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ALS FRAU DOKTOR NOCH NICHT FRAU DOKTOR WAR

Von der Schwierigkeit zu schreiben

Auch wenn ich es tunlichst vermeiden will, kommt es beizeiten vor, daß ich in zu vielen Töpfen auf einmal rühre, und so überhaupt nichts Rechtes dabei herauskommen will.

So geschehen vor kurzem. Ich arbeitete an einem Artikel über Ungarisch für eine niederländische Studentenzeitung. Die Schwierigkeit oder  positiv ausgedrückt – die Herausforderung bestand darin, daß die Leser völlig ungarisch-unbedarft sein würden. Ich hatte jede Menge Einfälle, setzte mich auch unverzüglich hin – und schrieb mir die Seele aus dem Leib. So begeistert war ich vom Ergebnis, daß ich den Artikel gleich in einen Umschlag steckte und dem Redakteur nach Groningen schickte. Der Artikel war vom Tisch und ich hatte Platz und Zeit für ein weiteres Vorhaben.

Als nächstes wollte ich nun eine Kurzgeschichte schreiben. Ein Thema lag mir seit Wochen auf dem Herzen und suchte ein Ventil, aus dem es – das Thema – heraus und aufs Papier gelangen konnte. Es sollte um was „Nettes“, nichts Schwerverdauliches, ein bißchen dem Leben über die Schulter Gegucktes gehen. Die Geschichte schrieb sich schnell. In vier Stunden stand sie, bedurfte hier und da noch einiger Verbesserungen, danach hielt sie meinen selbstkritischen Augen stand. Wieder war mein Tisch frei, und ich suchte nach mehr.

Seit Monaten bastele ich so ganz nebenbei an meiner Doktorarbeit herum. Ich sammle Daten, lese und lese, bis mir der Stoff aus den Ohren wieder herauskommt. Jedoch dringt nichts so tief in mein Bewußtsein ein, um als wissenschaftlicher Stil aus mir wieder heraus zu fließen. Aber nun – nun war ich in Fahrt. Ich nahm meine Daten zur Hand, formulierte erste Zusammenhänge und – ja auch! – Ergebnisse, kehrte das Oberste zuunterst und wieder zurück. Ich brachte mindestens zehn Seiten zu Papier und lehnte mich vollauf glücklich zurück. Ich hatte den Eindruck, in kürzester Zeit sehr viel geschafft zu haben.

Das schreckliche Erwachen folgte in den nächsten Tagen, und ich habe mich noch nicht ganz davon erholt. Was geschehen ist?
Zunächst rief mich der Redakteur der Studentenzeitung an. Das, was ich da geschrieben hätte, sei ja ganz richtig und einwandfrei, aber sooooo habe er sich das nicht vorgestellt. Ich schriebe ohne Pep, eher schulaufsatzmäßig  und dann wieder wissenschaftlich-spröde. Ohne jegliche originelle Idee. Ob ich es denn noch einmal besser versuchen wolle, man könne den Artikel ja dann um eine Ausgabe verschieben.

Ich nahm – empfindlich, wie Schreibernaturen nun einmal sind – meinen Text und legte ihn sorgfältig in eine Schublade. Später vielleicht würde ich ihn bearbeiten, nicht jetzt.

Einige Tage später kam die Resonanz auf meine Kurzgeschichte. Sie war alles andere als positiv: eine banale Geschichte, ohne Spannungsbogen erzählt und mit inhaltlichen Ungenauigkeiten. Fazit: Ich solle Nachhilfe in Grammatik und in Dramaturgie nehmen. Ich fand meine Geschichte nach wie vor erzählenswert und beschaulich. Deshalb legte ich den Brief weg und widerstand unter großem Kraftaufwand dem Impuls, eine ironische Verteidigung zu schreiben. Ich verzichtete damit klugerweise auf eine kurzlebige Genugtuung, mit der ich mich zweifellos blamiert hätte, und versuchte stattdessen zu vergessen.

Ich muß wohl nicht besonders erwähnen, daß die zehn Seiten, die ich für die Diss geschrieben hatte, auch keinen großen Anklang fanden. Mein Doktorvater besah sie sich, las einmal diagonal und legte sie beiseite. Nein, nein, sagte er bedächtig, so geht das nicht. Der Stil ist nicht wissenschaftlich genug. Sie schreiben doch keine Kurzgeschichte und auch keinen journalistischen Artikel. Sie schreiben eine Dissertation. Spannung, Interjektionen, Füllpartikel haben da nichts zu suchen. Statt Argumentation Aufschreie. Eine pseudowissenschaftliche Arbeit sei das, sagte er noch, mehr nicht. Das saß.

Auf dem Nachhauseweg war ich kurzfristig am Ende meiner psychischen und motivationalen Kräfte und bereit, alles Schreiben für immer bleiben zu lassen. Meine Kurzgeschichten gerieten schlichtweg langweilig und sachlich, meine Dissertation entpuppte sich als spannend-journalistisch und dahingeplaudert, und mein Ausflug in den Journalismus wurde zu einer steifen Dokumentation von allgemein bekannten Fakten.

Vielleicht – positiv-ergebnisorientiert wie ich immer schon bin und war – könnte ich allerdings aus dem Unglück auch einen Gewinn ziehen. Vielleicht sollte ich die – in diesem Fall erheblich zu kürzende – Dissertation als Kurzgeschichte mit Problemdarstellung deklariert an den Herausgeber der Anthologie schicken? Die Kurzgeschichte könnte ich wiederum in einen Dissertationstext verwandeln, unter Herstellung eines Bezuges zu meinem Studienfach, versteht sich, und mit Methodendiskussion.

Wie Sie sehen, schreibe ich immer noch. Die Kurzgeschichte habe ich überarbeitet, der Artikel ist in der Schublade geblieben, weil ich dem Journalismus abgesagt habe, und die Dissertation ist drauf und dran so recht knochentrocken zu werden, wie es die Wissenschaft verlangt.

Nur ganz zufrieden bin ich nicht: denn ich wollte alles auf einmal und alles zusammen ein bißchen anders… Aber danach geht es nunmal nicht.