Home » LESESTOFF » GLOSSEN UND GESCHICHTCHEN » DIE BETRUNKENEN EICHHÖRNCHEN

DIE BETRUNKENEN EICHHÖRNCHEN

Die betrunkenen Eichhörnchen

Wir hatten nichts Schlimmes auszustehen: es gab genug zu essen, wir hatten ein Dach über dem Kopf und genug anzuziehen, gingen zur Schule. Einen Krieg hatten wir auch nicht zu erleiden, und unser Vater war anwesend und es gab Arbeit. Soviel Arbeit hatte er in seiner Bäckerei, dass er sich ihrer kaum erwehren konnte. Aber er hatte sich das so ausgesucht, und er war einigermaßen zufrieden.

Das Badezimmer war, als wir ins Haus einzogen, elendig vergammelt. Es gab zwar fließendes Wasser, aber nur kaltes. Die Wände in der Küche waren gekalkt, wir hätten, wenn wir gewollt und gemusst hätten, den Kalk aus den Wänden essen können. Im ganzen Haus gab es zwei Ölöfen, abgesehen vom Backofen. Die schafften es im Winter kaum, das Haus zu erwärmen. Das morgendliche Aufstehen an Schultagen um sechs Uhr tat zu dieser Jahreszeit ziemlich weh. Unterm Dach war das Haus noch gar nicht fertig ausgebaut, so dass wir Kinder auf dem Dachboden spielen konnten. Im Sommer, im Winter war es dazu zu kalt. Im Sommer waren allerdings die Härten der Winter vergessen.

Sommers wie Winters wurden Kuchenreste vom Vortag in zwei Eimern entsorgt. Schnecken, Amerikaner, Kopenhagener, Apfel- oder Pflaumenkuchenreste und –kanten wanderten dorthinein. Die Eimer standen in der hinteren Ecke vom Hof, neben dem Komposthaufen, und hinter der Tonne, in der alles anfallende Papier einmal in der Woche – meistens freitags – verbrannt wurde. Vom dritten Backstubenfenster aus konnte man sie am Schuppen vorbei stehen sehen. Sobald die Eimer voll waren, war es meine Aufgabe, sie über die Straße zu den Schweinen unseres Verpächters zu bringen. Die Schweinestalltür von Prigges stand immer offen, und ich goss den Segen unverkaufter Teigware in die Tröge. Auf dem Rückweg nahm ich frische Milch mit – natürlich nicht in denselben Eimern!

Besonders im Winter erfreuten sich die Eimer neben dem Komposthaufen großer Beliebtheit. Krähen, Elstern, Eichelhäher waren die fliegenden Kunden. Mäuse, Igel und Eichhörnchen die vierbeinigen. Krähen bevorzugten ganz offensichtlich Schnecken. Schnecken sind mit Nusspaste gefüllte, gedrehte runde Teilchen, die mit Puderzuckerglasur bestrichen sind. Krähen liebten das sehr Süße. Einmal sah ich eine mit einem kompletten Teilchen wegfliegen. Das heißt, sie versuchte es, musste jedoch vor dem Gewicht kapitulieren.

Manchmal wurden die Eimer, besonders, wenn sie noch nicht voll waren, nachts umgestoßen. Wie immer sie das angestellt haben mochten – die Igel hinterließen ihre Spuren, nachdem sie sich sattgegessen hatten. Es muss Spätsommer gewesen sein (vielleicht der fünfte oder sechste, den wir in der Bäckerei verlebten), denn Pflaumenkuchen aus frischen Pflaumen gab es nur von Anfang August bis Mitte September, kurz bevor die Schulferien zuende gingen, als sich unsere Eichhörnchen ihren ersten Rausch annaschten.

Bäcker stehen früh auf, lange bevor die Wecker normaler Menschen klingeln. Unser Vater tat das so gegen 4 Uhr morgens. Seine erste Tätigkeit bestand darin, die Kaffeemaschine anzuschalten. Dann warf er den Backofen an, dann die kleine Knetmaschine, in die er schon abends zuvor alles abgewogen hatte. Daran anschließend sein Gang nach draußen. Drei Fenster hatte die Backstube, und alle drei waren mit resedagrünen Fensterläden versehen, die nur von außen zu öffnen oder zu schließen waren. Jeden Morgen öffnete er sie und stellte die langen Stangen, die die Klappen geschlossen hielten, sorgfältig hinter die Schuhbank unterm ersten Fenster. Jetzt folgte ein Gang rund ums Haus und rund um den Schuppen.

Diese ersten zwanzig Minuten im Tag unseres Vaters waren sein Ritual und ihm heilig. Nie waren wir Zeuge, denn wir schliefen ja noch, aber so wird es wohl abgelaufen sein. Er kannte jeden Vogel, der vor Sonnenaufgang tollkühn sang, und dann wieder verstummte, jeden Igel, der tagsüber im Kompost vergraben lag und wohl auch jedes einzelne Eichhörnchen, das vom nahegelegenen Wald heruntergesprungen kam, um Reste zu stiebitzen. Hätte es Kopenhagener- oder Amerikanerbäume gegeben, unser Vater wäre Zeuge gewesen, wie sie dorthin gelangt waren, nämlich mitten zwischen die Fichten und Kiefern, die der sandige Boden der ehemaligen Kiesgrube hinter der Anhöhe unseres Hofes zuließ.

Er konnte auch sagen, wann die Mauersegler ankamen. Entweder am 29. April oder am 1. Mai. Jeweils morgens um 5 Uhr waren sie da und stürzten sich kreisend und kreischend auf ihre vorjährigen Nistplätze in den Mauerritzen. In der ersten Septemberwoche flogen sie nach vollbrachtem Sommer wieder ab. Die Maulwurfshügel auf den beiden Rasenflächen links und rechts von unserem Haus waren mehr Ärgernis für unsere Mutter als für unseren Vater. (Für mich allerdings auch, denn ich musste meistens den Rasen mähen und das war mühsam bei den vielen Erdwällen.) Sein Beitrag war, ihre Ab- oder Zunahme zu registrieren. Bisweilen dehnte er bei großer Zunahme seinen morgendlichen Gang um 10 Minuten aus und verbrachte sie vor den Hügeln. Wohin er die Maulwürfe dann brachte, hat er uns nie erzählt. Wohl aber, dass Maulwürfe ein zartes, samtenes Fell haben.

Kurz nachdem das Badezimmer rundum erneuert und der Dachboden ausgebaut worden waren und ich ein eigenes Zimmer bekommen hatte (im Winter nach wie vor mit Eisblumen am Fenster), nahm ich meinen offiziellen Dienst in der Backstube auf. Mein Lieblingsplatz war der, von dem aus ich am Schuppen (der übrigens ein Jahr später abgerissen wurde) vorbei, über den Komposthaufen hinweg, und durch den lichten kleinen Wald hindurch sehr weit aufs Feld hinaus blicken konnte. Bevor es dazu kam, blieb mein Blick meistens links an einem einzelnen Baum hängen. Keine Eiche, dafür war er zu schlank. Aus seinem unteren dicken Stamm gabelten sich zwei Stämme, die sich nach oben verzweigten. Er nahm jegliche Gestalt an, die ich ihm verlieh. Ich erkletterte ihn am Fenster stehend bis in die Krone und blickte auf die Welt hinunter und rief ihr zu, dass ich es geschafft hatte!

„Schlaf nicht ein bei der Arbeit!“ brachte mich mein Vater auf den Boden der Tatsachen zurück. Rumkugeln rollen oder Streußel durchs Sieb drücken. Der Schuppen wurde vor meinen Augen zu einem Pferdestall, in dem mein Lieblingspferd, das mit der weißen Blesse auf der Stirn, stand. Während ich arbeitete, schaute es zur Tür heraus und nickte mir zu. Bald würden wir wieder über die Felder fliegen.

„Da ist noch Dreck. Noch einmal.“ Alles noch einmal abwaschen? Die kontrollierenden Augen fanden die Reste in jeder Ritze von Spritztüten, Tüllen, Blechen oder Sieben. Alles noch einmal.

Bachstelzen badeten auf der Anfahrt vor den Backstubenfenstern in Sandpfützen: plusterten sich auf, wippten mit ihren Schwanzfedern, rieben ihre Bäuche am Sand. Im Abendlicht kamen meistens die Eichhörnchen. Es waren drei (vielleicht immer andere drei, aber das wusste nur mein Vater), und sie kamen aus unterschiedlichen Richtungen. Sie huschten über den Hof, hielten inne, verschwanden hinterm Schuppen, tauchten am Komposthaufen wieder auf, hielten inne. Die bepinselten Ohren hochgestellt, auf Hinterpfoten, den buschigen Schwanz dicht an den Rücken geschmiegt. Amerikaner sind Gebäckstücke, deren Oberfläche halb mit Schokolade, halb mit Puderzuckerglasur bestrichen ist. Kopenhagener sind mit Apfelstücken gefüllte Plunderdreiecke. Beides nahmen die Eichhörnchen in ihre kleinen Vorderpfoten, drehten sie behende hin und her, als würden sie sie begutachten. Dann warfen sie sie aus dem Eimer nach unten, sprangen hinterdrein und saßen zu dritt und speisten. Bei der kleinsten Bewegung hinter dem Backstubenfenster, von dem aus ich sie beobachtete, ließen sie alles fallen und stoben auseinander. Jedes in seine Richtung.

An jenem Morgen Mitte September aber stoben sie nicht davon und unser Vater ertappte sie. Sie lagen mit den Bäuchen nach oben rund um den Eimer. Ein Igel musste ihn umgestoßen haben. Reste vom Pflaumenkuchen vom Wochenende waren darin, und Schwärme von Obst- und größeren, diesen glänzenden, Fliegen. Für Wespen war die Tageszeit noch zu früh. Die Igel und Eichhörnchen hatten ordentlich in den Resten gewütet. Rundherum lagen die Kuchenreste; Amerikaner, Butterkuchen und Käsekuchen waren dabei. Die Luft schwanger vom Alkohol.

Die verschmierten kleinen Mäuler verrieten sie als Beteiligte am nächtlichen Gemetzel, und Krümel, rote Gelantine und Saft vom Pflaumenkuchen auf dem rotbraunen Fell. Sie hielten die Vorderpfoten nach oben gestreckt und zuckten im Rausch. Die Hinterpfoten waren lang ausgestreckt. In diesem Zustand hatten sie keine Chance, den herannahenden Schritten zu entfliehen. Als sie die herannahende Menschengefahr bemerkten, schafften sie es wohl immerhin, sich aufzurichten, schaukelten, torkelten, blickten wirr und – sackten zusammen. Eins erkannte das andere nicht, und erschrak vor ihm. Das dritte versuchte, sich an einer Schnecke festzuhalten und rollte mit ihr davon, kippte um und landete in der wässrig gewordenen klebrigen Glasur. Das erste wiederum versuchte nun, über den Abhang zu fliehen, schaffte es zwei wacklige Sprünge hoch und rutschte auf dem Bauch in seine Ausgangslage zurück. Das machte es wieder und wieder.

„So lustig“, sagte unser Vater Jahre später, als die Bäckerei längst verkauft, wir Kinder aus dem Haus und er und unsere Mutter in ihren Alterswohnsitz gezogen waren, „war das gar nicht.“

Von dem Tag an hat es keine Eimer mehr gegeben. Unser Vater stellte auch seinen morgendlichen Gang um, zumindest verkürzte er ihn radikal. Wir haben es nicht sofort bemerkt, denn wir schliefen ja schließlich noch, wenn er morgens aufstand. Die frühen Morgenstunden gehörten ihm allein, das war immer so und blieb so. Er verhinderte auch so gut wie möglich – nur manchmal erzählte er von morgendlichen Begebenheiten – dass wir einen Blick hineinwarfen. Er wiederum hatte einen Blick in etwas hineingeworfen, dessen Mitauslöser er gewesen war – und das hatte ihn getroffen.