5 VOR 5

5 vor 5

„Nimm zum Beispiel eine Zitrone“, sagte der Mann. Am Eingang stand ein eimergroßes Einmachglas mit in Alkohol eingelegten Zitronen und Limetten. Sein Blick wies in diese Richtung und ihrer folgte ihm.
„Warum ausgerechnet Zitronen?“
„Weil das Glas gerade dasteht. Du kannst auch Knoblauch in Essig nehmen.“
„Das Ergebnis ist ein anderes“, empörte sich die Frau. Er grinste.
„Klar, eingelegter Knoblauch schmeckt nach sieben Jahren hervorragend. Man könnte sich die Finger danach lecken. Zitronen in Alkohol – ich weiß nicht!“
„Ernsthaft jetzt“, sagte die Frau gereizt.
„Ich bin ganz ernst!“ Er runzelte die Stirn. „Ich meinte das mit den Zitronen sehr wohl ernst – vielleicht sind sie ja auch in Salzlake eingelegt, dann kann man sie sogar noch essen. Schmecken wunderbar aromatisch, das Bittere ist weg.“
„Ich bin nicht verbittert“, trotzte sie prompt und stellte ihr Weinglas so heftig ab, dass der brombeerrote Wein darin schwappte.
„Und ich bin kein Psychologe. Was zum Teufel ist dein Problem?“…

Bevor ich weiterlesen konnte, kam die erneute Durchsage, Flug LH 911 nach Frankfurt sei nun zum Boarding bereit. Die Passagiere wurden freundlich aufgefordert, sich zu Gate 5 zu begeben. Unbenommen: der Anfang war gut, machte neugierig.
Zum dritten Mal sammelte sich unser kleiner Trupp in der Wartehalle, dann gingen wir alle – langsamer als zuvor – in die uns von den Anzeigen gewiesene Richtung. Wir gingen in exakt derselben Reihenfolge. Vorneweg tippelte das kleine thailändische Mädchen in der schwarzen Hose und der gelben Bluse, das bis eben telefoniert und mit ihrem Partner am anderen Ende heftig geflirtet hatte. So heftig, dass sie gar nicht merkte, wie sie sich dabei durch die Haare strich und ihren Oberschenkel streichelte. Hinter ihr der silberhaarige Herr, der die Augen aus wahrscheinlich genau diesem Grund nicht von ihr lassen konnte. Auch dieses Mal kratzte er sich an der Nase, während sie ihr Handy zuklappte und ihre Bordkarte aus dem Handtäschchen nestelte.

Ich ging vier Männer hinter ihm, denn auch dieses Mal hatten die mich ohne den Hauch eines Gewissens zur Seite gedrängt. Sollten sie. Als ob es darum ginge, als erster im Flieger zu sitzen und den anderen beim Verstauen des Handgepäcks zuzusehen. Hinter mir kamen alle anderen, ich hätte auch sie passieren lassen können, wäre der Gang breiter gewesen, aber er wurde im Gegenteil immer schmaler und ließ nicht zu, dass ich sie vorbei ließ.

Erst führte der Gang nach rechts, dann wieder nach links, dann gingen wir einen langen hallenden Steinkorridor entlang geradeaus. Wir durchquerten einen Glaskorridor, von dem aus man die Maschinen auf dem Feld unten sehen konnte, dann wieder eine Röhre, die kein Tageslicht erreichte. Die Männer vor mir spielten das gestrige Fussballspiel zum dritten Mal mit ihren Kommentaren dazu. Hinter mir schnaufte die alte Frau, weil sie dick war und kurze Beine hatte. Sie zog einen sichtbar überpackten Trolley hinter sich her. Dass manche Leute sich doch immer überluden, und dann die Hilfe ihrer Mitmenschen erheischten. Gleich würde ich ihr wieder aufs Laufband helfen müssen!

Das Laufband schraubte unsere Gruppe etwa 5 Minuten lang durch einen Tunnel mit Glasdach vom Gebäude weg. Die Räder des Trolley ratterten, die Flipflops eines Mädchens weiter hinten knallten und der silberhaarige Herr von vorne rülpste. Er traf auf meinen Blick, als er sich erschrocken umschaute. Die meisten von uns trugen ihre Papiere vor sich an die Brust gepresst, nach zwei Durchläufen waren wir alle nicht mehr so locker wie am Anfang. Hinter mich blickend bemerkte ich, dass sich der Mann im Rücken der dicken Frau Notizen machte. Er stand breitbeinig, hielt den Aktenkoffer umständlich mit dem linken Arm waagerecht, kritzelte in einen kleinen Block. Ich wusste, was er schrieb: 16:55 – wir sind auf dem Laufband.

Um 16.35 waren wir losgegangen, um 17:15 sollte das Flugzeug starten. Wir erreichten das Plakat mit dem charismatischen Schauspieler, das für sündhaft teure Uhren warb. Sein Name war mir entfallen, er war mir auch die letzten Male nicht eingefallen. Und genau jetzt geschah es! Hinter dem Leuchtkasten, der das Werbeplakat beherbergte, links um die Ecke – betraten wir die Wartehalle. Das thailändische Mädchen flirtete ins Telefon und der silberhaarige Mann sah ihr dabei unanständig zu. Aus dem Lautsprecher kamen Durchsagen. Es war 16:33 Uhr.

„Nimm zum Beispiel eine Zitrone“, sagte der Mann. In einem eimergroßen, am Eingang des Pubs stehenden Einmachglas sah man in Alkohol eingelegte Zitronen und Limetten. Sein Blick wies in diese Richtung und ihrer folgte ihm.
„Warum ausgerechnet Zitronen?“
„Das Glas da vorne hat mich auf die Idee gebracht. Du kannst auch Knoblauch in Essig als Beispiel nehmen.“
„Knoblauch in Essig? Wie kommst du auf sowas?“
„Macht man in der Türkei. Das hast du nicht gewusst, was?“
„Ach, du ärgerst mich schon wieder. Ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt. Was haben Zitronen überhaupt mit Knoblauch zu tun?“ Die Frau schob ihrer beider Teller auf dem Tisch herum als wären es Schachfiguren, die sie dringend in Stellung bringen musste.
„Herrgott!“ Er runzelte die Stirn. „Es ist ein Vergleich, eine Metapher. Du hast mich etwas gefragt, und ich habe versucht, dir zu antworten. Warum bist du so verbiestert?“
„Ich bin nicht verbiestert“, trotzte sie und nahm ihr Weinglas so heftig auf, dass der brombeerrote Wein darin schwappte.
„Wir können offensichtlich nicht miteinander reden, ohne dass du dich angegriffen fühlst. Selbst jetzt, wo wir …“

Die Lautsprecher räusperten sich und die Durchsage, dass Flug LH 911 nach Frankfurt bereit stünde, blies über unsere  Köpfe. Ich steckte das Manuskript ein – ein vielversprechendes Manuskript, zweifellos. Eine Erzählung mit einem solchen Dialog zu beginnen, sprach von Mut. Wenn der Autor – oder war es eine Autorin? –  nicht hielt, was er da andeutete, würden ihn die Leser – also auch ich – zu Recht niedermachen. Die kleine Thailänderin nahm ihren Finger aus dem Mund und wischte ihn an ihrer gelben Bluse ab. Der Silbergraue, der mir gegenüber gesessen hatte, erhob sich und rang um Fassung. Es gelang ihm nur mäßig. Ich erhob mich ebenfalls und schloss mich ihnen an. Kaum hatten wir uns formiert, rempelte mich von hinten jemand an. Vier junge Männer in T-Shirts in Weiß-Rot quetschten ihre Trophäen und sich an mir vorbei, drei von ihnen lautstark den Torwart der Gegenmannschaft verfluchend, der mindestens zwei reelle Torchancen der Königsblauen vereitelt hatte. Keiner von ihnen hatte auch nur einen Blick für mich, und ich wusste nicht, ob ich froh oder beleidigt sein sollte. Nachdem sie sich vorgedrängt hatten, holte hinter mir eine ältere Frau mit Trolley auf. Kurzatmig zog sie ihn hinter sich her wie man einen unwilligen Hund zieht, und so hörte er sich an. Sie hatte sich hoffnungslos übernommen. Der Trolley würde sie einholen und sie unter sich begraben.

Erst führte der Gang nach rechts, dann wieder nach links, dann gingen wir lange Zeit geradeaus. Wir passierten einen Glaskorridor, von dem aus man die Maschinen auf dem Feld unten sehen konnte, dann wieder eine Röhre, die kein Tageslicht erreichte.

Man sollte nicht nach vorne laufen und nach hinten schauen: Wir hatten den Anfang des Laufbands erreicht, und ich wäre beinahe in den letzten der jungen Männer gerannt. Er hatte seine Ohren verstöpselt und bewegte sich wie hypnotisiert, seiner Musik ausgeliefert. Ich entschuldigte mich nicht, denn es war nichts passiert, und seine drei Freunde, oder was immer sie waren, feixten, weil er von alledem nichts mitbekam.

Der nur mäßig rasierte Star auf dem Werbeplakat, an dem wir gegen Ende des Laufbandes vorbeikamen, lächelte, seine eisblauen Augen wussten etwas, das mir entgangen war. Planet Water hieß die Uhr, die er bewarb. Sie zeigte 10 Minuten nach 10. Meine Uhr zeigte 5 vor 5. Dem Mann hinter der Dicken fiel der Aktenkoffer herunter, als er versuchte, etwas zu notieren. „Ich hab sie mir gemerkt!“, rief ich ihm zu; ob er es hörte, konnte ich nicht nachprüfen, denn da saßen wir schon wieder auf unseren Plätzen. Die Wartehalle summte vom Gemurmel der Wartenden und von Durchsagen, das Mädchen telefonierte.

„Hör zu“, sagte der Mann. Sein Blick ging vom Tisch an ihr vorbei zum Eingang des Pubs, in dem ihr Abschied begann, und blieb an einem großen Glas, einem überdimensionalen Einmachglas, hängen. Sie hatte es bereits beim Hereinkommen gesehen: es enthielt Zitronen und Limetten, eingelegt in entweder Alkohol oder Salzlake.
„Ich höre“, entgegnete sie und nahm einen Schluck Wein. Über den Rand des Glases betrachtete sie sein Profil. Adlernase, scharfe, abfallende Linien rechts und links vom Mund, attraktiv in seiner Grausamkeit.
„Ich kann nichts dafür, dass du mit dem Älterwerden Probleme hast…“, er unterbrach sich, hob die Schultern und senkte sie wieder. Eine seiner typischen Gesten. Nein, er konnte nie für etwas etwas! Sie lehnte sich vor, stellte ihr Glas ab, etwas heftiger als es ihm gut tat.
„Ich glaube nicht, dass ich mit dem Älterwerden Probleme habe. Das habe ich lange genug hin und her durchgespielt. Es sind wir beide, die steckengeblieben sind.“
„Ist schon gut, dass du fliegst. Mit Abstand wirst du auch wieder zu dir kommen…“

Die Lautsprecher kündigten Flug LH 911 nach Frankfurt zum Boarding bereit an. Vorsichtshalber sah ich auf die große Tafel mir gegenüber, um mich zu vergewissern, dass ich richtig gehört hatte. Es stimmte – Gate 5. In Heathrow gab es diesen Extra-Service, der den Fluggästen anzeigte, wie lange sie bis zu ihrem Gate zu laufen hatten. 20 Minuten waren es. Ich steckte das Manuskript ein – klang sehr gut. Das Exposé, das ich zuvor überflogen hatte, hatte vom Ende einer Beziehung gesprochen. Da war ich entsetzt gewesen: schon wieder eine dieser Beziehungsschinken. Auf so was wartete niemand mehr. Aber nun gut, der Anfang war recht flott, kam gleich zur Sache. Die nächsten Seiten würden zeigen, ob der Autor das auszubauen fähig gewesen war.

Die zierliche Thailänderin saß unter der Anzeigentafel. Über der Oberlippe auf der rechten Seite ihres Mundes die Andeutung eines Leberflecks, und erst jetzt sah ich, dass ihr Gesicht unsymmetrisch war. Ein interessantes Gesicht, zweifellos, wenn sie doch nur mal den Mund halten würde. Sie redete in einem fort und ihre Hände waren ständig in Bewegung. Quer zur Stuhlreihe unter der Anzeigentafel verlief eine weitere Stuhlreihe. Der silbergrauhaarige Mann, in der Mitte dieser Reihe sitzend, hatte sich mit den Ellenbogen auf den Knien vornüber abgestützt und starrte wie ein Idiot in den Ausschnitt der gelben Bluse. Manche Männer waren so was von primitiv, erst recht in diesem Alter! Wir erhoben uns, unabhängig voneinander, aber doch alle zur gleichen Zeit, die Kleine schüttelte ihre langen Haare über die Schulter, klemmte das Mobile zwischen Ohr und Schulter und stöckelte los. Er zog seine Hose am Hosenbund hoch, nestelte am Gürtel. Für einen Moment waren seine Socken zu sehen. Der Griff nach seiner Tasche war der eines Reiseprofis.

Ich hatte nur eine Tasche zu schultern, was schnell getan war, und schloss mich den beiden an, mich vergewissernd, dass ich auf meinem Platz nichts zurückgelassen hatte. Beinahe wäre ich über einen Rucksack gestolpert, der von einem höheren Stapel weiterer Rucksäcke heruntergefallen war; ich schob ihn mit dem Fuß aus dem Weg. Dabei traf mich ein Blick aus zusammengekniffenen Augen, die das Eisblau gerade noch ahnen ließen. „Entschuldigung“, murmelte ich. Die Augen wurden weit und entspannt. Sie gehörten zu einem Männergesicht, saßen unter einem Büschel brauner Haare,  dessen größter Teil von einer Fußballkappe verdeckt war. Er schnappte sich den Rucksack, und während ich noch zögerte, zogen er und seine drei Kumpel, sich die Rucksäcke zuwerfend, an mir vorbei. „Unmöglich, diese Jugend“, sagte eine Frau hinter mir, und wartete, dass ich weiterginge, schnaufte sogar im Stehen. Ein Blick auf sie brachte heraus, dass sie klein, aber dafür breit war. Die beringten Finger ihrer rechten Hand umklammerten den Griff eines Trolleys, der sich bedrohlich beulte und dessen Reißverschluss an einer Stelle zu platzen drohte. Wie war sie denn damit durch die Kontrolle gekommen?! Meine Schrecksekunde war vorüber und ich holte die Gruppe ein. Zwischen den Sitzreihen auf den Gang getreten, formierten wir uns zu einem Trupp und machten uns in Richtung Gate 5 auf.

Erst führte ein breiter Gang nach rechts, dann wieder nach links, dann gingen wir in einem nach vorne eng zulaufenden  Korridor geradeaus. Wir gingen durch einen Glaskorridor, von dem aus man die Maschinen auf dem Flugfeld unten sehen konnte, durchquerten eine neonbeleuchtete Röhre. Kurz vorm Laufband tippte ich den jungen Mann vor mir an, er nahm seine Stöpsel aus dem Ohr und hob fragend die Schultern. Ich wies hinter mich und auf die Dicke. Dreimal hatte ich mich jetzt mit dem Trolley abgequält, fast jedesmal wäre er mir fast umgekippt, als ich versuchte, ihn aufs Laufband zu hieven. Er tauschte seinen Platz mit mir und schnappte sich den Griff des Ungetüms. In meinem Rücken hörte ich, wie die Dicke die Luft einzog und ansetzte zu schimpfen, aber dann doch innehielt und still blieb. Die drei Jungen vor mir merkten nichts und lamentierten weiter über das verlorene Spiel, zu dem sie angereist waren und von dem sie für ihre Mannschaft mehr erhofft hatten. Große Kinder auf großer Fahrt. Das Band surrte und ruckelte. Für einen Moment hatte es den Anschein, als würde es stehen bleiben, aber dann zog es wieder an, so stark, dass der junge Mann in meinen Rücken rutschte, weil die Dicke auf ihn gefallen war, weil der ältere Herr hinter ihr nicht Acht gegeben und sein Aktenkoffer sie angestoßen hatte. Sein Notizbuch raschelte herunter, dann sein Aktenkoffer, als er versuchte, es aufzuheben. „Entschuldigung“, sagte der Junge eisblau und rückte seine Kappe nach oben in die Stirn. Wir kamen an der Planet Water an. Die Uhr zeigte 10 nach zehn. In zwanzig Minuten würden wir in der Luft sein – oder auch nicht. Den Blick auf meine Uhr konnte ich mir sparen,  denn der Mann hinter uns rief für alle hörbar: 16:55! Der Mund auf dem Plakat formte stumme Worte; ohne zu lächeln zeigte er weiße, ebenmäßige Zähne. Jetzt fiel es mir wieder ein: das war Janos!

„Wir hatten eine schöne Zeit“, sagte der Mann und holte seinen Blick wieder heran. Ein überdimensioniertes Einmachglas voller Zitronen und Limetten hatte erst sein Interesse geweckt, war aber dann in seiner Unbeweglichkeit und Konserviertheit langweilig geworden.
„Ja, das hatten wir.“ Sie sagte es ohne Bitterkeit, aber mit einer solchen Bestimmtheit, dass sie danach eigentlich hätten aufstehen und das Pub verlassen müssen. Sie blieben sitzen, die Hände auf dem Tisch, jeder die seinen vor sich. Früher hatten sie sich über den Tisch hinweg die Hände gehalten. Sie hatten nicht genug davon bekommen, sich in die Augen zu sehen. Die Welt gab es nicht. Seine Hände waren alt und dicker als früher, sie hatten zuviel gegriffen und festgehalten. Sie widerstand dem Impuls, sie zu nehmen und zu lösen. Es stand ihr nicht mehr zu. Die Entscheidung war gefallen. Ihre Hände ergriffen stattdessen das Weinglas, das einen brombeerroten Rest enthielt. Sie hielt es fest, eine Hand am Glas, eine am Stiel und trank. Über den Rand sah sie in seine Augen, in helle, aber nicht kalte Augen. Das Leben hatte Falten darum herum gemalt.
„Es ist nicht deine Schuld.“ Sie hatte ausgetrunken und stellte das Glas ganz sachte, fast zärtlich ab. Von draußen waren Lautsprecherdurchsagen zu hören. Flug LH 911 nach Frankfurt, zum Boarding bereit. „Ich muss zu Gate 5“, stellte sie fest. „Ja, das ist dein Flug. 10 Uhr 10.“

Die Lautsprecher kündigten Flug LH 911 nach Frankfurt zum Boarding bereit an. Ich sah vom Manuskript auf, um mich zu vergewissern, dass es tatsächlich mein Flug war. Das Mädchen, das aussah wie eine Thailänderin und mir gegenübersaß, blickte und nickte in meine Richtung, als wolle es meine Frage beantworten. Während ich die Seiten in meiner wie immer viel zu vollen Handtasche zu verstauen versuchte, telefonierte sie weiter, wie sie es getan hatte, seitdem wir hier angekommen waren. Sie trug eine schwarze Hose und eine raffiniert ausgeschnittene zitronengelbe Bluse, die junge, schöne Brüste gerade soweit freigab, dass man den Rest ahnen konnte. Sie bewegte sich geschickt, so dass in keinem Moment mehr als gewollt zu sehen war. Sie wusste genau, was sie tat, und sie wusste, dass der ältere Mann, der aussah wie man sich einen Gentleman vorstellt, nur darauf wartete, dass sie vergaß, wie sie sich zu bewegen hatte. Als sie aufstand, stand auch er auf, griff nach ihrer Tasche und hielt sie ihr hin. Sie nahm sie, bedankte sich kühl, warf die Haare über die Schulter und ließ ihn stehen. Inzwischen war es mir gelungen das Manuskript zwischen Ticket und Schminktäschchen unterzubringen. Das war natürlich nicht gerade professionell. Da gehörte es nun wirklich nicht hin. Ich sollte ein Manuskript ordentlich behandeln, was ich hier tat, kam einer Beleidigung gleich. Ich stolperte hinter dem Mädchen und ihrem silbergrauen Verehrer her und geradewegs in einen jungen Mann hinein. „Tut mir leid, tut mir so leid!“ Das sagte er, nicht ich. Denn als er mich hatte auffangen wollen, hatte er daneben gegriffen, mir den Ellenbogen in die Seite gerammt und auf den Fuß getreten. Während er das sagte, nahm er die Stöpsel seines Walkman aus den Ohren, ließ sie über sein T-Shirt baumeln, was lustig aussah. Wir lachten. Ja, so hat es angefangen. Jetzt erinnere ich mich wieder! Seine drei Freunde griffen mit großem Gejohle zu ihren Rucksäcken und zogen Richtung Gate 5. Er ließ mir den Vortritt und half der dicken Frau, die neben mir gesessen hatte, ihren Trolley in Bewegung zu setzen. Es war mir unbegreiflich, wie sie mit dieser Leibesfülle im Flugzeug auf einem engen Platz sitzen wollte. Und dann hatte sie auch noch ein derart unanständig voll gepacktes Handauto. Eisblaue Augen trafen meine, über ihren Kopf hinweg. Nie vorher und nie später habe ich solche Augen gesehen.

Aus der brummenden Wartehalle führte ein breiter Gang nach rechts, auf dem uns Gruppen von Fluggästen entgegenkamen. Ich achtete darauf, den Anschluss zur Spitze unseres kleinen Trupps nicht zu verlieren. Vorne lief die gelbe Bluse, dahinter der graue Anzug. Alles noch da. Dann bogen wir links in einen enger werdenden Gang ein, jetzt kamen uns keine anderen Menschen mehr entgegen, wir liefen in eine Richtung. Immer geradeaus. Wir durchquerten einen Glaskorridor, von dem aus man die Maschinen unten auf dem Flugfeld sehen konnte, liefen dann durch eine neonbeleuchtete Röhre, in der unsere Schritte hallten und unsere Schatten an der Decke mithuschten. Der Trolley rappelte und die Dicke schnaufte. Ich konnte seinen Atem in meinem Nacken spüren. Aus den herunterbaumelnden Ohrhörern kam Musik. Er hatte vergessen, sie auszustellen. Von vorne das Stakkato der thailändischen Stöckelschuhe, von hinten ein Knatschen von Flipflops, dazwischen Hüsteln, Rülpsen, Schnaufen und das Knirschen von Herrenschuhen und Ledertaschen. Der Tross näherte sich dem Laufband. Es trug uns gerade so weit nach vorne, dass alle auf ihm zu stehen kamen, dann ruckelte es, und dann hielt es an. Planet Water. Janos, eisblaue Augen, zwei senkrechte Linien, eine rechts, eine links neben dem Mund, eine Hakennase im Profil, Hände, die, als sie jung waren, die meinen nahmen und sie festhielten, Janos. Ein Mund, der schöne Dinge sagt, und über allem der Duft von Zitronen. Wie habe ich Zitronen geliebt! 10 Uhr 10, 16:35, 16:55. Rotwein, Rotwein brombeerrot, und Knoblauch, nach dem man sich die Finger leckt. Janos. Wie viele Jahre? Ach, Janos.

Jetzt ist es gut. Jetzt habe ich die richtige Erinnerung, alles passt zusammen. Jetzt kann ich gehen.

 

aus: Azraels Erzählungen, 2014