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ASTROLOGISCHE FRAGMENTE XI

Damit die ständig gegenwärtige Vergangenheit nicht zur Fessel für die Zukunft wird, müssen wir zwangsläufig auch „mal“ vergessen.

In diesem folgenden Essay wird es rund ums Vergessen, das Erinnern, das Verdrängen und auch ein wenig ums Lernen gehen. Das klingt schon wieder nach einem Marathon, und ich hab bereits jetzt die Befürchtung, dass das hier zu lang wird. Aber schauen wir mal, wo im Kopf und wo überhaupt das Vergessen sitzt und wie es sich zum Thema gemacht hat.

Nachfrage: Das mit meinem Deutsch-Unterricht-Persönlichkeitsanteil ist bekannt? Ich gehe mal davon aus. Als ich mich – das war der Plan – im letzten Jahr etwa um den Januar herum zur Ruhe setzen wollte, um in dieser Ruhe den wirklich wichtigen Dingen im Leben nachzugehen (endlich einmal all die ungelesenen Bücher von Herrn Döbereiner lesen, endlich meine angefangenen Texte zuende denken und schreiben, endlich mal keine Leute treffen, stattdessen Zusammenhänge in der Welt begreifen können) holte mich meine Vergangenheit ein. Das haben Vergangenheiten manchmal so an sich: sie tauchen in Momenten wieder auf, in denen man, d.h. das ausgelieferte Individuum, sie nun überhaupt nicht gebrauchen kann.

Meine Vergangenheit – das ist unter anderem auch Linguistik. Sprachwissenschaft auf weniger international, aber immer noch mit Wissenschaft behaftet. Viel davon habe ich vergessen, vieles aber auch weitergedacht und ganz und gar nicht vergessen, sondern dem danach Gelernten einverleibt. Sprachwissenschaft studiert zu haben, kann nicht nur nützlich sein, um fremdgeschriebene Texte analysieren und hernach einordnen, rezensieren oder zusammenfassen zu können – sie kann auch natürlich dabei helfen, welche zu schreiben, sprich Wörter zu Sätzen und zu einem Text zusammenzufügen. Das kam und kommt mir im Deutschunterricht zupass. Textlinguistik habe ich meinerzeit geliebt. Klar, als Diagnostikerin mit einem auffällig großen Fügergen liebt man dergleichen, oder etwa nicht?

Inzwischen sind aber Jahrzehnte vergangen, und mein einmal erworbenes Wissen ist ausgedünnt. Es wurde ja nicht mehr gebraucht, ich werde nie wieder als Textsortendompteurin arbeiten, und Spracherwerbstheorien und Zweisprachigkeitsworkshops werde ich auch nicht mehr formulieren und abhalten – da gibt es jetzt neuere und jüngere Theorien (Anmerkung meinerseits: wenn mir mal ein solcher Theorientext in die Hände fällt, muss ich innerlich gähnen. Alles schon bekannt.). Im Feld der Zweisprachigkeitsexperten bin ich inzwischen aus herkunftstechnischen Gründen ins Abseits geraten.

Vergangenheit trifft auf Gegenwart

Neulich trafen sich meine neue und meine alte Welt (nicht zum ersten Mal, aber immerhin vehement genug, dass ich jetzt hier sitze und darüber schreibe). Mir fiel aus einer Mail der Link eines Videos entgegen, in dem eine junge Frau die Sprache der Astrologie anhand von Horoskopdeutungen verschiedener Zeitschriften textlinguistisch betrachtete. Sie können sich vorstellen: ich, das heißt jenes – mein! – aus dem 5. Haus direktemang ins 7. springende Planetenprinzip, war sofort angeschaltet. Doch zunächst nochmals zurück ins letzte Jahr, in dem ich ebenfalls angeschaltet wurde.

Rückblickend betrachtet war es nach einer Inkubationszeit von 8 Wochen der März, in dem eine Idee das Licht der Welt erblickte und mich um den Ruhestand brachte. Es – was, weiter unten – begann als eine Art Pamphlet. Pamphlete sind Schmähschriften, geboren aus einer Empfindung von Wut, Verletzung, aus Kritik – eine Reaktion, eine Anprangerung von Missständen und die Darstellung einer anderen Haltung und Einstellung zu religiösen, wissenschaftlichen oder politischen Themen.

Zur Veranschaulichung zeige ich hier zwei Horoskope, die Sie sich anschauen können, aber nicht müssen. Ich bin nicht böse, wenn Sie den Abschnitt überspringen.

Die Zeugung von LETHE

Der erste Text mit der Bitte um Überarbeitung wird gegen 13:32 Uhr geschickt; er ist die Initialzündung.

Widder – Stier – Zwilling Verbund, von Haus 7 ins 8. laufend, über den MC in den IV. Quadranten, ins 11. Haus. Die Sonne steht knapp im 9. Haus – bei einem Löwe-AC. Die Sonne wird also demnächst in die Prüfung und noch nicht an die Gegenwart ausgeliefert.

In Haus 9 werden Gebilde gefügt, mit dem Löwen (AC) Lebensräume und Ereigniswelten, die verwaltet und organisiert werden müssen. Die Widder-Sonne in 9 drängt zur Einsicht und Verständnisfähigkeit für außerpersönliche Zusammenhänge. Hier liegt unmittelbarer Gestaltungsdrang vor, der sich auf Entwicklungen und Funktionen anderer Selbstverständnisse richtet. Pädagogik, Weltanschauliches, Therapie- und Koordinationstätigkeiten stehen an. Der Text enthält all diese Elemente.

Der dazugehörige Mars steht im 4. Haus im Schützen, der Beweggrund, der diesem Text vorausgeht, ist ein Gerechtigkeitszorn; das Empfinden, nicht anerkannt, ausgeschlossen und ungerecht behandelt zu werden. Der Mars hat ein Quadrat zu Neptun in 7 (in den Fischen) – es begegnet unter der Maßgabe einer Neuentstehung die Revierlosigkeit und die Revierangst; gegenwärtig werden die Reaktionen auf Umweltreize zum eigenen Schutz herabgesetzt; die direkte Realität / Begegnung wird als beengend und gefährdend empfunden. Leben aus Hoffnung und Möglichkeiten. Der Text hält sich im Vagen, bleibt unausformuliert, löchrig, weist Lücken auf.

Neptun-Saturn (Quadrat auf dem Übergang von 4/5 nach 7), ausgedrückt sind hier Themen wie die schwache Rechtsposition (ohne Recht im Kollektiv) und die Auflösung bzw. die Drohung einer Auflösung der Erlebniswelt, des Lebens als Geschehen: Im Haus 5 lesen wir den Verfasser des Textes, die handelnde, sich ausdrückende Person. Sie ist Außerpersönlichem verpflichtet. Saturn-Jupiter-Quadrat spiegelt wider, dass die Bestimmung der Fügung (im 9. Haus) als Erscheinung (aus 4 in 2) erschwert ist. (Weswegen der Text ja auch überarbeitet werden muss.) Bei gegebener Opposition Jupiter-Neptun sieht es aus, als sollte er der Regelung des Empfindens dienen, ist damit Vorgang einer Rechtfertigung. Das bestätigt der Sonne-Merkur, inklusive der Trotzhaltung im Pluto-Saturn. Pluto in 5 (identifiziert als zum Verfasser gehörig) in Steinbock hält für die weltanschauliche Erlebniswelt einerseits Ideenreichtum und grundsätzliche Gründlichkeit bereit, aber auch Strenge und Unelastizität, was nötige Ausgleichsbewegungen angeht.

Uranus-Pluto-Quadrat von 5 nach 9 verbindet die „Erlebniswelt des Textes“ als Ausdruck der Befindlichkeit seines „Gebärers“ mit der Art und Weise seines Aufbaus, dem Stil seiner Fügung und spricht von Verhinderung und Unterdrückung, von Enttäuschung. Der Text zeichnet das Bild einer chronifizierten Schocklähme und Angst, die Formulierungen „gefangen“ und durchsetzt mit Ausdrücken des Gemeinschaftlichen in seinem Vollzug und mit Begrifflichkeiten, die – weil nicht anders gekannt – von einer Unterwerfung sprechen (das übliche, typische Pädagogen-Sprech, politisch überkorrekt).

Stier mit der Venus in den Fischen in 8 (in 6°-Radius zu Neptun) steht am MC und deutet das Ergebnis an: die Form ist nicht freigegeben, die Substanz nicht vorhanden, eine Selbstdurchsetzung nicht möglich. Dieser Text schafft es nicht ins öffentliche Bewusstsein.

Merkur aus dem Verbunds-Endzeichen Zwilling von 10 nach 11 (bzw. 11 nach 10) kennzeichnet den Ursprung (sprachlich, kommunikativ, Zeichen und Kennzeichnung), die Urheberschaft und stellt sie ins 9. Haus: schöpfe nochmals, was an Möglichkeiten bereitgehalten ist, kennzeichne und füge neu.

Die letzten Textänderungen an diesem Tag sind vollbracht und am Ende des Tages wieder an den Verfasser geschickt.

Was sagt nun aber der Zeitpunkt der Rückgabe? Haben wir einen vollends neuen Text? Ist er durch die Bearbeitung inhaltlich verändert?

Der Verbund ist inzwischen in den II. Quadranten gewandert, die Widder-Sonne – nach wie vor auf dem GSP Uranus-Neptun – steht im 5. Haus, unter der „Herrschaft“ von Neptun/Fische Spitze 5. Ausdrucks- und Gestaltungstrieb stehen jetzt direkt in der Verausgabung, haben sich aber dem Prinzip des 12. Hauses anheimzustellen. Es geht um mehr als nur das Subjekt, das Individuum in seinem Einzelsein (und damit den Verfasser als Person) – der Text geht jetzt über den Verfasser hinaus und beschreibt mit dem Löwen am MC eine geregelte Erlebniswelt (Sonne-Merkur). Die Opposition Neptun-Jupiter verläuft von 5 nach 11: es steht über den Weg der Jungfrau (Diagnose, Aussteuerung, Wahrnehmung) ein Gebilde der Anschauung und „Ganzheitlichkeit“ zur Schöpfung bereit. Er steht jetzt über den „Dingen“, sieht von höherer Warte auf die Verhältnisse.

Der Jupiter kommt aus dem 2. Haus (auch knapp dem 3.), in dem Mars und Saturn im Schützen stehen: die Figuration mit dem Schnitt (gekürzt, zugeschnitten) und der Maßgabe zur Form. Im 3. Haus steht der Pluto – aus dem Übergang von 1 nach 2 kommend – die Verdichtung eines Bestandes, die Artikulation von (bisher?) Verborgenem, das Rhetorische und auch das Manipulative. Das 3. Haus ist die Ausübung der Erscheinung des 2. Hauses. Uranus in 6 zeigt an, dass hier nicht alles „freundlich“ bedient wird, sondern klar und ohne eine Aussteuerung – der Text ist jetzt schärfer, deutlicher: Widder am DC – die Sonne Aufdeckerin und eigenwillige Schilderin des Entgegenkommenden und der Ereigniswelt, in der sich Dinge zutragen. Die Unelastizität ist behoben, der trotzige Unterton gemildert, obwohl durch den Sonne-Merkur immer noch impliziet Saturn-Pluto gegeben ist.

Am AC steht jetzt Mond im Skorpion – am Anfang hatte er noch in der Waage gestanden: auf 28° – dem GSP Sonne-Saturn, der jetzt genau auf dem AC steht. 28° Waage – der integrierte Fleiß, die Zuverlässigkeit, der Sache verschrieben und ernsthaft. Für die Art des Textes – der Entwurf zu einem neuen Konzept für einen Unterricht der Sprache Deutsch – nicht unpassend. Mond am AC – das Wesen des Textes kommt jetzt zwar weicher „rüber“, in diesem Kontext wird er als angenehmer empfunden werden. Der Text könnte aber auch „Gefühle“ wecken – auf der Basis von Skorpion in 1 und an der Spitze Haus 2 durchaus solche, die aufsteigen, wenn man eine Verneinung erfahren hat – die Verneinung der Existenz und des Reviers. Es werden Mechanismen von Macht, Ohnmacht und Spannung in der kindlichen – aus Haus 9 im Quadranten des Begegnenden (die Funktion der Anderen) – Welt  am Text sichtbar. Worum geht es? – Grundlage und Thema des Konzeptes ist der einzelne Mensch in seinem So- und Verletztsein, der in dieser Befindlichkeit Deutsch lernen muss. Es geht um jugendliche Flüchtlinge.

Herrscher von 1 (Venus) steht im 5. Haus in den Fischen. Das Bewusstsein (oder die Bildaufnahme) werden in eine Erlebniswelt des Auflösens deponiert. Das Bewusste  in den Tiefen des Hintergründigen  versenkt.

Der am Karfreitag 2016 bearbeitete Text wird die Basis für ein Konzept, das wir später LETHE nennen. Von Anfang an haben wir gescherzt: LETHE – Deutsch vergessen mit Erfolg! Wer oder was LETHE ist, muss ich nicht vertiefen, oder doch? – Der griechische Fluss des Vergessens?
Warum wir unser Konzept LETHE (aus LErnen und THErapie) hat einen einfachen Grund: Wer lernt, vergisst auch! Alles Gelernte geht wieder verloren, wenn es keinen Eingang ins Langzeitgedächtnis erhält. UND wer Falsches gelernt hat, muss umlernen und dabei ebenfalls vergessen. Ein drittes: jedes Gelernte wird zunächst ins Bewusstsein gebracht, um dort verfügbar zu sein und angewendet zu werden. Doch irgendwann wird es „automatisiert“: wer muss beim Aufsagen des 1×1 wirklich noch rechnen? Wer muss, wenn er eine Fremdsprache wirklich fließend spricht, Wort um Wort noch auf Konjugation und Kasus abgleichen?

Biologische Hintergründe

Das limbische System ist ein Teilabschnitt unseres Gehirns. Es ist dort für viele Prozesse mitverantwortlich. Dem limbischen System werden intellektuelle Leistungen zugesprochen. Doch auch für die Entwicklung von Triebverhalten und die Entstehung von Emotionen spielt das limbische System eine große Rolle, z.B. wenn es um die Entwicklung der Intelligenz und das Denken geht.

Im Zentrum des limbischen Systems steht der Papez-Kreislauf (1937), benannt nach seinem Entdecker James W. Papez. Papez meinte damit – wie auch heute fälschlicherweise noch weit verbreitet ist – einen Erregungskreislauf für Emotionen zu beschreiben. Heute weiß man, dass der Papez-Kreislauf vielmehr von elementarer Bedeutung für die Gedächtnisbildung ist (vgl. www.gehirnlernen.de).

Die Tatsache, dass wir viele Informationen, die wir einmal gelernt haben, wieder vergessen, ist landläufig eher negativ konnotiert. Vergessen ist aber nicht gleich Vergessen: Schüler klagen darüber, wenn sie für eine Prüfung pauken und sich nicht daran erinnern, was sie da gestern oder vorgestern gelernt haben… Hierbei spielen die Art des Lernens und Wiederholens bzw. die Anwendung des Stoffs eine große Rolle.
Anders verhält es sich mit Informationen, die sorgfältig gelernt und eingeprägt wurden, und dennoch vergessen werden. Erklärung: Alles, was unwichtig erscheint, lange nicht mehr abgerufen wurde oder emotional nicht von Bedeutung ist, verblasst im gesunden Gehirn nach einer gewissen Zeit. Nur so gelingt es uns, den Fokus immer wieder auf die aktuell relevanten Informationen zu lenken und schnell auf die Umwelt um uns herum zu reagieren.
Das genaue Abspeichern aller früheren Erlebnisse in ihrer gesamten Komplexität ist sogar eher hinderlich. Stattdessen versucht das Gehirn, die zentralen Informationen zu generalisieren. Die Rahmenbedingungen, in denen die Informationen aufgenommen wurden, sind dafür oft nebensächlich und geraten in Vergessenheit. So wissen die meisten Menschen zwar, dass die Hauptstadt von Frankreich Paris ist, aber kaum jemand kann sich daran erinnern, wann er das gelernt hat.

Nicht-Vergessen bringt auch Probleme

Warum das denn? – Wenn das Generalisieren nicht gelingt, müssen alle Informationen gleichberechtigt „behandelt“ und gespeichert werden – und behindern sich gegenseitig, sobald die Informationen geweckt und abgerufen werden sollen. Unwichtige Details stören die Aufnahme neuer Informationen, falsch gelernte Details und Formen (wie sie beim Spracherwerb vorkommen) behindern das Erlernen neuer und richtigerer Strukturen. Der Fluch der Erinnerung (an das falsch Gelernte) kann jeden Neuanfang zunichte machen.

Wie gelingt das Vergessen?

Damit die ständig gegenwärtige Vergangenheit nicht zur Fessel für die Zukunft wird, müssen wir zwangsläufig auch „mal“ vergessen. Ein probates Mittel dafür ist – und ich gehe jetzt hier vom Einzelnen, nicht von unserer gesamten digitalen Zeitqualität aus (das Netz vergisst nichts) – dass wir wieder lernen, Wichtiges von Unwichtigem, Wesentliches von Unwesentlichem und Nichtdringendes von Dringlichem zu unterscheiden.
Die zentrale Frage ist: Brauche ich das (ein Lernelement zum Beispiel) noch, oder hat es sich überholt? Lernen ist ein Zugewinn-Prozess: x + 1. Das Neue wird an das Alte angelernt oder tritt sogar an seine Stelle. Die Umstände, unter denen ich 1 gelernt habe, verblassen angesichts des Erlernens von 2, weil es den Schritt 1 in sich trägt. Lernen ist immer von einem Vergessen begleitet, weil das Gelernte stets absinkt ins Unbewusste, in einen Automatismus – der nicht gleichgesetzt ist mit „ungewusst“.

Was jetzt das Vergessen unter philosophischen oder psychologischen Gesichtspunkten anbelangt, darf der Leser selbst blättern und suchen. Heidegger soll viel darüber geschrieben haben, die alten Griechen, natürlich auch S. Freud und Nietzsche auch… Buchtipp?

Agnes Pfrang, Vergessen als bildendes Moment im Lernprozess,
Königshausen & Neumann, 2010

Drei goldene Regeln für die Gedächtnisentwicklung

Die drei von Rudolf Steiner formulierten Regeln für die
Gedächtnisbildung sind vor allem
für die Pädagogik von zentraler Bedeutung:

„Begriffe belasten das Gedächtnis;
Anschaulich-Künstlerisches bildet
das Gedächtnis;
Willensanstrengung, Willensbetätigung
befestigt das Gedächtnis.“
(Lit.GA 269, S. 180)