf die Horoskope:

Ruth Cohn Maria Montessori

Ruth Cohn ist die Schütze-Jupiter-Jungfrau: in ihr treffen sich Anschauung, Einsicht in die Welt der Anderen und die Beobachtungsgabe der Jungfrau im 9. Haus. Ein Schütze-Aszendent mit dem Jupiter als personale Anlage im 1. Haus. Gleich vier Planeten stehen im 9. Haus, die ihren Themen umschreiben. Mars in der Jungfrau geht mit Energie an die vorgefundenen Umstände heran, verletzt sie auch schon mal, deckt aber in jedem Fall auf, was im Feld der Diagnose liegt (in dem Moment, in dem ich dies schreibe, ist Cohns Mars wieder angesprochen). 

Venus steht ebenfalls in der Jungfrau. Die Bildgebung der Waage in der Beobachtung, aber auch die (soziale) Organisation der Umstände bezieht sich mit Merkur im Löwen in der Artikulation auf das Leben als spontanem Ausdruck („Sei deine eigene Chairperson.“). Die Sonne legt die Ebene des Wie fest, die ich oben bereits beschrieben habe. Der Löwe steht an der Spitze von Haus 8 zu 9: die Bindung an die Notwendigkeit anderer Menschen. Darin übrigens der Neptun (im Krebs), der mitgezogen wird. Denn die Richtung des Verbundes geht vom 7. Haus der Begegnung ins 9. Haus (die „Anderen“).

Auch Pluto ist enthalten – auf 1.1° Krebs gehört er mit zum Verbund. Die Diagnose der im Empfinden und im Seelischen abgelegten Verletzungen, Vorstellungen und Verwirrungen. Pluto in 7 hat ein Quadrat zu Mars in 9: es wird das Verdrängte ausgetrieben, darin geht es um die „Angst vor dem Bösen“, die sie (auch in sich selbst trägt, aber) vor allem aber in dem ihr Begegnenden wahrnimmt. 

Der III. Quadrant wird in Richtung IV. Quadrant am MC – sofern das Horoskop stimmt – mit exakten 0° Waage abgeschlossen, aber doch wieder auf das 9. Haus bezogen. Die Venus hat ein Quadrat zum Mondknoten (aufsteigender Mondknoten im Widder in Haus 4: bedeutet Mut und Entschlossenheit in Hinblick auf äußere Maßstäbe, die die innere Natur herausfordern), eine Schwierigkeit auf dem Weg zur Erlösung liegt in den Regeln der Gemeinschaft, die die Umstände mitbestimmen, ja, „unveränderlich“ machen (Stier in Haus 6: ein fixes Zeichen im Beweglichen, Veränderlichen).

Aphroditisch gedeutet beginnen wir mit dem Jupiter am AC (sie ist das „Verständnis“ in Person, eine Vereinheitlicherin von Orientierungsleitbildern), über den Skorpion (über die Besetzung im eigenen Empfinden, auch im Heimatlichen, der Familie) und deren Überwindung, Zerschlagung, über den Sonne-Saturn-GSP (unermüdliches Arbeiten an den Maßstäben, oder aber unterwegs im Dienste des Fleißes in Regelhaftigkeit verfangen) am Übergang von Haus 11 zu 10 mit der Venus ins 9. Haus: Sie bringt über sich selbst hinaus den Anderen Figurationen von Funktionen. Das sind Ruth Cohns Formulierungen in der TZI, die einen Siegeszug als Regulierung von sozialen Gruppen antraten. 

Stichwort „Über-sich-selbst-hinaus“: Die „Königskonstellation“ Jupiter-Saturn von 1 nach 7, das Quadrat zu Mond auf 0.5° Fische, das Quadrat zur Sonne, ergeben zusammen ein großes Quadrat. Dieses ist Hinweis auf starke analytische Fähigkeiten. Es symbolisiert eine Herausforderung, der der Träger nicht ausweichen kann. Sie zu bestehen, erfordert Einsatz und Aufwand. Leicht war Ruth Cohns Leben nicht. Der stabile Charakter der Verbindung verschafft aber die Bereitschaft/Fähigkeit, die Hindernisse auszuhalten, die auftretenden Probleme durchzustehen. Das große Quadrat kann gleichzeitig Hinweis auf Starrheit bedeuten, Verfestigung. Beteiligt sind in diesem Fall auch die Planeten der Zeichen Zwilling (= Merkur) und Fische (= Neptun). Durch diese Figur hindurch schneidet die Linie der Neptun-Uranus-Opposition von Haus 8 nach 2, die die Erfahrung der Schrecklähme im Revier mit sich bringt. Und das Quadrat des Mars-Pluto mit der Erfahrung von Gewalt und der Missverhältnisse von Kind zu Verband/von Unterwerfung unter eine fremde Mentalität. Erinnern wir uns an Döbereiners Kurzform für diesen Geburtstag: Das Arrangement. Mit 7 Planeten auf der Westseite des Horoskops steht sie „außer“ sich und wird sicher einen weiten Weg zu sich selbst zurückgelegt haben. Soweit an dieser Stelle die statische Betrachtung von Ruth Cohns Leben im Spiegel ihres Werks.

Wie anders lebt sich Maria Montessori, die 42 Jahre früher geboren ist. Maria Montessori ist eine Löwe-Jungfrau mit einem dunklen Geheimnis. Bei Betrachtung ihres Horoskops fällt sofort die ganz andere Verteilung der Planeten auf. Bis auf Mond und Neptun stehen sie auf der Ostseite des Horoskops: IV. Quadrant und I. Quadrant – sie hat viel mit sich selbst, aber auch viel mit dem „Nicht-Diesseitigen“, dem Unbeabsichtigbaren zu tun. Herrscher von 1 in 2: Man ordnet sich im sichtbaren Bereich, grenzt sich ab, um aus dem, was durchgesetzt wurde, einen Bestand zu machen. Es ist der Löwe, es sind die anströmenden inneren Bilder (aus dem 11. und dem 12. Haus). Mars in 12: vom Vater unverstanden, Mars-Uranus: mit  einem schwachen Vaterbild gleichzeitig die Suche nach dem „starken Mann“.  Beides im Krebs – der Exposition des Lebens im Anfangszeichen des Verbundes. Der Herrscher dieses Anfangszeichens steht in 4, im Skorpion. Da liegt das Familiengeheimnis, die Verweigerung/Verneinung der Mutterschaft, des eigenen Empfindens, eine Besetzung. Der zugehörige Pluto steht in 10 und wird lebensbestimmend, im Spiegelquadrat zur Venus auf dem AC ist „sie“ Teil eines Verbandes, der sie „bedrängt“, der etwas auf sie überträgt und vor dem sie sich schützen muss. Die Sonne steht auf einem Mars-Jupiter-GSP: das sind Schnitte in Gefüge, in Gewachsenes, die mit ihr, durch sie Erscheinung werden. Sie muss es sich und anderen, besonders der Familie, beweisen. 

Der Krebs ist das Kindhafte, hier ist es ein verletztes Kind, das mit der Sonne im Realen, im Sichtbaren gelebt werden muss, mit Merkur als Herrscher des Sonnenzeichens macht sie die Heilung der Verletzung zu ihrer Ausübung im 3. Haus. Es ist eine jupiterhaltige Methode, eine Zusammenfassung von Leitbildern (wie bei Cohn eine Zusammenstellung von Regeln) zum Zwecke des Gesundens und zum Erreichen eines Bewusstseins, ja, einer Gegenwart (Waage).

Während Ruth Cohn das Kindhafte in die Erwachsenheit geführt (Merkur in Löwe in Opposition zu Mond auf 0.5° Fische) und Regeln geschaffen hat, das Seelische/Subjektive in das Miteinander in der Welt einzubeziehen, arbeitet Maria Montessori weiter an der Gesundung des Kindes (auch des inneren) – sie „verschreibt“ sich der Emanzipation (als Frau)(stellvertretend für die Mutter, belegt von der Mutter) und der Vorstellung, ja, der fixen Idee einer „schönen neuen Welt“ (Pluto im Stier in 10) ohne Unterschiede. Mit der Sonne in 2, die „Schatten“-Aspekte zu Mars, Uranus und Neptun zeigt, ist sie weniger erlöst, als ihr langes Leben suggerieren könnte und an das Kollektiv gebunden, ihm verpflichtet. Sie muss „missionieren“ – den leidenden, versehrten Seelen das Heil bringen. Dazu benutzt sie in gewisser Weise auch ihren Sohn, dieses versteckte Kind. Mars-Uranus in 12 – es fehlt der Neptun, und damit das Prinzip des eigenen Lebens. Der Jupiter, der in 11 auf dem Gruppenschicksalspunkt von Sonne-Uranus aus dem Zeitlosen auftaucht, fügt in schöpferischer Fülle sachlich-neutrale Anweisungen ans Leben mit der streng geführten Hand von Kontrolle und Aufruf zur Konzentration – Saturn in 5 in Opposition. Das ist das Montessori-Phänomen.  

Die Schütze-Jungfrau Ruth Cohn hat den Uranus in 2 und hebt sich damit aus den sichtbaren, stofflichen Beständen heraus.  Die Opposition von Uranus zu Neptun erzählt uns etwas über Abspaltungen, Lähmungen und dem Ausgeliefertsein an die Zwangsläufigkeit von Situationen. Der Neptun steht in 8 im Krebs. Für Ruth Cohn waren die Auflösung ihrer Heimat wie auch ihres Reviers die Notwendigkeit zur Aufgabe eines Standortes, inhaltlich bereits angelegt bringt sie die (Neu-)Fügung als Person mit. Saturn steht dem als Begegnendes gegenüber: Die „Strenge“, die Anstrengung in der Begegnung mit der Bewegung in den Umraum. Die „Leichtigkeit“ wird beschwert, ist aber auch die Prüfung auf Maßstäblichkeit hin. Kommunikation (Zwilling) nicht nur obenhin, sich an der Oberfläche verzweigend – sondern gemäß den Gesetzen des Bestandes/des Gemeinschaftlichen (Steinbock im 2. Haus) prägend vor allem die eigene Person.  Das Große Quadrat hatte ich ja bereits angesprochen. 

An dieser Stelle belasse ich es mit dem Betrachten und schließe (was soviel heißt wie: ich werde das Ganze noch nachbearbeiten und verfeinern und irgendwann als Papierversion ankündigen). Zwei Jungfrau-Geborene mit unterschiedlichen Lebensphilosophien. Das heißt, Moment – an dieser Stelle frage ich mich: Hatten nun beide eine veritable, wirkliche Lebensphilosophie? 

In eigener Sache außerdem ein Hinweis auf eine weitere Lektüre – eine Buchbesprechung, die auf der Seite des Glarean-Magazins zu lesen ist.

Viel Freude damit.

 

Quellen:

*Einführung in die Allgemeine Psychotherapie und Seelsorge, Michael Dieterich, 2001

** gefunden bei: http://www.montessori-erding.de/verein/montessori-paedagogik/