Home » LESESTOFF » ASTROLOGIE » ASTROLOGISCHE FRAGMENTE III

ASTROLOGISCHE FRAGMENTE III

VANESSA

 

– eine Oper von Samuel Barber – eingängig, melodiös, dramatisch, klaustrophobisch

„Must I?
Has not each woman the right to wait
for her true love to come?
The first, the last, the only love?“

Erika, II. Akt

Zum Inhalt der Oper, d.h. zum Libretto und ihrem Komponisten weiter unten etwas. Es handelt sich um die Aufführung der um einen Akt auf drei Akte verkürzten Oper. Die 4-Akte umfassende Oper wurde am 15. Januar 1958, einem Mittwoch, in der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführt, die überarbeitete Fassung im Jahr 1964. Hier zunächst die Horoskope der geplanten Anfangszeit (wurde um drei-vier Minuten verzögert) und die „Endzeit“: am 15.9. um 19:30 Uhr MES sollte die Aufführung in der Frankfurter Oper beginnen, am 15.9. endete sie um 22:00 Uhr.

Die Sonne steht auf 23° Jungfrau auf einem Gruppenschicksalspunkt Sonne-Uranus, knapp über dem DC. Sonne-Uranus: eine mit dem Leben nicht zu vereinbarende Erfahrung meldet sich, will im Empfinden hochsteigen, sorgt für Unruhe. Der Herrscher des Aszendentenzeichens – Fische/Neptun – steht in 12. Da taucht auf Jungfrauen-Art das Prinzip in der Gestalt eines Jupiter in der Gegenwart und im Bewusstsein auf.   Die Sonne ist um 0.1° weitergerückt, steht jetzt unter dem Horizont im 5. Haus, im Erleben und als Erlebnis – Sonne-Uranus, das ist auch: die innere Unruhe; das Flackern der Nervösität wird nach außen nicht gezeigt. Es kommt zu Überlegenheitsgebaren. Der Aszendent ist in die Zwillinge gelaufen und Merkur steht bei Mars ebenfalls in Haus 5 und ebenfalls in der Jungfrau. Jetzt steht nicht mehr Neptun, sondern Uranus in 12 – der versunkene Ursprung. Und Saturn tritt ins Bewusstsein, in die Gegenwart.

Die Sonne hat ein Quadrat zu Saturn im Schützen (auf dem Gruppenschicksalspunkt von Pluto-Uranus), aber am MC steht Schütze – also ist es zuversichtlich, und im 5. Haus stehen Mond und Krebs: zwar in Spannungsaspekten (Quadrat) zu Uranus und Jupiter – aber immerhin: das Erwirkte, das – wenn das Horoskop einem Menschen entspräche  – im Schützen von einer Verkündung, einer Verheißung spricht.

An der Spitze Haus 5 steht auf Saturn-Mondknoten: nun, das lässt weder ein Happy-End noch eine seichte Komödie vermuten. Der Mond hat einen Auftrag im weitesten Sinne (es ist der der Mütter, seelische Überlagerung des Kindes durch die Mutter) infolgedessen auch die Abwehr des Mutterprinzips. Mond-Uranus sucht Schutz in der Unberührbarkeit und heiligt das Subjektive.

Es geht auch um ein Mutter-Tochterthema und darum, dass hier – in der Opposition Uranus-Jupiter, die Bestimmung des Lebens verloren gegangen ist.

Neptun hat eine Opposition zu Mars-Merkur in 6: Als Möglichkeit ist immerhin angelegt, dass die Spiegelung und der Vorgang, in der sich hier jemand/etwas befindet, gelöst werden kann. Neptun muss – deuten wir nach der „Aphrodite“- über den Wassermann (Uranus in Widder – auch noch mit Vaterschwäche bzw. dem verdrängten Ursprung) über den Pluto zum Saturn in 9 werden.  Wird er diese Prüfung schaffen? Saturn steht auf einem Pluto-Uranus-Punkt: Die Verheißung ist mit einer Hypothek versehen, und die muss getilgt werden.

 

Es geht um eine Erlebniswelt, die in ihrem Endzustand beschrieben wird. Merkur-Mars, Erscheinungsseite eines Saturn-Neptun – das ist die Versteinerung, der Lebenskonkurs und die Bewegungslosigkeit. Saturn auf Pluto-Uranus bestätigen uns das: da tritt das Bestimmende einer Verdrängung von Ursprung ins Bewusstsein.  

Merkur-Mars, der am Anfang noch in den Umständen des 6. Hauses stand und beschrieb, was der Hintergrund der Zuversicht ist, wird jetzt als Spiegel-Thema endgültig zum Lebensthema. Vorgang ohne eigenen Ursprung in der Darstellung – AC Zwilling. Aus dem II. Quadranten, den er zuvor angeführt hat, wird der bisherige Umstand zur Sache an und für sich.

Sonne im Quadrat zu Saturn, der Jupiter (den Hoffnungsbringer) aus dem Anfang ist in den Todbringer verwandelt; aus der Aufbruchstimmung wird  ein „Fiasko“: der MC im Wassermann, Uranus in 12. 

Die Sonne in 5 repräsentiert den Fall aus einer hohen Höhe, der Mond steht in 3 auf 27.1 Krebs auf der Bühne und auf Mars/Pluto und Saturn/Merkur.

Der AC steht ebenfalls auf Saturn/Merkur: Man ist die Erscheinung der Spiegelung anderer, und damit fremdbestimmt. Die Annahme der eigenen Bestimmung (Uranus zu Saturn) wird verweigert, stattdessen führt man Formen fremder Identitäten (Merkur-Venus) aus. Die Metamorphose als Phase, während der in der Isolation von der Außenwelt eine innere Entwicklung nachgeholt wird, kann zur Gestalt seines Prinzips und zum Erleben bringen. Das ist das Potential.

Die Verneinung der Annahme der Bestimmung führt zur Unterwerfung unter Regelungen einer Ausübung, so dass letztlich eine bestimmungslose, geschlechtslose Form entsteht.

Man kann für eine Schnelldeutung auch die Verbunddeutung heranziehen: Verbund Krebs-Löwe-Jungfrau vom 5. Haus ins 7 Haus laufend. Die Ausgangssituation im Seelischen, mit dem Mond-Jupiter das Hoffende, Erwartende. In der Durchführung die Venus, die Frau, beim Mondknoten im Löwen (= von kühler Distanz zur kreativer Selbstdarstellung), es geht um Liebe, um den Genuss, der intensiver wird. Im Endzeichen Jungfrau stehen unter dem Horizont Mars-Merkur in Konjunktion. Sie stehen noch im Seelischen, im Veränderlichen, und den Umständen zugestellt. Die Umstände zwar die der Souveränität (des Löwehaften) – und doch als Erscheinung eines Versteinerten und Leblos-/Freudlosen.

Die Sonne schließlich im 7. Haus, dem Begegnenden. Eine Begegnung ist möglich, eine Begegnung steht an. Diese – in der Jungfrau – wird wahrgenommen und zum Lebensausdruck bereitgestellt.

Die Planetenprinzipien innerhalb des Verbundes (Mond, Sonne, Merkur) werden ergänzt durch Jupiter aus dem MC in der Waage in 7. Eine (glückliche?) Fügung in der Begegnung.

Auch hier die Schnelldeutung nach der Verbunddeutung. Zwei Stunden später beginnt der II. Quadrant im 3. Haus (auf Mars-Saturn-GSP: Schwangerschaftsabbruch, Sterilität, Fehlgeburt, Blockierung der Impulse). Mond ebenfalls in 3: das wird dargestellt. Mond steht jetzt auf Merkur/Saturn/Pluto: alles schwingt mit – im Empfinden steigen Hilflosigkeit, Angst, Lebensverneinung auf.

Durchführung im Löwen, mit einer Venus – nach wie vor Venus-Mondknoten – im 4. Haus. War zuvor die die Liebe erwartende Frau in der Möglichkeit im Umstand der Veränderung begriffen, ist nun (eine andere?) liebe-erwartende, das Leben erwartende Frau verinnerlicht und wird die Voraussetzung dessen, was in Haus 5 Geschehen wird.

Im Endzeichen Jungfrau in 5 steht wiederum die Spiegelung in den Vorgängen anderer Selbstverständnisse, die die Sonne jungfrauhaft – gewissenhaft mit dem Schweren in 7 zum Erleben macht und ins Bewusstsein und in die Gegenwart wirft. D.h. Sonne-Saturn wirft nicht mehr, sondern schiebt schleppenden Schrittes.

 
Samuel Barber, 9.3.1910, West Chester, Uhrzeit nicht bestätigt  Die Uraufführung der Oper: 15.1.1958, New York, angenommener Aufführungsbeginn 20.00 Uhr (muss aber noch bestätigt werden).


„My poor child, love never bears

the image that we dream of;
when it seems to,
beware of the disguise!“

Baroness, II. Akt

Die Oper wurde 1958 unter einer Steinbock-Sonne uraufgeführt. Sonne weist ein Quadrat zu Jupiter auf: Es gibt Vorschusslorbeeren, die möglicherweise nicht ganz unproblematisch werden. Bei der allerersten Aufführung ist ein anderer Verbund zuständig, Fische-Wassermann-Steinbock, also ist der IV. Quadrant zuständig: es ist das Wirkliche, um das es hier geht. Venus (im 6. Haus) steht auch bei der Uraufführung im mittleren Zeichen des Verbundes – allerdings im Wassermann – in einer Opposition zu Uranus. Uranus (im 12. Haus) wiederum steht im Löwen, dem Stand der Venus von gestern (wenn auch nicht gradgenau). Venus-Uranus: die Auflösung von Konfigurationen, oder – die Möglichkeit, diese Auflösung durch Erkennen und Benennen endlich zu machen.

Im Uraufführungsradix steht Pluto im Zeichen der Jungfrau, in der heuer die Sonne steht. Diese Jungfrau ist der AC, mit dem Pluto auf 2.5° knapp im 12. Haus. Der Container bzw. das Modell kommt aus dem 3. Haus (Skorpion füllt es – und steht noch knapp an der Spitze des 4. Hauses (das müsste wirklich recherchiert werden!); die Information ist Jupiter-Neptun-haltig, was von Illusionen und schier unmöglich erfüllbaren Hoffnungen spricht. Bei bestehendem Jupiter-Neptun fallen Uranus-Saturn aus: diese werden als Lücke Erscheinung der Isolation und der Blockade. Der Mondknoten steht dabei und macht das Versunkene (im 12. Haus) schicksalhaft. Pluto hat ein Quadrat zu Mond, der im Schützen und im 4. Haus von einem „großen“ Empfinden, einer weltanschaulich-weiten Seelenlandschaft spricht, die aber einem anderen Leben zu unterwerfen ist.

Der Feind, Mars, in Begleitung von Saturn, lebt im eigenen Haus. Mars-Saturn haben wir als Mars-Merkur auch in der gestrigen Aufführung. Mars-Saturn als eine Komponente des Quartetts (Mars-Saturn, Mars-Merkur, Neptun-Merkur, Neptun-Saturn) weist auf das Engramm der Spiegelung in Vorgängen hin und beschreibt das Fehlen von Uranus-Venus, damit von Raum und Zeit des eigenen Daseins. Ob stier- oder die waagehafte Venus – hier ist in jedem Fall Lebensraum wie auch Zeit wie auch Gegenwart aufgehoben. Im Endzeichen steht in der 1958-Aufführung der Merkur im Steinbock. Das ist die Endkonsequenz: Ein Saturn-Merkur, der das Schott bildet. Das Warten ist ein Zustand, in dem die Gegenwart keinen Raum hat. Man ist die Erscheinung der Spiegelung anderer, und damit fremdbestimmt. In der Fremdbesetzung ist man gezwungen, gegen die Gewissheit seines Lebens zu leben. Dem Empfinden ist nicht mehr zu trauen, man kann es sich nicht leisten. 

Musik und die Geschichte lassen den Zuschauer erschrecken. Er erschrickt umso mehr, je mehr sein Inneres das Ausmaß seiner Fremdbestimmtheit ahnt und sich nun im Spiegel sieht. Es ist so eine Sache mit Spiegeln! Die Metapher „Spiegel“ taucht allenthalben auf, und auch die Glocken der Zeit, die das (letzte?) Stündlein schlagen. In Vanessa als Mythos schauen wir – inwieweit die Orchestrierung dies widerspiegelt, nicht an dieser Stelle – in das Gesicht unserer Zeit und auch in die Geschichte Samuel Barbers. Denn natürlich ist er in dieser Geschichte enthalten!

Erstarrung hat das Bühnenbild wiedergegeben: graue Wände auf der linken Seite der Bühne und „kriechendes“ Eis, das von links als Gletschereis sich nur scheinbar in den Raum hinein bewegt. Im Zentrum, aber in der hinteren Hälfte der Bühne, befindet sich eine Wendeltreppe, die nicht nur die drei Frauen, die hier im Zentrum des Geschehens stehen, hinaufgehen oder herunterkommen. Eine Treppe, die sich um einen leeren Raum dreht, wie alle Protagonisten dieser schwarzen Geschichte – sie sind leer, Hüllen. Vanessa – die mittlere der drei Frauen – scheint, indem sie sich an ihre Projektion vom damaligen Geliebten Anatol im jungen Anatol hält (und sie beide voneinander „profitieren“), in ein neues Leben zu gelangen. Ob dies so ist, entzieht sich dem Hörer, ist seinem Weiterdenken überlassen – denn er bleibt zurück mit Erika, die einsamer werden wird als ihre Tante es jemals war.

Einsamkeit ist die Aussicht, die einem Menschen entgegenkommt – nein – sie kommt nicht: sie steht da – wenn er in seinem Leben der Vorgang anderer ist und aus seiner ihm je eigenen Gegenwart keine vergänglichen und vergangenen Momente schafft, die er seine Vergangenheit nennen könnte.  

Die Werksbesprechung von Samuel Barber und die Orchestrierung der Oper „Vanessa“ möchte ich jedem ans Herz legen. Es geht vordergründig um Liebe. Hintergründig darum, dass die Abbrüche der Kommunikation (Großmutter, Baronin), der freiwillige Verzicht auf das eigene Leben und das Hinabsteigen ins innere Schweigen (Erika)  nicht nur mit der vergehenden Zeit nicht besser, sondern immer unausweichlicher werden.

„Outside this house the world has changed.
Time flies faster than before;
there is no time for idle gestures.
I cannot offer you eternal love
for we have learned today
such words are lies.“

Anatol, III. Akt

Die Handlung der Oper1

„I have always known I am a bad doctor
and now I know that I am a bad poet as well,
for I have never learned to read the human heart.“

Doctor, IV. Akt

1. Akt:

Die Bewohner eines Landhauses im amerikanischen Norden warten an einem Winterabend auf den angemeldeten Gast Anatol, der sich durch einen draußen tobenden Schneesturm verspätet hat. Es wurden Vorbereitungen für ein festliches Mahl getroffen, alle haben ihr Bestes gegeben: Erika, die junge Nichte der Herrin des Hauses Vanessa, die Bediensteten, die Köche, … Die Enttäuschung ist groß.  Die Baronin – die Mutter von Vanessa – spricht seit Jahren nicht mehr mit ihrer Tochter. Vanessa lebt in einem Dauerzustand des Wartens (in Erstarrung) und kann ihr Altern nicht akzeptieren. Die Zeit vergeht, und mit ihr die Zuversicht auf ein Leben immer mehr. Die Hausherrin hat die Spiegel im Haus verhängen lassen, sie lässt ihre Nichte emotional verhungern, und die Mutter hat sich bereits in sich zurückgezogen. Alle Hoffnung lag auf der Wiederkehr der verlorenen Liebe.

Schließlich – mitten in der Nacht – trifft der so sehnlichst Erwartete doch noch ein. Aber der Gast ist nicht, wie Vanessa geglaubt hat, der Mann, auf den sie all die Jahre gewartet hat, sondern ein anderer. Er gibt an, der Sohn von Anatol zu sein… Doch das glaubt Vanessa ihm nicht – sie will anderes hören, sie hat anderes all die Jahre erhofft – deshalb glaubt sie, seinen Worten entnehmen zu müssen, dass er sie nicht mehr liebt. Sie lässt ihn gekränkt stehen. Erika – ihre Nichte, die bei ihr und der alten Mutter aufgewachsen ist – bleibt mit dem jungen Mann allein zurück. Zwischen den beiden jungen Menschen kommt es zu einer gemeinsamen Nacht.

2. Akt:

Einen Monat später erzählt Erika ihrer Großmutter, dass sie sich in Anatol verliebt hat und „ihm zu Willen“ war, obwohl sie deutlich merkte, dass er sie nicht liebt, ja, dass sie meint, dass er überhaupt nicht zu Liebe fähig sei. Erika wartet ebenfalls auf eine Liebe – sie erwartet von der Liebe, dass diese beständig, fest und ewig während ist. Sie will nicht mit einem „Vielleicht“ abgespeist werden, und so ist sie im Zweifel, ob sie sich wirklich auf Anatol und seinen Heiratsantrag einlassen kann. Anatol kommt aus der äußeren Welt, einer Welt, die weder Vanessa noch Erika kennen, in der es schnell und unsicher zugeht. Beide Frauen verstehen nicht, dass sich während ihres Verharrens im Haus, in der Gegenwart, die im Außen lebt, einiges geändert hat. Die Großmutter erkennt als einzige, dass Anatol weniger schlecht als vielmehr ein Mann von Heute ist: „Er sieht, was sich ihm bietet – und er nimmt das Leichtere.“  

Vanessa und Anatol, der sich als Bonvivant entpuppt, versöhnen sich, sie scheinen sich sogar ineinander verliebt zu haben und zeigen offen ihre Beziehung zueinander. Vanessa ist glücklich und voller Zuversicht, was ihre Zukunft mit Anatol angeht. Sie gesteht Erika, dass sie Anatol liebt und möglichst noch vor Weihnachten heiraten wird. Auch lässt sie in ihrem Glück, das sie jedermann zeigt und vorführt, die Spiegel enthüllen. Leben kehrt ins Haus zurück. Die alte Baronin aber ahnt, was sich hier anbahnt und drängt ihre Enkelin, sich einzugestehen, dass sie Anatol doch liebt und auch mit ihm sein möchte. Doch Erika will das nicht und weist weiterhin den verlogenen Antrag des in ihren Augen oberflächlichen Anatol zurück.

Nicht vor Weihnachten kommt es zur Heirat, aber an Silvester soll bei einem dafür veranstalteten Ball mit Gästen die Verlobung Vanessas bekanntgegeben werden. Erika wie auch die alte Baronin sind nicht anwesend. Alles wartet auf sie, man versucht sie zu überreden, aber ohne Erfolg. Als Erika sich doch noch aufrafft und der Verkündung beiwohnen will, sich auch entsprechend angezogen hat, steht sie just in dem Moment vor der Tür, als man bereits dem „Verlobungspaar“ zutrinkt. Sie bricht zusammen, und geht, nachdem sie wieder zu Bewusstsein gekommen ist, hinaus in die Kälte. Sie weiß inzwischen, dass sie von Anatol schwanger ist – und will ihr Kind und sich selbst töten. Niemand bemerkt etwas von Erikas Verzweiflung, nur die Großmutter ahnt etwas.

3. Akt:

Erst nach Stunden und schon lange nach Ende des Festes wird Erika vermisst; man sucht die Gegend nach ihr ab. Vanessa ist aufgewühlt und macht sich schwere Vorwürfe. Vor allem aber geht es ihr um sich selbst. Erika – so wird jetzt offensichtlich – hat sie nie wirklich als einen eigenständigen Menschen gesehen. Anatol findet Erika schließlich in einer Schlucht und bringt sie heim. Er muss misstrauischen Fragen von Vanessa ausweichen. Diese ahnt etwas, und bohrt mit Fragen weiter und weiter. Er verspricht, Vanessa bald in ein neues, anderes Leben zu „entführen“. Der Mutter von Vanessa, ihrer Großmutter, erzählt Erika in ihrer Verzweiflung, was vorgefallen ist. Sie hat tatsächlich ihr Kind verloren und braucht den Beistand der alten Frau. Die Großmutter aber wendet sich von ihr ab und fällt in Schweigen. Daraufhin ist es Erika, die sich in sich selbst verkapselt.

Zwei Wochen später sind Anatol und Vanessa verheiratet und werden nach Paris abreisen. Vanessa verabschiedet sich von Erika, der sie das Landhaus geschenkt hat, kann aber trotz aller Bemühungen nichts von dem Geschehenen erfahren. Erika entscheidet, von nun an allein im Landhaus zu bleiben. Sie nimmt die Rolle von Vanessa ein, die so lange Jahre gewartet hat: sie und die Großmutter schweigen sich an, alle Spiegel werden wieder verhängt. 

„Love has a bitter core, Vanessa.
Do not taste too deep.
Do not search into the past.
He who hungers for the past will be fed on lies.
Let your love be new
as were we born today.
My love has only begun.“

Anatol, III. Akt 

1 – Quelle: http://www.zazzerino.info/Barber/Oper/032/index.shtml, vgl. auch die englische Version auf Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Vanessa_(opera)

Die Zitate stammen aus dem Libretto im Booklet zur CD mit der Aufnahme von 1958, mit dem Metropolitan Opera Orchester & Chorus, Dirigent: Dimitri Mitropoulos, Opera Series – RCA Victor Gold Seal