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ASTROLOGISCHE FRAGMENTE IX

gemalt 1998 (c) Karin Afshar

Bildbetrachtung. Gedanken. Annahmen.

Wenn man uns doch im Kunstunterricht etwas mehr Bildung im Sinne von Heranziehen noch anderer Blickwinkel beigebracht hätte! Zum Beispiel, was es tatsächlich bedeutet, den Vordergrund und den Hintergrund in eine Beziehung zueinander zu bringen.

Dazu muss man sich einmal bewusst machen, wie sich ein solches Bild möglicherweise technisch aufbaut. Was wird zuerst gemalt? Oder skizziert?

Um eine annähernd dreidimensionale Sicht auf das Dargestellte zu ermöglichen, müssen die Bilder im Vordergrund ÜBER den bereits angelegten Hintergrund gemalt werden. Richtig?

Die Bilder und Gestalten im Vordergrund entstehen – vom Raum hinübergedacht in die Zeit – NACH der Anlage des Hintergrundes. Das Zukünftige befindet sich vorne, das Vergangene in der Tiefe des Bildes.

Im vorliegenden Bild fließt aus dem von Wassergischt vernebelten Hintergrund, in dem ein Berggipfel und ein Himmel geahnt werden können, ein Fluß auf den Betrachter zu. Links und rechts „türmen“ sich steile Hänge, sie sind eher unscharf ausgemalt, flächiger Umraum, sind Rahmengebung für den Fluß. Andeutung von Bewaldung (Wald – Ort der Verführung, des Unwägbaren, der Gefahren; Steigung – Klettern, Höhenunterschiede zur Überwindung oder zum Scheitern). Die beiden Waldfelsen dominieren das Bild – stehen einander unverbunden (es sei denn, man nimmt den strömenden Fluß als Verbindung hinzu) gegenüber.

Das Flüßchen ist in diesem eingeschnittenen Wasserlauf kanalisiert, die Farbe deutet an: es schäumt immer noch. Wer schäumt? Wut schäumt zum Beispiel, Druck schäumt. Im Fluß zwei größere Steine  oder Felsen. Sie werden umspült, aber nicht weggetragen. Von links – wenn wir auf das Bild schauen, rauscht ein zweiter „Gischtstrom“ herab; in das schäumende Fließen aus dem Hintergrund (der Vergangenheit) mündet ein nicht weniger schäumender, unruhiger Nebenfluß in Andeutung. Wie und wo er in den „unteren“ Fluß einfließt, ist nicht dargestellt. Das ist vom Vordergrund überzeichnet. Wir sehen einen Prozess, wenn man so will, einen Ablauf in verschiedenen Stadien. 

Skizze 1 – Aus dem Bild heraus… vom IC in den Vordergrund – MC.

Hintergrund – in diesem Bild der verdeckte Ursprung. Wir können das Woher nicht genau bestimmen. Im Vordergrund sehen wir, die wir außerhalb vom Bild auf einer Anhöhe stehen, auf Steingeröll. Links größere Felsen und Steine als rechts. Dazwischen der Fluß, der – natürlich nicht logischerweise oder weltwissensmäßig so, aber in Wirklichkeit eben doch: von einem Steinsims abgeschnitten wird. Kanalisierter Fluß – plutohaltig. Das Fließende wird von Stein aufgerhalten. 

Von hinten nach vorne, von vor der Zeit in die Zeit – das können wir lesen als den Weg vom IC zum MC: das Zuletztgemalte ist das Ergebnis. Und im MC lesen wir das unbeabsichtigt Erreichte. 

Zentral und frontal in ragt am unteren Bildrand in mitten von Steinen ein verknorrter Baumstamm ohne jegliches Laub auf. Noch steht er zwischen den Felsen (ist nicht zusammengebrochen), umwachsen von Gräsern, öffnet sich dem Betrachter und gibt ihm die Schamlippen hin. Bereit zum Empfangen? Wartend darauf, genommen zu werden? Drei Äste greifen, flächig gesehen in das Wasser unten im Tal hinein, perspektivisch aus dem Bild heraus gen Himmel. Links des vertrockneten, wie von Blitz getroffenen Baumes – zwei Pflänzlein, die sich dem Felsen enttrotzen. Nicht klar ersichtlich ist, ob sie sich in unterschiedlichen Wachstumsphasen befinden. 

Skizze 2 – Von unten nach oben – vom IC aus der Tiefe der Nacht – zum MC in die Helle des Tages

Rechts – von außerhalb des Bildes – ragt ein drei-ästiger Baum ins Bild, grazil und mit flachem Blätterdach. Das heißt, Blätter sehen wir nicht – das Grün ist wenig differenziert, dem Umriss nach ist er einer Schirmakazie nicht unähnlich. Wie kommt ein afrikanischer Baum in diese Umgebung? Er neigt seinen Stamm dem flammenähnlichen Mal zu, aber nicht zu sehr, und auch nicht mit der „geschlossenen“ Seite. Zugewandt und doch auch abgewandt. Zwischen ihnen die Steine. 

Der Betrachter wird von der Bildgruppe im Vordergrund fast erdrückt – es fehlt Distanz. Trotz der Nähe zur Gruppe ist der Blick über den Rand hinaus dennoch nicht gegeben. Die waagerechte Steinlinie schneidet den Kanal ab, er verschwindet aus dem Blickfeld. Das Ergebnis atmet Vereinzelung. Isolation aus.

Auf das Rund eines Radix gelegt, ergibt sich die in den beiden Skizzen gezeigten Bilder. Der Gischtstrom von links gehört in die Westhälfte des Radix, etwa ins 9. Haus, vielleicht ist er der Übergang von Haus 8 zu Haus 9? – Die Akazie ragt – kopfüber gedacht – ins 11. Haus der osthälfte hinein. Die untere Hälfte des Horoskops in Skizze 2 läge im Nebel der Fische-Welt – alles ist möglich, noch nichts geworden. Aus ihm gebiert sich ein kanalisierter Strom, der auf die Spitze eines nahezu abgestorbenen Baumes trifft – im Medium Coeli – die Wurzeln – sofern es sie noch gibt – im Himmel. Der Baum im 11. Haus daneben speist sich aus einer unsichtbaren Quelle.


Vier Fragen an ein Bild/Gemälde

IC – Ein Mensch trägt ererbte Erfahrungen in sich, auf deren Basis er seinen Lebensweg beginnt. Das Zeichen an der Spitze des II. Quadranten sagt etwas darüber aus, was die Person auf den Lebensweg mitnimmt. Die Frage an ein Bild lautet: Was sehen wir im Hintergrund? Was also sind seine Voraussetzungen? Womit geht es in die Welt, was ist die Ausgangslage?

AC – Das Zeichen am Aszendenten legt die Ebene der Anlagen fest, die einem Menschen auf seinem Weg zur Verfügung stehen. In diesen Eigenschaften erkennt man ihn. Die Frage an ein Bild lautet: Was liegt auf der Ostseite (gesehen vom IC aus) des Bildes? Wie ist der Charakter dieses Teiles des Bildes? Was ist seine Persönlichkeit, d.h. die materielle Vorlage?

DC – Im Moment des Eintretens in die Welt ist das, was einem Menschen entgegenkommen wird, ebenfalls festgelegt. Die Wahl eines bestimmten „Satzes“ an Anlagen schließt andere Anlagen aus. Diese kommen einem Menschen über Begegnungen und Bilder entgegen, um ihn vollständig werden zu lassen. Die Frage an ein Bild lautet: Was findet es in der Außenwelt vor? Wem begegnet es, damit seine Persönlichkeit vor dem Hintergrund seiner Voraussetzungen vollständig werden kann? Was liegt auf der Westseite des Bildes?

MC – Das Leben eines Menschen zielt auf eine bestimmte Erfahrung. Sie ist der Voraussetzung (im IC) immer komplementär entgegengesetzt. Die Frage an ein Bild lautet hier: Was sehen wir im Vordergrund? Worauf weist es? Was ist die Botschaft des Bildes an den Betrachter als Ergebnis?

Aus Bildern können wir – wie von Wolfgang Döbereiner im „Malereibuch“ getan – ihre Erschaffer (im Verhältnis der individuellen Verteilung zwischen den Anlagen im AC und der Umsetzung im Verhaltenszeichen mit der Sonne darin) erschauen. Das will ich hier nicht weiter vertiefen. Nehmen wir ein Bild als „Spiegel eines Werdens zwischen Hintergrund und Vordergrund“, denn es ist zu durchlebten – bewussten oder unbewussten, ist im Moment nicht relevant – Wegmarken seines Erschaffers entstanden und stellt sie dar.

In unserem (eigentlich ja meinem) Bild lässt sich ziemlich eindeutig eine Achse ausmachen: die IC-MC-Achse. Die Ausgangslage ist unbestimmt und undurchschaubar. Gleichzeitig ist die AC-DC-Achse vernachlässigt bzw. nicht vorhanden. Ist sie deshalb unwichtig? – Auf jeden Fall sind weite Bereiche der persönlichen wie auch der entgegenkommenden Seite (ausgehend vom IC des Bildes in beide Richtungen) dem Waldprinzip zugemalt. Wald und Felsen als unbegehbares, unwägbares Fremdland. Gestaltende Kraft von außen und auch Ausgangsmaterial – Gleiches trifft auf Gleiches. Unerlöst beides, nicht zum Vollständigen gekommen. Die Bildekräfte von außen bergen allenfalls im Abschnitt des 9. Hauses einen Zufluß an Leben, der aber auch sogleich wieder aufgehoben ist. „Oben“ – am MC angekommen – haben wir einen Baum, der vom „Strom“ angetroffen wird. Ist der Baum nun tot, weil er getroffen wurde? Das Ergebnis des Bildes vernichtend: Schäumendes, kanalisiertes Fließen endet in Stein und in Starre.

Zusammenhang. Dieses Bild entstand zu einem Zeitpunkt, an dem sich das Ende einer Beziehung bereits andeutete. Der Beginn der Beziehung (in Unklarheit, Unausgesprochenheit) gebiert unter der Maßgabe der bildenden wie zu bildenden Kraft einen Wutstrom, der sich entlädt und Leben vernichtet. Die Anlage zur Aufnahme von Lebensspendendem ist auch in dem erstarrten, fast verdorrten Wesen noch gegeben, aber sie ist verletzt. Aber es gibt auch Anzeichen von neuem Leben. Eine Lösung von außen ist zumindest möglich. 

Jetzt überlasse ich den unvoreingenommenen Betrachtern sowohl das Bild als auch die weitere Deutung. Viel Spaß – auch beim Nachblättern in den „Astrologisch definierbaren Verhaltensweisen in der Malerei“ von Wolfgang Döbereiner.