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ASTROLOGISCHE FRAGMENTE IV


Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche

Gustav Mahler

Die 6. Sinfonie von Gustav Mahler (die wir in Frankfurt in der Alten Oper hörten) entstand zwischen 1903 und 1904 (in Mahlers 43./44. Lebensjahr). Sie entstand nicht nur, sondern sie „entfloss seinem Herzen“, wie ein Biograph es formulierte, in einer Zeit – wie man nachlesen kann – in der sich für den Komponisten private (1902 heiratete er; wurde Vater zweier Töchter) wie auch berufliche Träume erfüllten. In seinen Wiener Jahren (1897-1907) leitete er im dortigen traditionellen Opernbetrieb Reformen ein: Er räumte mit verstaubten Bühnendekorationen und statisch auf der Bühne positionierten Sängern auf. Er fügte Bühnenbild, Handlung und Musik zu einem „dramatischen“ Ganzen zusammen, und – war damit erfolgreich. Unter Mahlers Leitung entwickelte sich die Wiener Hofoper zu einem der führenden Häuser der Opernwelt. Der einzige Schwachpunkt in seiner Direktionszeit war, dass es kaum Uraufführungen, bis auf eine im Jahr 1903, gab. In Mahlers Repertoire waren Mozart, Beethoven und Wagner. Moderne Operninszenierungen gehen nach wie vor auf diese Mahler-Reformierungs-Jahre zurück. 

Mahlers Glück endete 1907, als die ältere seiner beiden Töchter starb. Im selben Jahr trat er vom Amt des Direktors der Wiener Hofoper zurück. Die häufigen antisemitischen Angriffe auf seine Person waren wohl die Gründe hierfür, aber auch eine Kampagne gegen ihn, bei der ihm ökonomisches Ungeschick vorgeworfen wurde. Er nahm eine Stelle als Gastdirigent an der Metropolitan Opera und des Philharmonic Orchestra in New York an. Im selben Jahr wurde auch Mahlers unheilbares Herzleiden diagnostiziert. In dieser Zeit der Krise und Todesahnungen bzw. Erinnerungen an seine verstorbenen Geschwister (??) begann Mahler den Liederzyklus „Das Lied von der Erde“ zunächst als seine 9. Sinfonie. Die 10. Sinfonie sollte er nicht beenden – er starb 1911 51-jährig.

Mahler komponierte 10 Sinfonien und mehrere Liederzyklen. Jeweils nur zwei Monate im Jahr hatte er Zeit zum Komponieren, nämlich in den Sommerferien. Seine Musik – vielleicht wegen des Zeitmangels so gedrängt und getrieben? – ist mehr als bei anderen Komponisten mit der Zeit des Anfangs des 20. Jahrhunderts, in der der Mensch sich anschickte „modern“ zu werden, und damit seine Psyche zur Kategorie seines Daseins wandelte, verbunden. „Pulsmesser der Gegenwart“ wird oft formuliert, sei die Musik. Und – da ergeht es Mahler ähnlich wie seinem Namensvetter Gustav Holst – sie wird vielfach zitiert, d.h. Filmemacher  bedienen sich ihrer.

Visconti verwendete das Adagio der 5. Sinfonie in „Tod in Venedig“ als Leid-/Leitmotiv, Hannibal Lecter mordete in „Das Schweigen der Lämmer“ nach Musik von Mahler. Die Filmkomponisten Ennio Morricone (vgl. „Gabriel’s Oboe“, in: The Mission) wie auch John Barry, dessen Idol Mahler war („Dances With Wolves“), greifen auf seine Stilmittel zurück. 

Dirigenten- und Komponistenkollegen (u.a. Sir Georg Solti) analysierten und besprachen seinen Stil, Pierre Boulez nannte ihn den „Vater Schönbergs“ („Ich verstehe seine Musik nicht, aber er ist jung; vielleicht hat er recht“, sagte Mahler einmal über dessen Musik). Eklektizist (= einer, der sich verschiedener geschlossener Systeme bedient und ihre Elemente neu zusammensetzt) der Postmoderne sei er (Simon Rattle)Mahlers Klangrepertorium ordnen zu wollen, bedeutet für jeden „Ordner“ – also auch für Dirigenten und Rezipienten -, dass er seine eigene Perspektive auf die heutige Welt sucht. 

Ausschnitt aus der Partitur der 6. Sinfonie, Quelle: http://www.rodoni.ch/mahler/gustav-mahler/

Aus Mahlers Sinfonien klingen Hektik und Unruhe, sie werden von Vielen als „lärmend“ und disharmonisch empfunden und bezeichnet; in seiner Musik stecke das Ticken unserer Welt und erst recht die Schizophrenie, die Gespaltenheit unserer vermeintlich zivilisierten Gesellschaft zwischen düsteren Abgründen und schillernden Hoffnungen.

Im Folgenden wird es weniger um die heutige Welt gehen, auch nicht um eine Bestätigung oder Widerlegung einer aufgestellten These. Es geht mir wieder einmal darum, einen Menschen in und hinter seinem Werk zu finden – mit Hilfe seines Horoskops.

Die 6. Sinfonie insbesondere führt den Hörer in die Höhen von jubelnden Erwartungen, berechtigt wie unberechtigt, dem Aufbruch in Neues, und dann in den Niederschlag des Scheiterns und in den Zusammenbruch. Die drei Hammerschläge im 4. Satz zertrümmern neben der Hoffnung auch die Illusion von der Hoffnung. Fragt sich, was bleibt. Es wird viel interpretiert: Vorahnungen habe Mahler gehabt, auf den ersten Weltkrieg, den Tod seiner Tochter, seine eigene Erkrankung. Er soll die Sinfonie seiner Frau Alma gewidmet haben, die er – sie war 19 Jahre jünger als er – 1902 geheiratet hatte. Die Ehe hatte ihre je eigene Belastung. Denn Mahler hatte Alma vor der Heirat in einem Brief klar gemacht, dass sie auf jegliche musikalische Ambitionen (sie komponierte ebenfalls) verzichten müsse; was sie tat. Besonders nach dem Tod der Tochter traten die Verwerfungen dann zutage. Nicht nur, was die 6. angeht, macht sich die Fach- und Zuhörerwelt Gedanken darüber, ob die intensive Darstellung emotionaler Abgründe autobiographisch oder doch eher der Ausdruck von emotionaler Intensität allgemein ist, quasi eine Verarbeitung dessen, was Mahler im Begegnenden aufnahm. 

Als ich die Sechste vor Jahren zum ersten Mal hörte, hatte sie mir nichts zu sagen; vermutlich weil es wie so oft war: wir begegneten uns nicht zum rechten Zeitpunkt. Jetzt – Jahre und etliche Erfahrungen älter und reifer – sprechen die vier Sätze zu mir, sie erzählen etwas – über Mahler und die Frauen und die Liebe und das Nicht-Gesehenwerden für das, was einem selbst am wichtigsten ist. Dazu unten mehr. 

Gustav Mahler war Krebs vom 7.7.1860 und hatte am Aszendenten nicht die Fische, der ihm auf einigen Astrologie-Seiten im Netz zugerechnet werden, stehen, sondern den Steinbock (Wolfgang Döbereiner).

Für den Steinbock mit dem Herrscher nah der Spitze von Haus 8 nach 7 sprechen mehrere Gründe (u.a. mitnichten weithergeholt Mahlers Sterbehaus, das ehemalige Sanatorium Löw in der Mariannengasse im 9. Bezirk – Mahlers Saturn steht im Löwen). Mahler war dramatisch und tragisch in einer Person. Doch einem doppelten Fisch (Neptun in den Fischen in Haus 1 bei Fische-AC) sah er nicht ähnlich und sein ganzes Auftreten war – wie wir später sehen werden – saturniner Art mit einem „Schuss“ Zwanghaftigkeit darin. Ein Arsenicum-Album-Typ eher. Aber das ist zu allgemein und zu unbestätigt an dieser Stelle. Eins nach dem Anderen.

Bleiben wir zunächst beim Aszendenten, denn wenn der nicht annähernd gesichert ist, deutet man in die Spekulation hinein und stellt Vermutungen an, deren Beweise man sich dann in den Konstellationen zurechtbastelt. Ein Horoskop zu korrigieren ist schwer genug.

Oben ist sein Horoskop bzw. ein Vorschlag auf eine Geburtsstunde von 19:15 Uhr. Gefunden haben wir noch ein weiteres Horoskop, in dem eine Uhrzeit von 19:00 Uhr angenommen wurde und das einen 29°-Schütze-AC aufweist. Wir werden uns das im Folgenden ansehen. Dazu werde ich – 1. Klasse Münchner Rhythmenlehre – die gute alte Strukturdeutung anwenden, insbesondere heute das „Kleine Einmaleins der Häuserherrscher“ (Herrscher von 1 in 8 – was heißt das? Herrscher von 5 in 7 – was heißt das?).

Gustav Mahler, 1906, nachcoloriert, Quelle: https://gustav-mahler.org/

Gustav Mahler war klein von Gestalt: nur ein Meter und sechzig Zentimeter groß. Er war hager, asthenisch-zierlich und – Alfred Roller beschrieb ihn so – wider Erwarten gut proportioniert. Mahler wanderte, schwamm und fuhr Fahrrad. Er pflegte in zügigem Tempo alle Wege innerhalb seiner Reichweite zu Fuß zurückzulegen, ebenso ausdauernd wie schnell, auch im übertragenen Sinne war er voller Energie, die ihn Hindernisse überwinden ließ (Fortbewegungsart „allegro furioso“). Sein „Zuckfuß“ – oder wie er ihn selbst nannte „Totatscheln“ – trat in Phasen von Konzentration und auch beim Dirigieren nicht auf, wohl aber, wenn er sich entspannte. Das rechte Bein geriet ihm beim Gehen, manchmal auch beim Stehen außer Kontrolle. Beim Gehen fielen ein bis drei kurze Schritte aus dem Gehrhythmus, beim Stehen trat er auf der Stelle, mal schwächer, mal stärker. Dieser Tic bestand schon seit der Kindheit. Man sieht Mahler auf vielen Fotos in einer Haltung sitzen, bei der das linke Bein das rechte einklammert – so als wolle es das zuckende andere Bein fixieren.

Wenn man ein Profilbild von Mahler betrachtet, sieht man, dass sein Kopf kurzschädelig ist. Auf Frontalbildern sieht man ein längliches, bleiches Gesicht, eine hohe Stirn, schmale Lippen. Sein Haar tiefschwarz, die meist leicht geröteten Augen hinter den typischen Brillengläsern, mit denen man ihn allgemein in Verbindung bringt. Diese Augen sollen wach und stechend gewesen sein. Mahler – beschrieb ihn Ferdinand Pfohl – sah aus „wie einer, der an Gott gezweifelt hat und darum aus dem Licht zur Finsternis herabgestürzt worden war“. Ein Luzifer. Eine unruhige, nervöse und sprunghafte Gestalt, gleichzeitig elegant und mit Grazie. Er war melancholisch und besaß einen verschrobenem Humor – beides war ihm als Furchen ins Gesicht geschrieben, was die, die ihm begegneten nicht nur abschreckte, sondern sie nachgerade anzog.

Steinbock-Aszendenten sind nicht schnell zufrieden mit dem, was sie tun, sind selbstkritisch. In ihrer Selbstdurchsetzung gehemmt, setzen sie nicht sich, sondern eher das, was sie für das Maßstäbliche halten, durch. Sie brauchen Herausforderungen, um sich mit sich selbst im Einklang zu fühlen. Sie stürzen sich auf Hindernisse und Hürden, um sich an ihnen zu messen – widerstandsorientiert, aber mit der oft zitierten angezogenen Handbremse unterwegs. Steinbock-AC sind ernste, zielstrebige Praktiker, aber auch ängstlich, gereizt, menschenscheu, streitsüchtig und arrogant. Nun gut, schauen wir uns das näher an.

Herrscher von 1 in 8

Alle Anlagen zur Bindungs- und Verpflichtungstreue. Ideelles Eintreten für die Notwendigkeiten anderer. Sich anderem verpflichten bis zum Fanatismus und zur Vorstellungsgebundenheit.

Der Herrscher dieses AC, der Saturn, steht im Löwen, mit gegebener Übersubjektivität und Maßstäblichkeit verpflichtet sich das Prinzip der Erlebniswelt der Anderen. Was tat Mahler anderes, wenn er doch (Bühnen)Welten verwirklichte, gestaltete? – Seine Arbeit an der Wiener Oper galt der Aufführung anderer Komponisten (nicht dem seiner eigenen Werke). Mit all den anderen Anlagen, die sich ebenfalls im Löwen – und dann auch noch im 7. Haus – versammeln, lebt er in der Bildaufnahme und -abgabe.

Merkur in Löwe (Herrscher von 6 (Zwillinge) und eingeschlossen in 8 (Jungfrau):

Herrscher von 6 in 7

Herausforderbarkeit und Begegnungsfähigkeit durch Beobachtung und Analyse anderer Selbstverständnisse. Seelische Aussteuerung durch Begegnung.

Intensiv ist er gewesen, in dem, was er tat – Merkur hat zudem ein Pluto-Quadrat, was Anspannung mit sich bringt – Zwanghaftes, ein Nicht-Aufhören-Können. Die Begegnungsfähigkeit damit gleichzeitig eingeengt und fokussiert. Das Plutohafte ist ja auch das Intensiv-Fixierte, die Meinung, nicht anders zu können.

Venus in Löwe (Herrscher von 4 und 5 (Stier) und 9 (Waage):

Herrscher von 4 in 7

Der seelische Ausdruck und die Empfindung werden durch andere Selbstverständnisse und Ideen herausgefordert. Durch die Begegnungsfähigkeit drückt man sich seelisch aus.

Herrscher von 9 in 7

Herausforderbarkeit durch andere Selbstverständnisse bei Verständnis und Einsicht für außerpersönliche Belange und Vorgänge. Durch die Einsicht in andere Belange wird man begegnungsfähig und herausforderbar.

Die Waage-Venus im 7. Haus ist das Bild des Sich-Ergänzens im Löwen im Gestalterischen. Er arrangiert Lebens- und Ereigniswelten, indem er sich in der Welt umschaut, in der Welt Vorgänge und „Geschichten“ begegnet, empfindet er sich, wie gleichzeitig das Empfinden sich sichernd und versichernd im Begegnenden auslebt. Pluto im Stier – das Ritual der Sicherung im Häuslichen (Essenszeiten/Arbeitszeiten), Pluto aus dem 10. Haus in 4:

Herrscher von 10 in 4

Seelische Entfaltung und Besinnung auf das Wesentliche im Bereich des überpersönlich Maßstäblichen mit Mitteln des Ordnens und Regelns. Mit der eigenständigen maßstäblichen Ausdrucksform identifiziert man sich seelisch (geordnete Seele).

Eine Seele, die aber auch die Besetzung in sich trägt. Sie ist überlagert von einer Vorstellung des Mütterlichen. In einem Gespräch mit Sigmund Freud, den Mahler wegen Almas Ehebruch und seiner Unfähigkeit, diesen Akt zu begreifen, konsultierte, sprach er darüber, dass er das „verlittene Gesicht“ seiner Mutter liebe. Und in Alma liebe er dieses Gesicht ebenfalls. „Verlitten“ – ein Gesicht, das von Leiden gefurcht ist… Leiden als der Weg zu Mahlers Liebe? Pluto in 4 – die Leidenschaft und die Eifersucht, beides Kinder eines großen Drucks, der das Subjekt überfordert. Dass Pluto in 4 neben der Anlage zu Wandel und seelischem Reichtum auch traumatische Erlebnisse in der Kindheit bereit hält, ist schon beinahe trivial – Gustav Mahler hatte 11 Geschwister, von denen etliche während seiner Kinder- und Jugendjahre starben. Der Vater war leidenschaftlich, starrsinnig und soll auch gewalttätig gewesen sein (Worbs, 1974).

Gustav Mahler machte sich insbesondere um das Vermächtnis von Anton Bruckner verdient. Aus eigener Tasche zahlte er den Druck von dessen Partituren. Anton Bruckner, geboren am 4.9. mit einem Löwe-AC, war Mahlers Vorbild und an ihn lehnte er sich maßstäblich an. Über Bruckner werde ich an anderer Stelle noch schreiben. Soweit jetzt: Bruckner kann als etwas wie der Hohepriester der Sinfonie angesehen werden, als der zu spät gekommene deutsche Idealist in der Musik; sehr katholisch statt protestantisch bringt er seinem Gott die Musik dar. Mit ihm endet eine Ära (W. Döbereiner schrieb mir einmal: „Bruckner hatte immerhin noch Posaunen, die haben Sie heute nicht mehr.“). Mahler ist fortan der moderne Postmoderne, ein Erlöser wider Willen. In der 6. Sinfonie griff er unüberhörbar Bruckner-Elemente auf. Mahler war übrigens 1897 zum Katholizismus konvertiert.

Nun ist er aber alles andere als nur der „Verwerter Bruckners“. Man liest auch über ihn als einen Harlekin und Spaßmacher mit den bitteren Tränen, der zerstört, was er liebt. Sehen wir das im Horoskop? Dazu fehlen noch zwei Planeten-Prinzipien. Bei der Venus in 7 steht Jupiter: da wird also ein Bild gefügt, die Fügung wird arrangiert, sie ist weit und offen. Sie kommt aus dem 12. Haus.

Herrscher von 12 in 7

Herausforderbarkeit durch andere Selbstverständnisse, durch Hintergründe und indirekte Zusammenhänge. Indem man indirekte Zusammenhänge aufspürt, wird man ideell herausforderbar für andere (psychologisches Interesse).

Das ist der Genius, der aus dem Unsichtbaren heraus ins wache Bewusstsein langt, sich aus Träumen nährt, Zusammenhängen lauschen kann, die kein anderer hört, der über ein Gedächtnis über sich selbst hinaus verfügt, voller Erwartungen und Hoffnungen. Von hier kommt das Weiche, das Träumerische. Die Suche nach dem Sinn steht hier ebenso. Das alles steht im Gegensatz zum Anspruch an sich selbst und auch an alle, die mit ihm arbeiteten: dem nüchternen Pragmatiker, der nichts als Entschuldigung gelten ließ. Arbeitsbesessen war er, despotisch , streitsüchtig und arrogant – letztlich erfüllt von der Angst, einmal ohne Arbeit dazustehen, was ihm einem Alptraum nahegekommen wäre (Kerner 1973).

Wo sehen wir den Harlekin? – Kann man sich einen Mann wie Gustav Mahler, wie wir ihn bis jetzt gesehen haben, als einen Spaßmacher vorstellen? Wenig. Von einigen Biographen wird ihm Humorlosigkeit nachgesagt. Er habe so gut wie nie Späße gemacht. Bei Jens Malte Fischer (Der fremde Vertraute, 2003) finden sich Hinweise darauf, dass Gustav Mahler sehr wohl über sich selbst lachen konnte, und auch Scherze machte.   

Mahler hat eine Krebs-Sonne auf 15.8° (mit 43,8 Jahren könnte er übrigens über diese Sonne gelaufen sein – Höhepunkt seines Schaffens und seiner persönlichen Ausdrucksfähigkeit – und die Stimulierung all jener Prinzipien, die sich bei ihm im Löwen versammeln), die ihn als einen „Seelenmenschen“ ausweisen könnte. Könnte sage ich deswegen, weil der Herrscher von Krebs, der Mond, in den Fischen steht. Dazu später.

Was ist das Krebshafte, das Verhalten, das die Anlagen im AC (als gegenüberstehend, quasi ausschließend sogar noch!) ausführen muss? – Der Krebs ist dem Wachsen und Werden zugewandt – kommt man ihm mit Vorgefertigtem, von Vornhereinfertigem – steht er dem hilflos gegenüber (was er sich nicht anmerken lässt, wohl aber aushalten muss), Gekünsteltes mag er nicht, Klischees verachtet er, Modellvorgänge, wie die Gesellschaft sie vorgibt, quittiert er mit Sarkasmus und Spott. Sprache des gesprochenen/geschriebenen Wortes einerseits – und mit Mond in den Fischen – Sprache der Musik andererseits ist die Heimat eines Krebses. Auch hier gilt: die Bahnen des Vorhandenen, Festen, werden verlassen –  nichts ist ihm schlimmer, als sich an Regeln zu halten. Opportun zu sein – auch das verachtet er hier. 

Quelle: Kurt Blaukopf, Mahler, 1969, S. 219

Gutmütig sei ein Krebs, heißt es, und dass er aus der Erwartung heraus lebe, dass etwas sich freiwillig fügt. Was man erzwingen muss, ist ihm inhaltlich nichts wert und kann demnach nicht von Dauer sein. Verzichten kann er allerdings auch nicht – und damit kommt ein Krebs in Zugzwang. Er hat ein Bedürfnis – auf der Suche nach nährenden Eindrücken – nach Übereinstimmung mit der Umgebung. Er möchte sich auch anderen erklären, sich mitteilen. Verletzbar ist er, aus eben diesem Bedürfnis heraus – denn wenn man sich öffnet, können die im Außen seinen Sicherheitsbereich betreten und missbrauchen. Dennoch wird er sich keiner Bitte verschließen, auch wenn sie noch so absurd ist – vielleicht gerade deswegen noch weniger. – Er ist also nachgiebig, und kann schlecht „Nein“ sagen.

Das Gleichgewicht zu halten oder gar erst einmal zu finden, ist für den Krebs eine schwierige Sache. Sie bewegen sich zwischen „zuviel“ und „zuwenig“: Geselligkeit-Zurückgezogenheit, Verstocktheit-Charme und Witz, Fleiß-Faulheit, usw. Auf ihre Laune kann man sich nicht verlassen, da sind sie unzuverlässig und unberechenbar, und was an einem Tag gilt, gilt am anderen nicht unbedingt. Das Umschlagen der Stimmung kann dabei durch eine unbedachte Äußerung, die der Krebs als Kränkung aufnimmt, verursacht werden. Tritt dergleichen auf, wird sich der Krebs enttäuscht zurückziehen und ausweichen. Direkte Konfrontation, wie ein Widder sie angehen würde, ist nicht seine Reaktion. 

Der Kampf zwischen Eigenart und Norm ist es, den der Krebs auszufechten hat, seelischer Überdruck mit eingeschlossen. Sein Lebensweg ist immer ein wenig gefährdet – ein Krebs kommt nicht im Sein an, weil er sich doch das Wachsen offen lassen will. Sein, im Sinne von R. Steiner kann auch gar nicht das Ziel von Leben sein, denn es bedeutet den Tod:

„Werden und Sein

Das, was wir als das Sein den Dingen, den Wesen beilegen, steht in einem lebendigen Verhältnis zum Werden. In Wahrheit ist weder der alte Satz des Parmenides von dem starren Sein, noch der Satz des Heraklit von dem Werden, wahr. Es ist in der Welt Sein und Werden, aber nur: Das Werden ist lebendig, das Sein ist immer tot; und jedes Sein ist ein Leichnam des Werdens. Finden Sie irgendwo ein Sein, zum Beispiel in der sich um uns ausbreitenden Natur, so antwortet Ihnen die Geisteswissenschaft darauf: Dieses Sein ist dadurch entstanden, daß einmal ein Werden war, und dieses Werden hat seinen Leichnam zurückgelassen, dasjenige, was uns gegenwärtig als Sein umgibt. Das Sein ist das Tote, das Werden ist das Lebendige.“ (Rudolf Steiner, GA 176, Seite 182, Ausgabe 1982, 392 Seiten)

Im 7. Haus, wo Mahlers Sonne „auftaucht“, trifft sie auf die Zeit als Gestalt der Gegenwart – wird die Empfindungswelt zum Bild des Bewusstseins. Diese Empfindungswelt ist noch nicht die eines Erwachsenen, sondern die eines Jünglings, vielleicht sogar eines Kind Gebliebenen – die immer noch die Welt auf Echtheit und Reinheit „abklopft“ – in der Begegnung das Echte finden will. Mit dem AC im Steinbock ist man dabei weniger schwärmerisch (was durch Jupiter in 7 jedoch auch enthalten ist) als vielmehr auf der Suche nach dem Sinn der Bestimmung und des Schicksals.

Herrscher von 8 in 7

Herausforderbarkeit durch andere Selbstverständnisse, durch Ideen und Leitbilder. Durch die Bindung an Partner, Bilder und Ideen wird man herausforderbar für andere Selbstverständnisse.

Mitten im Selbstwerden – bewegt sich ein solcher Mensch doch in der Begegnung und – wie wir sehen – zieht sich dies durch noch vier andere Prinzipien hindurch – ist der Mensch Mahler auf die Begegnung und die Bindung an die Begegnung angewiesen. Er braucht sie, um sich selbst leben zu können – und insofern er ordnend und strukturierend vereinheitlicht und in Szene setzt, kommt er zu seinem Ausdruck. Die ihm Anvertrauten konnten sich glücklich schätzen, denn ihm lag ihr Werden am Herzen – und doch konnte seine Fixierung und seine Vorstellung davon, wie dies Wachsen zu geschehen habe, Leben geradezu vernichten und töten. 

Herrscher von 7 in 2

Selbstabgrenzung im Sozialgefüge mit den Mitteln ideeller Aufgeschlossenheit für öffentlich-gesellschaftliche Belange. Durch die Begegnung grenzt man sich nach außen ab. Um sich abgrenzen zu können, braucht man Partner u.a. Denken. 

Nehmen wir weiterhin den Aszendenten von 4° Steinbock an, ergibt sich ein Wassermann an der Spitze von Haus 2. Die Selbstabgrenzung, die als ein umrissenes Territorium mit einem Zentrum gezeichnet werden kann, ist aufgehoben und entpolarisiert. Der Raum hat offene Grenzen und in ihm – mit dem Fisch und dem Neptun in 2! – haben sich das Namenlose, das Überpersönliche, das Hintergründige und die Fähigkeit, geschehen zu lassen, ausgebreitet. Mahler war berühmt für den Einsatz des Stilmittels von Chorstimmen, die aus Räumen außerhalb des geschlossenen Orchesters kamen … Stimmen von weit her. Die Stimmen aus dem Jenseits treffen auf das Diesseitige und bringen Kälte und Abstand. Größtmöglicher Abstand von der eigenen Betroffenheit – das ist für nicht wenige Menschen nur schwer zu ertragen. Eine Herausforderung an jeden, dem sich Mahler in der Begegnung näherte. Einerseits große Hingabefähigkeit an Größeres, aber keinerlei Lenkbarkeit durch subjektive Belange. Ein Mensch, der sich nicht kaufen oder durch Vordergründiges beeindrucken ließ.

Mond in den Fischen: Zunächst entspricht dies einem Mond-Neptun – ein Mann mit dieser Konstellation wird die Mutter seiner Kinder sowie sein eigenes Empfinden missachten (eine Frau – Alma Mahler hatte Mond in den Fischen – wird ihre Mutter und deren Schöpferisches ignorieren). Der Mond sucht im 2. Haus Sicherheit und Schutz, ist festgenagelt, d.h. unbeweglich, aber mit Wassermann und Fische in 2 gibt es keine Sicherheit mehr. Woran also hält sich ein ertrinkendes Empfinden? – Es hält sich in Mahlers Fall an den Pluto und die Sonne.

Über Mahlers Musik, insbesondere die von ihm betriebene Erneuerung, die zum Weiterschreiben der noch über Bach, Wagner und Beethoven hinaus möglichen Tonalität führte, kann man in Kurt Blaukopfs Buch „Mahler oder Der Zeitgenosse der Zukunft“ von 1969 nachlesen. – Die Lebensjahre ab 42 – stehen unter dem Signum des Krebs und des Mondes in den Fischen. „Traditionsfeindlichkeit“ (siehe auch das Zitat als Titel) liest man immer wieder, sei eines der Charakteristika von Mahler gewesen … das ist sowohl dem Krebs-Verhalten (im Wachsen begriffen) wie dem Fisch-Mond in 2 innewohnend. Nichts durfte sich jemals verfestigen, alles war im Fließen, und dem galt sein „Zwang“. Doch was trug der Herrscher von 2 im 5. Haus zum Werk Mahlers bei?

Herrscher von 2 in 5

Abgrenzung erfolgt durch seelische Verausgabung, dem Trieb, unmittelbar zu leben. Verausgabende Lebenskraft. 

Uranus ist der Herrscher eines entgrenzten, aus dem Zentrum, der Polarität gehobenen Raumes – und er steht im Haus des Löwen, mitten in der Kraft. Die zersplitterte Kraft. Hier erleben wir die keiner Logik folgende Vielfältigkeit, die Unfähigkeit, sich zu fokussieren, sich zu konzentrieren und bei einer Sache zu bleiben – da sich gleichzeitig bei geforderter Konzentration Panik und Beengungsangst einstellt. Uranus in den Zwillingen: die anströmenden, inneren Bilder – besetzt auch durch lebensbedrohende Erfahrungen, die man nicht integrieren kann – lässt in Überlegenheit ausweichen. Scheinbarer äußerer Ruhe liegt innere Unruhe zugrunde, sobald etwas Routine wird, kontinuierlich ist, will man ausbrechen, explodiert man.

Hier liegen Übererregbarkeit, ja auch Tics, denn Uranus ist korreliert mit dem Nervlichen. Eisiger Wind im Haus des Königs … lässt klamme Lebensangst aufkommen. Gegeben ist auch Mond-Uranus-Quadrat. Haus 2 zu Haus 5 – Sicherung und Verausgabung stehen unharmonisch zueinander. Dass Mahlers Herzorgan in entzündliche Mitleidenschaft gezogen ist, ergibt sich auch aus dem Saturn, der wiederum im Löwen steht. Jupiter ebenfalls im Löwen hat eine Opposition zu Mars im I. Haus, dem körperlichen I. Quadranten – die Fanfare zum Kampf, das zügellose Wachstum. Die Lebensangst taucht im mondenen Eiswasser als Erscheinung, vermutlich nah unter der Oberfläche. Natürlich spricht Mahlers Musik von Angst, spricht Angst aus ihr. Einmal mehr wird klar, dass es kein nicht-autobiographisches Werk geben kann!

Mahler traf sich am 26.8.1910 in Leiden mit Sigmund Freud, der ihn – aus dem Urlaub gerissen – mit seiner „Mutterproblematik“ konfrontierte. Freud hat ihn (vgl. den Film „Mahler auf der Couch“ von Percy & Felix Adlon, 2010), der sich zu alt fühlte und den Ehebruch seiner Frau auf sein Alter zurückführte, auf die „Schuldfrage“ angesetzt. Die Schuld, derer er sich am Ende des Gesprächs bewusst wird, bestand darin, dass er seiner Frau ihr eigenes Leben verboten, und sie mit seiner absoluten Liebe genichtet hatte.

Nun ist astrologisch Mond-Uranus insofern mit der Mutter und der Schuld assoziiert, als es hier um eine Leugnung der Unvollständigkeit des Menschen geht. Der junge Gustav, als Krebs wie oben beschrieben, dem Unechten abgeneigt und dem Werden verschrieben, hat die Enttäuschung und das Leiden der Mutter mitansehen müssen – ihr Verlittenes, Verhärmtes. Der Vater offenbar lebensverneinend, und etliche Geschwister (in damaligen Zeiten nicht unüblich) gestorben. Für einen solchen Jungen schwer zu verarbeiten; während gleichzeitig die Mutter ausfiel, musste der Sohn einem Bild entsprechen, eine Stärke aufweisen, die er nicht hatte. Mond-Uranus – das ist die Entfernung aus sich selbst, als Schutz, bei oftmals gleichzeitig vorhandener Erziehung der Übergriffe und seelischen Zudringlichkeit. Da wurde über den Jungen entschieden und er konnte nicht anders als den Auftrag zu übernehmen, der ihm gegeben wurde. Mahlers Vater gelang es 1857, sich ein Haus zu leisten. Er hatte sich das mit Arbeit als Spediteur, Unternehmer, Hauslehrer zusammengebaut, wollte immer noch höher hinaus (schaffte es später zum Branntweinschankwirt) und nahm 30-jährig Gustavs Mutter (gerade 20 Jahre alt) zur Frau. Die beiden passten nicht zusammen. Lieber hätte seine Mutter auch einen anderen geheiratet, gab Mahler selbst einmal an. Ansonsten schwieg er sich über seine Familie eher aus.

Die Familie Mahler hat jüdische Wurzeln, die aber schon der Vater Bernhard versuchte auszulöschen, zumindest zu verwischen. Der „Kutschbockgelehrte“ (so wurde Mahlers Vater im Heimatort bezeichnet) vermittelte dem Jungen eine „deutsche Bildung“. Alle seine Kinder sollten es besser haben, als er selbst es gehabt hatte. 12 Kinder gebar Marie Mahler (Gustav war das zweitälteste). In Blaukopfs Buch lesen wir (S. 22 ff), dass die Mutter herzkrank war und von Geburt an hinkte. Von Anfang der Ehe an ist sie dauerschwanger gewesen, die Kinder kamen innerhalb von 19 Jahren auf die Welt – Gustav wurde Zeuge davon, wie sie geboren wurden und wie sechs von ihnen im Kindesalter auch starben. Seine Flucht ins (Klavier-)Spiel – als er damit begann war er etwa 9 Jahre alt – wurde vom Vater bald entdeckt und belohnt. Für ihn stand fest, dass aus Gustav ein Musiker werden sollte. Als Gustav 11 Jahre alt war, schickte ihn der Vater nach Prag, damit er dort weiteren Klavierunterricht erhielte, was aber gründlich schief ging. Der Junge kam zurück und war zur Schande des Vaters dann auch noch schlechtester Schüler seiner Klasse. Der 11-jährige Gustav wurde übrigens in Prag Zeuge einer Art Vergewaltigung, die ihn nicht unbeeindruckt ließ, nachgerade prägte, und sein Verhältnis zu Frauen in einem neptunischen Verständnis erklärt. – Mond-Neptun: Angst des Kindes vor der Dominanz des gleichgeschlechtlichen Elternteils (oder einer anderen männlichen Person in der Familie), Mandelaffekte, Auflösung des Subjektiven – hin zu Michael, der oben bereits erwähnten Luzifer aus dem Himmel vertrieben hat. Gustav Mahler beides. Sein eigener Michael. Oder aber Alma, die ebenfalls einen Mond in den Fischen hatte. Da haben sich zwei aneinander ihr Schicksal erfüllt. 

Der Taktiker Mahler, derjenige, der sich seiner Chancen bewusst wird und sie zu ergreifen vermag, erwachte mit etwa 15 Jahren. Zu dem Träumer (der aber nie vollends verschwand) trat der zielstrebige Mensch, der Situationen nüchtern beurteilen konnte und Verbündete für sich suchte. Dieser Doppelcharakter, wie aus dem Vorhergesagten deutlich wird, beschreibt Mahlers Wesen bis in seine letzten Jahre. Er verstand es von nun an, sich den berechtigten Forderungen der Lehrer der ersten Jahre ebenso anzupassen wie deren Launen und den Launen späterer Lehrmeister. – Zuhause war er das Wunderkind, das in die Welt gegangen war und nun Glanz und Ruhm mitbrachte, wenn es er aus der Welt heimkehrte. Der Vater bestand dennoch auf der Vollendung des Mittelschulstudiums. Der weitere Werdegang Mahlers kann in den unten angegebenen Büchern nachgelesen werden.

Dass es sich um eine Häuser- und Planetenverteilung wie vorgeschlagen handeln kann, wird fast schon aus den wenigen Daten schlüssig. Selbst bei einer Verschiebung um 2 Bogenminuten nach links oder rechts wird sich nicht wesentlich verändern. Die weiteren Feinheiten der Nachprüfung tätige ich im stillen Kämmerlein und vielleicht in einem Buch. Letzteres vielleicht aber auch nicht. 

Abschließend noch ein Blick auf die Aspekte in Mahlers Horoskop; hier habe ich sie einmal eingezeichnet. Die roten Linien sind die harten Aspekte Quadrate und Oppositionen, die blauen Linien sind Trigone und Sextile, die grüne ein Semisextil.  

Die Opposition wird als ungünstiger, schwieriger Aspekt gedeutet: die Kräfte der betroffenen Planeten wirken gegeneinander und Konflikte sind absehbar. Allerdings gilt auch, dass die sich ergänzende oder nicht ergänzende Qualität der Umstände der anderen Planeten die Qualität der Opposition mitprägen. 

In Mahlers Horoskop liegen zwei Oppositionen vor: Mars im Steinbock hat eine Opposition zur Venus-Jupiter-Konjunktion im Löwen. Während also die Venus-Jupiter-Konjunktion sich zu einem Förderer für die „Integration ins Gemeinschaftliche“ anbietet, wird dies durch die Energie des Mars unterlaufen. Mars im Steinbock hat einen großen Willen, der sich als wenig hilfreich entpuppt, wenn man den Dingen ihren Lauf lassen könnte, weil sie sich eh gut entwickeln. Mars im Steinbock reißt aber auch aus zu großer Passivität heraus, gewährleistet, dass man sich nicht auf den bekannten Lorbeeren ausruht. Mars in Opposition zu Venus: das auf Gewebe treffende Feuer (Gewebsbrand) und die Austreibung dessen, was in der Gestalt (des Erlebens) liegt – auf jeden Fall heftig und konfrontativ (wie ein Krebs die Konsequenzen aushält, fragt sich natürlich). Mars zu Jupiter: der Schnitt ins Gefüge und die aggressive Weltanschauung. Jupiter im Löwen – Le roi, c’est moi – und das werde ich durchsetzen. Der Mars jagt die Frau aus gutem Hause und nimmt sie (Löwe: drei, zwei eins – meins) in seine Lebenswelt auf, in der sie dann „aufgeht“.

Zwei Quadrate. Das Quadrat beschreibt zwar eine problematische, aber zugleich auch chancenreiche Paarung. Die beteiligten Planetenprinzpien sind „Feinde“, aus ihren Gegensätzen erfolgt die Wirkung. Pluto im Stier und Merkur im Löwen gehen ein Quadrat von Erdzeichen zu Feuerzeichen ein. Beides sind fixe Zeichen – die Androhung von Bewegungslosigkeit, dem Feststecken in Planungsregeln und Ritualen um des Erhalts des „Seelenbestandes“. Hier „tigert“ das Leben in einem Käfig, aus dem es sich nicht heraustraut. – Mond in den Fischen und Uranus in den Zwillingen. Ein Konflikt bzw. aber auch eine Lösungsmöglichkeit von einem Wasserzeichen zu einem Luftzeichen. Uranus ist in der Lage, zu starre Regelungen und Abläufe aufzulockern, wenn er denn will. Mahler hat sich „Komponierhäuschen“ gebaut. In diesen weltfernen (Mond in den Fischen) Räumen schöpfte er im Wald seine Werke (Uranus in 5) – in der Klausur einer Art Kloster (Mond-Uranus). 

„Komponierhäuschen, ein gezimmerter Raum von etwa 20 qm. In dem Häuschen befand sich lediglich ein Arbeitstisch, ein Flügel und ein Regal mit den Gesamtausgaben von Kant und Goethe, ein Ofen zum Erwärmen des Kaffees.“

Gustav Mahler verweilte in den Sommermonaten von 1908 bis 1910 auf dem Trenkerhof in Altschluderbach, wo er die „Neunte Symphonie“, die unvollendete „Zehnte Symphonie“ und „Das Lied von der Erde“ schuf. Das Komponierhäuschen ist Zeugnis seines Aufenthaltes in Toblach. Quelle: http://www.museen-suedtirol.it

Ein Sommerhäuschen (nebenstehend ein späteres) beherbergte auch in den Sommern zwischen 1900 und 1907 den Seelenvogel Mahler, der den Rest des Jahren in den Zwängen des Opernbetriebes stand. Alles, was ihm begegnete und begegnet war, wurde „eingebaut“ – Vogelgezwitzscher ebenso wie vorbeimarschierende Musikanten oder Kuh- und Turmuhrglocken.

Trigone sind harmonische Aspekte, haben eine stärkere Wirkung als das Sextil, das quasi „Nachbarn“ miteinander verbindet – nicht selten eben auch im gleichen Verbund befindlich oder nicht selten in gleicher Polarität. Die durch ein Trigon verbundenen Planetenprinzipien wirken gemeinsam besser als sie es alleine tun könnten – sie sind „befreundet“, unterstützen sich und können dem Betroffenen viele Chancen eröffnen. Die automatisch-positive Wirkung des Trigons birgt jedoch die Gefahr, eines frühen Einschlafens von Ehrgeiz und Antrieb wie Wille. Neben den genannten vier problematischen Aspekten haben wir in Mahlers Horoskop zwei Sextile und zwei Trigone vorliegen: 

Mars in Steinbock und Neptun in den Fischen verbindet ein Sextil im I. Quadranten. Der IV. Quadrant zu Besuch im Quadranten des Egos; Mars-Neptun – die Durchsetzung in der Auflösung. Mars im Steinbock kann sich stur verrennen, sich in Konkurrenzkämpfen aufreiben und uneinsichtig sein. Neptun löst aus der Notwendigkeit, auf die Realität zu reagieren. Man kann erdulden, ohne zu handeln, verfügt gleichzeitig aber über eine Kommunikationsfähigkeit (Widder aus Haus 3) von verletzender Schärfe.

Herrscher von 3 in 1

Selbstdurchsetzung im aufweisenden Bezeichnen und mit den Mitteln der Darstellung. 

Sich mit Mahler anzulegen, war unter Umständen – besonders solchen, in denen er sich gekränkt fühlte – nicht angebracht. Eine Denkaggression ist bei aller Indirektheit, aber vor dem Hintergrund des unverstellten Krebsverhaltens vorhanden.

Ein zweites Sextil ist das zwischen Mond und Pluto, diese Thematik ist bereits mit Pluto im 4. Haus gegeben (und bestimmt das Erwirkte, die Finalität von Mahlers Leben). Der Mond-Pluto – angesprochen ebenfalls in der Lebensphase von Anfang 40 bis 48 – in der Krebs-Auslösung. In dieser Phase und gegen deren Ende fällt seine ältere Tochter dem Tod zum Opfer, betrügt ihn seine Frau mit einem jüngeren Mann und beendet er seine Wiener Zeit.

Da bricht eine alte übertragene Lebensverneinung wieder hervor, die er, vom Erfolg und der erfolgreichen Integration einerseits in die bürgerliche Welt als auch die Kunstszene gleichermaßen hochgetragen, hatte überdecken können. Mahler holt – zu spät – Hilfe, als er im Phänomensrhythmus bereits in den Löwen läuft und Merkur ihm die Umstände seines Lebens klarer ins Bewusstsein bringt. Zu spät ist leicht gesagt: Er ist im Fügungsrhythmus bereits im Alter von etwas über 34 Jahren am Saturn im Löwen gewesen. (1891 ging Mahler nach Hamburg, von dort nach London, zurück nach Hamburg. 1893/94 inszenierte er Puccinis „Manon Lescaut“ und Verdis „Falstaff“ – sein Genie wurde anerkannt. In Hamburg traf er aber auch auf Hans von Bülow – einen Dirigentenkonkurrenten. Von Bülow – für Mahler eine Vaterfigur – hielt von Mahlers Kompositionen gelinde gesagt nicht viel (KB, 112). Die Kränkung saß tief. Das Leben hält immer Themen bereit, an denen man lernt oder zugrunde geht – nur hat Mahlers Saturn, der in Figur des Bülow auf die Bühne trat, weder helfende noch störende Aspekte. Er steht allein. Erst als von Bülow starb, konnte Mahler seine zweite Sinfonie weiterschreiben. 

Der Vollständigkeit halber müsste auch noch auf das Halbsextil zwischen Pluto und Uranus eingegangen werden. Es verbindet die Prinzipien der Verdrängung (der Herkunft) und des Herausgehoben-Werdens aus der Folgerichtigkeit und den Abläufen von Leben. Auch Neptun-Jupiter und Neptun-Venus sind noch zu erwähnen, wie auch das unterstützende Trigon von Sonne zu Mond. Doch nehmen wir uns die 6. Sinfonie noch einmal vor oder auch das „Lied von der Erde“, um das Gesagte und Geschriebene zu vergessen und den Worten Kurt Blaukopfs zu folgen:

Ich bin im Begriff, den Leser mit diesen Einzelheiten zu ermüden. Das geschieht mit Absicht, denn ich möchte um Verständnis für die zuweilen triste Stimmung werben, in die ich während der Arbeit verfallen mußte. Es gab allzu wenige Fakten, die ich als vollkommen gesichert ansehen durfte…[KB, S.313]

Amerika gab ihm [Mahler], was er sich gewünscht hatte. Es scheint, daß europäische Mahler-Biographen diese für Europa schmerzhafte Tatsache noch heute nicht gern zur Kenntnis nehmen wollen. [KB, S. 314]

Oder den Schlussworten von Jens Malte Fischer:

Mahler hat seinen Tod trotz aller Krisen und Katastrophen, trotz aller körperlichen Gefährdung nicht kommen sehen oder gar herbeigesehnt. … Mahler hat den Tod nicht völlig aus seinem Gedankenkreis ausgeklammert. Ein quasi entspannter Umgang mit dem eigenen Sterben ist aber bei ihm nicht festzustellen. Im Prinzip hält er es mit Thomas Manns Devise aus „Dem Zauberberg“: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“ … Die Krise des Sommers 1907 hatte [allerdings] die Fundamente seiner persönlichen Weltsicherheit erschüttert …[JMF, S. 824]

DVD-Cover – Mahler auf der Couch, von Percy & Felix Adlon

Quellen:

  • Kurt Blaukopf, Gustav Mahler oder Der Zeitgenosse der Zukunft
  • Wilhelm Lange-Eichbaum & Wolfram Kurt, Genie, Irrsinn und Ruhm
  • Jens-Malte Fischer, Gustav Mahler – Der fremde Vertraute
  • Percy & Felix Adlon, Mahler auf der Couch (Film)
  • Wolfgang Döbereiner, Der Wandel des Lebens im Tierkreis
  • http://www.klassikakzente.de/news/klassik/article:120682/soundtrack-der-extreme
  • https://www.austria.info/de/aktivitaten/stadt-und-kultur/land-leute/beruhmte-personlichkeiten-spurensuche/gustav-mahler/was-die-wenigsten-wissen
  • Die Texte zu den Herrschern in den Häusern entstammen einem Skript zum Begriffssystem der Münchener Rhythmenlehre von 1982

 

Wird weiter bearbeitet und verfeinert… hier das etwas holprige Fragment.

Ob ich jemals das „Komponistenbuch“ schaffe?